Gebet des Monats Februar 2021

Winterlandschaft
Foto: pixabay

Ein Gebet für Februar

Großer Gott, Zeiten zwischen Virus und Wahlen,
Gewalt und Sterbehilfe, Verkleiden und Verzichten.
Wie geht das – auf Dich vertrauen, ohne aufzugeben?
Wie geht das – leicht werden im Zweifel und laut sagen:

Du bist wohl grade nicht da. Ach Gott, wir bitten Dich, erhöre uns:

Ohnmächtiger Gott, geliebt hast Du und gelitten.

Leidest und liebst weiter. Von morgens bis abends.

Jeden Tag und jede Nacht. Hilf uns, das zu fühlen in diesen Wochen bis Ostern: Es ist dunkel zwischendrin. Und darin kennst du dich aus. Ach Gott, wir bitten Dich, erhöre uns.

VELKD

Aktuelle Ausgabe Februar 2021

Gottes Gnade trägt -  auch durch Selbstzweifel. Foto: Andrea Piacquadio/pexels
Gottes Gnade trägt – auch durch Selbstzweifel. Foto: Andrea Piacquadio/pexels

Neue Serie: Mein liebstes Bibelwort.
Gott liebt mich. Ich bin Gott genug.
Das genügt.
Von Pfarrerin Angelika Scholte-Reh aus Kroppen

Buchtipp.
Der Kalender für Frauen 2021 aus dem St. Benno Verlag.
Von Sibylle Sterzik,  Berlin

Aufruf zur Fürbitte für Indiens Christen
In Indien werden Christinnen und Christen verfolgt,
bedrängt und in ihrer ­Religionsfreiheit eingeschränkt
Von Petra Bosse-Huber, Auslandsbischöfin der EKD aus Hannover

Serie 75 Jahre Kriegsende.­
Wie haben Sie es damals erlebt?
Mit 17 eingezogen.
Von Joachim Saalfrank, Leser aus Taucha bei Leipzig

 

 

 

Aktuelle Ausgabe Januar 2021

Renate Bärthel und ihr Mann bei ihrer Diamantenen Hochzeit
Renate Bärthel und ihr Mann bei ihrer Diamantenen Hochzeit. Foto: privat

Neue Serie: Mein liebstes Bibelwort.
Ein Bibelwort begleitet Paare von der Hochzeit an durchs gemeinsame Leben.
Von Renate Bärthel, Leserin aus Zschorlau

Singen, hören und beten.
Komm mit zur Allianzgebetswoche.
Von Birgit Förster,  Berlin

 

Seid barmherzig wie euer Vater.­
Gedanken zur Jahreslosung 2021
Von Thilo Haak, Pfarrer der Ostergemeinde im Wedding

Neujahr – ein beliebiges Datum?
Eigentlich war ganz früher mal der 6. Januar der Neujahrstag, wann hat sich das eigentlich ­verändert?
Es antwortet: Sibylle Sterzik aus Berlin

 

 

Predigten des Monats Januar 2021

 

 

Grafik zur Jahreslosung 2021. Grafik: Stefanie Bahlinger
Grafik zur Jahreslosung 2021.
Grafik: Stefanie Bahlinger

Jahreslosung 2021
Jesus Christus spricht: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

Lukas 6,36

 

 

Seid barmherzig wie euer Vater­
Gedanken zur Jahreslosung 2021

Wir Menschen orientieren uns in dem, was wir tun, gerne an dem, was wir an uns selbst durch andere erleben. Manchmal sagen wir: „Wie du mir, so ich dir!“ oder „Wie man in einen Wald ruft, so schallt es heraus!“ oder „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu!“ Es ist wohl so, dass alles Verhalten meines Nächsten zu mir an meinem Verhalten zu ihm hängt. ­Menschen sind einander gleichsam Spiegel, das Verhalten des einen ist im anderen wiederzu­erkennen.

Wer selber in der Lage ist, anderen zu vergeben, wer gerne gibt, wer Mitleid oder Sympathie für seine Mitmenschen hat, der wird ebensolches auch von den anderen erfahren. Wenn ich gute Laune habe und mir das auch anzumerken ist, dann gehen die anderen auch freundlich mit mir um. Wer nur griesgrämig und grantelnd in die Welt schaut, kann von den anderen kaum Zuneigung und Freundschaft erwarten. Ein Lächeln auf dem Gesicht wird gern erwidert. Sauertöpfisches Dreinschauen erzeugt kaum liebevolle Aufmerksamkeit.

Einer, der die Geburtstage seiner Lieben nicht ­vergisst, darf mit Gewissheit auf Glückwünsche zum eigenen Geburtstag hoffen. Wer aus dem Urlaub niemanden schreibt, der darf sich nicht wundern, wenn er nie etwas im Briefkasten findet. Dort wo wir Freundschaften und Beziehungen ­pflegen, dürfen wir immer etwas zurück erwarten.

Manchmal ist das gar nicht so einfach

Wichtig an all diesen Erfahrungen ist, dass stets mein Verhalten dem Verhalten der anderen voraus laufen soll. Im Sinne der Predigt Jesu ist es ganz und gar nicht, sich erst einmal hinzusetzen und zu warten, was wohl die anderen mit mir machen. Umgekehrt ist es. Ich bin aufgefordert auf andere mit offenen Händen und offenem ­Herzen zuzugehen. Dabei soll ich von dem geleitet werden, was ich selber von anderen erwarte.

Manchmal ist das aber gar nicht so einfach. Offenheit und Sympathie für meine Mitmenschen kommt nicht unbedingt von alleine. Gelegentlich fällt es mir sogar recht schwer, immer liebevoll und herzlich zu anderen zu sein. Da kann eine Verletzung, ein böses Wort, eine falsche Geste ­zwischen zwei Menschen treten und sie soweit auseinander bringen, dass sie nicht mehr ­zusammen kommen, sondern sich in Feindschaft verlieren.

Ich glaube, ich muss erst einmal selbst von der Erfahrung des Geliebtseins her kommen, um andere lieben zu können. Wenn ich weiß, dass ich mit all meinen Schwächen und Fehlern trotzdem geliebt werde, dann kann ich andere lieben.

Mit den Worten unserer Jahreslosung heißt das: Barmherzigkeit erfahren haben.

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barm­herzig ist. Gott, unser Vater, liebt jeden Menschen ohne Ansehen der Person. Es gibt niemanden, der ihm nichts wert ist. Darin ist Gott so ganz anders, als wir das können. So eine Erfahrung muss ich erst einmal machen. Gott erbarmt sich meiner, ­lässt mich Erbarmung erfahren, ohne dass ich auch nur andeutungsweise sagen könnte, worin der Grund für sein Erbarmen ist. Ich weiß aber, dass wer solches Erbarmen in seinen Leben lebendig spürt seinen Umgang mit den Nächsten ganz anders lebt und erlebt.

Solche Erfahrungen wünsche ich mir für jeden Menschen. Nicht nur in diesem neuen 2021, ­sondern immer und jederzeit! Die Erkenntnis von Gott geliebt zu sein, auch wenn mich andere ablehnen, lässt uns unser Leben neu sehen und einrichten. So können wir barmherzig sein, wie auch unser Vater im Himmel barmherzig ist!

Thilo Haak, Pfarrer der ­Osterkirchengemeinde, Berlin-Wedding

 

Gott liebt uns wie eine Mutter ihr Kind.
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Zum Monatsspruch Januar 2021
Viele sagen: „Wer wird uns Gutes sehen lassen?“ Herr, lass leuchten über uns das Licht deines  Antlitzes!                Psalm 4,7 (L)

Als die „Ökumenische Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen“ diesen Vers aus dem vierten Psalm als Monatsspruch für Januar 2021 aussuchte, konnte sie nicht wissen, was im vergangenen Jahr auf uns zukommen würde. Und auch David, der diesen Psalm betete, hatte wohl etwas anderes im Sinn als die „Corona-Pandemie“. Nur zu gern würde ich es lassen, eine Parallele zum Monatsspruch zu ziehen, aber es wäre auch falsch, sie nicht zu sehen.

Ja, es ist so; viele fragen sich in dieser Zeit, wer uns ­Gutes sehen lässt. Sind doch alle Medien: Zeitungen, Radio und Fernsehen voll von den Berichten über die besorgniserregenden Ereignisse bei uns und in der ganzen Welt, über die dramatischen Entwicklungen der Neuinfektionen, der Krankheitsverläufe und Todesfälle, im TV gefolgt von „Spezial- und Sondersendungen“ zu diesem Thema. Gibt es denn gar nichts Gutes zu berichten? Etwa über Genesungen, über Nachbarschaftshilfen, über junge Menschen, die sich um Alte und Einsame kümmern, über die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffes und endlich über den Rückgang der Pandemie.

Wie leuchtet mir denn heute Gottes Angesicht in der aktuellen Situation meines Lebens? Vergleichsweise kann es so sein: Wenn sich eine Mutter mit strahlendem Lächeln über ihren weinenden Säugling beugt und er dann aufhört zu ­weinen und sich beruhigt. So finde ich Gutes für mich bei dem, der auch zu dir sagt: „Fürchte dich nicht!“ und „Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt!“. Dir kann das Gebet Aarons für die Zukunft Halt geben; denn: „Der Herr segnet dich und behütet dich; der Herr lässt sein Angesicht leuchten über dir und ist dir ­gnädig; der Herr erhebt sein Angesicht über dich und gibt dir Frieden“.

Hans-Jürgen Grundmann, Berlin

 

 

Der zwölfjährige Christus im Tempel
Foto: wikipedia

Der zwölfjährige Jesus im Tempel, 1879 von Max Liebermann.
Foto: wikipedia

Kluger Knabe

Predigttext zum 3. Januar 2021 2.
2. Sonntag nach dem Christfest: Lukas 2, 41–52

Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was ­meines Vaters ist?

Lukas 2,47+49

„Jesus wird flügge“ – so könnte ein Titel für den Predigttext an diesem Sonntag lauten. „Flügge werden“: das sagt man zu den ersten selbständigen Geh- und Flugversuchen von Menschen am Beginn der Pubertät. Flugversuche auf der Suche nach sich selbst: Wer bin ich? Wem kann ich vertrauen? Woran soll ich mich orientieren? Auch der zwölfjährige Jesus vollführt eine solche erste Absetz- und Suchbewegung, allerdings ist sie nicht staksig und vage. Der begabte Knabe weiß schon recht genau, was er will und wo er suchen muss.

Was ist passiert? Die ganze Familie ist von Nazareth hinaufgezogen nach Jerusalem, denn es ist Pessach, das Fest, an dem alle jüdischen Familien den Auszug aus der ägyptischen Sklaverei acht Tage lang im Tempel zu Jerusalem feiern. Die Stadt „brummt“, ist voller Menschen, Vieh und allerlei Handelswaren, denn es gehört zu den religiösen Pflichten im Judentum, zu Pessach nach Jerusalem zu ziehen, um im Tempel zu beten, Opfer darzubringen und um vor dem Angesicht Gottes zu feiern, also fröhlich zu sein.

Max Liebermann malte 1879 den „Zwölfjährigen Jesus im Tempel unter den Schriftgelehrten. Die grauhaarigen Männer als Berliner Juden vom Ende des 19. Jahrhunderts und Juden aus dem Osten hören Jesus aufmerksam wohlwollend zu. Sie begeben sich hinunter auf die Ebene des Kleinen, sitzen am Fuß der Treppe, steigen vom Katheder. Die unheroische Darstellung Jesu empfanden damals viele Münchener als Blasphemie. Die heftigen antisemitischen Angriffe gegen Liebermann fanden ihren Höhepunkt in einer zweitägigen Debatte im Bayrischen Landtag. Liebermann schrieb 1915: „Die ekelhaften Anwürfe von Anti- und Semiten, als ich den Christus im Tempel gemalt hatte, haben mich für immer von biblischen Stoffen abgehalten. Wenn einer Maler ist, soll er nach der Qualität seiner Bilder beurteilt werden, nicht aber nach seiner Nase.“

Leider erfahren wir nicht genau, was und wie Jesus gelernt hat, in Nazareth und in Jerusalem, überhaupt lässt uns unsere Tradition weitgehend im Stich, uns den lernenden Christus zu zeigen. Und er hat gelehrt. Er „nimmt an Weisheit zu“ (Vers 52), und sein erster öffentlicher Auftritt als Rabbi ist dann auch in Nazareth, in einer Synagoge am Schabbat – Morgengottesdienst (Lukas 4).

Der Text des Liedes „Gottes Sohn ist kommen“ (EG 5) erdet den Gottessohn. „Er kommt auch noch heute und lehret die Leute“, so beginnt die zweite Liedstrophe. Und wie er lehrt: nicht mit ausgestrecktem Zeigefinger und von oben herab, sondern „in armen Gebärden“, also voller Demut; und nicht allein und für sich, sondern für alle Menschen.

Pfarrer Günter Dimmler, Königsee/Thüringen

 

Menschen mit offenem Ohr und Herzen erzählen anderen von Gott. Foto: pixabay

 Menschen mit offenem Ohr und Herzen erzählen anderen von Gott. 
Foto: pixabay

Wirkt in der Welt

Predigttext zum 10. Januar 2021
1.Sonntag nach Epiphanias: Römer 12,1–8

Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

Römer 12,1+2

Es ist ein ungewöhnlicher Altar. Er hat keine Kerzen, keine wohlausgewählten Blumen, ja nicht mal ein Tisch ist zu sehen. Dafür aber gibt es eine Altargabe, eine lebendige Opfergabe: Es ist ein Mensch, der mit offenem Ohr und Herzen von Gott erzählt; es ist ein Mensch, der anderen zur Seite steht, wenn Not am Mann ist; oder es ist einer, der aufsteht und das Wort erhebt angesichts des Unrechts vor seinen Augen. Der Altar mit einer solchen Opfergabe steht nicht in einer Kirche, sondern mitten in der Welt. Sein Motiv kann ­variieren, weil auch die Begabungen der Gläubigen variieren.

Dieser Altar ist weniger leicht als heiliger Ort erkennbar, und doch wird auch, manchmal gerade an ihm Gott spürbar. Weniger durch die besondere Atmosphäre des Ortes, als vielmehr durch jenen Menschen, jene lebendige Opfergabe, die im Geist Christi lebt und wirkt. „Stellt euch nicht dieser Welt gleich“, nein, aber wirkt in ihr – nach den Maßstäben, die euch in Christus anvertraut sind. Denn durch sie seht ihr in jedem Menschen einen Teil des Heiligen – jenes Heiligen, der unser aller Schöpfer ist. Und das Wort, sein Wort, ist auch an diesem Altar mit uns: „Wir sind ein Leib in Christus.“

Franziska Roeber, Pfarrerin in der Kirchengemeinde Mariendorf, Berlin

Gott geht mit ins neue Jahr. Foto: pixabay
Gott geht mit ins neue Jahr. Foto: pixabay

Der Glaube reicht

Predigttext zum 17. Januar 2021 2. Sonntag nach Epiphanias: Johannes 2,1–11

Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der ­Wasser gewesen war, …, ruft der Speisemeister den Bräutigam und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie trunken sind, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten. Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat. Es geschah zu Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.                

Johannes 2,7–11

Schön, die Jünger glaubten ihm. Wer glaubt mir, wenn ich predige? Jesus hat mit seinen Beweisen und Wundern gerade erst angefangen. Wasser in Wein verwandeln auf der Hochzeit zu Kana. Das erste Wunder von sieben im Johannesevangelium.

Ich frage mich, was war vorher? Gingen die ­Jünger einfach so mit Jesus mit? Haben die Jesus, als er sie berief, nicht geglaubt? Oder tat Jesus Wunder nur, weil seine ­Mutter dabei war und die Jünger zweifelten? Das beschäftigt mich.

Schön wäre es, wenn Jesus heute mal schnell ein Wunder vollbringen würde. So dass es alle sehen und probieren können wie der Schankmeister. Ich würde dann sagen: „Siehste, habe ich euch schon immer gesagt, da ist Jesus!“

Wo bleibt der Glaube dann? Der freiwillige Glaube von Herzen? Der Glaube, zu dem, was man nicht sehen kann? Nicht sehen nur spüren und empfinden kann? Nein, ich sage es war gut so, damals in Kanaan. So konnten viele den Herrn erkennen, ihm glauben und dieses auch aufschreiben für uns.

Nein, ich brauche keinen Jesus, der sich mit einem Sack voll Wundern beweisen muss. Seine gespürte Anwesenheit, der geschenkte Glaube reicht für mich. Darum bitte ich lieber, dass die Predigthörer sonntags Jesus und auch uns ihren Glauben schenken. Und wenn das so ist, dann ist das Jesusbeweis genug und sollte uns genügen.

Titus Schlagoswsky, Prädikant, Nastätten

 

Rut vertraut Noomi

Predigttext zum 24. Januar 2021 3. Sonntag nach Epiphanias: Rut 1,1–19a

Rut antwortete: Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.

Rut 1,16

Eine Schwiegertochter liebt ihre Schwieger­mutter so sehr, dass sie bei ihr bleiben will, auch wenn deren Sohn, ihr Mann, schon gestorben ist. Die Ältere denkt zunächst an das Wohl der Jüngeren. Sie entlässt sie aus der Pflicht, für eine Witwe zu sorgen. Eine ­liebevolle Geste. Sie schenkt ihnen die Freiheit, weil sie möchte, dass es ihnen gut geht. Eine Schwiegertochter, Orpa, nimmt das Angebot an und geht zurück zu ihrer Familie. Die Moabiterin Rut aber zieht mit Noomi mit, als diese sich wieder aufmacht in die Heimat Bethlehem. Von dort war sie sie einst mit ihrem Mann vor einer Hungersnot ins Land der Moabiter geflohen. Rut geht mit, weil sie dem Gott der Noomi vertraut. Und weil sie erleben will, wo es hin geht, wenn man diesem Gott vertraut.

Bethlehem in Juda, das ist die kleine Stadt, aus der König David und Jesus kommen werden. Rut, eine Moabiterin, wird dort durch ihren Fleiß das Herz des jüdischen Mannes Boas gewinnen und ihren Sohn Obed gebären. Dieser ist der Großvater vom wichtigsten König der Israeliten: David. Somit ist Ruth Davids Urgroßmutter. Damit war eine der vier Urgroßmütter von David keine Israelitin, sondern eine Ausländerin. Und ausgerechnet ihre Geschichte wird in der Bibel genauer geschildert.

Damit nicht genug: Die Mutter des Boas war die Prostituierte Rahab, die den Kundschaftern zu Josuas Zeiten Unterschlupf gewährte, sie vor den Häschern beschützte und zur Belohnung bei der Vernichtung Jerichos verschont blieb. Und diese beiden Frauen – Rahab und Rut – waren in direkter Linie mit Jesus verwandt. Gott war sich nicht zu schade, eine Prostituierte und eine Ausländerin für seinen Heilsplan mit zu nutzen.

Sibylle Sterzik, Berlin

 

Verklärung Christi, 1872, Karl Bloch.  Foto: Wikipedia
„Transfiguration“ by Carl H. Bloch, Danish Painter, 1834-1890. Oil on Copper Plate. Public domain. Source: www.carlbloch.com.

Was ist Wahrheit?

Predigttext zum 31. Januar 2021 Letzter Sonntag nach Epiphanias: 2. Petrus 1,16–19(20–21)

Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das ­Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen. 

2. Petrus 1,16

Das ist die Wahrheit“, oder besser noch als Frage „Was ist die Wahrheit?“, so sagen und fragen die Menschen seit allen Zeiten. Dahinter steckt die Erfahrung, wie viele Unwahrheiten, Verführungen und Lügen es gibt, die in die Irre führen. Jesus sagte: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!“ Das glaubt unser Glaube gewiss. Aber dieser Gewissheit muss er immer wieder vergewissert werden. Dieser Aufgabe nimmt sich unter anderem der Verfasser des Zweiten Petrusbriefes an.

Dieser Brief entstand erst in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts. Ein anderer schreibt unter dem Namen des Petrus. Welche Wahrheit aber steht in Frage? Die Wahrheit der Rede von der Kraft und dem Kommen Christi. Die Welt in der die Menschen lebten, an die dieser Brief gerichtet ist, war voll von selbsternannten Heilspredigern, falschen Propheten, Wahrsagern und ideologischen Verführern. Überall war eine andere Wahrheit zu vernehmen. Ein Markt der Heilsideologien und völlig vergleichbar mit dem, was mir heute begegnet. Und für die junge Christengemeinde war es nicht einfach, sich in diesem Markt der möglichen Wahrheiten zurechtzufinden.

Das ist heute noch ganz genau so.

Diesen vielen selbst gemachten Wahrheiten steht die eine Wahrheit Gottes gegenüber. Auf einem Berg tritt Jesus zwischen die beiden großen Propheten des Bundes Gottes mit seinem Volk Israel, zwischen Mose und Elia. Gottes Stimme ertönt vom Himmel und ein zweites Mal nach der Taufe wird die wahre Sohnschaft und Gottheit Jesu Christi bestätigt: „Dies ist mein lieber  Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“

Die Frage nach der Wahrheit entscheidet sich an der Person Jesus Christi. Das wichtigste Zeugnis christlichen Glaubens im letzten Jahrhundert, die Barmer Theologische Erklärung von 1934, hat dieses so zusammengefasst: Jesus Christus spricht: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, denn durch mich.“

Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einem Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.

Was ist aber, wenn ich mich selbst vom Predigttext in Frage stellen lasse? Wenn ich meine Überzeugungen der Frage aussetze, ob sie der an Jesus Christus orientierten Wahrheit standhalten? Eine Frage, die zeigt, dass das vermeintlich Selbstverständliche eben doch nicht selbstverständlich ist. Deswegen endet der Predigttext auch nicht mit der Erinnerung der Verklärung Jesu, sondern mit einer Ermahnung: Um so fester haben wir das ­prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der  Morgenstern aufgehe in euren Herzen.

Das Erinnern der wahr gewordenen göttlichen Verheißung lässt mich fest an den Prophezeiungen des Wortes Gottes bleiben. Und gleichzeitig bin ich verpflichtet, dessen Licht immer wieder neu in meinem Herzen aufgehen zu lassen.

Glaube will gelebt werden. Er muss sich ständig prüfen lassen, ob er noch im Licht der Verheißung steht. Eine Aufgabe, die mir an jedem Tag neu gestellt ist, bis unser Herr kommt. Das ist die Wahrheit!

Thilo Haak, Pfarrer der Ostergemeinde Berlin-Wedding

 

Gebet des Monats Januar 2021

Winterlandschaft
Foto: pixabay

Ein Gebet für das neue Jahr
Herr Jesus, danke dafür, dass du uns durch das vergangene Jahr mit all seinen Stürmen und Sonnenschein hindurchgetragen hast. Durch deine übergroße Gnade schenkst du uns aus reiner Liebe ein neues Jahr, in dem wir immer besser lernen, diese Gottesliebe an unsere Mitmenschen weitergeben zu können.

Geleite uns durch diese Zeit der Epidemie. Halte deine Hände über uns. Schenke uns Weisheit und Einsicht, damit wir unsere Mitmenschen – in Verantwortung für einander – vor einer Ansteckung mit Corona schützen. Danke, Gott! Du hast über allem das letzte Wort. Du trägst uns bewahrend hindurch. Amen

Karl-Heinz Eberhardt Schäfer

Aktuelle Ausgabe Dezember 2020

Die heilige Familie
Maria und Josef hatten auch nur einen ­ärmlichen zugigen Stall als Herberge. Foto: pixabay

Alte und neue Medien.
Für die Nachkommenden bewahren. Wie die Bibel entstand – Teil Schluss
Von Hans-Jürgen Grundmann aus Berlin

Kein Raum in der Herberge.
Draußen feiern und trotzdem in Weihnachtsstimmung kommen? Gedanken zu Weihnachten
Von Sibylle Sterzik,  Berlin

Wie haben Sie es damals erlebt? Serie: 75 Jahre Kriegsende
Familie auf der Flucht. Im Winter über Danzig nach Dänemark.
Gerhard Sachs, Leser aus Greifswald

Weihnachten ist in diesem Jahr alles anders. 
Weihnachten ist in diesem Jahr alles anders. Seit Monaten rätseln die Gemeinden, wie sie das Fest unter Corona-Bedingungen feiern sollen. Vielleicht draußen im Kalten bei Schnee? Wie soll da „O du fröhliche“-Weihnachtsstimmung aufkommen?
Es antwortet: Generalsuperintendent m Ruhestand Rolf Wischnath aus Gütersloh

 

 

Predigten des Monats Dezember 2020

Hungrige speisen Frohe Botschaft Dezember 2020
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Zum Monatsspruch Dezember 2020
Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!                 Jesaja 58,7 (L)


Die dem Wochenspruch nachfolgenden Verse 9 und 10 gehen noch viel weiter: „Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.“

Wie steht es damit? Sind wir bereit, von unserem Überfluss mit Freude abzugeben und das Wenige, was mancher hat, zu teilen? Einem Obdachlosen einige Euros zu geben und zu sagen: „Kauf’ dir was“, ist schnell erledigt. Aber nachzufragen, wie er in solch eine Situation gekommen ist, fällt schon schwerer. Und überhaupt: Soll ich mich mit dem schmutzigen und müffelnden Kerl abgeben? Sollte ich ihm bei mir daheim ein Bad zurichten, ihm saubere Kleidung und satt zu essen geben? Dann werde ich ihn vielleicht nicht wieder los? Wo soll das hinführen? Sollte ich mit ihm die entsprechenden Ämter aufsuchen, ihn dort unterstützen?

Aber, habe ich nicht genug mit mir selbst zu tun? Sollte ich mich lieber um meine Tochter oder meinen Sohn kümmern, die oder der sich mir seit Jahrzehnten entzieht? Und wie oft soll ich ihnen noch ein Zeichen meiner Vergebung senden? Fragen über Fragen. Und Antworten? Trotzdem! Nicht aufgeben! Dranbleiben! Und in allem mit Gottes Hilfe und Beistand rechnen, denn er selbst ist die Antwort.

Karl-Heinz Eberhardt Schäfer, Leipzig

 

Einer sorgt für den anderen

Geduldige Fürsorge.
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Hoffnung ermöglicht Warten

Predigttext zum 6. Dezember 2020 2. Advent: Jakobus 5,7-8 (9-11)

Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.      Jakobus 5,8

Hintergrund der Mahnung zur Geduld ist das Ausbleiben der Parusie, also der Wiederkunft Jesu Christi. Die ersten Christen hatten sie zu ihren Lebzeiten erwartet. Als Jakobus diesen Brief schrieb, waren seit Jesu Tod und Auferstehung bereits einige Jahrzehnte vergangen. Immer mehr Christen starben dahin. Viele zweifelten. Lohnte es noch, an Jesus zu glauben? Ja, meint Jakobus und ermutigt zu weiterer Langmut, wie Luther übersetzt hat. Die frühen Christen haben darauf gehört. Als Jesu Erdenzeit drei Jahrhunderte zurück lag, schrieben sie sein Wiederkommen ins Glaubensbekenntnis. Dort hat es bis heute seinen festen Platz, auch wenn die meisten Christen ein Ende der Welt eher von einer durch Menschen verursachten Katastrophe erwarten als vom Erscheinen Jesu. Am zweiten Sonntag im Advent sind jedes Jahr sein Kommen und das Jüngste Gericht Thema des Gottes­dienstes.

Geduld ist freilich auch sonst wichtig und hilfreich. Ich kenne die Versuchung, mit einem Machtwort ein langes Hin und Her zu beenden. Ich weiß aber auch, dass das selten zu einer befriedigenden Lösung führt. Selbst da, wo Eile notwendig ist wie beim Klimaschutz, bringt Ungeduld eine Sache in der Regel nicht voran, weil sie andere überfordert und nicht ernst nimmt. In vielen Lebenslagen ist Ausdauer nötig, um erfolgreich zu sein. Sie gibt es nicht ohne Geduld. In einer Warteschlange mach ich mich mit Ungeduld schnell unbeliebt. Geduld und Ungeduld sind ansteckend.

Im Umgang mit Kindern spüre ich bald, ob sie geduldige Eltern haben. Sie sind ausgeglichener als andere.

Mir ist der Hinweis wichtig, dass es auch Grenzen der Geduld geben muss. „Mut kennt auch der Mameluck. Gehorsam ist das Christen Schmuck“, hat Friedrich Schiller gedichtet. Damit beschrieb er ein obrigkeitliches Denken, das evangelische Kirchen in unserem Land stark geprägt hat. Von Frauen und Untertanen, Kindern und anderen Abhängigen wurde Leidensbereitschaft erwartet. Das haben wir inzwischen weithin als Irrweg erkannt, dennoch bleibt Langmut eine christliche Kardinaltugend.

Langmut ist eine Frucht von Glaube, Hoffnung und Liebe. Wenn ich glaube, dass Gott mich liebt und umsorgt, fällt es mir leichter, schwierige Zeiten auszuhalten. Ich vertraue darauf, dass auch aus Leiden ein Segen erwachsen kann. Hoffnung ermöglicht Warten. Wenn ich nicht mehr damit rechnen kann, dass sich etwas ändert, wird aus Geduld ein müdes sich Abfinden mit dem Schicksal. Liebe schließlich führt zu geduldiger Fürsorge. Immer wieder erlebe ich mit Bewunderung, wie sich Menschen um einen ­pflegebedürftigen Angehörigen kümmern, obwohl diese Aufgabe ihre Kräfte übersteigt.

Leopold Esselbach, Generalsuperintendent i.R., Neuruppin

 

Mit den Händen Licht bringen Gottes Licht strahlt in der Dunkelheit.
Foto: pixabay

Licht, das uns besucht

Predigttext zum 13. Dezember 2020  3. Advent: Lukas 1,67–79

 Gelobt sei der Herr, der Gott Israels, denn er hat besucht und erlöst sein Volk.    Lukas 1, 68

Auf Besuch bereitet man sich vor. Wenn Besuch kommt, wird noch mal gewischt und Staub gesaugt, der Kühlschrank gefüllt und wenn alles gerichtet ist kann der Besuch schon kommen. Große Freude zum Fest, wenn dann alle lieben Menschen endlich da sein werden.

Auch in der Bibel wird das Christfest vorbereitet. Bei Lukas lesen wir den Lobgesang des greisen Zacharias, der die Geburt seines nicht mehr erwarteten Sohnes Johannes durch die ebenfalls betagte Ehefrau, einer Cousine Marias, in höchsten Tönen preist: „Du Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen, denn du wirst dem Herrn vorangehen und seinen Weg bereiten“ (Lukas 1,76).

Wunder- und kunstvoll komponiert Lukas die Geschichten von Johannes und Jesus zusammen. Johannes wird als Täufer den Weg Jesu mit seiner Predigt von Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden vorbereiten. Er wird Raum schaffen für die Herrlichkeit des Herrn. Johannes bereitet Jesus den Weg, dem „aufgehenden Lichtes aus der Höhe, das uns besucht, denen erscheint, die in tödlicher ­Finsternis sitzen“ (Lukas 1,78f).

Und was, wenn niemand zu Besuch kommen darf? Was, wenn es wieder zu tiefen Einschränkungen im Umgang von Menschen zu Mensch kommt, wie wir es Ostern erleben mussten? Während ich das hier schreibe, lassen die steigenden Zahlen der mit Covid-19 Infizierten Schlimmes befürchten. Dann werden wir auf die lieben Menschen an unserer Seite verzichten müssen, das wird weh tun, aber der eigentliche Besuch wird kommen! Christus, das Licht aus der Höhe und das will vorbereitet sein.

Land auf, Land ab sind zahllose Menschen rührig und unterwegs, um das Christfest auch unter schweren Bedingungen erlebbar und erfahrbar zu machen. In diesem Jahr eine noch intensivere Herausforderung, das Christfest vorzubereiten. Und vielleicht ruft der Advent gerade jetzt in besonderer Weise mit dem Täufer Johannes zur Umkehr und zur Buße – zum Verlassen alter, lieb gewonnener Wege, die – seien wir ehrlich – oft auch schon etwas ausgetreten waren.

Wer zum Christusfest zu Besuch kommen wird, wissen wir nicht. Doch wir werden vorbereitet sein, denn eines wissen wir ganz genau: ER  kommt zu Besuch, Jesus, dem Johannes den Weg zu uns bereitet hat – Jesus – das ist nun wirklich eine Gute Nachricht – sein Licht stahlt in der Dunkelheit des Todes, des Leides und der Einsamkeit. ER steht auch dir zur Seite, still, oft unerkannt, dass er treu dich leite an der lieben Hand – auf dem Weg des Friedens. Amen

Michael Dürschlag, Pfarrer in Michendorf-Wildenbruch

Ein Stern geht auf
Ein Stern geht auf mit dem versprochenen Kind. Foto: Elias Tigiser/Pexels

 

Zeit des Wartens

Predigttext zum 20. Dezember 2020 4. Advent: 1. Mose 18,1–2.9–15

Da sprach der Herr zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Sollte ich wirklich noch gebären, nun, da ich alt bin? 14 Sollte dem Herr etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen übers Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben. 1. Mose 18,13+14

Es ist lange her, dass in einer Adventszeit so sehnlich gehofft und erwartet wurde wie in dieser. Auf einmal kommt das Wort Erlösung nicht mehr nur in Predigten vor. Und das ungeduldige „Wie oft müssen wir denn noch schlafen?“ empfinden nicht nur Kinder im Warten auf den Heiligen Abend. Hoffnung und der Wunsch nach Erlösung, eine riesengroße Sehnsucht nach dem Ende der Pandemie und der Rückkehr zu einem normalen Leben verbindet in dieser Adventszeit alle Generationen miteinander. Junge und Alte, Kinder und Greise und alle dazwischen sind gleich betroffen. Es gibt es niemanden, der nicht aktiv wartet.

Es ist schon lange her, dass Sara und Abraham noch einmal aufgebrochen waren. Sie sollten endlich bekommen, was sie sich schon lange von Herzen wünschten: eine neue Heimat und Kinder. Es war mutig von Gott, dies einem 75-Jährigen und seiner nur wenig jüngeren Frau zu versprechen. Jetzt, fast ein Vierteljahrhundert später, erneuert Gott sein Versprechen noch einmal. Und es ist kein Wunder, dass Abraham vor Lachen umkippt: „Da fiel Abraham auf sein Angesicht und lachte und sprach in seinem Herzen: Soll mir mit hundert Jahren ein Kind geboren werden?“ (1. Mose 17,17). Das sagt er aber nur zu sich. Gott gegen­über versucht er, die Fassung zu bewahren und das bittere Lachen herunterzuschlucken. Weiße Haare und kein Kind, was soll noch kommen?

Aber dann kommt Besuch. Und jetzt kommt Leben in die beiden. Sie beeilen sich, weil die Gäste ja warten. Abraham muss schlachten, Sara muss kochen und backen. Ein kleines Festessen. Sie haben schon so lange gewartet. Ein Warten, dem die Hoffnung längst abhanden gekommen ist.

Dann essen die Gäste. Ein Moment der Ruhe und in die Stille hinein eine Frage. Wo ist Sara? Abraham, der sich aufgemacht in ein neues Land, ist ja nicht alleine gekommen. Heimat, die könnte er auch allein finden, aber Zukunft, Kinder gibt es nur zusammen mit seiner Frau. Und unglaublich, was der Besuch dann verspricht. Es wird diese Zukunft geben. Das Warten wird ein Ende haben. Etwas, was sich alle Wartenden, alle, die hoffen, von ganzem Herzen wünschen, in diesen Tagen mehr als je zuvor: Dass einer sagt, wann es endlich soweit ist. Der Besuch sagt: Ein Jahr noch, nur ein kurzes Jahr, und Sara wird ein Kind haben und die beiden eine Zukunft.

Sara lacht. Und Abraham sagt jetzt gar nichts mehr. Die beiden haben doch schon genug zu tragen an ihrem vergeblichen Warten. Dieses Versprechen stößt sich hart an der Wirklichkeit. Abraham schweigt und Sara lacht.

Ist denn irgendetwas unmöglich für den Herrn? Die Frage fällt in das Schweigen unter dem Baum in der Mittagshitze, in die Jahre des Wartens, in die Resignation. Die Frage fällt in die Wirklichkeit. Sie fällt in jedes Leben, an diesem Nachmittag im Hain Mamre und in die Adventszeit des Jahres 2020. Immer wieder in der Geschichte Gottes mit seinen Menschen gibt es das, was Abraham und Sara erlebten: Jahre des Wartens, Zeiten ganz ohne Hoffnung, eine Wirklichkeit, die alle Möglichkeiten zu ersticken droht. Von Gott kommt ein ­Versprechen. Es stößt sich an der Wirklichkeit, es muss Hindernisse überwinden und Rückschläge aushalten. Wir erleben etwas davon in unserer Zeit. Aber wir warten. Und lassen uns die Hoffnung nicht abhandenkommen. Denn ein Kind ist unterwegs.

Katrin Oxen, Pfarrerin der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis­kirche, Berlin-Charlottenburg

Die Weißen unserer Welt

Predigttext zum 27. Dezember 2020 1. Sonntag nach dem Christfest: Offenbarung 7,9–12(13–17)

Diese sind es, die aus der großen Trübsal kommen und die ihre Kleider gewaschen haben und sie weiß gemacht haben im Blut des Lammes. Offenbarung 7,14

Liebe Schwestern und Brüder, wir wissen alle, dass sich Blutflecken echt schwer aus weißer Wäsche rauswaschen lassen. Das Bild aus der Johannes-Offenbarung ist absurd – und soll es wohl auch sein. Bei Gott ist alles anders. Auch wenn es unvorstellbar ist, können Leiden, Krankheit, Verfolgung, Flucht und Hunger ein Ende haben. Diese Worte des Trostes brauchten die Gemeinden in Kleinasien, an die Johannes, der Seher, von der Insel Patmos aus schreibt.

Das Bild vom Thron ist wie ein Bühnenbild in der Inszenierung einer Oper mit dem Thron Gottes in der Mitte, den Engeln um den Thron mit dem Lamm, den Ältesten und dann der Masse von Weißgekleideten mit Palmwedeln. So etwas denken sich Regisseure aus, auch die, die Krippenspiele auf die Altarbühne, freie Bühnen oder in Filme bringen. Jede Figur hat ihre Bedeutung und das Ganze ist eine Botschaft an das Publikum beziehungsweise an die Adressaten des Briefes.

Der Regisseur hier möchte sichergehen, dass das Publikum die Botschaft verstanden hat. Deshalb lässt er einen Schauspieler von der Bühne aus sein Publikum fragen: „Weißt du, wer die Weißen sind?“ Und er erklärt dem Publikum, was auf der Bühne zu sehen ist. „Die Weißen sind die, die bisher leiden mussten.“ Und damit begreifen die Zuschauer in den letzten Reihen, wer gemeint ist. Es sind die vom römischen Kaiser Verfolgten in den Gemeinden in Kleinasien selbst und die Menschen aus allen Völkern, Kulturen und Religionen, die Opfer von Verfolgung sind! Der Text ist hier universell und gilt für die Beleidigten und Ver­folgten bis heute, aus allen Nationen, Völkern und Sprachen.

Der Schauspieler erklärt auch uns, wer die „Weißen“ in der Vision sind. Das sind nicht unbedingt die Weißen in unserer Welt. Im Gegenteil. Es sind die, die wegen ihrer Hauptfarbe verfolgt sind. Es sind die Opfer der Shoah und die Menschen, die heute unter Menschenrechtsverletzungen leiden.

Das Lamm macht das Unmögliche. Es wäscht Blut aus weißen Kleidern. Es erhebt die Beleidigten in die Nähe Gottes. In diesem Bühnenstück ist die Welt verdreht und auf den Kopf gestellt.

Das ist auch die Botschaft von Weihnachten, dass nicht die in den schönen Häusern und ­Palästen Christus bei sich haben, sondern die ohne Herberge und die Verfolgten. Vielleicht werden die Flüchtlinge von heute dann die Gastgeber von Morgen sein. Wir sollten anfangen, das Bühnenbild des Sehers Wirklichkeit werden zu lassen und den Menschen in Trübsal zur Seite stehen. Amen

Beatrix Spreng, Pfarrerin in Joachimsthal.

Sie erhielt im Oktober 2020 für ihr ­Engagement gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit den Brandenburger Freiheitspreis 2020.

 

Advent - Zeit der Kerzen und des Wartens.

Advent – Zeit des Wartens. Foto: pixabay

 

 

Gebet des Monats Dezember 2020

Laterne im SchneeAdvent –
Etwas Neues beginnt
Ein Gebet für Dezember

Guter Gott,
in der Adventszeit singen, beten und warten wir auf dein Kommen. Advent heißt Ankunft.

Wir kennen das Wort Ankunft: Ankunft auf dem Bahnhof, Ankunft in einer neuen Wohnung, Ankunft eines neuen Erdenbewohners. Ankunft heißt immer: Etwas Neues beginnt. Guter Gott, gib uns immer wieder die Kraft und den Mut, neu anfangen zu wollen und zu können. Wir dürfen es, denn du bist auch in die Welt gekommen und hast etwas Neues angefangen. Guter Gott, gib und Freude und Kraft, mit dir immer wieder neu anzufangen. Amen

                            Berthold W. Haerter

 

Aktuelle Ausgabe November 2020

Kerzen anzünden für Verstorbene. Foto: pixabay
Kerzen für Verstorbene am Ewigkeitssonntag zu entzünden ist ein alter Brauch des Gedenkens. Foto: pixabay

 

Die Bilder der Bibel. 
Auch Teile unserer Kultur. Wie die Bibel entstand – Teil 11
Von Hans-Jürgen Grundmann aus Berlin

Gestickte Kerzen.
Gedanken zum Ewigkeitssonntag
Von Pfarrer Eckhart Wragge, Gefängnispfarrer a.D., aus Berlin

Wie haben Sie es damals erlebt? Serie: 75 Jahre Kriegsende
Zwei Engel für Vater und Sohn.
Wie ein polnischer Gastarbeiter den Vater vor russischer Gefangenschaft rettete und eine Flüchtlingsfrau für den Sohn betete.
Pfarrer i.R. Klaus Köller, Leser aus Berlin-Weißensee

Oma war schuld an der Karteln-Sucht. Serie: Meine Geschwister
Eigentlich wären wir gerade in Schweden, meine beiden jüngeren Schwestern und ich – gäbe es nicht gerade eine globale Pandemie.
Von Friederike Höhn aus Berlin

Christen sprechen über ihren Glauben.
Letztendlich ist da etwas, was mich hält. Etwas, für das ich keine Sprache habe.
Von Vikarin Maike Schöfer aus Berlin

Umziehen oder bleiben? Ich weiß nicht, wie soll ich mich entscheiden.
Die erwachsenen Kinder wohnen in einer anderen Stadt. Haus und Hof aufgeben und zu ihnen ziehen oder Hilfe holen und bleiben? Wo soll es hingehen?
Es antwortet: Pfarrerin m Ruhestand Katharina Plehn-Martins aus Berlin

 

 

Predigten des Monats November 2020

Bäume im Herbst.
Foto: pixabay

Zum Monatsspruch November 2020

Gott spricht: Sie werden weinend ­kommen, aber ich will sie trösten und leiten.           Jeremia 31,9 (L)

Ist das nicht einer unserer tiefsten Wünsche? Jemanden zu kennen, an den wir uns weinend wenden dürfen? Jemanden, dem unsere Tränen weder unangenehm noch egal sind?

Wann haben Sie das letzte Mal geweint? Wer hat Sie getröstet? Haben Sie überhaupt Trost gewollt? Viele beißen im Kummer die Zähne zusammen, weil sie Tränen für ein Zeichen von Schwäche halten. Aber das ist ein falscher Ansatz, ja, sogar fast eine Beleidung Gottes. Er hat uns geschaffen – in seinem Ebenbild. Deshalb können wir fühlen. Deshalb können und dürfen wir weinen. Er tut es auch.

Ob wir das nun aus Enttäuschung, Trauer oder Wut tun, Gott will uns immer trösten! Natürlich spricht das Bibelwort hier in erster Linie Israel, das Volk Gottes, an. Aber durch Christus gehören auch wir, die Erlösten aus den Nationen, dazu. Gott möchte seine Kinder wieder auf- und neu ausrichten. Er hat Antwort auf alle Fragen. Und – er möchte uns auf gute Wege leiten. Denn das ist der wahre Kern des Trostes. Unsere Tränen abzuwischen, ist nur der Anfang. Wir müssen wissen, wie wir getröstet weitergehen können.

In dieser Jahreszeit leiden viele unter trübem Wetter und schwermütigen Gedanken. Und ist nicht überhaupt dieses ganze Jahr 2020 zum Weinen? Vielen von uns hat es Verzicht, Verlust oder Verzweiflung beschert. Aber was, wenn wir es einfach wagen würden, weinend zu Gott zu kommen? Er verspricht, dass er sich kümmern wird. Wer sich mit glaubendem Herzen darauf einlässt, der kann getröstet seinen Weg gehen – geleitet von Gottes Güte!

Ursula Hecht, Berlin

 

Den Boden beackern. Foto: pixabay:

Wir ernten, was wir säen. Foto: pixabay

Die Früchte der Erde

Predigttext zum 1. November 2020 Sonntag nach ­Trinitatis:
Jeremia 29,1.4–7(8–9)10–14

So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn; denn wenn’s ihr wohl geht, so geht’s euch auch wohl.   Jeremia 29,4–7

Der Prophet Jeremia stellt uns mit seinem Brief, den er an die 597 vor Christus nach Babylon ins Exil deportierten Israeliten verfasst und der als Predigttext für den 21. Sonntag nach Trinitatis gewählt wurde, vor eine Herausforderung. Dieser Sonntag will neue Perspektiven eröffnen, den Blick weiten. In welche Situation hinein hören oder lesen wir diesen Text?

Aus aktuellem Anlass drängt sich beim ersten Lesen eine Parallelisierung der Adressaten auf: Dann würde sich der Brief nicht an eine Minderheit in Babylon richten, der ihnen eine Verbindung in die Heimat, Trost und Halt zu schenken vermag, sondern könnte auch an Geflüchtete aus Kriegsgebieten, Asylsuchende oder Vertriebene adressiert sein.

In der Auslegung des Textes auf diese Situation hin bleibt allerdings eine Spannung unauflösbar bestehen. Jeremia weitet den Blick der Deportierten, indem er ihnen zusagt, dass die Zeit, in der sie in der Fremde leben müssen, begrenzt ist. Die Situation ist endlich, wenn auch nicht schnell ­vorbei! Sie wird andauern und länger als eine Generation währen. Am Horizont dieser Zeit ­stehen Frieden, Zukunft und Hoffnung. Aber genau diese Vorläufigkeit wird Geflüchteten, die zum Teil auf einen unbefristeten Aufenthaltstitel hoffen, nicht gerecht.

Daher möchte ich heute eine andere Lesart ­vorschlagen. Jeremia zeichnet die Situation der Fremdheit in einer neuen Heimat, die nicht aus eigenem Antrieb gewünscht wurde. Sie wird von äußeren Begebenheiten und Ungewissheiten bestimmt und zwingt Menschen, ungewollt die alte Heimat sinnbildlich zu verlassen und in einer ­neuen Heimat sesshaft zu werden.

Hier denke ich an individuelle Verluste im Leben durch Todesfälle oder auch Trennungen, an schwere Krankheiten, die das ganze Leben wenden. Ich denke an Entwicklungen, die das altbekannte, gewohnte und geliebte Leben plötzlich vollkommen ändern, bei denen einem der Boden unter den Füßen weggerissen wird.

Jeremia spricht dem Menschen in einer existentiellen Krise eine Zukunftsperspektive zu, die er mit einem klaren Auftrag verknüpft. Richtet euch ein in dem Neuen, beackert den Boden unter euch, „baut Häuser und wohnt darin“, lasst euch darauf ein, macht es zu eurem, auch wenn ihr es nicht zu verantworten habt. Werdet Handelnde in dieser Situation, in die ihr unverschuldet hineingeraten seid! Und das alles steht unter dem Zuspruch: Du bist nicht allein, dein Gott begleitet dich auch an diesen Ort! „Denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden ­lassen.“

Dr. Sarah-Magdalena Kingreen,
Vikarin in der Kirchengemeinde Dahlem in Berlin-Zehlendorf

Jugendliche halten sich alle an einem Stern fest
Zusammen ist vieles zu ertragen. Foto: pixabay

Hab Acht

Predigttext zum 8. November 2020 Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres:
Thessalonicher 5,1–6(7–11)

Ihr aber seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen … 1. Thessalonicher 5,4–6

Ständig auf Achse sein, in Hab-Acht-Stellung, um bereit zu sein, wenn der Tag des Herrn kommt. Dazu mahnt Paulus hier seine Glaubensgeschwis­ter. Verfielen sie in Lethargie und ließen sich gehen? Nein, sie sollten nicht nachlässig werden in der Nachfolge, darin, einander zu trösten und das Gute zu behalten.

Ich kann verstehen, dass einem da mal die Puste ausgeht. Schließlich kam der Herr ja nicht gleich wieder vom Himmel auf die Erde. Er schien sich zu verspäten. Für uns heute scheint die Wiederankunft Christi hier auf Erden gar kein Thema mehr zu sein. Nur in wenigen Predigten kommt es noch vor. Vielleicht fehlt uns auch einfach die Fantasie, wie das vor sich gehen soll?

Aber Paulus sagt da etwas Interessantes: Nur wenn ihr in der Finsternis seid, womöglich alle Sinne ausgeschaltet habt und schlaft, kommt das Licht wie ein Dieb in der Nacht. Überrascht euch der Herr im Dämmerzustand, meint er wohl. Nicht aber, wenn ihr immer im Licht seid. Sozusagen eurer Wesenszug ist. Wenn aus euch das Licht ­Gottes leuchtet und ihr es damit hell werden lasst, dort, wo ihr gerade seid. Als Erzieherin in der Schule bei den Hortkindern, als Senioren am Telefon, die regelmäßig diejenigen anrufen, die nicht digital angeschlossen sind. Als Kirchdienst, der nicht nur sonntags Kaffee kocht, sondern auch an die Karte für das Geburtstagskind gedacht hat. Als Friseurin, die Obdachlosen die Haare schneidet.

Mit Christus leben, hat viele Möglichkeiten. Welche passt für mich oder dich? Egal, welchen Weg jemand wählt: Kinder des Tages sind „angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil“.

Sibylle Sterzik, Berlin

 

Ein junger Mann steht an einer Garderobenpuppe und bindet den Schlips
Christen legen mit der Taufe neue Kleider an. Foto: pexels

 

 

 

Jesus soll erst einmal jemand verstehen!

Predigttext zum 15. November 2020 Vorletzter Sonntag des Kirchen­jahres: Lukas 16,1–8(9)

Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein. Da sprach der Verwalter bei sich: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt. Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn. Wie viel bist du schuldig? Der sprach: Hundert Sack Weizen. Er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig. Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter.  Lukas 16,1–8(9)

Ein angestellter Manager, der eine Hausverwaltung nebst einem Lebensmittelhandel führt, war nach damaligem Recht befähigt, eigene Unterverträge zu schließen, ohne es dem Chef zu sagen. Offensichtlich hatte er sich dabei die eigene Tasche gefüllt. Das kommt ans Licht. Kündigung und der Karriereabsturz sind vorprogrammiert, ­stehen vor der Tür. Es folgt die Selbsterkenntnis.

Selbsterkenntnis, dass man zu körperlicher Arbeit nichts taugt und trotzdem als kluger ­Manager versucht, die Schäfchen ins Trockene zu bringen. Der Clevere erlässt Schulden, kauft sich sozusagen damit Freunde. Dass der Chef von ­alldem nichts weiß, steht zu erwarten.

Auch uns steht einmal die Kündigung hier auf Erden ins Haus. Mit bloßen, leeren Händen vor unserem Herrgott stehen, das wäre schlecht. Jesus sagt uns darum, wir sollen nicht warten auf den schmerzlichen Abgang aus dem Leben, sondern wir sollen uns Fürsprecher kaufen. Egal wo das Geld herkommt. Hilf Menschen, es wird sie bestimmt nicht interessieren, wo das dafür herkommt. Tu etwas für Menschen. Gott wirds vergelten. Habe ich Jesus damit verstanden? Angst? Angst habe ich nicht vor dem, was ich nicht verstehe in der Bibel, sondern vor dem, was ich verstehe.

Titus Schlagowsky, Seelsorger und ­Prädikant, Nochern, Hessen und Nassau

 

Weinende Frau. Foto: pixabay

Gott verheißt, uns zu trösten. Foto: pixabay

Tränen werden abgewischt

Predigttext zum 22. November 2020  Ewigkeitssonntag:
Offenbarung 21,1–7

Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Offenbarung 21,3–5

Die Entstehungszeit dieses Textes ist trostlose Zeit. Die Christen litten sehr unter den Verfolgungen durch die römischen Machthaber. Vielleicht ist das Erleben und Fühlen der Christinen und Christen von damals gar nicht so fern von dem Empfinden der Menschen in unseren Gottes­diensten am Ewigkeitssonntag.

Wir gedenken der Verstorbenen. Manche Träne ist geflossen und fließt auch noch heute. Wir empfinden diese Tage als bedrückend und suchen Trost. Gott will uns seinen Trost geben. Johannes hat Gott gehört und gesehen und sagt Gottes Trost weiter. Gott wird seine Macht gegen das Traurigste erweisen, wenn die Not für die ­Menschen am größten geworden ist.

Die Offenbarung des Johannes entstand zur Regierungszeit des römischen Kaisers Domitian. Er war einer der grausamsten Verfolger der Gemeinde. In diese trostloseste Zeit hinein spricht Johannes eines der am meisten tröstenden Worte, die ich aus der Bibel überhaupt kenne. In seiner Vision greift er auf Bilder zurück, wie sie uns ganz am Anfang der Bibel begegnen. Am Ende der Zeiten wird alles neu und wieder in die Zeiten paradie­sischer Harmonie zurückgeführt. Himmel und Erde werden neu geschaffen. Etwas, das Gott für die Seinen schon lange im Himmel bereit hält, kommt auf die Erde. Schön ist es anzusehen, wie eine geschmückte Braut.

Und Gott nimmt Wohnung bei den Menschen. So wie er einstmals im Paradies bei den Menschen wandelte, wird es wieder sein. Gott ist dann bei seinen Menschen. Er wohnt mitten unter ihnen. Greifbar, hörbar, spürbar ist er da. In diesem Moment wird alles anders. Es gibt keinen Grund mehr zur Klage, zur Trauer und zur Traurigkeit. Gott nimmt sein Taschentuch heraus und beginnt den Menschen die Tränen abzutupfen. Ganz zärtlich und vorsichtig stelle ich mir das vor. Gegen alle Traurigkeit und gegen alles Leid, das wir er­leben, setzt Gott eine neue Erfahrung. Da brauche ich nicht mehr zu weinen und meine Tränen werden getrocknet.

Mit dieser Vision vermag der Seher Johannes etwas ganz Großartiges. Er geht mit seinen Gedanken den Weg von der Vertröstung auf kommende Zeiten hin zum Trost zu allen Zeiten. In seinem Bild werden erlebte und leidvolle Gegenwart und erhoffte und leidlose Zukunft zu einem. In die trostlose Gegenwart des Leides und der Tränen hinein sagt er eine Botschaft des Trostes. Denn Gott ist nicht nur Anfang und Ende, nicht nur alles, was unser Leben am Anfang und am Ende, sondern auch zu allen Zeiten dazwischen bestimmt. Gott geht mit uns von A bis Z.

Überall da, wo für Menschen mit leidvollen Erfahrungen Gott gegenwärtig wird, wo sie ihn spüren und seine Macht an ihrer Seite, da werden sie auch den Trost spüren, den Gott gegen alle Widrigkeiten und Traurigkeiten der Gegenwart zu setzen vermag. Gott hält Anfang und Ende und alles dazwischen in seiner Hand.

Thilo Haak, Pfarrer der Ostergemeinde Berlin-Wedding

 

Advent - Zeit der Kerzen und des Wartens.
Advent – Zeit des Wartens. Foto: pixabay

 

 

 

 

Der Friedenskönig kommt

Predigttext zum 29. November 2020 Advent: Sacharja 9,9–10

Brich laut in Jubel aus, Tochter Zion! Schrei Deine Freude heraus, Tochter Jerusalem! Sieh‘ doch, dein König! Er kommt zu Dir. Ins Recht gesetzt und gerettet ist er, ohne Besitz, voll Demut und reitet auf einem Esel, ja auf einem Grautier, dem Füllen der Eselin. Aus Ephraim rotte ich die Kampfwagen aus, die Streitrosse aus Jerusalem, der Kriegsbogen wird zerbrochen. Er verkündet den Nationen Frieden, regiert von Meer zu Meer, vom Tigrisstrom bis zu den Enden der Erde.
Sacharja 9,9-10, in der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache

Zum 1. Advent beginnt die Vorweihnachtszeit, diesmal in einem seltsamen Jahr, in dem alles anders ist. Lockdown im Frühling, AHA-Regeln – Atemschutzmasken, die Mund und Nase bedecken, Hygiene und Abstand, eine schreckliche, weltweite Pandemie, die noch lange nicht vorüber scheint.

Advent heißt aber auch in diesem Jahr Vorbereitung auf die Ankunft des Friedenskönigs Jesus Christus. Dazu passen die Worte des Sacharja, die sich auf Jerusalem als eine Art Welthauptstadt beziehen. In einer neueren Übersetzung lauten sie: „Brich laut in Jubel aus, Tochter Zion! Schrei deine Freude heraus, Tochter Jerusalem!“ Wann haben Sie das zuletzt erlebt, in lauten Jubel ausbrechen, die Freude herausschreien? Kann man heute so jubeln?

Enthusiastischer Jubel, der ihnen gilt: Das hätten sie gerne, die Diktatoren in unserer Welt, die einfach nicht verschwinden wollen. Sie sind keine Friedenskönige. In ihrem seltsam überholt anmutendem Nationalismus meinen sie: Wir zuerst, ich und meine Truppe, wir verschaffen euch Ruhm und Ehre. Sie trommeln sich wie ein Gorilla auf die Brust, um Eindruck zumachen. Was für ein hohler Jubel ist das. Ganz anders als der Jubel, der den Friedenskönig erwartet, der in der Vision des Sacharja schon vor 2500 Jahren erträumt  wurde und den Jesus dann erlebt hat beim Einzug in Jerusalem. Echte, authentische Freude klingt jetzt schon an in unserer Adventsmusik und in unseren Adventsliedern.

Zwei Kennzeichen hat er, der Friedenskönig. Er ist ohne Besitz, voll Demut kommt er. Ein Novum in der Weltgeschichte. Er reitet auf einem Esel. Der Bogen wird weit gespannt. Zuerst: Gott wird die verheerenden Waffen vernichten und dann: Der Friedenskönig setzt seinen Frieden gewaltlos durch, regiert von Meer zu Meer, vom Tigrisstrom bis zu den Enden der Erde. In einem Schwung breitet sich Gottes Frieden aus über die ganze Welt. Das ist die Vision zu Beginn der Adventszeit, die die ganze bewohnte Erde einschließt, verursacht vom Friedenskönig und seinen gewaltfreien Getreuen.

Zu schön um wahr zu sein? Wahrscheinlich. Ansätze sind ja da zum Beispiel in den Institutionen der Vereinten Nationen. Aber wir warten und hoffen auf mehr!

Jetzt beginnt sie wieder, die Adventszeit, die den Blick öffnen soll für den weltumspannenden Frieden, den Gott in Jesus Christus bringen will. „Bereitet doch fein tüchtig den Weg dem großen Gast; macht seine Steige richtig, lasst alles, was er hasst“ EG 9, 2). Sacharja lädt uns ein in eine gesegnete Adventszeit.

Paul Geiß, Pfarrer im Ruhestand, Berlin