Zum Monatsspruch Juli 2026

Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.
Amos 5,24 (L)
Dies ist ein wahrhaft poetischer Spruch. Das Recht solle strömen und nicht verdreht werden. Es sei wie ein nie versiegender Bach, der friedlich dahinfließt und dessen spiegelnde Oberfläche mit leisem Glucksen das Herz erfreut.
Der Prophet, Bußprediger und Visionär Amos aus dem 8. Jahrhundert vor Christus verkündete Gottes Reden und Willen. Ihm war aufgetragen, Gottes unabwendbares Gericht kundzutun und zur Umkehr zu rufen.
Enttäuschter Gott
Gott war maßlos enttäuscht über sein Volk, das Misshandlungen Unschuldiger, Rechtsbeugung, Unterdrückung der Armen und Bedürftigen und unheiliges gottloses Treiben zuließ und praktizierte. Deshalb setzte Gott sie ihren Feinden aus. Er will weder Brand- noch Speiseopfer, noch ihre Musik und ihr Harfenspiel sehen und hören und appelliert: „Vielmehr soll das Recht wie Wasser strömen und Gerechtigkeit wie ein Bach, der nie versiegt!“
Dies ist ein unmissverständlicher Aufruf an uns. Nach den Maßstäben Gottes sollen wir in unserem täglichen Leben Gerechtigkeit gegenüber Mitmenschen walten lassen und auch als Beistand Hilfebedürftigen zu deren Recht verhelfen.
Aufrufe zur Umkehr
In Amos 5,6 heißt es: „Sucht den Herrn, so werdet ihr leben!“ Die Prophetie des Amos beinhaltete Gottes Zorn und dessen daraus resultierendes Handeln, aber auch Aufrufe zur Umkehr, Gott zu ehren und ein gottgefälliges Leben zu führen. Bewegen wir das in unseren Herzen und handeln danach.
Karl-Heinz Eberhardt Schäfer, Leipzig
Predigten im Monat Juli 2026

Ein Wort verändert alles
Predigttext zum 5. Juli 2026
5. Sonntag nach Trinitatis:
Lukas 5,1–11
Ich wäre gerne dabei gewesen damals am See Genezareth, als sich dieser wunderliche Fischzug begab. Dann hätte ich die Worte Jesu gehört. Den Protest des erfahrenen Fischers Petrus gegen die Aufforderung, zur Unzeit die Netze auszuwerfen, hätte ich auch gehört. Aber ich hätte auch erlebt, wie Petrus auf das Wort Jesu hin noch einmal mit seinem Boot auf den See fährt und den Fischfang seines Lebens macht. Und ganz am Ende wäre ich sicher einer derjenigen gewesen, der beginnt, in die Nachfolge dieses einfachen, aber überzeugenden Mannes aus Nazareth zu treten.
Worin liegt das eigentliche Wunder?
Ja, es gibt Erfahrungen, die das Leben verändern, schöne und schwierige. Zu den schönen Erfahrungen der Nachfolger Jesu gehört sicher die Szene damals am See Genezareth. Aber worin liegt ihre eigentliche Schönheit? Was macht das wirkliche Wunder in dieser Erzählung aus dem Lukasevangelium aus? Oft wird ja unsere Geschichte auf das Fischfangwunder reduziert. Doch das eigentliche Wunder geschieht, bevor Petrus und die anderen ein weiteres Mal auf den See fahren. Hören wir noch einmal genauer hin, wie die Geschichte eigentlich beginnt:
Jesus hatte sein öffentliches Wirken begonnen. Noch allein predigte er zunächst in seiner Heimatstadt Nazareth und in deren Umgebung. Dann zog er zum See Genezareth und predigte unter anderem in Kapernaum. Dort kam es auch zur ersten Begegnung zwischen ihm und Simon, der später Petrus heißen wird.
Wo der Frieden beginnt
Dann predigte Jesus am See. Die Fischer hatten eine erfolglose Nacht des Fischens hinter sich und waren mit ihren leider leeren Booten wieder ans Ufer zurückgekehrt. Wohl eher beiläufig wurden sie Zuhörer der Predigt Jesu zu der großen Menge, die sich um ihn versammelt hatte. Jesus wird von der uneingeschränkten Liebe Gottes zu den Menschen gepredigt haben, vom Frieden, der dort beginnt, wo Menschen einander vertrauen lernen, von der Freude, die es machen kann, mit denen zu teilen, denen das Nötigste fehlt. Von Vergebung, Umkehr und einem neuen Leben wird er gepredigt haben. Und er wird es in einer Vollmacht getan haben, die keine Argumente braucht. Er hat den Menschen das Vertrauen in Gott und seine unbedingte Zugeneigtheit zu den Menschen zurückgegeben.
Als Jesus zu Ende gepredigt hat, sitzt er immer noch im Boot des Simon. Jetzt – es ist wohl Mittag geworden – fordert er ihn auf, noch einmal zum Fischfang hinauszufahren. Und Simon, der eigentlich immer etwas einzuwenden hat, wendet auch hier ein, nichts gefangen zu haben in der Nacht und dass das wohl am Tage kaum besser sein wird. So entspricht es auch aller seiner Fischererfahrung.
Das Wort Jesu
Doch nach seinem Einwand folgt die wirklich wichtige Antwort: „Aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.“
Er vertraut Jesus und sein Vertrauen wird nicht enttäuscht. Das wundersame Ereignis geschieht und diese Erfahrung wird das Leben des Petrus und das seiner Freude auf immer verändern. Auf das Wort Jesu hin wird das Leben anders!
Pfarrer Thilo Haak, Ostergemeinde, Berlin

Erwählt
Predigttext zum 12. Juli 2026
6. Sonntag nach Trinitatis:
5. Mose 7,6–12
„Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind.“ Was höre ich da? Wie ein Paukenschlag klingt, was Mose redet. Zu seinem Volk, zum Volk, das Gott erwählt hat. Zu Israel.
Eifersucht kommt auf
Mose redet von Gottes Beziehung zu seinem Volk. Wie von einer Liebe, die du einem liebenden Paar ansiehst. In dem vertrauten innigen Blick, in der flüchtigen Berührung der Wangen. Im Lächeln, das Licht aus tiefster Seele spiegelt. Du siehst es genau und weißt doch nur: Dazwischen geht kein Blatt.
Schnell kommt Neid auf. Eifersucht macht sich breit. Anspruchsdenken. Warum die? Warum dieses Volk, östlich des Jordans? Mich gibts doch auch! Habe ich nicht das Recht, innig mit Gott vertraut zu sein. Jesus hat uns doch berufen.
Neid verstellt den Blick
Eine ist erwählt. Eine Macherin. Eine Strategin. Sie hat immer gute Ideen. Lacht viel, wirkt entspannt trotz Bergen von Aufgaben. Versprüht den Charme der Unbesiegbaren. Alle schätzen sie. Mich nicht. Ich bleibe auf der Bank sitzen. Der Trainer wechselt andere ein.
Neid auf Erwählte verstellt den Blick. Rechnet vor, was alles auch noch sein könnte, sein müsste. Neid vermutet nur goldene Zeiten auf der Seite der Erwählten. Erhebt wütend Ansprüche auf Plätze im Rampenlicht. Für mich, für mich!
„Judensau“-Relief wurde zum Mahnmal
Hüte dich vor dem Neid. Er nährt Hass. Im schlimmsten Fall so tief, wie bei unseren Glaubensvätern. So entsetzlich, wie sie in Kirchenmauern eingemeißelt sind. Draußen, knapp unter dem Dachgesims, in Form des Wittenberger „Judensau“-Reliefs. Als Bild des Hasses gegen das Volk Israel, gegen Jüdinnen und Juden.
Heute ein Mahnmal für alle, die den Neid nicht im Zaum halten. Die ihr vermeintlich eigenes Volk, „ihre Nation“ hochjubeln. Bis zum Mord. Ein Mahnmal auch für mich, wenn ich nur gelten lasse, was doch mir zustehen soll, mir!
Der Geschmack des Lebens
Ein Widerschein göttlicher Erwählung, sei er auch hundertfach gedimmt, befreit davon. Du beobachtest. Du siehst, was du hast. Empfangen hast. Spürst Gefühle, die den Geschmack des Lebens auf der Zunge schmelzen lassen. Und wie von dir aus Licht in die Welt scheint.
Denen, die Narben tragen von dem Peitschen der Ägypter, deren Haut von der Sonne versengt ist durch Jahre der Wüstenwanderung, spricht Mose zu: „erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern“. Ihnen verkündet Mose Gottes Treue. Und fordert, Gesetz und Gebot zu halten. Und sie hören zu, lieben mit ganzem Herzen.
Ein Widerschein von Gott, der Israel erwählte, lange vor uns und für immer. Strahlen davon für uns: Auch ich, auch wir haben Anteil. Das feiern wir in der Kirche: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Den Widerschein der Liebe, mit der sich der Vater im Himmel zu seinem Sohn bekannte. Und sich zu uns bekennt.
Sibylle Sterzik, Pfarrerin im Ehrenamt, Berlin

Geschwisterlich teilen
Predigttext zum 19. Juli 2026
7. Sonntag nach Trinitatis:
Hebräer 13,1–3
Für uns wird in diesem Abschnitt des Hebräerbriefes betont: Die Liebe zueinander ist selbstverständlich, wir sind Geschwister im Namen Jesu, nichts soll die Liebe beeinträchtigen. Wir können gastfrei sein. Auch Jesus wurde ja immer wieder eingeladen und hat dabei wunderbare Begegnungen ermöglicht.
Ein Engel für die Ausgestoßenen
In Indien trafen wir einen Arzt und Missionar in einem christlichen Krankenhaus, der an Lepra erkrankte Patienten behandelte. Sie waren mit der Krankheit behaftet, die Nerven abtötet, so dass auch Gesicht und Gliedmaßen betroffen waren. Er behandelte und operierte sie zusammen mit den indischen Ärzten. So ermöglichte er wieder neues Leben in Familie und Gemeinschaft, ein Engel für bisher Ausgestoßene. Die konnten sich keine Behandlung leisten, wurden gastfreundlich aufgenommen und empfanden so den Arzt und Missionar als Engel.
Christinnen und Christen haben immer wieder Gäste an- und aufgenommen, neue Freunde gewonnen, den gemeinsamen Glaubens umgesetzt.
Freut Euch doch!
Viele Briefe im Neuen Testament werben in warmherzigen Worten. In einer alten Übersetzung bittet der Apostel Paulus: „Freut Euch doch! Eure Lindigkeit lasset kund sein allen Menschen“ (Philipper 4,4f.). Freude, Lindigkeit, schöne Worte, die ein friedliches Miteinander als Grundvoraussetzung anmahnen. Aber das gilt ja nicht nur für Christen, es ist schon im Neuen Testament eine Grundvoraussetzung für alle Menschen.
Anteilnahme, gute Gespräche, Achtung, Zuhören, Anerkennen: So lerne ich im anderen Menschen das Engelhafte kennen, das mich bereichern kann. Im besten Fall kann ich selbst zum Engel werden.
Viele Christen sind Verfolgung ausgesetzt
Anteilnehmen, es betrifft auch Gefangene und Misshandelte damals wie heute, denn auch heute sind viele Christen – und nicht nur sie – Verfolgungen ausgesetzt. Wie viele Menschen sind zu uns nach Deutschland geflohen, weil sie in ihrem Land verfolgt und misshandelt wurden. Auch wenn es Kritik gab und gibt: Diese Flüchtlinge haben uns bereichert. In unserer Kirchengemeinde haben wir uns zum Beispiel um Flüchtlinge aus Armenien, später aus Syrien, gekümmert und dabei selbst ganz andere Kulturen kennengelernt, die wiederum uns die Augen geöffnet haben.
Seit Jahrtausenden muss offenbar immer wieder daran erinnert werden, was Christinnen und Christen, aber auch die Menschen anderer Religionen, untereinander und miteinander üben können: Lindigkeit, Anteilnahme und Wertschätzung mit jedem Mitmenschen, eben Gastfreundlichkeit!
Der Hebräerbrief erinnert uns an diese christliche Grundvoraussetzung gastfrei geschwisterlich zu teilen und so vielleicht Engel zu beherbergen. Diese Chance wollen wir nutzen! Amen.
Paul Geiß ist Pfarrer im Ruhestand in Berlin-Friedrichshagen.

Nur der freie Blick
Predigttext zum 26. Juli 2026
8. Sonntag nach Trinitatis:
Johannes 9,1–7
Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.
Johannes 9,1–7
Neulich saß ich mit jemandem zusammen, der gerade eine schlimme Diagnose bekommen hatte. Und ich merkte, wie in mir sofort diese Fragen aufstiegen: Hatte dieser nicht schon lange zu viel Stress? Hätten wir früher zum Arzt gehen sollen? Ich war beschämt, als ich merkte, was ich da tat: Ich suchte nach Erklärungen –, um mich selbst zu beruhigen. Damit mir das nicht passiert.
Wer ist schuld?
Die Jünger im Johannes-Evangelium kennen diesen Reflex auch. Als sie dem blinden Mann begegnen, fragen sie sofort: Wer ist schuld?
Jesus? Den interessiert diese Frage überhaupt nicht. Er schaut den Mann an – und sieht nicht ein Problem, das erklärt werden muss, sondern einen Menschen, an dem Gottes Güte sichtbar werden kann. Das hat mich beim Lesen dieses Textes wirklich getroffen. Wie oft deuten wir Leid still als Konsequenz? Wie oft tragen Menschen diese unsichtbare Last – das Gefühl, ihr Schicksal irgendwie verdient zu haben? Jesus räumt damit auf. Kein Vorwurf, kein Urteil. Nur dieser andere, freie Blick nach vorne.
Der erste Schritt im Dunkeln
Und dann macht er etwas sehr Unspektakuläres: Er kniet sich in den Staub, macht einen Brei aus Erde und Speichel und streicht ihn auf die Augen des Mannes. Keine große Geste. Etwas sehr Konkretes, fast Befremdliches. Und dann: Geh zum Teich Siloah und wasch dich. Der Mann geht – obwohl er noch nichts sieht. Und er kommt sehend zurück.
Dieser erste Schritt im Dunkeln – das ist für mich das Herzstück dieser Geschichte. Vertrauen, bevor man etwas sieht. Losgehen, bevor man weiß, wie es ausgeht. Vielleicht ist das der Glaube, den Jesus meint, wenn er sagt: Ich bin das Licht der Welt. Nicht ein Licht, das alles auf einmal erhellt – sondern eines, das den nächsten Schritt zeigt.
Michel Erdmann, Lektor in Berlin
