Zum Monatsspruch August 2026

„Jesus Christus spricht: Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ Johannes 10,10 (E)
Es war nach einem wunderbaren gemeinsamen Abendessen beim Griechen mit guten Gesprächen. Das Essen war mehr als reichlich und so stellte sich bald ein Völlegefühl ein. Das blieb auch so nach dem Ouzo mit seinem Anisgeschmack. Der überfüllte Magen sorgte für eine unruhige Nacht.
Von Fülle und Überfülle
Überfülle und Völlegefühle sind auch in anderen Zusammenhängen vielen Menschen in unserer Wohlstandsgesellschaft nicht fremd. Die Fülle und Überfülle von Angeboten und Möglichkeiten überdecken unerfüllte Sehnsüchte und machen Platz für Klagelieder auf hohem Niveau. Sicher gibt es Beklagenswertes, das nicht zu leugnen ist.
Doch übersehen und ungehört bleibt in der Suche nach einem erfüllten Leben oft jene große Verheißung Jesu.
Als guter Hirte sagt ER zu einem jeden von uns: „Ich bin gekommen, damit ihr das Leben habt – und es in Fülle habt.“
Die Fülle, die Jesus meint, ist ein von seiner Liebe erfülltes Leben. Ein Leben, das im Diesseits nicht endet, sondern in Gottes Ewigkeit vollendet wird.
Auch Leidvolles hat seinen Platz
In dieser Liebe haben auch unsere unerfüllten Wünsche, Mühsames und Leidvolles einen Platz. Nichts trennt uns von der Liebe Gottes in Jesus Christus.
ER ist gekommen, als Weg und Wahrheit, als Brot und Hirte und als Türöffner zu einem Leben voller Güte und Frieden. Es wird heilsam sein für uns selbst, und in jedem Miteinander, sich seiner Botschaft anzuvertrauen, denn in und mit Christus gibt es – wie Bonhoeffer bekennt – „ein erfülltes Leben trotz unerfüllter Wünsche.“
Ralf Schein, Pfarrer im Ruhestand in Templin
Predigten im Monat August 2026

Foto: wikipedia, gemeinfrei
Kein Taugenichts
Predigttext zum 2. August 2026
9. Sonntag nach Trinitatis:
Jeremia 1,4–10
Ich tauge nichts, so manch einer von uns hat das wohlmöglich schon zu sich selbst gesagt!? Oder hat sich anhören müssen: Du bist nur eine Belastung für uns, du nützt uns gar nichts, du bist ein Taugenichts.
Jeremia zweifelt an sich
Wenn Gott allerdings seine Geschichte mit den Menschen schreibt, dann bekommt die Frage nach dem, was ich tauge, noch einmal eine ganz andere Farbe. Davon erzählt uns der Bericht der Berufung des Propheten Jeremia.
Jeremia zweifelt nicht am Herrn, sondern an sich: „Ach, Herr, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung“ (Jeremia 1,6). Das ist ein mir bekanntes Gefühl: Ich sehe die Aufgabe, aber sie scheint zu groß für mich selbst. Könnte da nicht ein anderer ran? Ein Älterer, Einflussreicherer?
Gebrochenes Selbstbewusstsein
Unser Selbstbewusstsein kann ganz schön angeknackst sein. In der Regel kommt das aber nicht, weil wir uns selbst nichts zutrauen. Meist ist es so, dass wir viel zu oft erleben müssen, dass uns andere nichts zutrauen: Das ist nichts für dich, dazu bist du zu ungeschickt! Lass es lieber, dafür bist du zu dumm!
Bei vielen Menschen prägen solche Sätze ihr Leben. Vielleicht war es auch bei Jeremia so. Ich kenne viele Menschen mit gebrochenem Selbstbewusstsein. Solche, die sich selbst nichts mehr zutrauen, weil ihnen keiner was zutraut. Traurige Geschichten sind das von verpassten Chancen, von nicht gelebtem Leben. Da wird deutlich, wie gemein Menschen gegenüber Menschen sein können und welche Macht bloße Worte auf uns haben.
Bei Gott ist das ganz anders: Ihn kümmert nicht, was die Menschen aus Anatot über Jeremia reden. Er hält Jeremia keineswegs für einen Taugenichts. Erst spricht er ihm zu, dass er ihn immer und immer schon kannte. Was nichts anderes heißt, als dass Jeremia wie jede und jeder von uns ein von Gott geschaffenes Wesen ist. Allein das gibt meinem Leben schon Bedeutung und Sinn. Gott hat mich gewollt und gemacht und darum bin ich etwas wert.
Jeremias Weg war nicht einfach
Darum lässt Gott auch Jeremias Widerspruch nicht gelten. Und er stattet Jeremia mit der Kraft und dem Zutrauen aus, welches er in den folgenden Jahren brauchen wird. Denn Jeremias Weg war nicht einfach. Er hat sich mit allen angelegt, mit seinen Volksgenossen, mit den Herrschern zu Hause und mit denen fremder Völker. Jeremia übte Sozialkritik an der Gesellschaft, in der er lebte. Im Auftrag des Herrn sprach er alles aus und scheiterte dennoch. Er musste darunter leiden, der Verkündiger einer unbequemen Wahrheit zu sein. Aber das alles vermag nicht mehr, sein Selbstbewusstsein ins Wanken zu bringen. Aus dem selbsternannten Taugenichts ist ein von Gott gerufener Verkünder geworden.
Es ist gut zu wissen, dass Gott mich trägt und mir weiterhilft. Und es ist gut zu wissen, dass Gott seinen Plan mit mir nicht aufgibt und jeden einen seinen Platz finden lässt.
Thilo Haak, Pfarrer der Ostergemeinde in Berlin-Wedding

Ein Geheimnis, nicht eigene Klugheit
Predigttext zum 9. August 2026
10. Sonntag nach Trinitatis:
Römer 11,25–32
Ich will nicht, dass ihr dieses Geheimnis ignoriert, Geschwister, damit ihr nicht etwa aus euch selbst klug seid: Verhärtung ist Israel geschehen zu einem Teil, bis die Fülle der Völker hereinkommt.
Römer 11,25 (in der Übersetzung von Matthias Loerbroks)
Der 10. Sonntag nach Trinitatis ist seit vielen Jahrhunderten Israelsonntag. Er verdankt diesen Namen, dieses Thema seiner zeitlichen Nähe zu einem wichtigen Tag im jüdischen Kalender: dem 9. Tag des Monats Aw, Tischa be Aw. An diesem Tag – in diesem Jahr war es der 23. Juli – gedenken Juden in aller Welt der beiden Zerstörungen des Tempels (586 vor durch Babel,
70 nach durch Rom) und weiterer Katastrophen der jüdischen Geschichte. Da wird gefastet und in den Synagogen das Buch Klagelieder gelesen.
Die Zerstörung des Tempels
Die Christenheit aber hat nicht solidarisch mitgetrauert. Denn die Kirche verstand die zweite Tempelzerstörung als Gottes Strafe dafür, dass die meisten Juden Jesus nicht als den Christus, den Messias, betrachteten. Und so wurde an diesem Tag verkündet: so ist es, wenn Gott zornig ist – gewiss auch als Warnung für Christen, vor allem aber als triumphierendes Selbstverständnis. Gott habe nämlich seinen Bund mit Israel aufgekündigt und dieses Volk durch ein neues Gottesvolk ersetzt: die Kirche. Die Zerstörung Jerusalems und des Tempels, der Verlust des Landes galten als historischer Beweis für diese Irrlehre.
Die Lehre selbst aber gab es schon zuvor: schon Paulus hatte gegen sie gekämpft, offenkundig vergeblich. Dass Gott sein Volk verstoßen habe, erklärt er im Römerbrief 11,1 für völlig ausgeschlossen. Stattdessen weiht er nun seine Leser in ein Geheimnis ein. Er will damit verhindern, dass die sich im Blick auf die Juden auf ihre eigene Klugheit verlassen, ohne Gottes Wort und Weisung sich so ihre Gedanken machen.
Zeit, wieder auf Paulus zu hören
Es war, sagt Paulus, Gott selbst, der sein Volk gegen das Evangelium verhärtet, ihm die Ohren verschlossen, den Rücken gestärkt hat. Dadurch gelangte es zu den Völkern, gewann unter ihnen – nicht zuletzt durch Paulus selbst – Anhänger des Gottes Israels, eines ihnen zuvor recht fremden Gottes. Damit gibt Paulus dem für Jesusjünger aus den Völkern so verstörenden Nein der allermeisten Juden zum Evangelium eine einzigartige Würde, einen göttlichen Rang. Und das ist etwas ganz und gar anderes, als wenn Judenfeinde sagen: die Juden sind verstockt – als wäre das ein Naturtatbestand, eine kollektive, nämlich nationale, ethnische Charaktereigenschaft.
Erst nach 1945, nach der Katastrophe, und auch da erst nach Jahren, wurde die Botschaft des Paulus wiederentdeckt, und der Charakter des Israelsonntags änderte sich. Nun loben und preisen wir den Gott Israels dafür, dass er uns auch erwählet hat. Doch seit einigen Jahren sind diese neuen Einsichten rasant geschwunden. Viele wollen davon nichts mehr wissen. Es ist gut, es ist höchste Zeit, wieder auf Paulus zu hören – nicht nur am Israelsonntag.
Dr. Matthias Loerbroks ist Pfarrer im Ruhestand. Zuvor war er an der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin tätig. Er arbeitet im Arbeitskreis Christen und Juden der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz mit.
