Predigten des Monats August 2026

 

Zum Monatsspruch August 2026

Ein gedeckter Tisch mit Obst auf einer Wiese
Ein wunderbares Essen. Foto: Chris Reyem/unsplash

„Jesus Christus spricht: Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ Johannes 10,10 (E)

Es war nach einem wunderbaren gemeinsamen Abendessen beim Griechen mit guten Gesprächen. Das Essen war mehr als reichlich und so stellte sich bald ein Völlegefühl ein. Das blieb auch so nach dem Ouzo mit seinem Anisgeschmack. Der überfüllte Magen sorgte für eine unruhige Nacht.

Von Fülle und Überfülle

Überfülle und Völlegefühle sind auch in anderen Zusammenhängen vielen Menschen in unserer Wohlstandsgesellschaft nicht fremd. Die Fülle und Überfülle von Angeboten und Möglichkeiten überdecken unerfüllte Sehnsüchte und machen Platz für Klagelieder auf hohem Niveau. Sicher gibt es Beklagenswertes, das nicht zu leugnen ist.

Doch übersehen und ungehört bleibt in der Suche nach einem erfüllten Leben oft jene große Verheißung Jesu.

Als guter Hirte sagt ER zu einem jeden von uns: „Ich bin gekommen, damit ihr das Leben habt – und es in Fülle habt.“

Die Fülle, die Jesus meint, ist ein von seiner Liebe ­erfülltes Leben. Ein Leben, das im Diesseits nicht endet, sondern in Gottes Ewigkeit vollendet wird.

Auch Leidvolles hat seinen Platz

In dieser Liebe haben auch unsere unerfüllten Wünsche, Mühsames und Leidvolles einen Platz. Nichts trennt uns von der Liebe Gottes in Jesus Christus.

ER ist gekommen, als Weg und Wahrheit, als Brot und ­Hirte und als Türöffner zu einem Leben voller Güte und Frieden. Es wird heilsam sein für uns selbst, und in jedem Miteinander, sich seiner Botschaft anzuvertrauen, denn in und mit Christus gibt es – wie Bonhoeffer bekennt – „ein erfülltes Leben trotz unerfüllter Wünsche.“

Ralf Schein, Pfarrer im Ruhestand in Templin

Predigten im Monat August 2026

Gemälde eines alten kauernden Mannes mit langem weißen Bart
Jeremia hat eine große Aufgabe erhalten.
Foto: wikipedia, gemeinfrei

Kein Taugenichts

Predigttext zum 2. August 2026
9. Sonntag nach Trinitatis:
Jeremia 1,4–10

Ich aber sprach: Ach, Herr, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: „Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten“, spricht der HERR.
Jeremia 1,6–10


Ich tauge nichts, so manch einer von uns hat das wohlmöglich schon zu sich selbst gesagt!? Oder hat sich anhören müssen: Du bist nur eine ­Belastung für uns, du nützt uns gar nichts, du bist ein Taugenichts.

Jeremia zweifelt an sich

Wenn Gott allerdings seine Geschichte mit den Menschen schreibt, dann bekommt die Frage nach dem, was ich tauge, noch einmal eine ganz andere Farbe. Davon erzählt uns der Bericht der Berufung des Propheten Jeremia.

Jeremia zweifelt nicht am Herrn, sondern an sich: „Ach, Herr, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung“ (Jeremia 1,6). Das ist ein mir bekanntes Gefühl: Ich sehe die Aufgabe, aber sie scheint zu groß für mich selbst. Könnte da nicht ein anderer ran? Ein Älterer, Einflussreicherer?

Gebrochenes Selbstbewusstsein

Unser Selbstbewusstsein kann ganz schön angeknackst sein. In der Regel kommt das aber nicht, weil wir uns selbst nichts zutrauen. Meist ist es so, dass wir viel zu oft erleben müssen, dass uns andere nichts zutrauen: Das ist nichts für dich, dazu bist du zu ungeschickt! Lass es lieber, dafür bist du zu dumm!

Bei vielen Menschen prägen solche Sätze ihr Leben. Vielleicht war es auch bei Jeremia so. Ich kenne viele Menschen mit gebrochenem Selbst­bewusstsein. Solche, die sich selbst nichts mehr zutrauen, weil ihnen keiner was zutraut. Traurige Geschichten sind das von verpassten Chancen, von nicht gelebtem Leben. Da wird deutlich, wie gemein Menschen gegenüber Menschen sein können und welche Macht bloße Worte auf uns haben.

Bei Gott ist das ganz anders: Ihn kümmert nicht, was die Menschen aus Anatot über Jeremia reden. Er hält Jeremia keineswegs für einen Taugenichts. Erst spricht er ihm zu, dass er ihn immer und immer schon kannte. Was nichts anderes heißt, als dass Jeremia wie jede und jeder von uns ein von Gott geschaffenes Wesen ist. Allein das gibt meinem Leben schon Bedeutung und Sinn. Gott hat mich gewollt und gemacht und darum bin ich etwas wert.

Jeremias Weg war nicht einfach

Darum lässt Gott auch Jeremias Widerspruch nicht gelten. Und er stattet Jeremia mit der Kraft und dem Zutrauen aus, welches er in den folgenden Jahren brauchen wird. Denn Jeremias Weg war nicht einfach. Er hat sich mit allen angelegt, mit seinen Volksgenossen, mit den Herrschern zu ­Hause und mit denen fremder Völker. Jeremia übte Sozialkritik an der Gesellschaft, in der er lebte. Im Auftrag des Herrn sprach er alles aus und scheiterte dennoch. Er musste darunter leiden, der Verkündiger einer unbequemen Wahrheit zu sein. Aber das alles vermag nicht mehr, sein Selbstbewusstsein ins Wanken zu bringen. Aus dem selbsternannten Taugenichts ist ein von Gott gerufener Verkünder geworden.

Es ist gut zu wissen, dass Gott mich trägt und mir weiterhilft. Und es ist gut zu wissen, dass Gott seinen Plan mit mir nicht aufgibt und jeden einen seinen Platz finden lässt.

Thilo Haak, Pfarrer der Ostergemeinde in Berlin-Wedding

 

Ein Thoraschrein in einer Synagige
Thoraschrein und Bima der Spanischen Synagoge in Josefov, Prag, Tschechien. Foto: VUoaei1, CC BY-SA 4.0, wikimedia commons

 

 

Ein Geheimnis, nicht eigene Klugheit

Predigttext zum 9. August 2026
10. Sonntag nach Trinitatis:
Römer 11,25–32

Ich will nicht, dass ihr dieses Geheimnis ignoriert, Geschwister, damit ihr nicht etwa aus euch selbst klug seid: Verhärtung ist Israel geschehen zu einem Teil, bis die Fülle der Völker hereinkommt.
Römer 11,25 (in der Übersetzung von Matthias Loerbroks)

Der 10. Sonntag nach Trinitatis ist seit vielen Jahrhunderten Israelsonntag. Er verdankt diesen Namen, dieses Thema seiner zeitlichen Nähe zu einem wichtigen Tag im jüdischen Kalender: dem 9. Tag des Monats Aw, Tischa be Aw. An diesem Tag – in diesem Jahr war es der 23. Juli – ­gedenken Juden in aller Welt der beiden Zerstörungen des Tempels (586 vor durch Babel,
70 nach durch Rom) und weiterer Katastrophen der jüdischen Geschichte. Da wird gefastet und in den ­Synagogen das Buch Klagelieder gelesen.

Die Zerstörung des Tempels

Die Christenheit aber hat nicht solidarisch mitgetrauert. Denn die Kirche verstand die zweite Tempelzerstörung als Gottes Strafe dafür, dass die meisten Juden Jesus nicht als den Christus, den Messias, betrachteten. Und so wurde an diesem Tag verkündet: so ist es, wenn Gott zornig ist – gewiss auch als Warnung für Christen, vor allem aber als triumphierendes Selbstverständnis. Gott habe nämlich seinen Bund mit Israel aufgekündigt und dieses Volk durch ein neues Gottesvolk ersetzt: die Kirche. Die Zerstörung Jerusalems und des Tempels, der Verlust des Landes galten als ­historischer Beweis für diese Irrlehre.

Die Lehre selbst aber gab es schon zuvor: schon Paulus hatte gegen sie gekämpft, offenkundig vergeblich. Dass Gott sein Volk verstoßen habe, erklärt er im Römerbrief 11,1 für völlig ausgeschlossen. Stattdessen weiht er nun seine Leser in ein Geheimnis ein. Er will damit verhindern, dass die sich im Blick auf die Juden auf ihre eigene Klugheit verlassen, ohne Gottes Wort und Weisung sich so ihre Gedanken machen.

Zeit, wieder auf Paulus zu hören

Es war, sagt Paulus, Gott selbst, der sein Volk gegen das Evangelium verhärtet, ihm die Ohren verschlossen, den Rücken gestärkt hat. Dadurch gelangte es zu den Völkern, gewann unter ihnen – nicht zuletzt durch Paulus selbst – Anhänger des Gottes Israels, eines ihnen zuvor recht fremden Gottes. Damit gibt Paulus dem für Jesusjünger aus den Völkern so verstörenden Nein der allermeisten Juden zum Evangelium eine einzigartige Würde, einen göttlichen Rang. Und das ist etwas ganz und gar anderes, als wenn Judenfeinde sagen: die Juden sind verstockt – als wäre das ein Natur­tatbestand, eine kollektive, nämlich nationale, ethnische Charaktereigenschaft.

Erst nach 1945, nach der Katastrophe, und auch da erst nach Jahren, wurde die Botschaft des Paulus wiederentdeckt, und der Charakter des ­Israelsonntags änderte sich. Nun loben und ­preisen wir den Gott Israels dafür, dass er uns auch erwählet hat. Doch seit einigen Jahren sind diese neuen Einsichten rasant geschwunden. Viele ­wollen davon nichts mehr wissen. Es ist gut, es ist höchste Zeit, wieder auf Paulus zu hören – nicht nur am Israelsonntag.

Dr. Matthias Loerbroks ist Pfarrer im Ruhestand. Zuvor war er an der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin tätig. Er arbeitet im Arbeitskreis Christen und Juden der Evangelischen ­Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz mit.

Predigten des Monats Juli 2026

 

Zum Monatsspruch Juli 2026

Wasser fließt durch Steine in einem Bach
Gerechtigkeit sei unter uns wie ein sprudelnder Bach. Foto: May Cloud/unsplash

Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. 
Amos 5,24 (L) 

Dies ist ein wahrhaft poetischer Spruch. Das Recht solle strömen und nicht verdreht werden. Es sei wie ein nie ­versiegender Bach, der friedlich dahinfließt und dessen ­spiegelnde Oberfläche mit leisem Glucksen das Herz erfreut.

Der Prophet, Bußprediger und Visionär Amos aus dem 8. Jahrhundert vor Christus verkündete Gottes Reden und Willen. Ihm war aufgetragen, Gottes unabwendbares Gericht kund­zutun und zur Umkehr zu rufen.

Enttäuschter Gott

Gott war maßlos enttäuscht über sein Volk, das Misshandlungen Unschuldiger, Rechtsbeugung, Unterdrückung der Armen und Bedürftigen und unheiliges gottloses Treiben zuließ und praktizierte. Deshalb setzte Gott sie ihren Feinden aus. Er will weder Brand- noch Speiseopfer, noch ihre Musik und ihr Harfenspiel sehen und hören und appelliert: „Vielmehr soll das Recht wie Wasser strömen und Gerechtigkeit wie ein Bach, der nie versiegt!“

Dies ist ein unmissverständlicher Aufruf an uns. Nach den Maßstäben Gottes sollen wir in unserem täglichen Leben Gerechtigkeit gegenüber Mitmenschen walten lassen und auch als Beistand Hilfebedürftigen zu deren Recht verhelfen.

Aufrufe zur Umkehr

In Amos 5,6 heißt es: „Sucht den Herrn, so werdet ihr leben!“ Die Prophetie des Amos beinhaltete Gottes Zorn und dessen daraus resultierendes Handeln, aber auch Aufrufe zur Umkehr, Gott zu ehren und ein gottgefälliges Leben zu führen. Bewegen wir das in unseren ­Herzen und handeln danach.

Karl-Heinz Eberhardt Schäfer, Leipzig

 

Predigten im Monat Juli 2026

Ein Fischer mit einem Netz in einem Ruderboot
Simon protestiert. Und geht dann doch noch einmal fischen. Foto: Fredrik Ohlander/unsplash

Ein Wort verändert alles

Predigttext zum 5. Juli 2026
5. Sonntag nach Trinitatis:
Lukas 5,1–11

Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen. Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. 
Lukas 5,4–6


Ich wäre gerne dabei gewesen damals am See Genezareth, als sich dieser wunderliche Fischzug begab. Dann hätte ich die Worte Jesu gehört. Den Protest des erfahrenen Fischers Petrus gegen die Aufforderung, zur Unzeit die Netze auszuwerfen, hätte ich auch gehört. Aber ich hätte auch erlebt, wie Petrus auf das Wort Jesu hin noch einmal mit seinem Boot auf den See fährt und den Fischfang seines Lebens macht. Und ganz am Ende wäre ich sicher einer derjenigen gewesen, der beginnt, in die Nachfolge dieses einfachen, aber überzeugenden Mannes aus Nazareth zu treten.

Worin liegt das eigentliche Wunder?

Ja, es gibt Erfahrungen, die das Leben ver­ändern, schöne und schwierige. Zu den schönen Erfahrungen der Nachfolger Jesu gehört sicher die Szene damals am See Genezareth. Aber worin liegt ihre eigentliche Schönheit? Was macht das wirk­liche Wunder in dieser Erzählung aus dem Lukas­evangelium aus? Oft wird ja unsere Geschichte auf das Fischfangwunder reduziert. Doch das eigent­liche Wunder geschieht, bevor Petrus und die anderen ein weiteres Mal auf den See fahren. Hören wir noch einmal genauer hin, wie die Geschichte eigentlich beginnt:

Jesus hatte sein öffentliches Wirken begonnen. Noch allein predigte er zunächst in seiner Heimatstadt Nazareth und in deren Umgebung. Dann zog er zum See Genezareth und predigte unter anderem in Kapernaum. Dort kam es auch zur ersten Begegnung zwischen ihm und Simon, der später Petrus heißen wird.

Wo der Frieden beginnt

Dann predigte Jesus am See. Die Fischer hatten eine erfolglose Nacht des Fischens hinter sich und waren mit ihren leider leeren Booten wieder ans Ufer zurückgekehrt. Wohl eher beiläufig wurden sie Zuhörer der Predigt Jesu zu der großen Menge, die sich um ihn versammelt hatte. Jesus wird von der uneingeschränkten Liebe Gottes zu den ­Menschen gepredigt haben, vom Frieden, der dort beginnt, wo Menschen einander vertrauen lernen, von der Freude, die es machen kann, mit denen zu teilen, denen das Nötigste fehlt. Von Vergebung, Umkehr und einem neuen Leben wird er gepredigt haben. Und er wird es in einer Vollmacht getan haben, die keine Argumente braucht. Er hat den Menschen das Vertrauen in Gott und seine un­bedingte Zugeneigtheit zu den Menschen zurückgegeben.

Als Jesus zu Ende gepredigt hat, sitzt er immer noch im Boot des Simon. Jetzt – es ist wohl ­Mittag geworden – fordert er ihn auf, noch einmal zum Fischfang hinauszufahren. Und Simon, der eigentlich immer etwas einzuwenden hat, wendet auch hier ein, nichts gefangen zu haben in der Nacht und dass das wohl am Tage kaum besser sein wird. So entspricht es auch aller seiner Fischererfahrung.

Das Wort Jesu

Doch nach seinem Einwand folgt die wirklich wichtige Antwort: „Aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.“

Er vertraut Jesus und sein Vertrauen wird nicht enttäuscht. Das wundersame Ereignis geschieht und diese Erfahrung wird das Leben des Petrus und das seiner Freude auf immer verändern. Auf das Wort Jesu hin wird das Leben anders!

Pfarrer Thilo Haak, Ostergemeinde, Berlin

 

Zwei Frauen sitzen nebeneinander an Notebooks und blicken sich skeptisch an
Der neidische Blick übersieht den eigenen Wert. Foto: unsplash

Erwählt

Predigttext zum 12. Juli 2026
6. Sonntag nach Trinitatis:
5. Mose 7,6–12

Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust. Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat.
5. Mose 7,6–8.11–12

„Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind.“ Was höre ich da? Wie ein Paukenschlag klingt, was Mose redet. Zu seinem Volk, zum Volk, das Gott erwählt hat. Zu Israel.

Eifersucht kommt auf

Mose redet von Gottes Beziehung zu seinem Volk. Wie von einer Liebe, die du einem liebenden Paar ansiehst. In dem vertrauten innigen Blick, in der flüchtigen Berührung der Wangen. Im Lächeln, das Licht aus tiefster Seele spiegelt. Du siehst es genau und weißt doch nur: Dazwischen geht kein Blatt.

Schnell kommt Neid auf. Eifersucht macht sich breit. Anspruchsdenken. Warum die? Warum ­dieses Volk, östlich des Jordans? Mich gibts doch auch! Habe ich nicht das Recht, innig mit Gott vertraut zu sein. Jesus hat uns doch berufen.

Neid verstellt den Blick

Eine ist erwählt. Eine Macherin. Eine Strategin. Sie hat immer gute Ideen. Lacht viel, wirkt entspannt trotz Bergen von Aufgaben. Versprüht den Charme der Unbesiegbaren. Alle schätzen sie. Mich nicht. Ich bleibe auf der Bank sitzen. Der Trainer wechselt andere ein.

Neid auf Erwählte verstellt den Blick. Rechnet vor, was alles auch noch sein könnte, sein müsste. Neid vermutet nur goldene Zeiten auf der Seite der Erwählten. Erhebt wütend Ansprüche auf ­Plätze im Rampenlicht. Für mich, für mich!

„Judensau“-Relief wurde zum Mahnmal

Hüte dich vor dem Neid. Er nährt Hass. Im schlimmsten Fall so tief, wie bei unseren Glaubensvätern. So entsetzlich, wie sie in Kirchen­mauern eingemeißelt sind. Draußen, knapp unter dem Dachgesims, in Form des Wittenberger „Judensau“-Reliefs. Als Bild des Hasses gegen das Volk Israel, gegen Jüdinnen und Juden.

Heute ein Mahnmal für alle, die den Neid nicht im Zaum halten. Die ihr vermeintlich eigenes Volk, „ihre Nation“ hochjubeln. Bis zum Mord. Ein Mahnmal auch für mich, wenn ich nur gelten ­lasse, was doch mir zustehen soll, mir!

Der Geschmack des Lebens

Ein Widerschein göttlicher Erwählung, sei er auch hundertfach gedimmt, befreit davon. Du beobachtest. Du siehst, was du hast. Empfangen hast. Spürst Gefühle, die den Geschmack des Lebens auf der Zunge schmelzen lassen. Und wie von dir aus Licht in die Welt scheint.

Denen, die Narben tragen von dem Peitschen der Ägypter, deren Haut von der Sonne versengt ist durch Jahre der Wüstenwanderung, spricht Mose zu: „erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern“. Ihnen verkündet Mose Gottes Treue. Und fordert, Gesetz und Gebot zu halten. Und sie hören zu, lieben mit ganzem Herzen.

Ein Widerschein von Gott, der Israel erwählte, lange vor uns und für immer. Strahlen davon für uns: Auch ich, auch wir haben Anteil. Das ­feiern wir in der Kirche: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Den Widerschein der Liebe, mit der sich der Vater im Himmel zu seinem Sohn bekannte. Und sich zu uns bekennt.

Sibylle Sterzik, Pfarrerin im Ehrenamt, Berlin

 

Mehrere Hände halten und zerbrechen eine Oblate
Indem sie teilen, können Menschen engelsgleich werden. Foto: pixabay

Geschwisterlich teilen

Predigttext zum 19. Juli 2026
7. Sonntag nach Trinitatis:
Hebräer 13,1–3

Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die ­Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt. 
Hebräer 13,1–3

Für uns wird in diesem Abschnitt des Hebräerbriefes betont: Die Liebe zueinander ist selbst­verständlich, wir sind Geschwister im Namen Jesu, nichts soll die Liebe beeinträchtigen. Wir können gastfrei sein. Auch Jesus wurde ja immer wieder eingeladen und hat dabei wunderbare Begegnungen ermöglicht.

Ein Engel für die Ausgestoßenen

In Indien trafen wir einen Arzt und Missionar in einem christlichen Krankenhaus, der an Lepra erkrankte Patienten behandelte. Sie waren mit der Krankheit behaftet, die Nerven abtötet, so dass auch Gesicht und Gliedmaßen betroffen waren. Er behandelte und operierte sie zusammen mit den indischen Ärzten. So ermöglichte er wieder neues Leben in Familie und Gemeinschaft, ein Engel für bisher Ausgestoßene. Die konnten sich keine Behandlung leisten, wurden gastfreundlich aufgenommen und empfanden so den Arzt und Missionar als Engel.

Christinnen und Christen haben immer wieder Gäste an- und aufgenommen, neue Freunde gewonnen, den gemeinsamen Glaubens umgesetzt.

Freut Euch doch!

Viele Briefe im Neuen Testament werben in warmherzigen Worten. In einer alten Übersetzung bittet der Apostel Paulus: „Freut Euch doch! Eure Lindigkeit lasset kund sein allen Menschen“ (Philipper 4,4f.). Freude, Lindigkeit, schöne Worte, die ein friedliches Miteinander als Grundvoraus­setzung anmahnen. Aber das gilt ja nicht nur für Christen, es ist schon im Neuen Testament eine Grundvoraussetzung für alle Menschen.

Anteilnahme, gute Gespräche, Achtung, Zuhören, Anerkennen: So lerne ich im anderen Menschen das Engelhafte kennen, das mich bereichern kann. Im besten Fall kann ich selbst zum Engel werden.

Viele Christen sind Verfolgung ausgesetzt

Anteilnehmen, es betrifft auch Gefangene und Misshandelte damals wie heute, denn auch heute sind viele Christen – und nicht nur sie – Verfolgungen ausgesetzt. Wie viele Menschen sind zu uns nach Deutschland geflohen, weil sie in ihrem Land verfolgt und misshandelt wurden. Auch wenn es Kritik gab und gibt: Diese Flüchtlinge haben uns bereichert. In unserer Kirchengemeinde haben wir uns zum ­Beispiel um Flüchtlinge aus Armenien, später aus Syrien, gekümmert und dabei selbst ganz andere Kulturen kennengelernt, die wiederum uns die Augen geöffnet haben.

Seit Jahrtausenden muss offenbar immer wieder daran erinnert werden, was Christinnen und ­Christen, aber auch die Menschen anderer Religionen, untereinander und miteinander üben können: Lindigkeit, Anteilnahme und Wertschätzung mit jedem Mitmenschen, eben Gastfreundlichkeit!

Der Hebräerbrief erinnert uns an diese christ­liche Grundvoraussetzung gastfrei geschwisterlich zu teilen und so vielleicht Engel zu beherbergen. ­Diese Chance wollen wir nutzen! Amen.

Paul Geiß ist Pfarrer im Ruhestand in Berlin-Friedrichshagen.

 

Gemälde von Jesus und einem Mann
Jesus schenkt einem blinden Mann das Augenlicht. Gothaer Tafelaltar von Heinrich Füllmaurer. Foto: Lutz Ebhardt-Trümper, CC BY-SA 4.0, wikimedia commons

Nur der freie Blick

Predigttext zum 26. Juli 2026
8. Sonntag nach Trinitatis:
Johannes 9,1–7

Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.
Johannes 9,1–7

Neulich saß ich mit jemandem zusammen, der gerade eine schlimme Diagnose bekommen hatte. Und ich merkte, wie in mir sofort diese Fragen aufstiegen: Hatte dieser nicht schon lange zu viel Stress? Hätten wir früher zum Arzt gehen sollen? Ich war beschämt, als ich merkte, was ich da tat: Ich suchte nach Erklärungen –, um mich selbst zu beruhigen. Damit mir das nicht passiert.

Wer ist schuld?

Die Jünger im Johannes-Evangelium kennen diesen Reflex auch. Als sie dem blinden Mann begegnen, fragen sie sofort: Wer ist schuld?

Jesus? Den interessiert diese Frage überhaupt nicht. Er schaut den Mann an – und sieht nicht ein Problem, das erklärt werden muss, sondern einen Menschen, an dem Gottes Güte sichtbar ­werden kann. Das hat mich beim Lesen dieses Textes wirklich getroffen. Wie oft deuten wir Leid still als Konsequenz? Wie oft tragen Menschen diese unsichtbare Last – das Gefühl, ihr Schicksal irgendwie verdient zu haben? Jesus räumt damit auf. Kein Vorwurf, kein Urteil. Nur dieser andere, freie Blick nach vorne.

Der erste Schritt im Dunkeln

Und dann macht er etwas sehr Unspektaku­läres: Er kniet sich in den Staub, macht einen Brei aus Erde und Speichel und streicht ihn auf die Augen des Mannes. Keine große Geste. Etwas sehr Konkretes, fast Befremdliches. Und dann: Geh zum Teich Siloah und wasch dich. Der Mann geht – obwohl er noch nichts sieht. Und er kommt sehend zurück.

Dieser erste Schritt im Dunkeln – das ist für mich das Herzstück dieser Geschichte. Vertrauen, bevor man etwas sieht. Losgehen, bevor man weiß, wie es ausgeht. Vielleicht ist das der Glaube, den Jesus meint, wenn er sagt: Ich bin das Licht der Welt. Nicht ein Licht, das alles auf einmal erhellt – sondern eines, das den nächsten Schritt zeigt.

Michel Erdmann, Lektor in Berlin

Predigten des Monats Mai 2026

 

Ein Anker auf einer Wiese mit einem Fischerboot im Hintergrund
Foto: reverent/pixabay

Zum Monatsspruch Mai 2026

„Die Hoffnung haben wir als einen sicheren und festen Anker unserer Seele.“
Hebräer 6,19 (L)

Hoffnung bezeichnen wir oft als „Anker der Seele“ – ein Bild, was eng mit dem Hebräerbrief (6,19) verbunden ist. Es beschreibt eine Hoffnung, die unverrückbar und unzerbrechlich ist, selbst wenn das Leben durch negative Umstände ins Wanken gerät. Unser Monatsspruch verwendet das Bild.

Den Schiffsanker wirft man dahin, wo er sich festhaken kann. Das geht nicht im eigenen Knopfloch. Wir können unsere Hoffnung nicht bei uns selbst festmachen. Ein Anker, der im Meeresboden verankert ist, hält das Schiff an seiner Position und bewahrt es davor, von Strömungen mitgerissen zu werden in stürmischen und unruhigen Zeiten.

Woran halte ich mich fest?

Gerade dann kann es wichtig sein, innezuhalten und sich zu vergewissern: Wer oder was trägt mich? Woran halte ich mich fest? Worauf setze ich? Unsere christliche Hoffnung gründet nicht auf unseren eigenen Kräften, sondern auf den Verheißungen und der bedingungslosen Liebe Gottes.

Madeleine Delbrel sagt es so: „Hoffen heißt, mit vollem Vertrauen auf etwas zu warten, was man nicht kennt, aber es von jemanden zu erwarten, dessen Liebe man kennt. In dem Maße, in dem man hofft, empfängt man.“

Vertrauen auf Gott als Quell der Hoffnung

Dazu fällt mir das schwungvolle Glaubenslied „Du meine Seele singe“ von Paul Gerhardt ein. So aufmunternd, so auffordernd. Gerade wenn meine Seele mal wieder ganz erschöpft ist. Das Lob dieses Liedes ist Vertrauen auf Gott – trotz dieser Wirklichkeit. Ein Trost für die, die unter Unrecht leiden. Eine Hoffnung für alle, die an die Grenzen ihrer Kraft oder ihres Lebens kommen. Und eine Quelle der Widerstandskraft, die uns hilft, gegen das Unrecht, gegen den Krieg, den Hunger, die Ausbeutung und die Ausgrenzung aufzustehen.

Alexander Reichart, Mitarbeiter im Konsistorium der EKBO, Jüterbog

 

Predigten im Monat Mai 2026

Illustration eines Trompeters mit roter Kleidung
Trompeten erklingen zum Lob Gottes. Illustration: IMAGO / Ikon Images

Unisono – als hörte man eine Stimme loben

Predigttext zum 3. Mai 2026 Kantate:
2. Chronik 5,2–5 (6–11) 12–14

… und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen. Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem HERRN. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den HERRN lobte: „Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig“, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke als das Haus des HERRN, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.

2. Chronik 5,12+13+14
 

Der biblische König David spielte als Junge so ausgezeichnet die Harfe, dass er den sehr jähzornigen König Saul mit seinem Spiel zu besänftigen vermochte. Später als König setzte er sich für die Ausgestaltung der geistlichen Musik ein und ­strukturierte sie nach professionellen Maßstäben. Nach mindestens 5 Jahren Ausbildung durften ­junge Männer aus dem Stamm Levi mit 30 Jahren offiziell in den musikalischen Dienst treten. Das Auswahlverfahren (1. Chronik 6,16) war streng: aus 4000 Sängern, die alle auch Instrumentalisten waren, wurden die besten 288 ausgewählt, und in 24 Gruppen zu je 12 Sängern eingeteilt. Alle ­Sänger, die später im Tempel Dienst taten, hatten täglich zu proben, dafür waren sie von anderen Aufgaben freigestellt.

Überwältigendes Klangerlebnis

Der Vers 13 unseres Predigttextes beschreibt das Ergebnis des harten Übungsprozesses mit höchstem Lob: „Musik wie von einer Stimme“. Ein überwältigendes Klangerlebnis, dem aber harte Arbeit auch in unseren Chören und Orchestern heute vorausgeht. Wenn aus so unterschiedlichen Menschen ein Ensemble werden soll, müssen Geben und Nehmen untereinander in den Gleichklang kommen. Der Einzelne soll sich gehört fühlen, aber seine Stimme auch einordnen. In einem Workshop auf der Chor.com in Hannover erlebte ich die Sänger von Voces8, ein A-cappella–Oktett aus Großbritannien, in perfekter Ausgewogenheit. Scheinbar aus dem Nichts beginnen sie mit dem Singen des Chorwerkes ohne dirigentische Unterstützung – absolut auf den Punkt und zeitgleich. Die Sänger erspüren ihren Atem untereinander in der Stille vor dem Beginn, dann geht ein Impuls vom jeweiligen Stimmführer des Stückes aus und die Musik erklingt glasklar und durchsichtig in überzeugender Harmonie.

Was bedeutet unisono?

Wenn alle Beteiligten eines Klangkörpers gemeinsam dieselbe Melodie spielen und singen, bezeichnet man das mit dem Fachbegriff „unisono“. Wenn das wie im biblischen Text zu einem besonderen Klangerlebnis mit ungeheurer Durchschlagskraft wird, entsteht darüber hinaus die konstruktive Interferenz – die zusätzliche Ver­stärkung des Tones, wenn die Schwingungen auch physikalisch synchron laufen.

Zur langersehnten Einweihung des Tempels tritt das Ensemble professionell vorbereitet und in Bestbesetzung auf. 120 (!) silberne, nach genauen Vorschriften gebaute Trompeten rufen das Volk zusammen. Zimbeln geben den Beginn des Gesanges an, Leiern und Harfen begleitenden den Gesang. Das Lob ­Gottes und der Dank für seine Barmherzigkeit erklingen unisono – und die musikalische Qualität gelangt Gott zu Ohren und überzeugt ihn sichtbar.

Cornelia Ewald ist Kirchenmusikerin und Chorleiterin in Berlin

 

Ein blauer Schuh wird hergestellt
Wie ein Schuster einen Schuh macht, so soll ein Christ beten. Foto: Raoul Ortega/unsplash

Das Handwerk eines Christen 

Predigttext zum 10. Mai 2026
Rogate: Matthäus 6,5–15

Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. 

Matthäus 6,7–10
 

Zum Vaterunser ist schon alles gesagt: Dass es zum wichtigsten Gebet beider Kirchen wurde und dass Jesus selbst seinen Jüngerinnen und Jüngern die sieben Bitten lehrte. Ein heiliges Manifest, das mit der Anrede „Vater unser im Himmel“ – der aramäischen Anrede „abba“ – beginnt und mit dem Verweis auf die Ewigkeit Gottes mit einem Amen endet.

„Denn dein ist das Reich…“

Die mögliche Urfassung aus Lukas 11, 2–4 ­begnügte sich mit fünf Bitten: 1. Heiligung des Gottesnamens, 2. Bitte um das Kommen des ­Gottesreiches, 3. Bitte um das tägliche Brot, also die Notwendigkeiten des Alltags, 4. Befreiung aller Schuld gegenüber Gott und das Vergeben aller ­Verfehlungen anderer. 5. Die Bewahrung vor ­Ver­suchung durch das Böse. In der Fassung nach Matthäus sind zwei Bitten ergänzt: Dein Wille geschehe und die Erlösung von dem Bösen. Eine sogenannte Doxologie, ein Wort der Ehre, ist hier hinzugefügt: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.“ Sie dürfte der frühchristlichen Gebetspraxis entsprechen. Schon der Kirchenlehrer Thomas von ­Aquin (1225–1274) nannte das Gebet einen „Akt der Religion im eigentlichen Sinn“. Er verwies damit auf die Gnade Gottes und die Abhängigkeit des Glaubenden davon.

Als ich vor vielen Jahren in Tübingen in einer Vorlesung des Systematikers Eberhard Jüngel saß, mahnte er uns junge Studierende beim Thema „Was heißt beten?“, den Dank im Gebet nicht zu vergessen. Denn Beten, so habe es Luther geschrieben, sei ein ganz handwerklicher Akt: „Wie ein Schuster einen Schuh machet und ein Schneider einen Rock, also soll ein Christ beten. Eines Christen Handwerks ist beten.“ Jüngel, der bekanntlich Vikar der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg war, schloss: „Auch dieses Handwerk hat goldenen Boden.“

Das Gebet als Sprache des Herzens

Martin Luther bezeichnete das Gebet als eine Sprache des Herzens. Wir sollten Sorge tragen, dass es vom Herzen herrührt, sagt er. Das sollen wir wissen: „Dass all‘ unser Schutz und Schirm allein im Gebet steht. Wesen und Natur des Gebets ist nichts anderes als Erhebung des Gemüts oder Herzens zu Gott.“ Damit zeigt sich Luther als Mahner bis heute: Dass nämlich Lebensglück nicht monopolisiert werden darf: Arbeit und Leistung, Erfolg und Anerkennung, Bildung und Lebens­genuss gehören allen, nicht nur Auserwählten.

Frère Roger, der Gründer von Taizé, machte es sich in diesem Sinn zur steten Aufgabe, jeden Freitagabend vor dem Kreuz in seiner Gemeinschaft ein Gebet zu halten, für alle, die leiden und in existenzieller Not sind: Er war der Über­zeugung, die jungen Leute, die zu ihm kamen, sollten sich nicht in eine Spirale der Verdrossenheit hineinziehen lassen. „Gott hat uns nicht zur Untätigkeit erschaffen. Wir sind nicht einem ­blinden Schicksal unterworfen.“ Der protestantisch getaufte Bruder Frère Roger strahlt damit eine Zuversicht bis in die Gegenwart aus, die in jedem Gebet des Herrn sich wiederholt: Gottesgewiss­heit. In diesen Worten bleibt ­niemand allein.

Dr. Roger Töpelmann ist Pfarrer im Ruhestand und freier Autor in Berlin

 

Zwei Kinder laufen Schulter an Schulter einen Weg entlang
Einen Bund besiegelt. Foto: Juan Pablo Rodriguez/unsplash

Unverbrüchlich verbunden

Predigttext zum 17. Mai 2026
Exaudi: Jeremia 31,31–34

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen (…), sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und ich will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein. 

Jeremia 31,31.32.33
 


Als Kinder schrieben wir in einer Art Geheimsprache etwas auf ein Blatt Papier. Das war unser Bund! Geheimnisvoll saßen wir in unserer Hütte aus Zweigen im Wald und schlossen eine Art Geheimbund. Auf ewig wollten wir mit den anderen Dorfkindern verbunden sein. Und jeder für den anderen einstehen. Wer dazugehörte, war aus­erwählt. Einmal drückten wir uns gegenseitig sogar einen Blutstropfen aus dem Finger, um das zu besiegeln.

Einen Strich unter die Vergangenheit setzen

Ein Kinderspiel. Aber auch Gott will einen Bund „mit dem Haus Israel und mit dem Hause Juda“ schließen. Er möchte auch eine Selbstverpflichtung eingehen und einen Strich unter die Vergangenheit setzen. Klar, das Volk Israel hat auch noch andere Götter angebetet, der Versuchung von Eitelkeiten, Reichtum, Macht und schönen Frauen nicht widerstanden. Aber sie haben gelitten in der Verbannung, in der sie viele Jahre gelebt haben. Damit soll Schluss sein. Der Prophet Jeremia verkündet es im Namen des Herrn. Der sieht nun das in die Fremde verschleppte Volk Israel gnädig an. Er begnadigt es und erlaubt seine Heimkehr in die verlassene Heimat. Aber nicht einfach nur um Rückkehr geht es. Gott lässt Gewesenes hinter sich und dem Volk, er vergibt, wo die Israeliten auf Abwege geraten, ihn vergessen hatten und schenkt einen neuen Anfang. Auch hier geht es um ein Bündnis – zwischen Gott und seinem Volk.

Gott schätzt die Lage realistisch ein

„Wenn man den Himmel oben messen könnte und den Grund der Erde unten erforschen, dann würde ich auch verwerfen alle Nachkommen Israels für all das, was sie getan haben, spricht der HERR“ (Jeremia 31,40). Gott schätzt die Lage realistisch ein. Aber er bleibt nicht dabei. Er schüttet trotz allem seine Barmherzigkeit aus: „Ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“ Und so beendet der Prophet Jeremia das Gotteswort mit einer unverrückbaren Zusage, Grund aller Hoffnung für alle Zeit: „Und die Stadt wird niemals mehr eingerissen und ­abgebrochen werden.“ Denn sie ist heilig, weil Gott mit seinem Volk darin wohnt. Und nicht nur in der Stadt. Der Bund wird in ihren Herzen und ihrem Sinn leben, so dass sie ihn erkennen und immer auf ihn trauen.

Wir wissen, wie schwer das ist. Aber wenn wir es versuchen, können wir Erstaunliches erleben. Im Gebet Gott bitten, jeden Tag diesen Bund zu erneuern, uns unser Herz und den Verstand anzurühren. Dann kann sich im Kleinen wirklich etwas Großes verändern. Schlaflose Nächte, zerwühlt von Wut und Enttäuschung, wandeln sich in nächtlichen Frieden. Neue Lösungen für den Tag werden möglich: Denn „Siehe, ich mache alles neu“, wie es uns als Jahreslosung mitgegeben ist.

Sibylle Sterzik, Pfarrerin im Ehrenamt in Berlin

 

Zwei Tumspiten vor einem blauen Himmel
Gemeinschaft im Geist ­Gottes ­entsteht ­jenseits von gemachten Mauern und Grenzen. Foto: Nipun Chandra Surnilla/unsplash

Der Geist Gottes weht über Mauern

Predigttext zum 24. Mai 2026
Pfingsten: Apostelgeschichte 2,1–21

Sie verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache? ­Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen, Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden.

Apostelgeschichte 2,1–21

Pfingsten 2025 in unserer 165 Jahre alten Kreuzkirche Istanbul, nicht weit entfernt von Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, von Phrygien und Pamphylien. Es sind Schulferien wegen des muslimischen Opferfestes, und die Gottesdienst­gemeinde ist recht ausgedünnt. Da klingelt es, und eine große Pilgergruppe aus der Elfenbeinküste marschiert in den Gottesdienst ein. Sie ­verstehen kein Deutsch, aber das tut der Gemeinschaft keinen Abbruch, weder im Gottesdienst noch beim anschließenden Kirchencafé mit ­Erdbeerkuchen im Garten. Wir feiern zusammen Abendmahl – und da wird es richtig Pfingsten, der Geburtstag der einen Kirche Jesu Christi aus allen Völkern und Sprachen. Der Geist Gottes weht über die von Menschen gemachten Mauern und Grenzen hinweg, begeistert und ermutigt, setzt in Bewegung und führt zu Begegnung. Hier in Konstantinopel, dem neuen Rom, Istanbul, spielt Ökumene für alle ­Kirchen und Gemeinden eine große Rolle. Sicherlich auch ein bisschen gezwungenermaßen, weil wir alle eine extreme Minderheit sind. Aber vor allem deswegen, weil es hier einen Reichtum an Konfessionen und Traditionen gibt wie ansonsten nur in Jerusalem. Hier erlebe ich die eine Kirche Jesu Christi in ihrer wunderbaren Diversität. Das ist manchmal gewöhnungsbedürftig, meistens aber sehr bereichernd und wunderbar.

Appell zu einer generations­übergreifenden Kirche

Der Geist Gottes weht über Mauern und Grenzen hinweg. Das gilt im Kontext von unterschied­lichen Sprachen, Kulturen und Herkünften, Traditionen und Konfessionen und auch Religionen. Aber – und das fällt mir in diesem Jahr beim ­Predigttext aus Apostelgeschichte 2 zum ersten Mal so richtig auf – das gilt auch für die unterschiedlichen Generationen. In seiner Predigt spannt Petrus den Bogen von ganz jungen Menschen zu den alten: Weissagungen, Gesichte und Träume, also über das hinaus schauen, was vor Augen liegt, hin zu dem, was verheißen ist. Ich lese das als einen Appell zu einer generations­übergreifenden Kirche, zu einer, die Kinder und Jugendliche nach ihren Visionen befragt und ­Seniorinnen und Senioren nach ihren Träumen. Die beide ins Gespräch bringt und daraus lernt. Solch eine Kirche möchte ich nicht nur träumen, sondern leben.

Pfingsten eröffnet Begegnungsräume, die im Rest des Jahres mit Leben gefüllt werden können. Vertraute oder andere Orte, an denen wir uns begegnen und bewegen, einander von unseren Visionen und Träumen erzählen und voneinander lernen. Das macht mir Mut: für mein eigenes Leben, für meinen Glauben und für die Menschen, mit denen ich gemeinsam unterwegs und Kirche bin.

Heike Steller-Gül ist Pfarrerin in der Evangelische Gemeinde deutscher Sprache in der Türkei in Istanbul

 

Eine lächelnde Pfarrerin hebt ihre Hände. Im Vordergrund stehen Jungen mit Kerzen
Segen hält die Seele. Foto: IMAGO/epd

Gesegnete Gottes

Predigttext zum 31. Mai 2026
Trinitatis: 4. Mose 6,22–27

Und der HERR redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.
 
4. Mose 6,22–27
 

„Alles ist an Gottes Segen und an seiner Gnad gelegen über alles Geld und Gut. Wer auf Gott sein Hoffnung setzet, der behält ganz unverletzet einen freien Heldenmut!“ (Lied aus dem Evangelischen Gesangbuch 352,1)

Es ist der Segen, der unsere Gottesdienste erst rund und vollständig macht. Der Segen steht zwar am Ende eines Gottesdienstes, von seiner Wichtigkeit aber steht er in der Mitte. Es ist der Segen, der uns bleibt, während manch anderes Wort aus dem Gottesdienst vorüberrauscht oder schnell vergessen ist.

Bei den Trauungen weiß ich, dass es vor allem der Segen Gottes ist, den die Paare erbitten. ­Dieser Segen soll über ihre gemeinsame Zukunft zu stehen kommen. Das öffentlich gesprochene Ja zueinander tritt hinter den zugesprochenen Segen Gottes zurück. Gottes Segen ist größer als jedes Versprechen, das Menschen einander geben ­können. Das ist deutlich zu spüren.

Segen für Sterbende

Wenn ich in Taufelterngesprächen die Eltern nach der Bedeutung der Taufe für ihre Kinder ­frage, kommt immer wieder eine Antwort: Mein Kind soll unter dem Segen Gottes stehen. Darum bringe ich es zur Taufe, dafür ist mir die Taufe ein sichtbares Zeichen. Mit dem Segen Gottes ist etwas auf und in das Kind gelegt, das mehr ist als alle Elternfürsorge geben kann.

Auch Sterbenden spreche ich den Segen zu. In aller Not und Angst, die die Aussicht des nahenden Todes bedeutet, gibt der Zuspruch des Segens Vertrauen und Sicherheit.

„Segnet die, die euch fluchen.“

Die Bibel überliefert uns viele Zeugnisse davon, wie Gott immer wieder durch seinen Segen an Menschen gewirkt hat: Dem Abraham spricht Gott zu: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“ Im Neuen Testament geht die Geschichte des Segens weiter: die Menschen bringen Kinder zu Jesus, damit er sie anrührt und segnet. Jesus ­sendet seine Jünger und segnet sie. Er selbst macht den Segen zum Auftrag: „Segnet die, die euch fluchen.“

Der Segen ist das Größte, was wir von unserem Gott geschenkt bekommen. Aus dem Segen kommt uns Kraft her, im Segen fühlen wir uns geborgen. Der Segen macht uns zuversichtlich. Und es ist gut, dass wir durch immer wieder neu ausgesprochenen Segen daran erinnert werden, Gesegnete Gottes zu sein.

Viele Erklärungsversuche greifen zu kurz

Gottes Segen gibt uns Schutz, er ist unsere Freiheit, er will Frieden geben. Gottes Segen will unser Leben ganz umfassen. Vielleicht greifen alle verstandesmäßigen Erklärungsversuche für den Segen deswegen immer zu kurz. Gottes Segen erreicht mehr als unsere Sinne, nämlich unser Herz. Gottes Segen liegt auf mehr als unserem Leib, er hält unsere Seele.

Das nehmen wir aus jedem Gottesdienst mit nach Hause. Und wir können davon weitergeben. Wer unter dem Segen Gottes steht, ist eingeladen, diesen Segen auch auszuteilen. So wird der Segen mehr und mehr. Durch das Teilen wird der Segen größer. So segne und behüte uns Gott, der allmächtige und barmherzige, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Pfarrer Thilo Haak, Ostergemeinde Berlin-Wedding

Predigten des Monats Juni 2026

 

Zum Monatsspruch Juni 2026

Stacheldrahtzaun mit Rosen zwischen den Drahtschlaufen
Hoffnungsblüten über Stacheldraht. Foto: CTK Photo/IMAGO

Denkt an die Gefangenen, als wäret
ihr mitgefangen; denkt an die ­
Misshandelten, denn auch ihr lebt
noch in eurem irdischen Leib!
Hebräer 13,3 (E)

„Jeder Mensch braucht Erbarmen …“ – so oder ähnlich ­singen wir es gelegentlich im Gottesdienst. Jeder Mensch braucht Erbarmen – das ist Gottes Sicht auf die Menschheit und deshalb hat er sich ihr zugewandt. Nur durch sein ­Erbarmen können Verlorene gerettet werden. Das haben viele Menschen bis heute erlebt – aber ist ihnen auch bewusst, dass sie nun ebenfalls Erbarmen üben sollen?

Als würdet ihr es am eigenen Leib erfahren

Erbarmen ist kein mitleidiges Bedauern, sondern mitfühlende Anteilnahme. In diesem Sinne möchte ich den Gedanken des Monatsspruches weiterführen: Denkt an die Gefangenen und Misshandelten so, als würdet ihr selbst betroffen sein. Denkt an Gefangene, Misshandelte, Unterdrückte und Bedürftige, als würdet ihr deren Schmerzen, Härte und Einsamkeit am eigenen Leib erfahren. Denkt an sie und betet für sie, um Kraft, Zuversicht und Ausdauer im Leid.

Erbarmen ohne nachzudenken

Denkt an sie und betet darum, dass Gott in seinem Erbarmen in ihr Leben eingreifen möge. Denkt auch an das, was Christus über die Menschen sagt, die Gefangene besuchen und Bedürftige versorgen: Ohne über persönliche Konsequenzen nachzudenken, üben sie praktisches Erbarmen. Ohne zu zögern, helfen sie den Notleidenden. Ohne es zu ahnen, dienen sie dadurch Christus selbst. Ohne es zu wissen, tun sie genau das, was Gott ihnen aufs Herz legt.

Wenn ihr also an die Gefangenen und ­Misshandelten denkt –, dann rechnet damit, dass Gott, der jedes gute Werk schon vor­bereitet hat, ihnen durch euch wohltun will. Und freut euch, denn auch ihr werdet dadurch reich gesegnet werden.

Ursula Hecht, Berlin

 

Predigten im Monat Juni 2026

Mehrere Hände halten ein Holzbrett mit aufgeschnittenem Brot und einem Brotstück von oben betrachtet.
Wie ein Traum in hellen Farben: In den ersten Gemeinden teilen alle alles. Foto: Gustavo Sanchez/unsplash

Wunsch und Wirklichkeit

Predigttext zum 7. Juni 2026
1. Sonntag nach Trinitatis:
Apostelgeschichte 4,32–37

Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.

Apostelgeschichte 4,32–35
 

Es ist das Himmelreich auf Erden. Die ersten Kapitel der Apostelgeschichte erzählen von der Gemeinde der ersten Christinnen und Christen wie vom wirklich gewordenen Reich Gottes: Seit dem Pfingstwunder sind sie eines Geistes, einmütig ­beieinander beim Brotbrechen, Beten und Singen – ja, „sie waren ein Herz und eine Seele“.

Das wahre Himmelreich auf Erden

Kennzeichen dieser himmlischen Gemeinschaft ist auch das gemeinsame Eigentum: „Es war ihnen alles gemeinsam.“ Was die Apostelgeschichte schon einmal erwähnt hatte (2,44), wird hier nochmals konkret erzählt: Jede und jeder verkauft, was er oder sie hat. Und der Erlös wird „den Aposteln zu Füßen“ gelegt. Niemand leidet Mangel. Wirklich, es ist das wahre Himmelreich auf Erden – echte Gemeinschaft im Herzen und im Teilen. Es ist wie ein Traum in hellen Farben.

In keinem anderen biblischen Buch gehen Wunsch und Wirklichkeit so sehr ineinander über. Gerade in der Apostelgeschichte, die auf histo­rische Fakten ja sonst so viel Wert legt. Gerade ­deswegen mag ich sie. Denn das Wünschen und der phantasievolle Umgang mit der Wirklichkeit der harten Fakten gehört für mich zum Glauben unbedingt dazu.

Ein Traum, der gefährlich werden könnte?

„Es war ihnen alles gemeinsam“ (V. 32), lateinisch „Omnia sunt communia“, das wurde sogar zum Schlagwort, zum Ideal durch die Zeiten, zum Traum von einer revolutionären, utopischen Gesellschaft. Und es wurde auch bekämpft. Weil es das Innerliche vergisst und die Gemeinschaft allein am Äußeren festmachen will? Ein Traum, der gefährlich werden könnte? Thomas Müntzer jedenfalls soll aufgerufen haben, dafür zu kämpfen, und wurde hingerichtet. „Omnia sunt communia“ ist Traum geblieben und man möchte schon resigniert einstimmen in das Lied des Bettlerkönigs Peachum aus der Dreigroschenoper: „Wir wären gut, anstatt so roh, doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.“

Ein gnadenlose Bruch

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist ein ­gnadenloser Bruch. Und er zeigt sich besonders bei der Frage: Wem gehört eigentlich was? Und es ist ja meistens der bequemere Weg, ganz nüchtern bei der Wirklichkeit zu bleiben und sich nicht im Wünschen zu verlieren. Und doch kämen wir ohne das Wünschen, ohne solche Träume, ohne Spuren des Himmelreichs auf Erden nicht aus. Wie sehr wünsche auch ich mir andere Verhältnisse oder zumindest, dass die Ungerechtigkeiten nicht einfach hingenommen werden.

Ich brauche solche Worte und Bilder, wo Wunsch und Wirklichkeit ineinander übergehen, wie sie mir die Apostelgeschichte diese Woche gibt. Mache die Augen auf, sagen sie mir, schicke deinen Glauben auf die Reise und verwebe deine Wirklichkeit mit deinen Träumen.

Lars Städter ist Pfarrer in Weißwasser

 

Bronzene Figurengruppe im Freien mit einer Person, die ein großes Kreuz trägt, begleitet von weiteren Figuren
Dieses Joch ist ein anderes, nicht aus Holz. Foto: Nikola Tomasic/unsplash

Gott führt uns auf gute Bahnen

Predigttext zum 14. Juni 2026
2. Sonntag nach Trinitatis:
Matthäus 11,25–30

Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart. Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.
 
Matthäus 11,25–30
 

Wenn es um die Verteilung der Klugheit geht, könne man von Gerechtigkeit sprechen, denn jeder meint, genug zu haben. Dumm seien immer nur die anderen. Das sagte einst der französische Philosoph René Des­cartes (1596–1650). Ich merke es, wenn Jesus von „Weisen und Klugen“ spricht, denn da fühle ich mich gerne angesprochen. Aber was ist, wenn es nicht die Klugen sind, sondern die „Unmündigen“, mit denen Jesus auch mich meint? Wenn auch ich einen besonderen, einen vereinfachten Weg benötige, um zu ver­stehen, was um mich herum geschieht und wer da vor mir steht?

Es braucht viel, sich die eigenen Grenzen einzugestehen. Aber vielleicht öffnet gerade das den Zugang zu Jesus. Denn Gott vollkommen zu erkennen, geht nur mit göttlicher Kraft. Den Vater kennt allein der Sohn. Aber der Vater will, dass wir ihn erkennen ­können, so weit wie es uns möglich ist; das wurde in Jesu Sendung deutlich.

Nicht immer macht der Glaube das Leben leichter

Anders als manch einer meint, vereinfacht der Glaube an Gott aber nicht immer das eigene Leben. Lasten gibt es zu tragen, als Christ wie als Nicht-Christ. Und mitunter bürdet einem Gott noch zusätzliche Last auf. So klingt es auch in Jesu Worten. Aber ein Joch ist in der Regel ein Zweiergespann. Es geht noch jemand neben mir – jemand, der gleiches durchmacht; der mitaushält; der mitträgt, was ich trage. Und wenn ich hinter mich blicke, stelle ich fest, dass es gute Bahnen sind, auf die ich von Gott geführt werde: weil sie klar sind und Orientierung bieten. Weil auf ihnen jene gesehen werden und zu Wort kommen sollen, denen sonst der Mund verboten wird oder denen der Mund aus Kummer verschlossen ist. Und weil diese Bahnen ein Ziel haben: das Aufatmen nach langer Not, das Nachlassen des Schmerzes, das Erkennen von Gottes wohlwollenden Spuren in meinem und unserem Leben, und Frieden.

Ein sanftes Joch

Ja, es ist eine Aufgabe, Gottes Spuren in dieser Welt zu finden und zu helfen sie zu verbreiten – eine Aufgabe, die auch eine Last, ein Joch sein kann. Die Ehren- und Hauptamtlichen unserer Gemeinden wissen das. Und dennoch: Dieses Joch ist ein anderes. Es ist nicht aus Holz, sondern aus einem Material, das sanft ist, angenehm auf der Haut. Es passt sich den Schultern an und sein Gewicht ist gerade so schwer, dass ich es zwar spüre im Alltag, aber gut tragen kann.

Es ist eben kein Joch eines Herrschsüchtigen, sondern das eines liebenden Vaters, der sein Kind genau kennt, und der möchte, dass es ihm gut geht. Er will uns erquicken, unterwegs und am Ziel unseres Weges.

Franziska Roeber ist Pfarrerin im Kirchenkreis Berlin-Süd-Ost.

 

Mann mit Hut am Meer von hinten
Vergebung heilt. Foto: Darius Bashar/unsplash

Zwischen Zorn und Gnade

Predigttext zum 21. Juni 2026
3. Sonntag nach Trinitatis:
Micha 7,18–20

Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast. 
 
Micha 7,18–20


Oma, entschuldige bitte!“ Ich muss wohl sehr verblüfft ausgesehen haben, als sich mein 5-jähriger Enkel nach einem altersgemäßen Wutausbruch und einer kurzen Auszeit zum ersten Mal bei mir entschuldigt hat. Damit hatte ich nicht gerechnet! Die ehrlich gemeinte Entschuldigung hat mein Herz berührt und wir fanden schnell wieder zueinander. Was für eine Erleichterung!

Wo geschieht solche Entlastung bei Schuld, die Menschen einander nicht einfach vergeben können? Wenn Leben gefährdet, bedroht und ausgelöscht wird? Oder wenn Frauen und Männer erniedrigt und ausgegrenzt werden

Schuld macht jeden krank

Unvergebene Schuld macht krank, wie wir heute wissen. Die Schuldigen ebenso wie diejenigen, an denen Schuld begangen wurde. In komplexen Verstrickungen reicht eine einfache Entschuldigung zur Entlastung nicht aus. Vielmehr braucht Vergebung einen entlastenden Prozess: Schuld muss benannt und Wut zugelassen werden. Jemand muss Verantwortung übernehmen. So kann die Kraft für einen Neuanfang wachsen, der Gewesenes nicht leugnet, sondern annimmt und mit dem „Rest“ leben kann.

Die Verse aus dem Michabuch bewegen sich genau in diesem Spannungsfeld zwischen Zorn und Gnade. Der Prophet Micha, dessen Wirkungszeit etwa ins 8. Jahrhundert vor Christus datiert wird, prangert Ungerechtigkeit und Missstände im Land an und ruft zur Umkehr auf. Im letzten Kapitel des Michabuches wird noch einmal Gottes Zorn beschrieben, der Schuld ernst nimmt. Und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb dann am Ende die Frage, die eigentlich schon Antwort ist: „Wo ist so ein Gott …, der die Sünde vergibt? … Er wird sich unser wieder erbarmen … und unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.“

Keine Gegensätze: Zorn und Gnade

Zorn und Gnade gehören zusammen bei Gott, sind keine Gegensätze oder Vorstellungen aus verschiedenen Traditionen. Gottes Zorn richtet sich gegen lebensverachtendes, zerstörerisches Verhalten von Menschen. Gleichzeitig bleibt die Tür zur Vergebung in Gottes Zuwendung offen. Durchgehen müssen wir allerdings selbst. Die freie und unverfügbare Gnade Gottes kann uns neu ausrichten zu verantwortlichem Leben – darauf dürfen wir hoffen. Die Umkehr, die der Prophet Micha immer wieder beschreibt, ist nicht Leistung, sondern Antwort auf Gottes Zuwendung. Sie ist Teil des entlastenden Prozesses zur Entschuldung: Rückkehr in Gottes liebende Arme.

Wo Menschen Barmherzigkeit erfahren und leben, da entsteht eine neue Zukunftsperspektive. Sie führt über das eigene Ich hinaus wieder in die Gemeinschaft, in der die geteilte Freude gefeiert wird. So wie in der Geschichte von der „Barmherzigkeit des Vaters“, wie ich die Geschichte vom „verlorenen Sohn“ gerne betitele, die an diesem Sonntag als ­Evangelium gelesen wird.

Barbara Deml ist Pfarrerin in der Heilig-Geist-Gemeinde Falkensee im neu gegründeten ­Kirchenkreis Havelland.

 

Eine Hand hält ein Smartphone, das eine Route navigiert.
Was gibt uns Orientierung?
Foto: Tamas Tuzes Katai/unsplash

Wo der Geist weht

Predigttext zum 28. Juni 2026
4. Sonntag nach Trinitatis:
Römer 12,17–21

Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: „Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.“ Vielmehr, „wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln“. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.  

Römer 12,17–21

Ich erinnere mich an den Palmsonntag. Die Zeitumstellung liegt nur ­wenige Stunden zurück. Ein Blick auf die Uhr: 9.40 Uhr. Bin ich zu spät? Ein kurzer Moment der Unruhe. Dann die Klarheit: Zeitumstellung. Es ist erst 8.40 Uhr. Der Schlaf fühlt sich kürzer an als sonst. Ein tiefer Atemzug. Der Blick auf die alte Dorfkirche lässt den Puls wieder ruhiger werden.

Fünf Minuten vor Beginn. Der Gottesdienst rückt näher. Doch wo ist unser Organist? Das Team ist nicht vollständig. Wieder steigt die Anspannung. Der Ablauf steht plötzlich auf der Kippe. Für einen Moment steht die Frage im Raum: Wie gehen wir jetzt weiter? Auch die eigenen Gefühle sind da – Unsicherheit, ein kurzer Ärger, vielleicht Enttäuschung. Soll ich mich davon bestimmen ­lassen? Gerade in solchen Momenten zeigt sich, wie verletzlich das Leben in der Gemeinde ist. Es gelingt nicht immer so, wie wir es uns vorstellen. Oft unterscheidet sich der Alltag eines Christen kaum von dem anderer Menschen. Und doch stellt sich die Frage: Was gibt uns Orientierung?

Nächstenliebe ist kein Sonntagsprogramm

Schon zu Zeiten des Paulus war die Gemeinde nicht frei von Spannungen. Sein Rat ist klar: Achtet einander, begegnet euch mit aufmerksamer Fürsorge und lebt in brüderlicher Liebe. Das ist kein Programm nur für den Sonntag, sondern ein Lebensstil – gelebter Dienst an Jesus und am Nächsten. Auch im Umgang mit Unrecht setzt ­Paulus Maßstäbe. „Vergeltet niemand Böses mit Bösem“, heißt es. Stattdessen soll gelten: Haltet fest am Guten gegenüber jedermann. Und wenn das nicht gelingt? Dann bleibt der schwierige Schritt, Vergeltung loszulassen und Gott zu überlassen. Nicht wir müssen die Rechnung begleichen.

Paulus denkt dabei nicht an die großen Konflikte der Welt, sondern an das konkrete Mitein­ander in Gemeinde und Nachbarschaft. Seine ­Worte bringen das zusammen, was die Schrift lehrt und was Liebe praktisch bedeutet. Denn Liebe prägt das Verhalten – im eigenen Leben, in der Gemeinde und gegenüber anderen Menschen. „Den Worten Taten folgen lassen“ – das bleibt herausfordernd. Es gibt Momente der Überforderung, des Zweifelns, des Alleinseins. Doch gerade dort gilt: Gottes Geist ist gegenwärtig. Im Gebet wird aus dem Anspruch ein Weg. Das Evangelium wird im Inneren lebendig. „Eure Liebe soll aufrichtig sein“, so formuliert es die BasisBibel.

Musik aus der „Konserve“

Und „mein“ damaliger Palmsonntag? Viel Zeit bleibt nicht. Der Gottesdienst beginnt gleich. Gemeinsam treffen wir eine Entscheidung: Es gibt Musik aus der „Konserve“. Das Evangelische Gesangbuch – digital, über eine App, mit gesungenen Liedern. Und genau in dieser Einfachheit ­entsteht etwas Besonderes: Gemeinschaft. Spontan werden andere Lieder gewählt. Die Gemeinde geht mit. Es entsteht ein lebendiger Gottesdienst – nicht bis ins Detail geplant, sondern getragen im Moment. Für mich sind es Gänsehautmomente. Und der Gedanke bleibt: Der Heilige Geist weht nicht nur dort, wo alles vorbereitet ist, sondern oft gerade dort, wo wir loslassen und vertrauen.

Michel Erdmann ist Lektor in Berlin

Predigten des Monats April 2026

 

Ein junger Man im grünen T-Shirt und Bart schaut mit gesenktem Blick zu Boden.
Zweifel kann die Seele trüben. Foto tim-mossholder/unsplash

Zum Monatsspruch April 2026

„Jesus spricht zu Thomas: Weil du
mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“
Johannes 20,29 (L)  

Wie gut, dass es im Evangelium diesen Thomas gibt! Der nicht so einfach glauben mag, was die anderen erzählen.
Den ihre Begeisterung nicht überzeugt. Der das selbst sehen möchte. Sehen und begreifen. „Zwilling“ nennt man ihn. Unser Zwilling könnte er sein.

Jesus kommt nur für den Zweifler zurück

Und gut, was das Evangelium daraufhin von Jesus erzählt! Dass er als Auferstandener noch einmal in den Jüngerkreis kommt, nun für Thomas, speziell für ihn und so wie er es braucht. Dass er seine Skepsis versteht und ernst nimmt. Und wie er sich ihm gegenüber verletzlich zeigt: Sieh meine durchbohrten Hände! Lege deine Hand in die Wunde an ­meiner Seite! So nahe lässt der Auferstandene ihn an sich heran!
Und Thomas muss das nun womöglich gar nicht wirklich betasten. Schon diese so persönliche Zuwendung lässt ihn staunend erkennen: „Mein Herr und mein Gott!“

Nicht sehen und doch glauben

Was Jesus ihm daraufhin sagt, gilt eigentlich uns: „Selig, die nicht sehen und doch glauben.“ Denn wir sind es ja, die gar nicht erst die Möglichkeit haben, den Auferstandenen mit eigenen Augen zu sehen. Und doch können wir das für uns wahr sein lassen: Dass Gott Jesus nicht im Tod gelassen hat. Dass der am Kreuz Gestorbene auf uns zukommt und sagt: „Friede sei mit euch!“ Meine Sendung in der Welt – ihr werdet sie fortführen.
Dazu braucht er gerade auch solche wie Thomas. Denen das Glauben schwer fällt. Die das Gehörte erst mal über­prüfen wollen, statt es sich einfach so zu eigen zu machen. Die dann aber bereit sind, das ganz ernst zu nehmen, was sie persönlich berührt und angesprochen hat. Ja, die damit selig werden.

Martin Germer war viele Jahre lang
Pfarrer der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin-Charlottenburg.

 

Predigten im Monat April 2026

Am Ende eines dunklen Tunnels ist ein helles Licht zu sehen
Licht am Ende des Tunnels.
Foto: KI-generiert mit mit Firefly_Gemini 2.5 Nano Banana

 

 

 

 

 

Ins Licht gehen

Predigttext zum 5. April 2026
Ostersonntag: 1. Korinther 15, (12–18) 19–28

Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen. Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.
1. Korinther 15, 19–22
 

Als der niederländische Autor und Liedermacher Herman van Veen einmal in einem Interview gefragt wurde, wie er sich das Leben nach dem Tod vorstelle, antwortete er augenzwinkernd: „Ich versuche einfach nicht zu sterben. Irgendwer muss ja mal damit anfangen nicht totzugehen.“ Van Veen wählt Humor um der Frage nach den letzten Dingen auszuweichen.

Christus im Zentrum

Paulus nutzt eine theologische Argumentationskette, um sich der Frage zu stellen. Denn in der Gemeinde in Korinth, an die er schreibt, gibt es sehr verschiedene Vorstellungen von der Auferstehung. Manche zweifeln sie grundsätzlich an, andere lehren, dass nur die Seele unsterblich sei. Paulus stellt dagegen Jesus Christus und seine Auferstehung ins Zentrum. Da­ran hängt der Glaube für ihn. Nur im diesseitigen Leben aus der Christusbeziehung Hoffnung zu schöpfen – wie elend wäre das? Diese Verbindung muss doch weiterreichen, sie darf an der Schranke des Todes nicht abreißen. Und sie hat das Zeug, dass wir Menschen uns noch einmal in ganz ­neuem Licht sehen.

In den Tod geht er, aber tot geht er nicht

Durch einen Menschen kommt der Tod … und die Traurigkeit, die Sorge vor morgen, die kalte Gleichgültigkeit und die nagende Angst zu kurz zu kommen. Unsere Adams- oder Eva-Seite: Die macht uns kleiner als wir sind, härter als wir müssten, verzagter als gut ist. Durch einen Menschen kommt der Tod. Aber durch einen anderen kommt die Auferstehung. „Irgendwer muss ja mal damit anfangen nicht totzugehen.“ Ja, Christus fängt damit an, der Erstling. In den Tod geht er, aber tot geht er nicht, sondern lebendig. Genauso wir, die mit ihm verbunden sind. Das ist unsere Christus-Seite: Wir gehören zu ihm, egal was kommt, wir sind geliebt, mehr als wir ahnen, wir kommen aus Licht und gehen ins Licht.

Tun, was dem Leben dient

Nirgends wird das stärker zeichenhaft deutlich als bei der Taufe. Früher wurden Kinder wie Erwachsene dabei ganz untergetaucht. Das Auf­tauchen war dann als würden sie neu zur Welt kommen, eine Wiedergeburt. Das Zeichen: Mit dir Mensch fängt Gott immer wieder neu an, sogar im Tod. Zu dir Mensch sagt Gott: Du bist mein Augenstern, meine Lichtgestalt, kein Dunkel soll dich schrecken, heute ist aller Tage Anfang.
„Irgendwer muss ja mal damit anfangen nicht totzugehen.“ Vielleicht ist das Zitat van Veens ja auch Ausdruck einer österlichen Haltung? Weil Jesus dem Tod, diesem letzten Feind, die Macht genommen hat, müssen auch wir Menschen uns den tödlichen Mächten der Welt nicht untertan machen, müssen die Spiele von Hass und Verfeindung nicht mitspielen, sondern können tun, was dem Leben dient, andere aufrichtet, tröstet und stärkt. Einer zeigt uns wie das geht – Christus, der Erstling, Anfänger und Vollender.

Florian Kunz, Superintendent des Kirchenkreises Berlin-Spandau

 

Ein Adler erhebt sich mit ausgebreiteten Flügeln in die Lüfte
Aufsteigen wie ein Adler.
Foto: richard-lee/unsplash

Behaltet die Hoffnung

Predigttext zum 12. April 2026,
Sonntag Quasimodogeniti: Jesaja 40,26–31

Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden. 

Jesaja 40,28–31

Sein „Vormelder“ – so heißen die Antragsformulare im Gefängnis – lag in meinem Briefkasten, mit der Bitte um ein Gespräch. Nun sitze ich bei ihm im Haftraum. Ich höre von seinem Versagen, ­seiner Schuld, seiner Verurteilung und nun der zermürbenden Erfahrung, ein Gefangener zu sein. Er hat nahezu alles verloren und sieht kaum eine Perspektive für die Zukunft. Müde ist er und lässt den Kopf hängen!

Kopf hoch!

Was kann ich ihm sagen, wie kann ich ihn ermutigen, wo ich mich doch selbst manchmal müde und der Resignation nahe fühle angesichts der täglichen Nachrichten vom irren Umgang, den wir in der Welt miteinander pflegen und den wir der Schöpfung antun? Was kann ich ihm sagen? Kopf hoch? Ja doch!
Ich erzähle von dem Propheten, der vor bald dreitausend Jahren mit seinem Volk im Exil lebt, verschleppt, erniedrigt und nahezu perspektivlos. Der den Müden und Verzagten genau das zuruft: Kopf hoch! Schaut auf den unveränderlichen Lauf der Sterne, die Zeugen sind für die Größe der Schöpfung und für die unergründliche Macht ihres Schöpfers. Vertraut und gebt die Hoffnung nicht auf! „Hebt eure Augen in die Höhe und seht … Die auf den Herrn hoffen, kriegen neue Kraft!“

Den Blick auf Gottes wunderbare Schöpfung richten

Ob er sich wohl an das alte Gute-Nacht-Lied erinnert? „Weißt du wieviel Sternlein stehen, an dem blauen Himmelzelt … Gott, der Herr, hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet an der ganzen großen Zahl.“ Ja, genau das ist es, wozu der Prophet uns ermuntert: Kopf hoch und den Blick bewusst richten auf Gottes wunderbare Schöpfung, auf alles, was uns hoffen lässt auf die Zusage, wie sie am Ende des Liedes formuliert ist: „… kennt auch dich und hat dich lieb!“

Getragen wie auf den Flügeln des Adlers

Und dann bleiben wir hängen bei dem Bild fast am Ende des Textes: Denen, die vertrauen und hoffen, wird neue Kraft geschenkt, „dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler“. Das haben wir beide tatsächlich schon gesehen, einen dieser majestätischen Vögel mit seinen mächtigen Schwingen, der sich schon bald nach dem Abheben ganz der ­Thermik überlässt, den Aufwinden, die ihn tragen und fast ohne einen Flügelschlag in unglaubliche Höhen aufsteigen lässt.
Vielleicht wird er am Abend durch sein Zellenfenster hinaufschauen in den Sternenhimmel und ein wenig zur Ruhe kommen. Vielleicht wird er daran denken, dass es in seiner Situation nicht darauf ankommt, in Hektik zu verfallen und wild mit den Flügeln zu schlagen. Aber dass es schon den Mut und das Vertrauen braucht, um zu gegebener Zeit abzuheben und sich – getragen von Gottes Liebe – neu auf den Weg zu machen.

Pfarrer im Ruhestand Manfred Lösch ist
Gefängnisseelsorger im Ehrenamt in Berlin

 

Viele Menschen stehen im Kreis und strecken Ihre Hände aus
An uns ist es, mit Gott auf der Seite der ­Entrechteten zu stehen.
Foto: KI erstellt mit Firefly_Gemini 2.5 Nano Banana

Der gute Hirte verändert uns

Predigttext zum 19. April 2026
Sonntag Misericordias Domini: 1. Petrus 2,21b–25

Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen; er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet; der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.
 1. Petrus 2,21b–25
 

Sie werden beim Lesen dieses Predigtabschnittes den Kopf schütteln. „Ihr seid dazu berufen, zu ­leiden; ihr seid völlig unschuldig, aber wehrt euch auf keinen Fall; haltet den Mund und ertragt euer Leiden still, denn dann tretet ihr in die Fuß­stapfen Jesu!“ Das soll unser von Gott gewolltes Leben sein?
Klarheit bekommen wir, wenn wir die voraus­gehenden Verse zur Kenntnis nehmen. „Ihr ­Sklaven, ordnet euch in aller Furcht den Herren unter, nicht allein den gütigen und freundlichen, sondern auch den wunderlichen …“ (Vers 18).
Ein Hymnus wurde den Sklaven und leibeigenen Haus­angestellten gewidmet, ein Lied. Denn der Schreiber dieser Zeilen wusste ein Lied davon zu singen, wie es den Sklaven zumute gewesen sein mag.

Jesus will unserer gute Hirte sein

Sklaven können sich nicht wehren und sind der Willkür ihrer Beherrscher ausgeliefert. Der einzige Widerstand, der ihnen bleibt, ist die Bewahrung ihrer Würde. Nein, ihr Schicksal ist nicht die ­Konsequenz irgendeines Fehlverhaltens, ihr Schicksal ist die Folge des miesen Gebarens ihrer Herren. Die Sklaven sind in ihrem unschuldigen Leiden ganz nah bei Jesus Christus. Sie sind wie orientierungslose Schafe, wie es in einem Bild aus Jesaja 53,6 heißt. Gott wird ihnen zum „Hirten und Bischof“, (wörtlich übersetzt: „Aufseher“, modern: „Supervisor“) ihres Lebens. Wir feiern den „Guten-Hirten-Sonntag“. Jesus hat uns ­zugesagt, unser guter Hirte zu sein.

Wir können Menschen als Hirten zur Seite stehen

Sind wir mit diesem Text gemeint, wir, die wir keine Sklaven sind? Ja, sind wir! Allerdings aus anderer Perspektive. Wir gehören in unserem ­reichen Land auf die Seite der Herren. Wenn anderswo auf der Welt Menschen wie Sklaven behandelt werden, wenn sie mit Krieg und ­Grausamkeit überzogen werden, wenn sie unter Gewaltherrschaft dahinvegetieren müssen, dann ist auch unser reiches Land beteiligt. Wir können uns nicht aus der Verantwortung stehlen – und wir wollen es auch nicht.
An uns ist es, mit Gott auf der Seite der Unterdrückten, der Entrechteten zu stehen. Dann sind wir Gott ganz nahe. Wie behandeln wir Geflüchtete, die aus Ländern kommen, die für ihre Gastfreundschaft bekannt sind? Aus der Sklaverei ihrer Heimat entflohenen Menschen stehen wir als
„Hirten“ und „Bischöfe“ zur Seite.
Elf Tage nach dem jüdischen Pessach-Fest, dem Fest der Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten, feiern wir einen Guten-Hirten-Sonntag und ­danken dafür, dass wir in Jesus Christus einen guten Hirten haben, der uns zu guten Hirten macht für Menschen, die ohne Würde sind.

Christian Zeiske ist Pfarrer im Ruhestand in Berlin.

 

Vier Menschen stehen um einen Kranken herum und versorgen seine Wunden
Kranke pflegen. Unbekannter Künstler.
Foto: europeana-Xj/unsplash

Früchte bringen

Predigttext zum 26. April 2026
Sonntag Jubilate: Johannes 15,1–8

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.  Johannes 15,5–8

Ich bin der wahre Weinstock, der gute Hirte, das Licht der Welt, der Weg, die Wahrheit. Sieben ­solcher Ich-bin-Worte Jesu begegnen uns im Johannesevangelium. Manchen sind sie auf den ersten Blick nicht so sympathisch. Kennen wir doch aus unserer Gegenwart genug Menschen, die sich größenwahnsinnig und narzisstisch zum Maßstab aller Dinge machen, das Recht und sogar das Lebensrecht anderer Menschen missachten, Lüge zur Wahrheit erklären und Kritik an ihren Maßnahmen bestrafen. Auch zu Zeiten Jesu hatten Menschen Zweifel, ob Jesu Anspruch, der verheißene Messias zu sein, wirklich berechtigt war. Woran konnten sie das erkennen?

Gute Reben

Ich bin der wahre Weinstock, mein Vater ist der Weingärtner und ihr seid die Reben. So erklärt Jesus seine Beziehung zu Gott, zu seinen Jüngerinnen und Jüngern und zu uns. Er beschreibt uns als Menschen, die durch sein Wort gereinigt ­wurden und damit zu guten Reben geworden sind, die viel Frucht bringen können.
Wie heikel diese Verbindung der Jüngerinnen und Jünger damals zu Jesus war, können wir ahnen, wenn wir sehen, dass in diesen acht ­Versen sechsmal dazu aufgerufen wird, dass die Verbindung zwischen Jesus, den Jüngern und ­Jüngerinnen und Gott als Vater Jesu erhalten bleibt, dass sie nämlich an ihm und in ihm bleiben. Erkennbar wird unsere bleibende Verbindung mit ihm daran, dass wir viel Frucht bringen.

Baum des Lebens voller Früchte

Welche Früchte unserer Verbindung zu Gott und Jesus sind für uns und andere sichtbar? Daran messen uns auch diejenigen, die selbst keinen oder einen anderen Glauben haben. Als durch Christi Tod Gereinigte und Gerechtfertigte wollen wir diese Früchte des Glaubens bringen. Auf einem der ersten Hungertücher von Misereor ist der Baum des Lebens, an dessen Stamm der Gekreuzigte hängt, voller großer Früchte dieses Lebens, ­Leidens und Auferstehens Jesu Christi.

Diakonie, Frieden und Freude

Wenn ich diese Früchte beschriften könnte, würde ich sie so benennen: Diakonie als Sorge um die Kranken und Alten; Frieden als Botschaft nicht nur zu Weihnachten für eine Welt voller Konflikte und Aufrüstung; Freiheit als Aufbruch aus der Ohnmacht gegenüber Gewalttätern; Auferstehung als österliche Hoffnung in Trauer; Freude an pfingstlicher Vielfalt in Zeiten von Ausgrenzung und Abschiebungen.
Jesus traut uns zu, diese und andere Früchte unseres Glaubens zu bringen, wenn wir die Verbindung zwischen ihm, Gott und untereinander ­pflegen. Mit dieser Perspektive lädt er uns zum Jubilieren ein: „Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jüngerinnen und Jünger.“

Dr. Gerdi Nützel, Pfarrerin für internationale Studierende, Berlin

Predigten des Monats März 2026

 

Eine Frau hält ihre Hand an eine Scheibe mit Wassertropfen Monatsspruch März 2026

„Da weinte Jesus.“       
 Johannes 11,35 (E)  

Jesus weinte, „im Innersten erregt und erschüttert“, wie es in der Einheitsübersetzung heißt. Tiefe Trauer über den Tod seines Freundes Lazarus wühlte ihn auf – bevor er ihn als Zeichen für seine Gottessohnschaft auferweckte. Einen sen­siblen Jesus stellt uns Johannes in dieser Szene vor, einen, der am Schicksal der Menschen teilnimmt, der seine Trauer und Erschütterung nicht hinter frommen Worten versteckt.
Könnte das nicht eine Ermutigung für uns sein, uns so vertrauensvoll wie Maria und Martha an ihn zu wenden, ihm auch unser Leid zu klagen? Wie Jesus hier zum Segen für Lazarus und seine Familie wird, können auch wir zum Segen für unsere Umgebung werden. Den Tod können wir nicht rückgängig machen, aber wir können ihm seinen Schrecken nehmen, Trauer in Hoffnung verwandeln.

Solidarisch mit anderen sein

Zugehend auf Ostern, motiviert durch spirituelle Leidenschaft, solidarisch mit anderen dürfen wir hoffen, dass auch unser Weinen vorübergeht. Der Benediktiner Anselm Grün gibt zu bedenken: „Weil Gott so viel Geduld mit uns hat, führt er uns immer wieder liebevoll zurück auf den Weg zu ihm.“
Das Vertrauen in Gott, der mit uns geht, kann neue Kräfte in uns wecken. Wir dürfen hoffen, dass unsere Trauer und unser Weinen gewandelt werden. Über allem Dunklen steht Gottes leidenschaftliche Liebe zu uns Menschen. So brauchen wir uns unserer Tränen nicht zu schämen. Wir dürfen auch klagen und schimpfen wie die Psalmisten. Aber wir dürfen uns getragen wissen von Gottes ­gütiger Hand, von seinem wirksamen Segen.

Walter Plümpe ist freier Autor und Katholik in Berlin.

 

Ein Mann mit Bart und rotem übergeworfenen Mantel hält einen Stab

 

 

 

Die Kraft des Glaubens

Predigttext zum 1. März 2026
Sonntag Reminiszere: Römer 5,1–5 (6–11)

Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus. Durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung auf die Herrlichkeit, die Gott geben wird. Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.          
                     Römer 5,1–5 

Hoffnung lässt nicht zuschanden werden. Das ist bei weitem mehr als „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ und vor allem mehr als dass man seine Hoffnung irgendwann mal fahren lässt. Paulus sagt uns: Hoffnung habt ihr immer! Ihren Ausgang nimmt dieses Bekenntnis in der Gewissheit, durch den Glauben gerecht zu sein. Paulus hat erkannt, dass wir selbst nichts ausrichten können, um vor Gott gerecht dazustehen. Aber ebenso hat Paulus erkannt, dass Gott alles ausgerichtet hat, damit wir gerecht vor ihm dastehen können.
Unser Glaube ist die Antwort auf Gottes Gnadengeschenk. Und diese Antwort verändert unser Leben, weil wir auf Hoffnung leben dürfen. Die Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes. Sie verändert unser Denken, Fühlen und Wissen in dieser Welt.

Manchmal wird uns der  Boden weggezogen

Wir dürfen wissen, dass unsere Bedrängnisse uns Geduld bringen. Das frühe Christentum und Paulus wissen noch sehr genau, was Bedrängnis ist. Angst zu haben um sein Leben, wenn man für eine bestimmte Sache einsteht. Wir heute kennen eher die inneren Bedrängnisse unseres Glaubens. Es passiert viel, was uns am Glauben zweifeln ­lässt. Zum Beispiel haben es viele erlebt, wie Krankheit und Tod eines geliebten Nächsten sich in unser Leben drängen. Alles scheint auf einmal unsicher: Wie kann es weitergehen? Mir wird der Boden unter den Füßen weggezogen!

Auch bedrängen uns hart die Sorgen um den Lauf unserer Welt. Die Kriege um uns herum enden nicht. Sie führen zu Strömen von Flüchtlingen. Verzweifelt sehen wir uns das an, fühlen uns oft ohnmächtig, helfen zu können. Wie soll es gelingen, in der Ukraine, im Sudan, in Israel/Palästina Frieden zu schaffen? Auch unsere Umwelt ist bedroht. Können die Schäden, die wir dieser Welt zugefügt haben, jemals wieder heil werden? Ich fühle mich klein, jämmerlich und machtlos gegenüber allem, was um mich herum passiert.

Die Kraft Gottes hält uns

Paulus sagt, ein Leben im Glauben kann das aushalten. Mehr noch, es sind gerade die Bedrängnisse, die uns Geduld lehren. Keine Frage, das ist schwer. Doch die Kraft des Glaubens vermag mehr, als wir tragen zu können meinen. Denn es sind nicht wir, die uns hindurchtragen. Es ist die Kraft Gottes, die uns hält und aushalten lässt, was wir selbst nicht ertragen können. Wir spüren: Wo wir uns auf Gott verlassen, da sind wir nicht verlassen. Viele Menschen haben das erfahren dürfen. Gott führt uns nicht um unsere Sorgen und Ängste herum. Aber er führt uns hindurch.

Wo wir das spüren, bekommen wir Hoffnung. Eine Hoffnung aus der Gewissheit heraus, dass es einen gibt, der größer ist als wir und der unser aller Leben hält. Gott liebt uns, darum wird unsere Hoffnung nicht zuschanden. Sie ist das große Geschenk, das wir von Gott bekommen. Sie prägt das Leben und kann zu jeder Zeit Leben neu möglich machen.


Thilo Haak, Pfarrer in der Ostergemeinde in Berlin-Wedding

 

Ein Mann hält die Hand eines anderen Menschen, beide Hände sind von Licht umstrahlt
In der Nachfolge gehalten. Zeichnung von Michel Erdmann

Unterwegs ohne festen Ort

Predigttext zum 8. März 2026,
Sonntag Okuli: Lukas 9,57–62

Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.
L
ukas 9,57–62

Lukas 9,57–62 ist ein unbequemer Text. Drei Menschen wollen Jesus nachfolgen, und Jesus macht ihnen nichts leicht. Keine Sicherheiten, kein Aufschieben, kein Zurückschauen. „Die Füchse haben Gruben“, sagt er, „aber der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegt.“ Nachfolge klingt hier nicht nach frommem Ideal, sondern nach Verlust, Bruch und Risiko.
Während ich diese Predigtgedanken schreibe, schläft mein Kind im Wohnzimmer. Die Nacht war unruhig. Und doch bin ich dankbar: für ein Dach über dem Kopf, für Wärme, für Sicherheit.

Iranische Familie in Angst

Nicht allen ist das geschenkt. Heute war eine iranische Familie in meiner Beratung. Auf der Flucht vor Islamisten, ­Christen aus dem Iran, nun in Deutschland. Ihre größte Sorge: Dürfen wir ­bleiben? Ihr Sohn ist teils gelähmt an den Beinen, stark in den Armen, mutig im Herzen. Ich sehe ihn spielen, bauen, kämpfen mit Rittern und ­Drachen. Für einen Moment hellt sich das Gemüt der Eltern auf. Doch die Angst bleibt. Ein gutes Wort allein hilft hier nicht.

Nach vorn schauen

Und doch gibt es eine tiefe Verbindung zwischen dieser Familie und Jesus. Auch Jesus ist unterwegs, ohne festen Ort. Selbst Tiere haben Höhlen und Nester – Menschen nicht immer. Auf dem Weg nach Jerusalem fordert Jesus alles von seinen drei möglichen Jüngern: Alte Sicherheiten loslassen, selbst engste (familiäre) Bindungen zurückstellen. Es klingt hart, ja verletzend.
Doch Jesus macht deutlich: Leben ist nur dort, wo Gottes Herrschaft Raum gewinnt. Alles andere gehört dem Tod. Wer die Hand an den Pflug legt und zurückschaut, verliert den Blick nach vorn – ins Licht.

Stärkste Gaben

Ist das nur ein Ideal? Bei der iranischen Familie spüre ich kein Ideal, sondern Sehnsucht. Als sie hören, dass ich Christ bin, leuchten ihre Augen. Freude bricht durch. Am Ende frage ich: Darf ich beten? Darf ich segnen? Wir stehen auf, Hände werden aufgelegt, Worte übersetzt. Tränen fließen. Gebet und Segen werden zu den stärksten Gaben.

Okuli – „Meine Augen sehen nach dem Herrn“. Nachfolge heißt nicht, alles zu können. Aber sich (immer wieder neu) auszurichten. Unterwegs zu bleiben. Wenn das Herz brennt, spüren wir neu: Wir gehen im Licht Jesu. Die Dunkelheit darf warten.

Michel Erdmann, Prediger und Lektor, Berlin

 

Ein Baby liegt geborgen auf dem Schoß der Mutter und saugt an ihrer Brust
Das Baby ist zutiefst geborgen, trinkt und bekommt Kraft.
Foto: wren-meinberg-aE2QqMECnbQ-unsplash

Tröstliche Wegzehrung

Predigttext zum 15. März 2026
Sonntag Lätare: Jesaja 66,10–14

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. 
    Jesaja 66,10.11.12b.13
 

Jesaja ist der bedeutendste Tröster des Alten Testaments, ununterbrochen seit circa 520 vor Christus. Sein Ansprechpartner war das Volk Israel. Jesajas Trostworte gaben Zuspruch und Zuversicht. Nach der Rückkehr aus der babylonischen Ge­fangenschaft freute man sich auf den Neubeginn im gelobten Land, denn dort sollten bekanntlich „Milch und Honig“ fließen. Der Tempel konnte wieder aufgebaut werden. Man richtete sich unter persischer Oberhoheit irgendwie ein, doch es war nicht der eigene Staat. Die erwartete Heilszeit war zudem durch die katastrophale wirtschaftliche Lage in die Ferne gerückt. Träume zerplatzten. Frustration und Wut, Trauer und Verzweiflung stellten sich ein.

Auf das blicken, worüber wir uns freuen

Wohin solche Unzufriedenheit und Enttäuschung führen, das können auch wir in der ­derzeitigen weltpolitischen Situation gut nach­vollziehen. Sie ist gefüllt von Krieg, Hass und überbordenden Machtgelüsten und imperialen ­Zielen. Zu vieles, was im Augenblick geschieht, ängstigt uns. Trotzdem gilt es gerade in schwierigen Zeiten, in denen uns der Mut verlassen will, darauf zu schauen, worüber wir uns freuen ­können. Und das ist nicht wenig.

Der „dritte Jesaja“ oder Tritojesaja genannt, der die Kapitel 55 bis 66 schrieb, versuchte seine Mitbürger aufzumuntern, zu trösten. Er wusste es: Gott ist nicht nur der Mächtige, Schöpfer und Richter. Er hat auch eine mütterliche Seite: liebevoll, schützend, erbarmend. Jesaja hat das Bild von der Mutterliebe zu ihrem Baby vor Augen. Es wird auf den Arm genommen, denn dahin könnte es selbst nicht kommen. Das Baby wird an die Brust gelegt und fängt an zu saugen. Es ist zutiefst geborgen, trinkt und bekommt Kraft. Zunächst wird die Stadt Jerusalem mit dieser ­Mutter verglichen, und dann Gott selber: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

Wer Gott einlässt, hat Hoffnung

In der schweren Zeit, die das Volk erleben ­musste, stimmt der Prophet in die Klagen der Menschen um ihn herum nicht mit ein, er zeichnet kein düsteres Bild der Zukunft. Er tröstet, richtet auf, macht Mut und fordert seine Zuhörer sogar auf, sich zu freuen. „Freuet euch mit ­Jerusalem …“ Jesaja geht es in seinen Trost­worten um die Gegenwart Gottes, um Frieden und Freude und Versorgung. Wer Gott in sein Leben einlässt, der ist nicht untröstlich, der hat ­Hoffnung. Damals wie heute.

Mitten in der Passionszeit, in der das Leiden Jesu und der Welt bedacht wird, heißt der heutige Sonntag Lätare – „Freuet euch“. Man nennt ihn auch das „kleine Osterfest“. Es ermöglicht einen Blick in ein neues Leben, das hinter dem Leiden und dem Sterben liegt. Eine tröstliche Wegzehrung bis zum Osterfest und darüber hinaus.

Klaus Büstrin ist Prädikant und freier Autor in Potsdam.

Ein Glasfenster zeigt eine Frau mit einem Ölgefäß und einen Mann, der seine Hand an ihren Kopf hält
Die Sünderin salbt Jesus. Glasfenster in der Christuskirche Korntal Foto: CC BY-SA 3_0, wikimedia commons.

Diese Frau wagt Außergewöhnliches

Predigttext zum 29. März 2026
Palmsonntag: Markus 14, (1–2) 3–9

Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kost­barem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.   
      Markus 14,3+6+8t

 Palmsonntag – ein biblischer Sonntag der Gegensätze: Jesus wird wie ein König bei seinem Einzug in Jerusalem gefeiert; ein König auf einem Esel!? „Hosianna“ rufen die einen; „kreuzige“ rufen kurz danach die anderen. Wir hören die Erzählung von der Glaubensgeschichte einer namenlosen Frau, die Jesus kurz vor seinem Tod mit kostbarem Salböl salbt. Anders als die Jünger Jesu wagt diese Frau etwas Außergewöhnliches – wider alle Konvention und Tradition. Sie beweist Mut.

Eine Frau stärt die Männergesellschaft

Die Frau schweigt die ganze Zeit ihres Auftritts. Ungefragt und ungehörig schreckt die Frau die Runde der Männer hoch. Mit einem unglaub­lichen Aufwand stört sie die Männergesellschaft: Sie gießt kostbares, teures Salböl auf Jesu Haupt. Die Jünger Jesu sind entrüstet. Bei ihnen taucht sofort die bis heute aktuelle Streitfrage auf, was den Luxus und seine sinnvolle Verwendung betrifft. Heute fragen Menschen: Warum verwenden Kirchengemeinden zum Beispiel so viel Geld für die Pflege von Orgeln, für die Erhaltung alter Gebäude oder für festliche Veranstaltungen? Wäre dieses Geld nicht sinnvoller für soziale Not und Armut in Krisengebieten, für Hungernde und Flüchtlinge in der Welt, gesammelt?

Zur rechten Zeit das richtige getan

Wir wissen nicht, warum die namenlose Frau so gehandelt hat. Sie ist verschwenderisch in ihrer Hinwendung und Zuneigung zu Jesus. Sie setzt eigene Prioritäten. Ihr Tun hat nichts mit Berechnung und ökonomischem Denken und Nutzen zu tun. Zuneigung lässt sich nicht bilanzieren! Die Frau setzt ein klares Zeichen: Dieser Jesus ist der Gesalbte! Dabei bleibt völlig offen, ob sie von dem bevorstehenden Tod Jesu weiß oder ihn ahnt. Sie schweigt und handelt.

Dann ergreift Jesus das Wort. Er spricht aus, was diese Frau zeichenhaft getan hat. Anders als die Jünger hat sie „getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis“. Jesus schaut voraus auf seinen Karfreitag. Die Jünger verstehen seine Botschaft nicht. Sie wollen nicht hören, dass diese Frau ein „gutes Werk“ getan hat – zur rechten Zeit das Richtige!

Das Antlitz Christi im Nächsten entdecken

Denkbar ist, dass wir heute mit unserem Namen durch unser Tun der namenlosen Frau einen Namen geben. Sie macht Mut, in unserer Begegnung mit anderen Menschen nicht nur unserem Verstand zu folgen, sondern auch spontane, ­ungewöhnliche Handlungen zu wagen. Die Frau ist Vorbild darin, dass eine wenig ökonomische Tat gerade sinnvolles Leben symbolisiert. So bekommen wir Mut, im Angesicht des namenlosen, schweigenden Nächsten das sterbende und auferstehende Antlitz Jesu Christi zu entdecken.

Klaus Wollenweber, früherer Bischof der Evange­lischen Kirche der Schlesischen Oberlausitz, Bonn