Aktuelle Ausgabe Oktober 2020

Das Buch für die Welt.
Wie die Bibel entstand – Teil 10
immer noch ein „Bestseller“. 
Von Hans-Jürgen Grundmann aus Berlin

 

Landkarte Deutschland in den Nationalfarben
Deutschland, einig Vaterland? Collage: Nicole Wolf

 

3. Oktober –
einig Vaterland
Aufgeblüht oder abgebrochen?
Von Sibylle Sterzik aus Berlin

 

 

 

 

 

Martin Luther King Jr
Die Predigten des schwarzen Bürgerrechtlers prägten. Foto: pixabay

Wie haben Sie es damals erlebt? Serie: 75 Jahre Kriegsende
Zwei Erlebnisse, die den damals Dreijährigen prägten und die er nicht vergisst
Manfred Schreiber, Leser aus Zeulenroda-Triebes

 

 

 

 

 

Christen sprechen über ihren Glauben.
Den Glauben zu leben, bedeutet für sie vor allem, Menschen weltweit ein besseres Leben zu ermöglichen. Warum sich Susanne Wesemann für die Arbeit der Johaniter-Auslandshilfe einsetzt.
Von Susanne Wesemann aus Berlin

 

Warum interessiert sich mein Vater nicht für mich?
Trotz liebevoller Fürsorge kommt nichts zurück. Das macht die einige Tochter traurig.
Es antwortet: Propst im Ruhestand Karl-Heinrich Lütcke aus Berlin

 

 

Predigten des Monats Oktober 2020

Spree und Berliner Dom im Morgengrauen
Suchet der Stadt Bestes, in die ihr hineingestellt seid. Foto: pixabay

 

 

 

 

 

 

 

 


Zum Monatsspruch Oktober 2020

Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohl geht, so geht’s euch auch wohl.           Jeremia 29,7 (L)

Am Beginn dieses Monats begehen wir den 30. Jahrestag der Deutschen Einheit. Wer in der DDR lebte, hat sich manchmal gefragt: Wie lange soll das noch gehen? Das fragte sich sicher auch die im 6. Jahrhundert vor Christus ins babylonische Exil verschleppte israelische Oberschicht. Da kommt Post aus der Heimat, ein Brief aus Jerusalem vom Propheten Jeremia. Was steht drin? Sein Rat im Auftrag Gottes: Richtet euch in der Fremde ein. Es wird länger dauern – 70 Jahre.

Mit der DDR war es Gott sei Dank nach 40 Jahren zu Ende.

Was sollte dieser unverständliche Aufruf: Setzt euch für das Wohlergehen der Einwohner in der fremden Stadt im feindlichen Land ein. Sie sollen für ihre Feinde, die an Götzen glauben, beten? Und wie sollen sie mit ihrem Schicksal fertig werden? Sie gerieten nicht zufällig nach Babylon, sondern ihr Gott hat sie dorthin bringen lassen. „Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“

Was bedeuten die 2600 Jahre alten Worte Jeremias für uns heute? Gott sei Dank leben wir seit 30 Jahren in Freiheit. Aber es gibt viel zu tun zum Wohle der Menschen in unserem Land. Wie verhalten wir uns gegenüber Andersdenkenden, Andersglaubenden, Flüchtlingen? Was können wir in der Corona-Pandemie tun? Eine der neuen Glocken der ­Dresdner Frauenkirche und die Reinholdusglocke in Dortmund tragen die Inschrift: „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn.“ Alle Kirchenglocken rufen uns zum Gebet. Beten wir für unsere Stadt und die Menschen, die hier leben. Gebet und Tat kann uns helfen, dass es uns und anderen gutgeht, dass wir Zukunft und Hoffnung haben.

Pfarrer Günter Dimmler, Königsee/Thüringen

 

Erntedankgaben am Altarr
Die Gaben dankbar zum Altar gebracht. Foto: pixabay

Wandlungswunder

Predigttext zum 4. Oktober 2020 Erntedank/17. Sonntag nach ­Trinitatis: Markus 8,1–9

Zu der Zeit, als wieder eine große Menge da war und sie nichts zu essen hatten, rief Jesus die Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Mich jammert das Volk, denn sie harren nun schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen. Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten. Seine Jünger antworteten ihm: Woher nehmen wir Brot hier in der Einöde, dass wir sie sättigen? Und er fragte sie: Wie viele Brote habt ihr? Sie sprachen: Sieben. Und er nahm die sieben Brote, dankte, brach sie und gab sie seinen Jüngern, dass sie sie austeilten.                                                                             Markus 8,1.2.5.6

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein …“ – dieser Satz ist von ihm. Doch Jesus weiß auch: „Der Mensch lebt nicht vom Wort allein …“ 4000 Menschen haben an seinen Lippen gehangen, von seinen Gedanken gekostet, ganze drei Tage lang. Viele haben eine lange Reise auf sich genommen, nur um ihn zu hören und zu sehen. An Proviant hat da offenbar keiner gedacht. Das Herz ist gesättigt, aber der Magen bleibt knurrend leer. Jetzt die Heimreise antreten wäre lebensgefährlich, das ist Jesus schmerzlich bewusst. „Mich jammert das Volk“, lässt die Luther-Übersetzung ihn sagen. Im griechischen Original zieht es Jesus vor Mitleid förmlich die Eingeweide zusammen. Doch der Schmerz wandelt sich in Aktivität, das Wunder nimmt seinen Lauf: Aus Wenigem wird Überfluss, sieben Brote und einige Fische, hastig zusammengekratzt, machen 4000 Menschen satt und selbst die Reste füllen noch sieben Körbe. Wo Jesus ist, da verströmt sich Fülle, da werden Menschen an Leib und Seele genährt. Doch vielleicht hat die Erzählung noch eine andere Pointe?

Als Jesus seinen Jüngern das Problem der hungernden Menge schildert, reagieren sie eher passiv: „Woher nehmen wir Brot hier in der Einöde, dass wir sie sättigen?“ Wir und sie – die Jünger unterscheiden zwischen sich und die anderen. Auf die Idee, etwas Eigenes einzusetzen, ihren Proviant zu teilen, bringt sie erst Jesus. Nachdem Jesus das Dankgebet über Brot und Fischen spricht, gibt er sie seinen Jüngern verwandelt zurück. Sie sind keine Waren der Selbstsorge mehr, nun sind sie Gaben der Fürsorge. Jesus durchbricht die Logik der Vereinzelung mit der Logik der Verbundenheit.

Vielleicht ereignet sich hier das eigentliche Wunder? Keiner ist ein Solitär, wir Menschen sind angewiesen auf einander. Mancher, der in der

U-Bahn partout keine Maske tragen will, sorglos feiern geht oder auf Anti-Corona-Demos herumbrüllt, wie sehr er persönlich unterdrückt wird, hat das noch nicht begriffen. Bis in die Spätantike haben Christinnen und Christen von Zuhause Lebensmittel zur Abendmahlsfeier mitgebracht und sie zu Brot und Wein auf den Altar gelegt, damit Jesu Dankgebet (Eucharistia) über ihnen gesprochen wird und sie verteilt werden. Wie schon einst: Niemand sollte hungrig nach Hause gehen. Das Wandlungswunder wiederholte sich: Aus ­Vereinzelten wurden Verbundene.

Bei uns hat dieser Brauch nur zu Erntedank überlebt: Einmal im Jahr legen wir auf den Altar, was sonst aus dem Supermarkt nur auf unserem Tisch landet. Keine Ernte-Folklore, sondern die Erinnerung: „Der Mensch lebt nicht für sich allein …“ Ja, auch dieser Satz könnte von Jesus stammen.

Florian Kunz, Pfarrer der Berliner ­Kirchengemeinde Zum Heilsbronnen und Stellvertretender Superintendent des Kirchenkreises Berlin-Tempelhof-Schöneberg

 

Jugendliche halten sich alle an einem Stern fest
Konfirmation: Das Vermächtnis ihrer Taufe wird erneuert und will gelebt werden. Foto: pexels

Ganz nah

Predigttext zum 11. Oktober 2020 18. Sonntag nach Trinitatis:
5. Mose 30,11–14

(Denn) Es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.    5. Mose 30,14

Welche biblischen Texte fallen Ihnen ein und sind wichtig für Sie? Die Antwort wird verschieden sein unter uns. Aber ich bin mir sicher, viele

w­erden auch die Zehn Gebote nennen, sie gehören dazu. Die Zehn Gebote sind wichtig, sie regeln ein gutes Zusammenleben von uns Menschen. Wir brauchen Regeln oder Gesetze. Wir brauchen eine Ordnung gerade in Krisenzeiten und danach im Übergang zu neuer Zeit.

Für das Volk Israel erhielt Mose die Zehn Gebote. Aber eben auch für die neue Zeit im gelobten Land wurden sie wichtig und immer wieder studiert und neu ausgelegt. Manche fassen die Gebote zusammen im Doppelgebot der Liebe: Gott lieben und den Nächsten wie sich selbst und nehmen dies als wichtigstes fürs Leben.

Andere suchen für sich einen besonderen Bibelvers, der sie im Leben begleiten möge. Das geht ganz verschieden zu: Vor ihrer Konfirmation nahm sich unsere Tochter viel Zeit, las in der Bibel und schrieb Verse auf, die sie ansprachen. Dann strich sie nach und nach zusammen, bis dieser eine Bibelvers 5. Mose 30,14 zurückblieb. Er wurde ihr Konfirmationsspruch.

Ein wichtiger Vers aus Moses Abschiedsrede im Übergang zum gelobten Land. Ein Vermächtnis, das haften geblieben ist bis heute. Gottes Wort ist nahe, ganz nahe, im Mund und im Herzen. Gottes Wort ist tief in uns und bleibt nicht nur Wort, es wird nicht nur das richtige gute Gefühl, es bildet den Verstand, es wird getan. Aus dem Hören und Reden, aus dem Beherzigen und Verstehen wird Tun: das Tun, wie Gott selbst tut.

Welch eine wunderbare Zusammenfassung für eine Schwelle im Leben wie die Konfirmation. Der Glaube wird erwachsen mit gemeinsamem Lernen und Leben des Glaubens im Konfirmandenunterricht. Jugendliche lassen sich mit dem Segen Gottes beschenken, Zuspruch und Anspruch zugleich. Das Vermächtnis ihrer Taufe wird erneuert und will gelebt werden. In Jesus Christus ist Gottes Wort Mensch geworden und Gottes Gebot erfüllt. Nicht im Himmel und nicht in weiter ­Ferne, sondern ganz nah.

Das Evangelium will immer wieder neu erzählt und ausgelegt werden, auch in diesem Herbst, wo viele Jugendliche ihre Konfirmation mit Corona­-Regeln feiern. Abstand halten hat nichts mit Abgrenzen zu tun. Corona lässt uns von Groß­events Abstand gewinnen und neu entdecken, ­welche Kraft im Kleinen in der Familie, in Freundschaften oder in der Nachbarschaft stecken kann. Das Evangelium Christi ermuntert vertrauensvoll, die Nähe Gottes zu erleben im Mund und im ­Herzen und im Tun, gerade auch in der Zuwendung zu denen, die zu oft im Abseits sind. Möge ­diese wichtig sein für uns alle.

Sabine Benndorf, Prädikantin in der Region Templin

 

Eine Schneiderin arbeitet an einem Kleid auf einer Schaufensterpuppe
Christen legen mit der Taufe neue Kleider an. Foto: pexels

Komm in Gottes Umkleidekabine

Predigttext zum 18. Oktober 2020 19. Sonntag nach Trinitatis:
Epheser 4,22–32

Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus. Epheser 4,23-25.32

Sie kennen das Wort „Kleider machen Leute“. Ein Sinnspruch, der eine tiefe Erkenntnis in sich trägt: Was wir an uns tragen spiegelt nach innen hinein und verändert unser Wesen. Oder auch umgekehrt: Was wir innen fühlen, kann sich sehr deutlich in der Kleidung zum Ausdruck bringen. Aus der Umkleidekabine können wir wie neu geboren kommen!

Wenn wir es wagen mal ein paar alte Klamotten abzulegen und uns ganz neu einzukleiden, dann macht das etwas mit uns. Wir werden gewissermaßen wie neu. Außen und Innen hat bei uns Menschen eine Menge miteinander zu tun. Diese Erkenntnis muss auch den Schreiber des Epheserbriefes bewegt haben, als er diesen Text aufschrieb.

Im Bildwort werden Christinnen und Christen aufgefordert, sich neu einzukleiden. Die Christusnachfolge ist gewandeltes Leben, sie bedeutet eine Veränderung im Äußeren und vor allem im Inneren. Wer das neue Kleid des Glaubens trägt, zeigt sich der Welt auf eine neue Art und Weise. Diese neue Bekleidung ist mehr als eine Jacke oder ein Hemd. Mit den Worten des Epheserbriefes ist es gleichsam ein „Neuer Mensch“, den wir anziehen.

Ich höre das klare und einfache Bildwort, doch ist es wirklich so einfach dem Leben im Glauben eine Gestalt zu geben? So einfach wie das Anziehen von neuen Kleidungsstücken? Alle Erfahrung lehrt mich, dass es leider nicht so einfach ist!

Und doch kann es gehen: Als Christ kann ich ein anderer, ein besserer Mensch sein. Ich lüge nicht mehr, sondern sage den Menschen die Wahrheit. Mutig und tapfer versuche ich mich nicht mehr mit Unwahrheiten bequem durchs Leben zu schummeln. Vielmehr bin ich redlich und aufrecht, auch wenn es unbequem und anstrengend sein kann.

Wenn mir auch Zorn erlaubt ist, so lasse ich über diesem nicht den Tag vergehen. Das heißt nichts anderes als dass ich nicht den Zorn über mich herrschen lasse, sondern dass ich mich beherrsche und den Zorn wieder ablege.

Ich bekomme auch ein ganz anderes Verhältnis zum Besitz. Es geht mir nicht mehr darum alles haben zu können, es gegebenenfalls durch Betrug oder Diebstahl zu meinem Eigentum zu machen. Christliches Leben misst sich nicht daran, was einer besitzt, sondern daran, ob einer in der Lage ist abzugeben und zu teilen.

So will das neue christliche Kleid aus uns neue Leute machen, weil eben Kleider Leute machen. Gott hat für jede und jeden von uns solch ein Kleid im Schrank. Alle Kleidergrößen finden sich darin. Lassen Sie sich einladen, mal in seine Umkleidekabine zu kommen und das neue Kleid nicht nur zum besonderen Anlass, sondern alle Tage zu ­tragen.

Thilo Haak, Pfarrer der Ostergemeinde Berlin-Wedding

 

 

Aehren wiegen sich im Wind
Ähren sammeln gegen den Hunger.
Foto: pixabay

Dem Guten folgen

Predigttext zum 25. Oktober 2020
20. Sonntag nach Trinitatis:
Markus 2,23–28

Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, da er Mangel hatte und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester und gab sie auch denen, die bei ihm waren? Markus 2,25+26

Die Geschichte vom Ährenraufen las sich für mich immer so: Jeder einzelne möge mit seinem Urteil eine bestehende Regel an die jeweilige Situation anpassen. Seit Corona glaube ich das nicht mehr. Ich erlebe, wie Menschen sich schnell an neue gesellschaftliche Konventionen gewöhnt haben und mit deren Einhaltung trotz persön­licher Einschränkungen einen übergeordneten ­Nutzen verbinden. Wer hätte gedacht, dass jemand sich einmal respektlos behandelt fühlen würde, weil ein anderer sich weigert, eine Maske aufzusetzen? Wir lernen gerade, dass gute Regeln die Freiheit einer Gesellschaft ermöglichen. Und das war wohl das, worauf die Pharisäer hingewiesen haben.

Die Jünger*innen Jesu klauen hungrig auf einem Feld das, was sie unmittelbar satt macht. Der Hunger steht für sie ausnahmsweise über dem Gebot, das ihnen heilig ist. Nicht ihr Mundraub erregt Aufsehen, sondern dass sie an einem arbeitsfreien Tag ernten. Sie wissen, dass die Vorwürfe berechtigt sind. Mit ihrer Kritik wollen die Pharisäer erreichen, dass das freie Zusammenleben vieler an einem Ort weiterhin möglich bleibt. Auch sie finden, dass das Gesetz für den Menschen geschaffen worden ist. Umgekehrt will Jesus ihnen inhaltlich nicht widersprechen.

Meine Auslegung, die sich allein auf die individuellen Bedürfnisse bezieht, würden weder die Pharisäer noch Jesus gutheißen. Jesus nutzt vielmehr die Gelegenheit, um sich als religiöse Autorität bekannt zu machen. Er vergleicht sich durch sein Argument öffentlich mit David. Jesus selbst verkörpert das Gesetz, das seit jeher das mensch­liche Zusammenleben gefördert hat. Das wurde auch so verstanden. Der anschließende Tötungs­beschluss der Pharisäer erfolgt aufgrund der vermeintlichen Anmaßung.

Jemand machte kürzlich den Vorschlag, den Sonntag für eine Zeit als Arbeitstag zuzulassen oder die Sonntage für eine Weile verkaufsoffen zu halten, um während des Lockdowns entstandene Einbußen auszugleichen und die geforderten Abstände besser einhalten zu können. Damit wurde zu recht eine Diskussion ausgelöst, inwiefern Wirtschaft und Gesundheit über dem Zusammensein in der Familie und unter Freund*innen an gemeinsamen arbeitsfreien Tagen und der Möglichkeit zum Gottesdienstbesuch stehen. Auch wenn es richtig sein kann, sich als Individuum zurückzunehmen, ist es wichtig, als Gesellschaft über die Verhältnismäßigkeit von Gesetzen zu diskutieren. Denn neue Bestimmungen sind ja nicht automatisch gut für die Menschen.

Dr. Stefanie Sippel, Pfarrerin, Alt-Pankow

 

Sommerlich gedeckter Tisch Frohe Botschaft August 2020
Einladend gedeckter Tisch. Foto: pexels

 

Gebet des Monats Oktober 2020

Frau freut sich und breitet die Hände aus
Freude über die Wunder Gottes. Foto: pixabay

Erntedank
Es gibt jederzeit etwas zu ernten
ist das nicht nur eine phrase –
wie verwelkte blümchen –
machmal muss ich lange suchen –
vielleicht ist das nichts die ernte
die leere – die du mit liebe füllst
oder der wertschätzende blick
auf mein begrenztes dasein
ist das große glück des tages
oder dein nein ist lebensrettend
ich danke dir für die ermutigungen
die mich lehren das gute zu sehen
und beglückt anzunehmen.
Michael Lehmler

Gebet des Monats September 2020

Sommerrad Frohe Botschaft Juli 2020

Foto: pixabay

 

 

 

 

 

Versöhnung schaffen

Ein Gebet für September

Du, großer ewiger Gott,

hast uns Versöhnung vorgelebt.

Du, mächtiger, allgewaltiger Schöpfer,

hast deinen Sohn geopfert, damit Versöhnung mit der sündhaften Menschheit geschehen konnte.

Umso mehr sind wir, deine Kinder, angehalten, es dir gleichzutun.

Gib uns die Kraft und den Willen, unseren Neid, unseren Hochmut, unsere Rechthaberei, unseren Zorn, unsere Missgunst, unser schlechtes Reden, unsere Bitternis, unsere Ungerechtigkeit abzulegen, um Versöhnung zu schaffen. –

Das sollte unser Opfer sein, um deinem göttlichen Willen zu entsprechen. Amen

Von Karl-Heinz Eberhardt Schäfer

Predigten des Monats September 2020

Stiftskirche Reichenberg Brennender Dornbusch Frohe Botschaft September 2020

Gottes schafft Versöhnung. Foto: Wikimedia Commons

 

 

 

Zum Monatsspruch September 2020

Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat. 
2. Korinther 5, 19 (E) 

„Denn Gott versöhnte in Christus die Welt mit ihm selber …“, übersetzte Martin Luther. In Bibelübersetzung „Hoffnung für alle“ der Bibel- und Missionsgesellschaft Biblica heißt es: „Denn Gott hat durch Christus ­Frieden mit der Welt geschlossen.“ Diesen heilbringenden Aussagen wohnt ein Haupt­gedanke inne, den Paulus ausdrückt: Gott hat sich mit den Menschen über seinen Sohn Jesus ­versöhnt.

Warum Gott nicht ohne Jesus die Versöhnung mit seinen Geschöpfen selbst betrieben hat? Durch Gottes Allgewaltigkeit könnte er uns Menschen hier im Diesseits niemals von Angesicht zu Angesicht gegenübertreten. Seine Lichtstrahlen würden wir nicht überleben. Erinnert sei daran, wie Gott unter anderem aus einem Dornbusch oder aus dem Himmel spricht, also selbst unsichtbar bleibt.

Gott reicht der Menschheit, die sich ihm oft widersetzt hat, aus Gnade durch Jesus die Hand. Deshalb musste Jesus, von Gottvater ins Leben gerufen, alles Menschliche erleiden. Dadurch kann er als Gottes Sohn für alle Menschen vor Gott eintreten. Nun ist es möglich, in dem Gottmenschen Jesus einen Fürsprecher bei Gottvater zu haben, der mich reinwäscht von Schuld und Vergebung schenkt.

So kann ich auf meinem Pilgerweg der Heiligung voranschreiten. Befreit durch diese Friedenstat der Versöhnung kann jeder Mensch unbeladen immer wieder neu mit Gott beginnen.

Karl-Heinz Eberhardt Schäfer, Leipzig

Neue Solidarität

Predigttext zum 6. September 2020 13. Sonntag nach Trinitatis:
Apostelgeschichte 6,1–7

In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung. Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen. Darum, ihr lieben Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Heiligen Geistes und Weisheit sind, die wir bestellen wollen zu diesem Dienst.

Apostelgeschichte 6,1–3

Die Tage der ersten Gemeinde sind nicht nur ­heile Welt. Es kommt zu einer ersten Zerreißprobe. Lukas schreibt ein Lehrstück davon, wie die Gemeinde damit umgeht.

Auslöser des Konfliktes ist Ungerechtigkeit beim Verteilen der Speisung für die Mittellosen. Zu diesen gehören vor allem die Witwen der griechischen Juden. Des Teils der Gemeinde also, der sich nicht aus Hebräern zusammensetzt. Sie haben eine andere Kultur, eine andere Sprache, sie sehen anders aus. Sie sind Fremde, das befremdet. Und auch wenn Judentum und Christentum lehren „Du sollst die Fremden nicht unterdrücken“ hat die Nächstenliebe an dieser Stelle offensichtlich ihre Grenze erreicht.

Der Hunger macht der ausländischen Minderheit der Gemeinde Mut. Sie murren mit Recht, so soll es unter Christen nicht zugehen! Das dringt bis an die Ohren des Zwölfer-Kreises, der Gemeindeleitung. Sie erkennen das Problem und handeln. Wie bei uns heute gehört das offene Ohr, die sensible Empathie, die Fähigkeit, Stimmungen und Strömungen in der Gemeinde wahrzunehmen zur ­unbedingten Qualifikation von Leitung. Die Zwölf wissen, dass in der Aufgabe der Verkündigung ihre Verantwortlichkeit liegt. Und sie sind weise genug zu erkennen, nur diese Aufgabe leisten zu können. Nicht alle können alles machen! Wenn diese Weisheit sich bis zu uns durchspräche, wie viel Menschen könnten aus selbstgemachtem Stress zu neuen Aufgaben befreit werden?

Die Apostel setzen nun Ämterteilung gegen Ämterhäufung. Sie entwickeln die Idee, die Armenspeisung durch besonders dafür beauftragte Menschen organisieren zu lassen. Die ersten gemeindlichen Berufsspezifikationen entstehen. Neben das Amt des Verkündigers tritt das Amt des Diakons. Unter deren Verantwortung wird die gemeindliche Solidarität neu ins Leben gesetzt.

Die Zwölf setzen ihre Idee von der Ämterteilung aber nicht mit ihrer Autorität durch. Vielmehr stellen sie sich der ganzen Gemeinde und deren Abstimmung. Erst nachdem alle Ja zu der Idee sagen, wird sie umgesetzt. Die Suche und Wahl der Diakonie geschieht dann konsequenter Weise auch in einem demokratischen Verfahren. Vor der ganzen Gemeinde werden sie unter Gebet und Handauflegung in ihre neue Funktion eingeführt. Zur demokratischen Entscheidung der Gemeinde tritt der Zuspruch des Segens und die Bitte um Gelingen an Gott dazu.

Und weil Gott seinen Segen gibt, wächst die Gemeinde jeden Tag und das Wort Gottes breitet sich aus. So wird der Segen Gottes auch über unserer Existenz als solidarische Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern Jesu Christi zu stehen kommen. Darum sollten wir von diesem kleinen Lehrstück über die Armenpflege in ­Jerusalem reichlich lernen.

Thilo Haak, Pfarrer der Ostergemeinde, Berlin-Wedding

Arme unterstützen. Foto: Berliner Tafel/Dietmar Gust Frohe Botschaft September 2020

Arme unterstützen.
Foto: Berliner Tafel/Dietmar Gust

 

Zachäus Niels Larsen Stevns
Zachäus auf dem Baum schaut sich Jesus an. Foto: Niels Larsen Stevns/Wikimedia

Komm herunter!

Predigttext zum 13. September 2020 14. Sonntag nach Trinitatis:
Lukas 19,1–10

Und Zachäus stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus zu sehen; Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.                  Lukas 19,4+5

Ob sich die Geschichte vom Baumkletterer Zachäus so abgespielt hat? Möglich. Oder hat sich der Schriftsteller Lukas diese Geschichte ausgedacht? Einer ist neugierig auf Jesus. Hat das jemand, der heute diese Geschichte liest oder erzählt bekommt, schon mal erlebt, dass einer oder eine auf Jesus neugierig gewesen ist?

Ich kann mich nicht erinnern, das in meinen Gemeinden erlebt zu haben. Ja, auf Kirche war man neugierig. Vor großen Veranstaltungen wie auf einem Kirchentag oder im Alltagserleben zu DDR-Zeiten habe ich erlebt, dass man auf Kirche oder auf einen Pfarrer oder einer Pfarrerin in der Gemeinde, beim Bürgermeister, in der Schule, bei Behörden neugierig gewesen ist. Aber dass jemand auf einen Baum geklettert ist, das wird nur von Zachäus erzählt. Er war klein. Er wollte Jesus sehen. Er wollte ihn kennenlernen. Aber die Menge am Straßenrand versperrte ihm die Sicht. Er wusste wohl auch, dass er bei der Menge keine guten Karten hatte. Er verfügte wohl als Zöllner über ärgerliche Machtbefugnisse, privat wollte man mit ihm nichts zu tun haben. Und so ­kletterte er auf einen Baum. Seine Neugierde war nicht, wie dieser Jesus wohl aussehen wird.

Nein, er hatte davon gehört, dass Jesus helfen kann, wo Menschen mit ihrem Leben nicht mehr klar kommen. Obwohl er als Zollbeamter über einen komfortablen Arbeitsplatz verfügte, war ihm bewusst, dass seine Mitbürger in ihm einen Ausbeuter sahen. Das muss ihn doch sehr bedrückt haben.

Ja, so ist das: Nicht nur „die Armen“ haben Probleme, denen geholfen werden muss. Die Kirche ist auch heute wirklich engagiert, armen Menschen vor Ort und weltweit zu helfen. Für die Kirche, für die christliche Gemeinde wird mit Hinweis auf Jesus viel erwartet – und das ist in Ordnung.

Lukas hat uns aber eine Geschichte überliefert, die im Umkreis „der Reichen“, der unsympathischen Zeitgenossen, von Ausbeutern und trickreichen Ichmenschen angesiedelt ist. Ja, was ist mit den „Reichen“ jenseits der „Armen“ in jeder Hautfarbe, weiß, schwarz, gelb und gemischt, mit ausreichender Bildung, mit Titeln und gesellschaftlicher Achtung und Sicherheit? Was ist es mit uns, denen es eigentlich ganz gut geht, die hier und da auch schlaflose Nächte haben? Die darum wissen oder ahnen, was sie quält, was sie verdrängen und woran sie doch erinnert werden, was aufgearbeitet werden müsste?

Und dann geschieht etwas Unvorhergesehenes: Als Jesus den Mann im Baum sah, rief er ihn an: „Zachäus, schnell! Komm herunter! Ich möchte heute in deinem Haus bei dir sein.“

Am Ende der Geschichte heißt es: „Die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.“ Auf diesen Jesus kann man auch heute neugierig sein.

Es muss ja nicht ein Baum sein. Es kann auch eine Kirche sein oder ein Christenmensch, die oder der sich mit Jesus im Herzen um Menschen kümmert, um die sich sonst keiner kümmert. „Komm herunter! Ich will bei dir sein!“ – das ist das Evangelium, die frohe Botschaft!

Joachim Koppehl, Superintendent in Ruhe, Berlin

 

Regenbogen Zeichen der Gnade Frohe Botschaft Juli 2020

Ein Regenbogen – Zeichen des Bundes.
Foto: pixabay

 

 

 

Katechetisches Meisterwerk

Predigttext zum 20. September 2020 15. Sonntag nach Trinitatis:
1. Mose 2,4b–9(10–14)15(18–25)

Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den 0dem des Lebens in ­seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gegen 0sten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte. Und Gott der Herr ließ einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen … und er nahm eine seiner Rippen … und baute ein Weib aus der Rippe … und brachte sie zu ihm.

1. Mose 2,1.7.8.15.21f

Der erste Schöpfungsbericht (1. Mose, 1–2,4a) zeigt eine Gottes-Idee von einer Reinheit und Erhabenheit, wie wir sie einem Philosophen oder Theologen zuschreiben möchten. Gott braucht nur zu gebieten, und es wird: Es werde Licht! Und es ward Licht! Davon ist hier, im zweiten Bericht,  nichts zu finden. Um so menschlicher wird hier von Gott gesprochen, wobei sich der Erzähler bewusst ist, dass er in Gleichnissen redet. „Alles ist so gewesen, nichts war genauso“, so beschriebe es Volker Schlöndorf einmal.

Wie ein Töpfer auf seiner Drehscheibe formt Gott den Leib des Menschen. Wie ein Glasbläser haucht er ihm den Lebensodem ein, wörtlich den „Schnauf“. Wie ein Gärtner (Vergleiche das Bild von Emil Nolde „Der große Gärtner“) legt Gott den Paradiesgarten an („gegen 0sten“!). Manche Gemeinde rief in diesem Jahr zum Gärtnern (und Wässern) auf, um die Kirche und auf dem Friedhof. Die Zusammenarbeit tat auch der Seele gut.

Wie ein Chirurg schläfert Gott den Mann ein (immer daran denken: Es ist ein Gleichnis: „wie ein“) entnimmt ihm eine Rippe und baut daraus wie ein Künstler die Frau. Er führt sie wie ein Brautführer dem Mann zu. Der Gedanke schwingt mit, der Mann habe auch so der Rippen noch genug! Plastischer, realistischer und handgreiflicher könnte die Erschaffung des ersten Menschenpaares nicht geschildert werden. Hier liegt ein katechetisches Meisterwerk vor (Theodor Schwegler). So redet ein Katechet oder ein Missionar. Oder ein Liebender. Ich erinnere mich, wie ein Bräutigam ausrief: „Endlich habe ich eine Frau gefunden, die meinem Herzen nahe ist!“ Ist das naiv? Ja, lebten sie vorher einsam, nun zweisam.

Die Frau ihrerseits steht nach dem Plan Gottes an der Seite des Mannes, weder über ihm wie eine Herrin, noch unter ihm wie eine Sklavin. Sie sind Liebende. „Es ist unmöglich, sagt die Erfahrung. Es ist, was es ist, sagt die Liebe“ (Erich Fried). Er ist (hebräisch) der „isch“, sie die „ischa“. Sie sind eine Einheit in aller Verschiedenheit. Welche wunderbare Motivation sind die Gleichnisse zweiten Schöpfungsberichts für Religionslehrer, Schülerinnen und alle, die wieder jung werden möchten.

Eckart Wragge, Pfarrer im Ruhestand, Berlin

 

 

Das Leben bewahren. Frohe Botschaft September 2020Foto: pixabaySiege über den Tod

Predigttext zum 27. September 2020 16. Sonntag nach Trinitatis:
2. Timotheus 1,7–10

Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.  2. Timotheus 1,7+10

Tausende junger Menschen demonstrierten voriges Jahr gegen die Umweltzerstörung und ihre Folgen. Heute ist es still geworden um die „Fridays for Future“-Bewegung, die Angst vor dem Corona-Virus hält uns weltweit in Atem. Gerade zur Osterzeit, dem Fest der Auferstehung, sahen wir die Bilder unzähliger Särge in Bergamo und anderswo und sorgten uns um unser Gesundheitssystem, wie viele Opfer wir zu beklagen haben werden, ob wir selbst dazugehören würden. Hatte der Tod gewonnen? Hat der Sieg Christi über ihn keine praktische Bedeutung?

Auf den ersten Blick mag es so scheinen. Nicht nur die Pandemie deutet darauf hin, auch Mord und Totschlag, Krieg und Vertreibung, menschenverachtender Rassismus. Der ist auch bei uns schmerzlicher Alltag für viele ohne helle Haut, blaue Augen und blonde Haare. Schon kleine ­Kinder müssen Bösartiges erleben, gedankenlose Bemerkungen und schamlose Gesten oder gar Übergriffe.

„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“, wurde der junge Timotheus er­mutigt. Für viele im Lockdown klang das in der Osterzeit hochaktuell. Die alten Worte halfen auch uns mit dem Stillstand zurechtzukommen, um die Pandemie zu beherrschen. Das österliche Hauptthema, Jesu Sieg über den Tod, geriet darüber in den Hintergrund. Darum freue ich mich, dass es nun – fast ein halbes Jahr später – noch einmal betont wird.

Vielleicht können wir vom Ostersieg über den Tod Spuren in unserem Leben heute finden? Eine solche Spur ist für mich der pausen- und selbst­lose Einsatz von Ärzt*innen und Pflegekräften. Wir sollten diese Held*innen des Alltags nicht vergessen. Eine andere: Als eine Bekannte vor einem Jahr ihren Mann durch plötzlichen Herzstillstand verlor, stand ihr Leben auf einmal still; dennoch verschickte sie einen liebevollen Weihnachtsbrief mit Dank, Hoffnung und Zuversicht. Ihr Glaube hatte ihr geholfen.

Österliches sah ich auch im Handeln unserer Regierenden: einmütig, mutig und die Chance der Krise für Veränderungen nutzend, dabei Schwache nicht vergessend. Ob das tatsächlich gelungen ist, steht auf einem anderen Blatt.

Einer Brustkrebspatientin half der allgemeine Lockdown in ihrem ganz persönlichen Leben. „Mein altes, unbeschwertes Leben werde ich nicht ­wiederbekommen“, schreibt sie. „Dafür ist zu viel passiert. Es wird ein anderes Leben, vielleicht sogar ein besseres, sagt meine Psycho-Onkologin. Das macht mich neugierig.“ Das alles sind für mich Oster-Erfahrungen, ­Siege über den Tod.

Welche haben Sie?

Sabine Ost, Pfarrerin im Ruhestand, Berlin

 

Sommerlich gedeckter Tisch Frohe Botschaft August 2020
Einladend gedeckter Tisch. Foto: pexels

 

Aktuelle Ausgabe September 2020

Zwei Männer und eine Vision. 
Wie die Bibel entstand – Teil 9
Luther und Freiherr von Canstein
Von Hans-Jürgen Grundmann aus Berlin

Der Vater war Schmied und half den BauernWie haben Sie es damals erlebt? – Neue Serie: 75 Jahre Kriegsende
Der Sohn des Schmieds war zehn. Eine Wahrsagerin, die russisch sprach, befreite den Vater von den Russischen Soldaten.
Siegfried Dehmel, Pfarrer im Ruhestand aus Berlin

Christen sprechen über ihren Glauben.
Die Menschen sollen erleben, dass das Reich Gottes nichts Fernes und Jenseitiges ist. Warum sich Dr. Rainer Brockhaus bei der Christoffel-Blindenmission engagiert.
Von Rainer Brockhaus aus Bensheim

Versöhnungskreuz in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche Frohe Botschaft September 2020

Frieden halten –
wie schaffe ich das?

Haltet Frieden, rief der Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm im Gedenkgottesdienst zu
75 Jahre Kriegsende am 8. Mai 2020 auf. Wieso gelingt uns Menschen das so selten, fragt eine Leserin.
Es antwortet: Generalsuperintendent Martin-Michael Passauer aus Berlin

 

 

Aktuelle Ausgabe August 2020

Die vorlutherischen deutschen Bibel  –
Wie die Bibel entstand – Teil 8
Der Bayer versteht den Sachsen nicht. 
Von Hans-Jürgen Grundmann aus Berlin

 

3. Oktober – Deutschland singt
Eine Initiative feiert die Wiedervereinigung, die Demokratie und tritt für den Zusammenhalt in der Gesellschaft am 30. Tag der Deutschen Einheit ein. Mitmachen erwünscht
Von Stephan Kahé aus Tutzing

 

 

Wie haben Sie es damals erlebt? – Neue Serie: 75 Jahre Kriegsende
Wie eine Krankenschwester aus der Steiermark das Leben eines 18-Jährigen rettete.
Eva Lorenzen, Leserin aus Magdeburg

Unzertrennlich Frohe Botschaft August 2020

Große Geschwisterschar.
Wir waren sechs Geschwister, eine Schwester starb bereits vor vielen Jahren
Hildegard Eydam, Leserin aus Naumburg/Saale

 

 

Christen sprechen über ihren Glauben:
Gott beruft mich zum Leben als sein geliebtes Kind, dieses Geschenk ­weiterzugeben in Verantwortung für die Schöpfung.
Von Alexander Reichert, Leser aus Jüterbog

Die Weisheit der älteren Semester.
Lebensfrage: Trotz meiner Erfahrungen fühle ich mich als älterer Mensch manchmal nicht ernstgenommen. Müsste das nicht andersherum sein?
Es antwortet Hans-Ulrich Schulz, Generalsuperintendent a.D., aus Potsdam

Gebet des Monats August 2020

Sommerrad Frohe Botschaft Juli 2020

Foto: pixabay

Deine Gegenwart ist Leben  – Ein Gebet für August

Du Friedensbringer, wende dich deiner Schöpfung zu. Die Reisenden wollen sicheres Geleit. Die Kranken hoffen auf Heilung. Die Trauernden brauchen Trost. Die Ratlosen suchen neue Wege. Du Gott Jakobs, erinnere dich deiner Verheißung. Deine Gegenwart ist Leben. Komm, mache deine Verheißungen wahr. Friedensbringer, wende dich deiner Kirche zu. Gib ihren Worten Klarheit, ihrem Beten Beständigkeit, ihrer Gemeinschaft Liebe. Behüte die Verfolgten. Nimm dich unserer Lieben an und segne sie. Du Gott Jakobs, um Jesu Christi willen erinnere dich deiner Verheißung. Deine Gegenwart ist Leben. Komm, mache deine Verheißungen wahr. (VELKD)

Von Christa Spilling Nöker

Predigten des Monats August 2020

Schöpfung Frohe Botschaft August 2020

Gottes Schöpfung.
Foto: pixabay

 

 

 

 

Zum Monatsspruch August 2020

Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine ­Werke; das erkennt meine Seele.   Psalm 139,14 (L) 

Wie oft wohl habe ich diesen Vers schon auf einer Geburtsanzeige gelesen! Neugeborene bringen uns die Wunder der Schöpfung wieder zu Bewusstsein. Staunend betrachten wir die kleine Person und erkennen in ihrer Mimik die Züge von Oma oder Papa. Ein wenig andächtig fühlen wir uns wie Zeugen des Wunderwirkens Gottes.

Gott hat mich – und Sie – wunderbar gemacht. Wir haben allen Grund, Gott dafür zu danken, auch wenn wir mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen kämpfen. Der Mensch ist viel mehr als nur Produkt des wunderbaren Zusammenspiels biologischer Prozesse. Wir lesen, dass Gott den Menschen nach seinem Bild geschaffen hat, also irgendwie ihm ähnlich. Meine Seele erkennt es – und staunt.

Gott hat den Menschen mit Geist und Seele ausgestattet, damit er in der Lage ist, logisch zu denken und Zusammenhänge zu erfassen, eigene Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. Auch Gefühle gehören dazu, sowie die Fähigkeit, intuitiv das zu erfassen, wofür es keine logische Erklärung gibt. Der Mensch hat vieles bekommen, was dem Wesen Gottes entspricht. Und – sozusagen als besondere Zugabe, auch den tiefen Wunsch, Gott nahe zu sein. Ist das nicht wunderbar? Meine Seele erkennt es – und staunt über Gott.

Und sie stimmt ein in das Gebet des Psalms: „Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin.“ Ich danke dir, dass ich dich kenne – als den Gott, der Wunder tut. Ich danke dir für die Wunder, die du in meinem Leben tust. Meine Seele kann sie kaum ­fassen – und betet dich staunend an!

Ursula Hecht, Berlin

Licht im Auge Frohe Botschaft August 2020
Licht in den Augen. Foto: pixabay

Ist das nicht offensichtlich?

Predigttext zum 2. August 2020 8. Sonntag nach Trinitatis:
Johannes 9,1–7

Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt

Johannes 9,3–5

Wer blind geboren ist, musste in der Vergangenheit gesündigt haben – oder seine Eltern!

Jesu Jünger sind aufgewachsen mit diesem Schubladendenken. Aber sie entdecken bald, dass ihre Schlussfolgerung falsch ist. Und damit auch ihre Selbsteinschätzung. Sie reden so, als wäre Sünde etwas, das nur bestimmten Menschen widerfährt.

Ob sie sich wohl selbst als Sünder sehen? Oh, sie werden sich noch wundern, wenn sie endlich begreifen, dass Jesus nur deshalb gekommen ist ,um Sünder zu suchen und zu retten! Dazu sollen die Werke Gottes an den Menschen offenbar werden. Dazu gehört auch, Blinden die Augen zu öffnen und Glauben zu wecken! Denn nur der Glaube an Jesus ist das einzig wirksame Mittel gegen die Sünde. Nur der Glaube an das Licht der Welt kann vor der Nacht der Sünde schützen.

Ob seine Jünger wohl verstanden haben, dass die Heilung von Gebrechen wie ein Wegweiser zu Gott wirken soll? Für Jesus war dieser Zusammenhang völlig offensichtlich.

Wie sehe ich mich selbst? Bin ich vielleicht auch so jemand, an dem die Werke Gottes offenbar werden sollen? Ich tue mich schwer damit, meinen Zustand als Blindheit zu akzeptieren. Aber genau das sagt das Wort Gottes: Ohne Jesus sind alle Menschen blind. Ohne sich von Jesus die Augen öffnen zu lassen, bleibt ihnen die offensichtliche Wirklichkeit der Sünde verborgen. Und auch Jesu Nachfolger, die diese Erfahrung des Augenöffnens eigentlich schon kennen, brauchen es immer wieder. Sie laufen sonst Gefahr, aufgrund falscher Schlussfolgerungen geistlich Offensichtliches nicht zu erkennen.

Wie Jesus die Augen eines jeden öffnet, ist ganz unterschiedlich, aber immer so, dass der Glaube des Einzelnen gefragt ist. Die Beschreibung hier liest sich ein bisschen unappetitlich. Aber – der Blinde hat es nicht gesehen, nur die Jünger. Er mag etwas gehört haben, was merkwürdig zu sein schien. Die Jünger, die genau gesehen haben, was Jesus tat, sind in dieser Geschichte erst mal nur die lernenden Beobachter. Die Zeit ihrer konkreten Glaubensprüfung wird später kommen.

Der Blinde aber muss jetzt glauben, bevor auch nur irgend eine Änderung eingetreten ist. Er muss darauf vertrauen, dass Jesus das Richtige tut, auch wenn es sich merkwürdig anfühlt. Etwas anderes bleibt ihm nicht übrig. So geht es jedem. Man muss Jesus glauben – oder blind bleiben!

Jesus lädt seine Jünger ein, damals wie heute, vom Beobachten zum Handeln zu kommen: Mutige Schritte im Glauben zu wagen, auch wenn sie merkwürdig erscheinen. Um dann endlich klar sehen zu können!

Ursula Hecht, Berlin

Es gibt immer was zu verkünden.
Foto: pixabay

Vom Taugenichts
zum Verkündiger

Predigttext zum 9. August 2020 9. Sonntag nach Trinitatis:
Jeremia 1,7-10

Der Herr sprach aber zu mir: Sage nicht: „Ich bin zu jung“, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir.
Jeremia 1,7–8a

Ich tauge nichts oder auch „Ich bin ein Taugenichts“, so manch einer von uns hat das wohl möglich schon zu sich selbst gesagt!? Oder hat sich anhören müssen: Du bist nur eine Belastung für uns, du bist ein Taugenichts. Josef Freiherr von Eichendorff, ein Dichter der deutschen Romantik, macht einen Taugenichts zum Helden seiner berühmtesten Novelle. Allerdings findet der Taugenichts sein Glück in der Welt und Liebe. Im wirklichen Leben stehen die, von denen man sagt, du taugst zu nichts, eher im Unglück.

Wenn Gott allerdings seine Geschichte mit den Menschen schreibt, dann bekommt die Frage nach dem, was ich tauge, noch einmal eine ganz andere Farbe. Davon erzählt uns der Bericht der Berufung des Propheten Jeremia. Jeremia zweifelt nicht am Herrn, sondern an sich. In dieser Hinsicht ist die Berufung des Jeremia einzigartig unter den Propheten. Er ringt mit Gott, dass er nicht predigen muss. „Ach, Herr, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.“

Das ist ein mir bekanntes Gefühl: Ich sehe die Aufgabe, aber sie scheint zu groß für mich selbst. Könnte da nicht ein anderer ran? Unser Selbstbewusstsein kann ganz schön an-geknackst sein, aber oft nicht, weil wir uns selbst nichts zutrauen, sondern weil wir viel zu oft erleben müssen, dass uns andere nichts zutrauen:   Lass es lieber, dafür bist du zu dumm! Viele Menschen prägen solche Sätze. Vielleicht war es auch bei Jeremia so.  Bei solchen Sätzen wird deutlich, wie gemein Menschen gegenüber Menschen sein können. Bei Gott ist das offensichtlich ganz anders: Er hält Jeremia keineswegs für einen Taugenichts. Er kannte ihn schon immer und immer, was nichts anderes heißt, als dass Jeremia wie jede und jede von uns ein von Gott geschaffenes Wesen ist. Gott hat mich gewollt und gemacht und darum bin ich etwas wert.

Darum auch lässt Gott Jeremias Widerspruch nicht gelten: „Wohin ich dich sende und predige, was ich dir auftrage“. Und spricht ihm zu: „Fürchte dich nicht, ich bin bei dir!“

Eine alte christliche Weisheit formuliert dieses Geschehen in dem Satz: „Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand!“ Gott stattet Jeremia mit der Kraft und dem Zutrauen aus, welches er in den folgenden Jahren brauchen wird. Denn Jeremias Weg war nicht einfach. Er hat sich mit allen angelegt, mit seinen Volksgenossen, mit den Herrschern zu Hause und mit denen fremder Völker. Jeremia übte Sozialkritik an der Gesellschaft, in der er lebte.  Im Auftrag des Herrn sprach er alles aus und scheiterte dennoch. Er musste darunter leiden, der Verkündiger einer unbequemen Wahrheit zu sein. Seine Mahnungen blieben ungehört, Jerusalem wurde zerstört, die Bevölkerung wurde weggeführt. Aber alles dieses vermag nicht mehr sein Selbstbewusstsein in Wanken zu bringen. Aus dem selbsternannten Taugenichts ist ein von Gott gerufener Verkünder geworden.

„Und siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund“, spricht Gott zu Jeremia. Auch uns legt Gott seine gute Nachricht in den Mund und ans Herz. Der Zuspruch Gottes an Jeremia gilt auch uns. Gott baut mit uns Christen sein Reich. Er wagt es mit uns und vertraut uns. Wie einst Jeremia dürfen wir uns auf Gottes Zusage einlassen. Gott hat mit jeder und jedem von uns seinen Plan. Darum taugen wir alle etwas und niemand ist ein ­Taugenichts.   

Thilo Haak, Pfarrer der Ostergemeinde in Berlin-Wedding

 

 

Regenbogen Zeichen der Gnade Frohe Botschaft Juli 2020

Ein Regenbogen – Zeichen des Bundes.
Foto: pixabay

 

 

 

Damit sich Gott aller erbarme

Predigttext zum 16. August 2020 10. Sonntag nach Trinitatis/Israelsonntag:
Römer 11,25–32

Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. Denn wie ihr einst Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen. Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.
Römer 11,29–32

Damit sich Gott aller erbarme – damit endet unser Predigttext. Welch ein hoffnungsvoller Ausblick angesichts erbarmungsloser Konflikte und erbarmungswürdiger Formen des Zusammenlebens.

Wir begehen den Israelsonntag in zeitlicher Nähe zum jüdischen Feiertag 9. Av, den die ­jüdischen Gemeinden als Trauer- und Fastentag in Erinnerung an die Zerstörung des Tempels in ­Jerusalem durch die Babylonier 586 vor Christus und durch die Römer 70 nach Christus gestalten. Sie erinnern auch an weitere Katastrophen der jüdischen Geschichte wie die Pogrome während der Kreuzzüge, die Vertreibung von der iberischen Halbinsel, den Holocaust während der national­sozialistischen Herrschaft. Sie singen in ihren Gottesdiensten die Klagelieder Jeremias über ­Zerstörung und Exil und fragen Gott nach seinem hoffnungsvollen Eingreifen, das er ihnen als seinem erwählten Volk immer wieder verheißen hat.

In unserem Predigttext sind wir, die in den Stamm Israel Eingepfropften aus den Völkern, die Adressaten und Adressatinnen von Paulus. Uns offenbart er ein Geheimnis, damit wir nicht in Unkenntnis bleiben.

Er erinnert uns mit dem Schriftzeugnis aus dem Jesajabuch, dass aus Zion der Retter kommen und die Gottlosigkeit aus Jakob wegschaffen wird. ­Israel bleibt der Liebling Gottes aufgrund der Erwählung, Gottes Bund und seiner Gnadengaben.

In den letzten Versen geht es jeweils viermal um das Verhältnis von Ungehorsam und Gottes Erbarmen. Je zweimal ist von unserem Ungehorsam und dem Erbarmen Gottes gegenüber uns aus den Völkern die Rede, je einmal vom Ungehorsam und Erbarmen Gottes in Bezug auf Israel. Am Ende steht: „Gott hat ja alle in den Ungehorsam ein­geschlossen, damit er sich aller erbarme.“

Wie können wir über diese Hoffnungsbotschaft Gottes, die unseren Ungehorsam nicht verschweigt, am Israelsonntag 2020 in einer ­christlichen Gemeinde in Deutschland predigen? Zum einen, dass wir mit Trauer auf die Zeugnisse der Zerstörung jüdischen Lebens als Mahnmale für unseren Ungehorsam gegenüber Gott und seinem geliebten Volk in unserer Mitte hinsehen.

Zum zweiten, dass wir die Zeugnisse der Dis­kriminierung des Judentums nicht aus Gründen des Denkmalschutzes in unseren Kirchen und an anderen Orten unverändert stehen lassen, sondern sie umgestalten. Ein Beispiel ist für mich die meterhohe Gegenüberstellung der blinden Syna­goge und der triumphierenden Kirche auf einem frisch renovierten Mosaik in der Herz-Jesu-Kirche im Prenzlauer Berg. Wie könnte es durch ästhetisch angemessene Lösungen so kommentiert ­werden, dass es unsere Umkehr aus unserem ­tödlichen Ungehorsam des Antisemitismus unübersehbar und unrevidierbar sichtbar macht?

Zum dritten: Wie können wir gemeinsam als Menschen aus den Völkern und aus dem geliebten Volk Israel unsere Hoffnung auf Gottes Erbarmen trotz unseres Ungehorsams bezeugen? Eine im interreligiösen Dialog in Berlin engagierte Muslima hat nach dem Anschlag in Halle Menschen aus verschiedenen Religionen zusammengerufen, um gemeinsam zu überlegen, was wir jenseits von Mahnwachen tun können. Es ist daraus das Projekt „Belastbare Brücken bauen“ entstanden. Wir haben inzwischen ein rotes Sofa, auf dem wir bei Wochenmärkten und an anderen geeigneten Orten im öffentlichen Raum mit der „beweglichen Mitte der Gesellschaft“ ins Gespräch kommen wollen. Hoffentlich wird dort eine Vor­ahnung davon spürbar, wie ein Leben aussehen kann, das von Gottes Botschaft für diesen ­Israelsonntag geprägt ist: „damit sich Gott aller erbarme.“

Dr. Gerdi Nützel, Pfarrerin der Internationalen  Studierendengemeinde Berlin

 

 

 

Gastfreundschaft Frohe Botschaft Juli 2020
Gäste freundlich bewirten. Foto: pixabay

Jesus warnt uns

Predigttext zum 23. August 2020 11. Sonntag nach Trinitatis:
Lukas 18,9–14

Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner.
Lukas 18,10–11

Bin ich froh, dass ich nicht in der Haut des Pharisäers stecke! Der so über andern Menschen denkt, die es im Leben nicht so gut getroffen haben. Oder die womöglich selbstverschuldet auf die schiefe Bahn geraten sind. Gut, dass ich nicht so bin!

Habe ich, haben Sie auch schon mal so gedacht? Wer so vergleicht, der hat und ist eigentlich schon verloren. Stellen wir uns selbstherrlich, selbstgerecht hin, dann vergessen wir ganz die Nächstenliebe. Zwei Drittel des Predigttextes beschreibt den „besseren” Menschen. Diejenigen, die meinen, sich durch ihre Werke einen Platz im Himmel ­erarbeitet zu haben. Darüber vergessen sie die Kernaussage der Bibel, nämlich Demut und ­Nächstenliebe. Schlimm!

Aber so ein Verbrecher, ein Nichtsnutz und offenbar schlechter Mensch – er kommt und bereut. Einer, auf den die Leute zeigen, wagt sich, wenn auch nur ganz hinten, in das Gotteshaus. Menschen, die den Weg zur Kirche finden, deren Habseligkeiten in einen Einkaufswagen passen, sitzen meist hinten, weil sie sich schämen, nicht gut zu riechen. Wie oft habe ich solche Menschen angesprochen, sie gefragt, wie es geht oder ob sie etwas brauchen? Oder ich lief mit gesenktem Blick vorbei und hoffte, er oder sie spricht mich nicht an? Meistens wollen Menschen nicht betteln, sondern nur etwas Liebe, Respekt, ein offenes Ohr. Wir sollten aufpassen, das wir sonntags unsere Gottesdienste nicht als selbstgerechte Pharisäer  verlassen.

Titus Schlagowsky, Prädikant in Nochern

 

Sommerlich gedeckter Tisch Frohe Botschaft August 2020
Sommerlich gedeckter Tisch. Foto: pexels

Gottes Ackerfeld

Predigttext zum 30. August 2020, Sonntag nach Trinitatis:
Korinther 3,9–17

Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau. Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.
Korinther 3,9+11

Was für ein Bild. Paulus beschreibt die christliche Gemeinde als Gottes Mitarbeiter und zugleich als sein Ackerfeld und seinen Bau. Ackerfläche, Mitstreiter und Produkt zugleich? Christinnen und Christen sind demnach der Boden, in den Gott ­seinen Samen, sein Wort, seine Zuneigung legt. Aber der Grund dafür sind nicht die Getauften, sondern allein Jesus Christus. Nichts Vergängliches wie Gold, edle Steine oder Heu und Stroh. Das würde dem Feuer nicht standhalten, ein Bild für die Vergänglichkeit, für irdische Zerstörungskraft. Denn Feuer frisst sich im Nu durch alles hindurch.

Der Glaube aber, der auf Gottes Grund und Boden wächst zu einem prachtvollen Bau aus Nächstenliebe, Gottvertrauen und Dankbarkeit dem Schöpfer gegenüber, hat ein festes Fundament. Auf ihm soll ein Bau wachsen, das Haus der Gemeinde, eine Wohnung für alle, die von der Gnade Gottes erfahren dürfen, sich ihr öffnen.

So wächst der Tempel Gottes auf Erden. Kein Bau aus kostbaren Erzen oder leicht brennbarem Holz. Sondern aus dem Wort und der Liebe Gottes gebaut, stabil gebaut, ein Tor zur Ewigkeit hier auf Erden. „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (Vers 16). Ein Wort, hinter dem eine große Gnade und zugleich ein kraftvoller Auftrag steht. Dieser Geist soll lebendig und sichtbar werden für andere. Er ist es, der auf dem Ackerfeld Früchte tragen soll, die jeder sehen und von denen jeder probieren kann. Wer aber den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott verderben – ein hartes Wort. Was mag es bedeuten? Vielleicht verbirgt sich darauf ein ­Hinweis auf jemanden, der Menschen vom Glauben abbringt? Der sie auf einen anderen Grund stellen will als auf den, der gelegt ist in Christus. Davor bewahre uns der Geist Gottes.

Sibylle Sterzik, Berlin

Predigten des Monats Juli 2020

Ein Engel ermutigt Elia.
Foto: Wikimedia Commons

 

 

 

 

Zum Monatsspruch Juli 2020

Der Engel des HERRN rührte Elia an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.        1. Könige 19,7 (L)

Elia(s) bedeutet „Jahwe ist Gott“. Er gilt nach Mose als der bedeutendste Prophet des Alten Bundes. Elia ist ein hebrä­ischer Prophet um 870 aus Thisbe und gilt als Retter der Jahwereligion im Reich Israel vor der drohenden Überwucherung durch den Baalskult. Über Elia existieren legendäre Berichte, unter anderem die Erweckung eines Kindes; die Speisung durch Raben; die Aufnahme in den Himmel.

Elia forderte 450 Baals-Propheten am Bach Kischon heraus. „Und ruft ihr den Namen eures Gottes an, ich aber will den Namen des HERRN anrufen.“ Welcher Gott mit Feuer antwortet, der ist Gott. Am Ende loderte das Stieropfer von Elia im Feuer, der Gott Jahwe erwies sich als der wahre – so die biblische Geschichte vom Gottesurteil auf dem Karmel. Elia bringt daraufhin die 450 Propheten des Baal um. Und muss vor dem Zorn der Frau des Königs Ahab, Isebel, in die Wüste von Beerseba ­fliehen. Dort stärkt ihn ein Engel Gottes mit Essen und Trinken, damit sich Elia weiter für den Glauben an seinen Gott einsetzen kann. Danach wandert Elia vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.

Engel schickt Gott als seine Dienstboten. Sie erscheinen anstelle Gottes und handeln in seinem Sinn. Engel übermitteln Botschaften an Menschen, greifen helfend und rettend ein, beschirmen in und führen durch spezielle Situationen. Wenn Gott uns durch Engel aufsucht, drückt er damit seine Liebe zu uns aus, will uns gebrauchen und zurechtbringen.  Aber Gott macht auch uns selbst zu Engeln, indem er durch seinen Heiligen Geist uns etwas aufs Herz legt, das wir tun sollen. Gern wäre ich solch ein Engel.

Karl-Heinz Eberhardt Schäfer, Leipzig

Vergebung heilt Frohe Botschaft Juli 2020
Zur Vergebung durchringen und Gott die Ehre geben. Foto: pixabay

Vernünftiger Gottesdienst

Predigttext zum 5. Juli 2020 4. Sonntag nach Trinitatis:
Römer 12,17–21

Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, ­meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben „Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.“ Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.                                                          Römer 12,18+19+21

Eine Familie hat die Angewohnheit, die Verwandten im Dorf bewusst nicht zu grüßen und nach Möglichkeit über sie Schlechtes zu erzählen. Ich habe nachgefragt. Dann bekam ich zu hören: Ach, Herr Pfarrer, die haben wir seit 30 Jahren nicht mehr gegrüßt, sie wissen ja gar nicht, was die uns angetan haben.

Ein Unrecht schmerzt, egal ob vermeintlich oder zu Recht. Da versagt man sich aus Stolz und Verletzung öffentlich die Anerkennung der eigenen Verwandten. Mit so einer Haltung möchte man verletzen, Rache üben. Auge um Auge, Zahn um Zahn, und das über Jahrzehnte.

Das ist so ein immer wiederkehrendes Muster: Der hat mir Unrecht getan, jetzt zahle ich es ihm heim. Solch eine Haltung gibt es im kleinen persönlichen Umfeld und in der großen Politik, anstatt Diplomatie zu üben, wird die Keule hervorgeholt: Sanktionen, Drohungen, Nadelstiche und am Ende sogar Krieg?

Was sagt Gott dazu: Mein ist die Rache, es ist nicht eure Sache, den vermeintlichen Gegner mit euren Rachevorstellungen nieder zu machen. Ich, Gott, werde darüber urteilen. Lernt endlich das alles mir zu überlassen.

Paulus schärft unser Gewissen mit seinem Brief: „Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“ Mit allen Mensch nah und fern. Das heißt zuerst: Denk doch mal darüber nach, warum du deinem angeblichen Feind so viel Böses wünschst. Kann einiges an dem, was du auszusetzen hast, auch an dir liegen? Hast du nicht ein mächtiges Eigeninteresse daran, den anderen fertig zu machen? Versöhnen statt spalten, verzeihen statt drohen, das meint die Bitte: Überwinde das Böse mit Gutem. So hofft es Paulus, so erfleht er es inbrünstig für die Gemeinde in Rom und für uns auch heute in unseren tagtäglichen Auseinandersetzungen mit unseren Mitmenschen.

Das muss man sich im persönlichen Bereich durchbuchstabieren: Muss ich diese Verletzung aussprechen, muss ich ironisch und spitzfindig mein Gegenüber bloßstellen mit Hochmut, Verachtung und Arroganz. Und in der großen Politik: Muss man Feindschaft pflegen, kann man nicht diplomatische Wege finden, Streit zu mindern und Verträge zu schließen, die die hasserfüllte Konfrontation mindern? Eine solche Haltung ist mehr denn je gefragt gerade auch von anerkennungssüchtigen Politikern.

Solche einfachen Sätze machen blitzartig klar: Es kann ja auch an mir ­liegen. „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

Das ist vernünftiger Gottesdienst nach Paulus: Wir überlassen es im Gebet Gott, Unrecht auszugleichen und ringen uns nach Streit dazu durch, endlich zu vergeben. Das macht uns frei, entlastet uns und gibt Gott die Ehre.

Paul Geiß, Pfarrer im Ruhestand, Berlin

 

Das Netz auswerfen Frohe Botschaft Juli 2020Werfen Netze der Hoffnung aus: die Fischer­brigade am See Genezareth. Foto: pixabay

Botschafter werden

Predigttext zum 12. Juli 2020 5. Sonntag nach Trinitatis:
Lukas 5,1–11

Aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen. Lukas 5,5

Vor einigen Jahren wünschte sich ein Brautpaar aus diesem Evangelium als Trauspruch diesen Vers: „Aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.“ Kurz stutzte ich, doch dann spürte ich, wie diese Geschichte passte. Schmerzvoll sahen beide auf eine gescheiterte Partnerschaft. Doch sie ­wagten einen Neuanfang. Mit dem Ruf Jesu „die Netze auszuwerfen“ baten sie nicht nur um Gelingen, sondern auch darum, nicht mehr im Trüben ihrer Vergangenheit fischen zu müssen.

Dieses Evangelium ist eben auch ein Gleichnis. Damals wie heute sitzt Jesus mit im Boot unseres Scheiterns und unserer Ängste. Er ermutigt aufzubrechen aus Erfahrungen der Vergeblichkeit und das „tiefe Wasser“ nicht zu scheuen. Dort, wo wir im Dunkeln tappen, holt er uns weg, zeigt einen Weg und schenkt Fülle.

„Auf dein Wort hin will ich neu die Netze auswerfen“. Das hört sich in unseren Tagen zugleich auch sehr „digital“ an. Ein Leben ohne Netzempfang können sich viele kaum noch vorstellen. Als im Frühjahr nötige Abstandsregeln zur Anstandsregel wurden, waren wir dankbar für vielfältige Kontaktmöglichkeiten über das Funk-Netz. Doch menschliche Nähe kann das nicht ersetzen.

In unserer biblischen Geschichte geht es allerdings um schlichte Fischer-Netze. Sie kamen nach erfolgloser Arbeit unter dem Wort Jesu neu zum Einsatz. Überreich wurden sie gefüllt. Das animierte Petrus aber nicht, einen gut gehenden Fisch­laden mit Jesus-Beteiligung aufzumachen, sondern den Aufbruch zu wagen in die Nachfolge. Hinter dem Erschrecken über seine Gottesferne erkannte er dabei, dass die Fülle, die Jesus schenkt, nicht zu einem erfüllten Leben führt, wenn wir Bäuche und Kassen füllen, sondern wenn wir uns in das Netz seiner Liebe fallen lassen. Das gilt, wo Erfolglosigkeit den Tag zur Nacht werden lässt und wo Lebenskrisen unser rostiges Lebensschiff seeuntüchtig machen. „Fürchte dich nicht!“, ruft Jesus. Ich brauche dich! Hol Enttäuschte und ­Resignierte ins Boot, Kleingläubige und Fremde, Gescheiterte aus Corona-Zeiten und brotlose Künstler, Netzaktivisten und Menschen ohne Netzempfang. Gerade als Angefochtene macht Christus uns zu Botschaftern seine Erbarmens.

An der Fischerbrigade vom See Genezareth macht Jesus deutlich, dass er Jünger braucht, Junggebliebene mit einem Herz für Altgewordene und Abgehängte; Verkünder im Alltag, die neugierig machen auf den Geschmack der neuen Welt Gottes; Menschen, die all ihren Schwächen zum Trotz Netze der Hoffnung auswerfen, „auf sein Wort hin“ und sich gehalten wissen im Netz seiner Liebe hier und in Ewigkeit, Amen.

Ralf-Günter Schein, Pfarrer im Ruhestand, Templin

 

 

Regenbogen Zeichen der Gnade Frohe Botschaft Juli 2020

Ein Regenbogen – Zeichen des Bundes.
Foto: pixabay

Gottes Ja

Predigttext zum 19. Juli 2020 6. Sonntag nach Trinitatis:
5.
Mose 7,6–12

Denn du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott. Dich hat der Herr, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat.
Mose 7,6–8a

Das Volk Israel war hart an der Grenze, seinen Glauben, seine Geschichte und seine Herkunft, eigentlich seine ganze Existenzbestimmung aufzugeben. In diese Zeit hinein hält einer eine Predigt, die sie wieder zurückführen will zu dem, was wirklich wichtig ist. Er hält ihnen ihren Glauben, ja die Wurzel und damit die Stütze ihres Seins vor Augen: Ein Mensch, der sich erwählt weiß, wird sich nicht verloren fühlen. Seine Existenz weiß er nicht nur aus sich selbst heraus, sondern von außerhalb seiner selbst bestimmt. Für die Gemeinde Israel ist der Bestimmer ihrer Existenz niemand anders als Gott. Er hat sich in seiner großen und unbeschreiblichen Liebe ein kleines Volk am Rande der Geschichte ausgesucht.

Von den Tagen Abrahams an hat er es beschützt und geleitet. Er war es auch, der sie befreite aus der größten Frustration ihrer Geschichte. Aus der Sklaverei und Unterdrückung hat er sie zur Freiheit geführt. Aus dem Land der Peitschen und Aufseher, aus Ägypten, hat er sie in das Land, wo Milch und Honig fließen, geführt. Gott tat das aus freien Stücken. Nicht weil der Glaube der Menschen der Gemeinde Israel ihn erwählt hat, sondern weil er als der freie und über den Dingen stehende Gott sich die Menschen seines Herzens erwählt hat. In dieser Erwählung gründet Israel. Aus dieser Erwählung durch Gott erhält jeder Bezug ihres Lebens seinen Sinn.

Dieser Erwählungsgedanke begegnet uns auch in der Predigt Jesu. Im Johannesevangelium hören wir von ihm: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.“

Gott hat Ja zu uns gesagt, lange schon bevor wir von uns aus auf ihn zugegangen sind. So wie er sich einst in grenzenloser Liebe das kleine Volk Israel ausschaute, hat er sich durch das Leben und die Predigt seines Sohnes allen Menschen zugewandt und sie eingeladen zu seiner Einladung ja zu sagen.

Dieses Ja ist das Ja des Menschen bei der ­Taufe. Da sagen wir: „Ja, Gott, ich will zu dir gehören. Ich will Teil der Gemeinschaft sein, die dir vertraut und die zu dir gehört. Ich bin mir sicher, dass du dich mich erwählt hast. Aus ­diesem Zuspruch will ich leben und an diesen Zuspruch will ich glauben.

So hat es Israel gehört: Gott hat euch erwählt, haltet seine Weisungen. So soll ich es auch hören: Wenn dein Glaube nicht unbedeutend und klein sein soll, wenn du dich nicht der Gefahr aussetzen willst, die Liebe Gottes, in der du gehalten bist, zu vergessen, wenn du dir den Frust des Alltags ersparen willst, dass dein Glaube darin nichts zu suchen hätte, dann mache dir bewusst: Gott hat mich erwählt und diese Erwählung will gelebt ­werden. Es tut gut, sich der Größe dieses Geschenkes jeden Tag neu bewusst zu werden. Denn ein bewusster Glauben wird mein Leben bei mancher Frustration heilsam zu berichtigen wissen. Er wird mich durch manche Tiefe des Lebens hindurch ­tragen. Mein Glaube ist das ständig wiederholte Ja zu der Erwählung, die Gott mir zugesprochen hat und aus der er mich nicht fallen lässt.

Thilo Haak, Pfarrer, Ostergemeinde, Berlin-Wedding

 

 

 

Gastfreundschaft Frohe Botschaft Juli 2020
Gäste freundlich bewirten. Foto: pixabay

Liebe und Gastfreundschaft

Predigttext zum 26. Juli 2020 7. Sonntag nach Trinitatis:
Hebräer 3,1-3

Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.

Hebräer 13,1–3

Es ist Urlaubs- und Reisezeit. Wo kann ich in diesem Jahr ohne Risiko hin reisen? Mit der Gastfreundschaft war es kürzlich schwierig. Besuche und Reisen waren eingeschränkt. Auch Gottes­dienste, Abendmahl und Singen waren verboten. Stattdessen Abstand halten. Wie soll da Gemeinschaft gelebt werden?

Unser Predigttext erinnert uns daran, trotz allem den anderen nicht aus dem Blick zu verlieren. Ein Beispiel für Gastfreundschaft ist die Begegnung Abrahams mit den drei Männern im Hain Mamre (1. Mose 18,1–5). Die Urgemeinde praktizierte sie: Apostelgeschichte 22,44–46 (Epis­tel). Die Apostel Paulus und Petrus rufen dazu auf (Römer 12, 13; 1. Petrus 4,9). Für Jesus ist es eine wichtige Tat bei Rechenschaft im Weltgericht (Matthäus 25, 35.36). Liebe und Gastfreundschaft gehören zusammen.

Da fällt mir eine chassidische Geschichte ein: Rabbi Schmuel von Brysow war einer der von seiner chassidischen Richtung am höchsten geachteten Männer. Und er war reich. Eines Tages kam eine große Gruppe von Kaufleuten nach Brysow, und zwar kurz vor Sabbatanbruch, so dass sie sich ­entschlossen, den Festtag über in der Stadt zu bleiben. Sie kamen zu Rabbi Schmuel und erkundigten sich, ob sie in seinem Hause wohnen und das Sabbatmahl mit ihm teilen dürften. Rabbi Schmuel erwiderte, er könne ihnen beides anbieten, allerdings nur gegen Bezahlung, und dann nannte er sogar noch eine recht hohe Summe, die sie für ihren Aufenthalt zu bezahlen hätten.

Die Reisenden waren befremdet, dass ein Chassid für die Wohltat der Gastfreundschaft Bezahlung verlangte, aber da sie keine Wahl hatten, nahmen sie sein Angebot an. Und so aßen und tranken die Kaufleute über den Sabbat zur Genüge, ja verlangten sogar noch erlesene Weine und ausgewählte Speisen als Entgelt für den hohen Preis, den sie zu entrichten haben würden. Auch zögerten sie nicht, alle möglichen Sonderwünsche zu äußern. Als der Sabbat vorüber war und die Kaufleute ihre Reise fortsetzen wollten, traten sie in Rabbi Schmuels Studierzimmer, um die vereinbarte Summe zu entrichten. Der aber brach in Lachen aus: „Glaubt ihr, ich habe den Verstand verloren? Wie könnte ich Geld annehmen für das Privileg, Reisenden Gastfreundschaft zu gewähren?” Die Kaufleute sahen einander verständnislos an: „Warum habt Ihr uns denn dann nur unter der Bedingung aufgenommen, dass wir euch hoch bezahlen?” Da erklärte Rabbi Schmuel: „Ich fürchtete, es könnte euch peinlich sein, auch genug zu essen oder die besten Weine zu trinken, wenn ihr euch nur als meine Gäste fühlt. Und – seid ehrlich, hatte ich nicht recht?”

Wann und wo haben wir zuletzt Gastfreundschaft erlebt? Wen haben wir freundlich als Gast aufgenommen und bewirtet?

Einer nimmt uns auf und bewirtet uns überreich an seinem Tisch mit Brot und Wein und mit dem täglichen Brot. Möchte es auch unser dankbares Bekenntnis in diesen schweren Zeiten sein: „Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbst mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang. Und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar“ Psalm 23, 5.6.

Günther Dimmler, Pfarrer im Ruhestand, Königsee, Thüringen