Predigten des Monats Februar 2020

Winterlandschaft. Foto Alain Audet/Pixabay

Von Gott berührt

Predigttext zum 2. Februar 2020 Letzter Sonntag nach Epiphanias:
Offenbarung 1,9–18

Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

 Offenbarung 1,17+18

 Von Gott berührt sein, herausgerufen, Ausnahmezustand. Für diesen Moment treten Raum und Zeit zurück. Da ist nur Gott, sein Licht, seine Stimme, als wäre der Himmel offen, als stände der, der diese Vision hat, vor Gottes Angesicht.

Welche Worte können das beschreiben? Wie kann er das, was seine Seele in diesem Moment ganz ausfüllt, anderen vermitteln?

Der Seher Johannes wählt Bilder der Vollkommenheit: sieben Leuchter, Gold, weiß für die ­absolute Reinheit, glänzende Füße, wassertosende Stimme, scharfe, schneidende Worte. Wirklich sehen kann er den, der ihm da begegnet, nicht: Alles strahlt wie die blendende Mittagssonne.

Wer kann schon in die Sonne sehen? Wer kann Gott ansehen? Johannes ist überwältigt und wird ohnmächtig.

Von Gott berührt. Besonderer Augenblick, herausgenommen sein aus Raum und Zeit. Der Himmel ist offen. Die Worte dessen, der zum Seher spricht, ordnen sein ganz persönliches Schicksal ein. Er ist einer, der zu seinem Glauben steht, von Gott redet. Sein Leben ist angegriffen, durchgeschüttelt, so gefährdet, dass er fliehen muss. Asyl ­findet er auf Patmos, einer kleinen Insel mitten in der Ägäis. Er lebt abgeschnitten von denen, die ihm lieb und wichtig sind, sicher voller Angst vor dem, was da kommt.

Aus seiner Ohnmacht und Hilflosigkeit hilft ihm der heraus, den er in seiner Vision sieht: der Menschensohn, Jesus Christus. „Fürchte dich nicht!“ Was sollen die Menschen Johannes schon anhaben? Der, der die ganze Schöpfung umfasst, Anfang und Ende, der immer schon ist und ewig sein wird, der spricht zu dem Seher und nimmt ihn für sich in seinen Dienst. Da werden Menschenwünsche, Menschenworte, Menschenbedrohungen klein und unwichtig. Der Seher Johannes ist Teil der Geschichte Gottes mit den Menschen.

Jetzt macht auch die Einsamkeit Sinn. Hierher musste er kommen, fernab aller Hektik und Betriebsamkeit der Menschen, um Gott zu begegnen und Gottes Wort aufzuschreiben, um nach Worten zu suchen für die von Gott geschenkten Bilder, die in seinem Kopf entstehen und das Geschehen der Welt für die Menschen in ein neues Licht tauchen.

„Fürchte dich nicht!“ Zeiten der Einsamkeit, alle Selbstverständlichkeiten sind in Frage gestellt. Und dann begegnet dir Gott: in einem Bibelwort, in einem ermutigenden Satz, den jemand dir sagt, im Gebet, wenn sich die Anspannung löst, in einem Moment, in dem der Himmel offen ist und deine inneren Bilder dich Gottes Licht sehen ­lassen und dir neues Verstehen ­schenken.

„Fürchte dich nicht!“ Gott geht mit dir, der Anfang und Ende umfasst, der Leben schenkt, der an deiner Seite geht und dir hilft, auch aus Schwerem Gutes werden zu ­lassen, heil zu werden, an Leib und Seele.

Angelika Scholte-Reh ist Pfarrerin in der Region Ortrand im Südlichen Brandenburg

Ein besonderer Augenblick. Foto: Pixabay

Von welcher Güte leben wir?

Predigttext zum 9. Februar 2020 Septuagesimae: Matthäus 20,1–16

… weil ich so gütig bin. Matthäus 20,15

Mitte der 1990er Jahre war ich das erste Mal in Jerusalem. Ich war gespannt, was mich dort erwarten würde. Früh am Morgen fuhren wir mit einem PKW durch die Stadt. An einer Kreuzung sah ich eine Gruppe von Männern herumstehen. Ich habe gefragt, was das für Leute seien. Die Antwort: Tagelöhner. Tagelöhner in unserer Zeit. Das war für mich wie ein Schock. Dann aber schossen mir Gedanken durch den Kopf.

Wir gut für die, die an diesem Tag eine Arbeit haben. Um wie vieles besser sind die dran, die eine feste Anstellung haben. Am allerbesten ist aber eine Arbeit, in der man Sinnerfüllung finden kann. Aber was mögen die Tagelöhner denken, die an dieser Kreuzung herumstanden?

Was empfinden sie;

werde ich nicht gebraucht;

bin ich überflüssig;

was soll aus meiner Familie werden?

Ich – ein Versager, ein Verlierer?

Eine Überraschung

In unserem Bibeltext wird erzählt, dass ein Weinbergsbesitzer Tagelöhner zu unterschiedlichen Zeiten einstellt. Nun geschieht etwas Unglaubliches. Alle bekommen den gleichen Lohn, obwohl sie unterschiedlich lange gearbeitet haben.

Gerecht ist das nach unseren Maßstäben nicht. Der Weinbergsbesitzer bezahlt nicht nach Leis­tung, sondern er gibt ihnen, was sie suchen und was sie nötig brauchen. Hier wird deutlich, dass zur Gerechtigkeit ein Gegenüber gehört. Und ­dieses Gegenüber findet seinen Ausdruck in dem folgenden Satz:

Weil ich so gütig bin

„… weil ich so gütig bin“. Das nötige Gegenüber ist die Güte. Ja, wir brauchen sie, alle und jeder von uns. Wir sind Menschen mit Schwächen, uns unterlaufen Lieblosigkeiten. Auch der Neid auf andere, die eben auch wie wir einen „Silbergroschen“ bekommen, liegt uns nicht fern, weil wir selbst verletzte und beschädigte Menschen sind. Wir brauchen Güte und leben von Güte.

Von welcher Güte leben wir?

Von welcher Güte wir leben? Wir leben von der Güte Gottes. Gott hat seine Güte in „die Krippe und an das Kreuz dieser Welt“ gelegt. Diese Güte ist seine Nähe, seine Vergebung. Sie ist ablesbar an jedem Wort und an jedem Tun von Jesus Chris­tus. Von dieser Güte leben wir. Danke für diese Güte, die nie resigniert.

Von welcher Güte leben wir? Wir leben von der Widerspiegelung der Güte Gottes in der Güte von Menschen. Zuwendung, Anteilnahme, Verstehen, und wie die Namen dieser Güte alle heißen mögen. Von dieser Güte leben wir. Danke für jede empfangene Güte.

Ein kleiner Wunsch

Und übrigens, ich hätte nichts dagegen, wenn die Tagelöhner, die so lange herumstehen ­mussten, zwei Silbergroschen bekommen würden.

 Manfred Koloska, Pfarrer im Ruhestand, Berliner Stadtmission, Berlin-Blankenburg

Gottes Güte öffnet Türen. Foto: pixabay

Schwere Kost für den Propheten

Predigttext zum 16. Februar 2020 Sexagesimae:
Hesekiel 2,1–5 (6–7) 8–10; 3,1–3

Und sprach zu mir: Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.   Hesekiel 3,3

Ich sehe vor mir eine Radierung von Marc Chagall, die Berufung des Hesekiel. Voller Ehrfurcht blickt Hesekiel hinauf zur Hand, die ihm eine Schriftrolle reicht (2,9). „Iss …, fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle!“ (3,1+3)
Das Buch des Hesekiel ist keine leichte Kost. Früher war die Berufung auch nicht als regulärer Predigttext vorgesehen. Wohl als zu schwer verdaulich befunden. Aber es lohnt, solche Speise nicht von sich zu schieben.

Für Dorothee Sölle zum Beispiel sind die Psalmen „eines der wichtigsten Lebensmittel. Ich esse sie, ich trinke sie, ich kaue auf ihnen herum“. (Schottroff/Sölle, Den Himmel erden). Aber dafür muss man sich Zeit nehmen. Und die ist bekanntlich knapp. Vor allem für Bibelkost, sie soll leicht bekömmlich sein.

In der Schriftrolle standen „Klage, Ach und Weh“ (2,10). Ähnlich ist es mit dem Prophetenbuch. Während der Wochenspruch aufruft, „seine Stimme zu hören“ (Hebräer 3,15), scheint es bei Hesekiel egal zu sein, ob die Zuhörer gehorchen oder es sein lassen (2,7). Das Gericht wird über Jerusalem hereinbrechen und alles niederwalzen. Hier ist es kein Jona, durch dessen Predigt Umkehr bewirkt werden soll und damit die Ab­wendung eines Gerichts.

Das klingt in unseren Ohren heute sehr fremd und wir fragen: Kann der Abba Jesu so zornig und böse sein? Aber vorsichtig, wir brauchen Zeit und müssen wie Hesekiel die ganze Schriftrolle in uns aufnehmen. Er „aß“ sie und sprach „die war in meinem Mund so süß wie Honig“ (3,3). Das Buch Hesekiel ist zuerst als ein Buch konzipiert und also primär zum Lesen gedacht.

Die Leserinnen und Leser schauten damals zurück auf die große Katastrophe der Zerstörung des Gotteshauses 586 vor Christus und das ­babylonische Exil. An der Tatsache war nichts mehr zu ändern, sie war über das Land gerollt. Jetzt ging es um die Zukunft. Können wir noch auf Gott setzen? Ja, so die Botschaft des Hesekiel. „Siehe, ich will Odem in euch bringen, dass ihr ­wieder lebendig werdet“ (37,5). Sie wussten zugleich, dass zum Neuanfang auch die Umkehr gehört. So entwickelte sich wie ein Wunder aus einer katastrophalen Niederlage ein epochaler Neustart.

Vielleicht war es in unserem Land nach 1945 so ähnlich. Uns wurde ein Neuanfang geschenkt. Zugleich mussten wir aufarbeiten und uns zur Umkehr bekennen. Da sollten wir dranbleiben, damit nicht alte Geister erneut Oberwasser gewinnen. Aktuell ist es keine Katastrophe, die wir zu verarbeiten haben. Trotzdem stellen sich kritische Fragen zu einer Umkehr, wie die nach unserem Lebensstil und nach unserer Gottvergessenheit. Noch können „Klage, Ach und Weh“ vermieden werden.

Martin Zobel, Pfarrer in Boitzenburg, Uckermark

Hesekiel erhält eine Schriftrolle. Foto Ulrike Mai/Pixabay

Alle sind auserwählt, alle

Predigttext zum 23. Februar 2020 Estomihi:
Lukas 18,31–34

… und am dritten Tage wird ER auferstehen.

Lukas 18,33

Zur Halbzeit des Fußballspiels rief der Trainer seine Spieler in der Kabine zusammen. Mit hängenden Köpfen kamen die jungen Männer, Petrus (der ihn verleugnete), Thomas (der an ihm zweifelte, Judas (der ihn verriet) und die anderen zu ihm vom Spielfeld.

Sie lagen aussichtslos zurück. Nach seiner Ansprache kehrten sie motiviert um und drehten das Spiel. Aus einer drohenden Niederlage wurde noch ein Sieg!

Ein Fußballspiel wird nicht über Taktik entschieden, sondern über die Mentalität der Spieler. Daran muss ich denken, wenn ich auf den ­Predigttext schaue. Jesus nahm zu sich die Zwölf, einen mehr als beim Fußball. Und dann folgte seine Ansprache, streng und liebevoll. Er verwandelte ihre Aussichtslosigkeit in Hoffnung.

Zurück am Spielfeld pfeifen ihn die Zuschauer aus. Sie verspotten ihn, sie spucken ihn an. Sie wollen dafür sorgen, dass er seinen Trainerposten verliert.

Doch jetzt ist er noch da. Noch kann er das Spiel drehen und die Mannschaft mitreißen aus dem Abstieg in den Aufstieg.

Am dritten Tag nach seinem Tod am Kreuz stand Jesus auf von den Toten. In der Kirche ­spreche ich diesen Satz mit erhobener Stimme, lauter als die anderen Sätze. Erfrischt und ­motiviert kehrt die Gemeinde auf ihr Fußballfeld, in ihr Leben, zurück.

Manchmal können uns Gottesdienste nicht ­verändern. Mit hängenden Köpfen kommen wir in die Kirche. Da passiert nichts. Da wird keine Frohe Botschaft verkündigt. Da erfahren wir nicht, dass sich etwas verändern lässt, weder in der Natur noch unter Menschen. Mit hängenden Köpfen schleichen wir wieder hinaus.

Es ist ein Trauerspiel. Die Mannschaft, die Gemeinde begreift nichts von der Auferstehung. Der Sinn der Rede Jesu ist ihr verborgen. Wir verstehen nicht, was er damit sagte.

Jesus sagt es uns dreimal, dass er sterben u n d  auferstehen wird: Lukas 9,18–22, Lukas 9,43b–45 und Lukas 9,31–34. „Lasst diese Worte in eure 0hren ­dringen.“

Da ist viel Sterben in der Welt, aber noch viel mehr ­Auferstehen von den Toten.

Eckart Wragge, Pfarrer im Ruhestand, Berlin