Predigten des Monats September 2022

 

 

Mit ganzem Herzen lieben.
Foto: pixabay

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Monatsspruch September 2022
„Gott lieben, das ist die allerschönste Weisheit.“           
Sirach 1,10 (L)  

 Gott lieben? Wie kann das gehen? Einen ­Menschen zu ­lieben, das scheint doch viel leichter zu sein. Vielleicht ist er schön, klug, ein Dichter, ein Klavierspieler oder herzensgut. Wie plötzlich Liebe entsteht, bleibt sowie so ein Geheimnis. Aber jemanden zu lieben, der gar nicht da ist zum Anfassen und Umarmen und liebe Worte ins Ohr ­flüstern?

Zugegeben, das macht die Sache komplizierter. Aber Gott ist da! Nur anders. Ich kann mit ihm Hand in Hand durchs Leben gehen, ohne dass ich seine Finger berühre. Mich berühren seine Worte! Auch das, was ich durch Jesus Christus und sein Leben aus den Evangelien von ihm erfahre. Wie er mit Menschen umgeht, welchen Geist er in unser Herz und unseren Sinn füllen will. Wie sehr er darum wirbt, uns zu gewinnen. Und täglich neu lässt sich erfahren, dass er nahe ist, durch Gottes Geistesgegenwart.

Beim Lausitzkirchentag in Görlitz im Juni stellten sich plötzlich fünf junge Männer an die Rathaustreppe. Sie hielten jeder ein Schild hoch. Zusammen gelesen stand da: „Wenn Sie wissen wollen, was es uns bedeutet, himmlisch begehrt zu sein, dann fragen Sie uns doch mal!“ Jeder erzählte eine andere Begegnungsgeschichte zwischen ihm und Gott. Einer hätte sein Haus verlassen müssen, weil es verkauft werden sollte. Als er schon vergeblich nach Käufern im Freundeskreis gesucht hatte, weil er sonst hätte ausziehen müssen, und aufgab, kam sein Nachbar, der von der Not gehört hatte, und kaufte es. Er durfte mit seiner Familie wohnen bleiben und sie wurden sogar noch gute Freunde. Für den jungen Mann ein Hinweis, dass er „himmlisch begehrt“ ist. Und seine Boten unterwegs sind. Und dafür liebt er Gott.

Sibylle Sterzik, Berlin

 

 

Paulus Damaskuserlebnis. Gemälde von ­Michelangelo.
Foto: PD/via Wikimedia

Musterunterbrechung

Predigttext zum 4. September 2022
12. Sonntag nach Trinitatis:

Apostelgeschichte 9,1–20 

Der Herr sprach zu Hananias: Steh auf und geh in die Straße, die die Gerade heißt, und frage in dem Haus des Judas nach einem Mann mit Namen Saulus von Tarsus. Denn siehe, er betet und hat in einer Erscheinung einen Mann gesehen mit Namen Hananias, der zu ihm hereinkam und ihm die Hände auflegte, dass er wieder sehend werde. Hananias aber antwortete: Herr, ich habe von vielen gehört über diesen Mann, wie viel Böses er deinen Heiligen in Jerusalem angetan hat.

Apostelgeschichte 9,11–13

Können Menschen sich ändern? Ihre Werte, Grundhaltungen und Reaktionsmuster, ihr Verhalten? Also grundlegend und nicht nur ein bisschen an der Oberfläche. Also nicht „noch mehr desselben“ (Paul Watzlawick), sondern als echte Musterunterbrechung? Wilhelm Busch dichtete pessimistisch: „Die Wohnung schön, die Möbel neu – der alte Lump ist auch dabei.“

Die Bibel nennt Musterunterbrechungen „Umkehr, Buße“. Und erzählt immer wieder davon, wie nötig das ist und wie es immer wieder mal gelingt, dass Menschen sich neu ausrichten. Der Abschnitt aus der Apostelgeschichte ist überschrieben mit „Die Bekehrung des Saulus“, wohl eine der berühmtesten Musterunterbrechungen. Zunächst ist er felsenfest davon überzeugt, genau das Richtige zu tun, wenn er Christen verfolgt, bedroht, inhaftiert. In seinem ­bisherigen Werte­system und Weltbild ist das ­stimmig, ja notwendig.

Wie viele radikalisierte religiöse Gruppen, ­brutale Terrorzellen, War-Lords und Diktatoren gibt es auch heute, die Verfolgung, Entführung, Folter, Mord als Mittel zu einem Zweck verstehen, den sie für heilig halten. Und wie unsäglich viel Leid wird dadurch über Menschen gebracht! Unsere Friedensgebete richten sich ja immer wieder darauf, dass sie aufwachen und umkehren. Loslassen von ihrem zerstörerischen Denken und Handeln.

Allerdings scheint es so zu sein, dass Menschen sich selbst nicht ändern können und – einmal in solcher Spirale – nicht mehr davon loskommen. Es sei denn, es gibt einen Impuls von außen, der sie mitten ins Herz trifft, der ihr Weltbild fundamental erschüttert. So war das jedenfalls bei Saulus. Die Begegnung mit Jesus Christus haut ihn regelrecht aus dem Sattel. Der Täter wird hilfebedürftig. Vorübergehend wird sein Augenlicht deaktiviert, damit er Zeit und Raum bekommt, mit dem Herzen zu sehen. Ein heftiger Schlag, der ihn aber nicht umbringt, sondern zur Umkehr bringt. Manchmal können fundamentale Erschütterungen ausgesprochen hilfreich sein, wie schmerzlich sie auch sind. Weh dem, der das nie erfahren musste.

Allerdings muss nicht nur Paulus umdenken, sondern auch Hananias, Christ in Damaskus mit einem klaren Bild seines Feindes. Er kriegt zwar keinen Schuss vor den Bug, aber auch einen klaren Hinweis von Gott, dass er sich von diesem Feindbild lösen muss. Feindbilder zu pflegen geht nicht auf dem Weg Jesu. So wird auch er zu einer Musterunterbrechung bereit. Etwas ganz Neues entsteht, was Menschen näher zu Gott bringt und den Frieden fördert. Lasst uns Gott darum bitten, für uns selbst und unsere Feinde.

Pfarrer Gerold Vorländer leitet den Dienstbereich Mission der ­Berliner Stadtmission

 

Einer ist verletzt – aber wer hilft?
Foto: pixabay

Knallharter Krimi

Predigttext zum 11. September 2022,
13. Sonntag nach Trinitatis:
Lukas 10,25-37

Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte es ihn; und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und ­pflegte ihn. 

                                                         Lukas 10, 31–34

Ich muss es Ihnen gleich sagen, diese Geschichte könnte sonntags bei Tatort oder Polizeiruf 110 zu sehen sein. Es geht um Raub, schwere Körperverletzung und zweifache unterlassene Hilfeleistung! Im Grunde ist das ein knallharter Krimi.

Ein Mann, nein ein Mensch wird überfallen. Er joggt jeden Tag in diesem Waldstück. An diesem Tag ist alles anders. Plötzlich hört er es knacken und schon wird ihm schwarz vor Augen. Irgend­jemand raubt ihn aus. Sparkassenkarte, Geld, alles wird ihm geraubt. Hilflos wird er liegen gelassen. Nur sein Handy bleibt ihm. Als er benebelt aufwacht und sein Handy in seine Hand nimmt, merkt er, ein Funkloch! Er blutet am Kopf, sein rechter Arm schmerzt. Er wird wieder ohnmächtig.

Stundenlang liegt der Mensch so am Wegesrand. Was er nicht bemerkt, Menschen laufen an ihm vorbei. Sehen ihn! Bleiben kurz stehen und rennen weiter! Unterlassene Hilfeleistung! Der Staatsanwalt wird eingehend ermitteln. Gerichtsreporter berichten später tagelang über diesen aufsehenden Prozess in den Zeitungen. Mit spitzer Feder schreiben sie, ein Sonderling hätte den ­Jogger einen Tag später schwerverwundet gefunden und alles Notwendige sofort veranlasst.

Ein Sonderling! Mehr war nicht zu erfahren. Im Ort machte das Gerücht die Runde, es sei ein Pilger auf dem Weg nach Santiago de Compostela gewesen. Andere erzählten, ein Fremder, einer mit einem großen Auto sei es gewesen … Frappierend, keiner der Einheimischen holte sein Handy aus seiner Tasche und setzte wenigstens einen Notruf ab. Die Polizei ermittelte in akribischer Kleinarbeit jeden, der keine Hilfe leistete.

Staunend las eine ältere Staatsanwältin in den Vernehmungsprotokollen: „Schließlich hätte ich mich mit AIDS oder Affenpocken oder Hepatitis anstecken können!“ „Wartet eventuell ein anderer versteckt, um mich ebenfalls auszurauben!“ „Ich nahm an, er sei nur betrunken! Er wird sich wieder aufrappeln!“ Die Ausreden nahmen in den Protokollen kein Ende. Ausreden sind aus schlechtem Holz selbst gezimmerte kleine Brücken, um in ganz bestimmten Lebenslagen an das vermeintlich rettende andere Ufer zu gelangen. Dort wird es schon irgendwie weiter gehen.

Jesus erzählt diesen Krimi einem Menschen, der von Berufs wegen wissen müsste, wie das Leben zu leben ist. Einem ganz Frommen wird der ­Spiegel vorgehalten mit dem Glaubensgrundsatz jedes Israeliten. Ob er erschrickt, als er von einem Nichtfrommen erfährt, wie denn Nächstenliebe im Alltag gelebt werden soll?

Wer Nichtfromme sind, wissen wir wohl allzu schnell! Leider! Jesus warnt vor der Anwendung solchen Denkens auf andere Menschen. Wer anderen Menschen hilft, ist auf den Lebensspuren von Jesus, dem Heiland! Fachleute im Sinne der Bibel fragen nicht nach der Rettung des eigenen „Ichs“. Sie packen an, retten, helfen, beten für Mitmenschen. So sind diese Bibelgeschichten Geschichten die aus der Zeit fallen und aktuell bleiben. Sie erreichen uns. Sie begleiten uns durch unser Leben! Gott sei Dank dafür!

Albrecht Kalusche ist Mitarbeiter im Gemeindedienst der Evangelisch-methodistischen Kirche ­Reinsdorf

 

Wasser besitzt Heilkraft. Foto: pixabay

 

 

Danklied der Erlösten

Predigttext zum 18. September 2022
14. Sonntag nach Trinitatis:
Jesaja 12,1–6

Zu der Zeit wirst du sagen: Ich danke dir, HERR! Du bist zornig gewesen über mich. Möge dein Zorn sich abkehren, dass du mich tröstest. Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil. Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Brunnen des Heils. Und ihr werdet sagen zu der Zeit: Danket dem HERRN, rufet an seinen Namen! Machet kund unter den Völkern sein Tun, verkündiget, wie sein Name so hoch ist! Lobsinget dem HERRN, denn er hat sich herrlich bewiesen. Solches sei kund in allen Landen! Jauchze und rühme, die du wohnst auf Zion; denn der Heilige Israels ist groß bei dir!

                                                         Jesaja 12,1–6

Unser Predigttext ist die Aufforderung zum ­Singen, ein Loblied. Ich bin von diesem Text begeistert. Durch und durch positiv, ein Loblied auf Gott und eine Art Animation. Hier werden Menschen zu etwas ermutigt, das mit großen ­Emotionen zu tun hat: „Lobsinget! heißt es. Jauchzet! Jubelt! Verkündet! Preist den Herrn!“ ­Starke, dynamische Appelle: lasst eure Freude ­heraus an Gottes Heilshandeln! Das Lied weist in die Zukunft des Volkes Israel, das schlimme Erfahrungen mit Gottes Zorn gemacht hat. Mitten hinein in Bedrohungen und die Erwartung der kommenden Nöte verheißt der Prophet eine große Wende. Künftiges Heil und ein Heilsbringer werden in den vorausgehenden Kapiteln versprochen. Gott sieht über den Tellerrand der gegenwärtigen Sorgen seines Volkes hinweg auf die kommende Rettung. Sehnsucht und Hoffnung, Dankbarkeit und Gotteslob werden eines Tages wieder übermächtig. Voller Freude verheißt Jesaja, dass sie staunend von dem gleichen Gott sagen werden: „Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil.“ Ein Lichtblick am Ende des Tunnels. Der deprimierte Blick wird geweitet.

Was ist hier geschehen? Jesaja hatte offenbar die Vision einer großen Veränderung der Notsituation und der Menschen durch eine Art Gesundbrunnen oder Heilquelle. „Ihr werdet Wasser schöpfen aus den Quellen des Heils, der Rettung.“ Heilendes Quellwasser also wird im Überfluss vorhanden sein, um daraus zu schöpfen. Seit Jahrhunderten setzen Menschen ihre Hoffnung auf die Kraft von Heilwässerchen aus bestimmten Mineralquellen. Und, ehrlich gesagt: Träumen wir nicht auch von einer Art Heilquelle für die Katastrophen unserer Erde? Aus Heilquellen zu schöpfen kann doch nur Gutes bedeuten, Gesundheit, Friede, Freude, Frische und Lebendigkeit. So ist Gottes Seelsorge.

Woher beziehen diese Wasserquellen, von denen der Prophet spricht, ihre Heilkraft? Wenn Gott selbst die Quelle des Lebens und des Heils, der Rettung ist, wie auch die Psalmbeter glaubten, dann haben wir mehr als eine gewöhnliche Wasserquelle, die kurzzeitig den Durst löscht. Jesus erklärte es am Jakobsbrunnen der Samariterin so: „Das Wasser, das ich geben werde, wird in dir eine Wasserquelle werden, die ins ewige Leben quillt.“ Bei unseren jüdischen Geschwistern hatte fließendes, „lebendiges Wasser“ immer schon eine größere theologische Bedeutung als abgestandenes Brunnenwasser. Es ist ein Bild für die Reinheit der innigen Beziehung zu Gott und seinem Wort. Das ist Jubel und Lobgesang wert! Und Vertrauen.

Wolfgang Wendt, Prädikant in Berlin-Buch und Berlin-Karow

I

Einer trage des anderen Last.
Foto: pixabay

Einander tragen

Predigttext zum 25. September 2022
15. Sonntag nach Trinitatis:
Galater 5,25–6,10

Einer trage des Anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Denn wenn jemand meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst. Ein jeder aber prüfe sein eigenes Werk; und dann wird er seinen Ruhm bei sich selbst haben und nicht gegenüber einem andern.

                                                         Galater 6,2-4

Einer der bekanntesten Sätze der Bibel heißt: „Einer trage des Andern Last.“ Sogar als Titel eines DEFA-Films ist er Ende der 1980er Jahre in die Kinos gekommen und hat eine sehr positive Aufnahme bei den Zuschauenden gefunden. Unlängst konnte ich ihn wieder sehen. Der Film hat mich wieder gepackt. In ihm geht es um die weltanschauliche Toleranz zwischen Christen und Athe­isten als Voraussetzung einer lebensfähigen Gesellschaft. Während die beiden Kontrahenten, ein Vikar und ein Volkspolizist, ihren ideologischen Kleinkrieg führten, hatten sie Wichtiges aus dem Blickfeld verloren: die Last des Anderen mitzutragen. Sie erkennen aber, dass wir Menschen mit dem Leben der anderen Zeitgenossen verflochten und auf sie bezogen sind, ohne dass man sich in allen Dingen und Meinungen vollkommen verstehen muss.

Das Wort aus dem Galater-Brief des Paulus ist eines, das Christen und Nicht-Christen anspricht. Mit ihm kann ein Netz entstehen, in dem sich Menschen gegenseitig Halt geben und miteinander für andere stark machen können. Manchmal geschieht das unscheinbar oder gar unsichtbar, manchmal auch ganz offensichtlich, sogar laut und deutlich. Unsere bekanntlich so schwierige  Zeit braucht solche Menschen.

Einander tragen heißt aber auch, die Last des Versagens zu tragen. Wir machen Fehler. Da ist es gut, wenn wir sie einander eingestehen und verzeihen, denn auch das heißt mit tragen. Keiner soll dem andern seine Fehler, seine Unzulänglichkeiten, seine Schwachheiten wie einen nassen Lappen ins Gesicht schleudern. „Alle eure Dinge lasst in Liebe geschehen.“ Auch dieses Wort stammt von Paulus. Und der Apostel schreibt ­weiter: „So werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ Gilt für uns doch ein Gesetz? Ich glaube schon. Nämlich das Gesetz der Liebe. In dem Galater-Brief heißt es: Und diese Liebe besteht nicht nur in frommen Worten und schönen Sprüchen, diese Liebe packt zu, wo es notwendig ist. „Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort erfüllt (3. Mose 19,18): ,Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!‘“ 

Im Galater-Brief ist auch zu lesen: „Jeder prüfe sein eigenes Werk, und dann wird er für sich selbst den Ruhm haben und nicht für einen anderen; denn jeder Einzelne wird seine eigene Bürde zu tragen haben.“ Das ist ebenfalls eine Wahrheit, die wir realisieren müssen: Wir sind nicht nur ­darauf angewiesen, dass andere uns mitteilen, was wir gut oder schlecht gemacht haben. Wir sind in der Lage, uns selbst zu prüfen.

 Es geht hier nicht nur um Ratschläge für das Gelingen einer Gemeinschaft. Hier geht es auch darum, miteinander in dem Bewusstsein zu leben, dass alle den Geist Gottes verheißen bekommen haben. Im Alltag mag er nicht immer automatisch spürbar sein. Doch es wird uns ein Weg gegeben, den Geist für andere sichtbar zu machen, durch ein gelingendes Miteinander.

Klaus Büstrin ist Prädikant in Potsdam