Predigten des Monats Mai 2026

 

Ein Anker auf einer Wiese mit einem Fischerboot im Hintergrund
Foto: reverent/pixabay

Zum Monatsspruch Mai 2026

„Die Hoffnung haben wir als einen sicheren und festen Anker unserer Seele.“
Hebräer 6,19 (L)

Hoffnung bezeichnen wir oft als „Anker der Seele“ – ein Bild, was eng mit dem Hebräerbrief (6,19) verbunden ist. Es beschreibt eine Hoffnung, die unverrückbar und unzerbrechlich ist, selbst wenn das Leben durch negative Umstände ins Wanken gerät. Unser Monatsspruch verwendet das Bild.

Den Schiffsanker wirft man dahin, wo er sich festhaken kann. Das geht nicht im eigenen Knopfloch. Wir können unsere Hoffnung nicht bei uns selbst festmachen. Ein Anker, der im Meeresboden verankert ist, hält das Schiff an seiner Position und bewahrt es davor, von Strömungen mitgerissen zu werden in stürmischen und unruhigen Zeiten.

Woran halte ich mich fest?

Gerade dann kann es wichtig sein, innezuhalten und sich zu vergewissern: Wer oder was trägt mich? Woran halte ich mich fest? Worauf setze ich? Unsere christliche Hoffnung gründet nicht auf unseren eigenen Kräften, sondern auf den Verheißungen und der bedingungslosen Liebe Gottes.

Madeleine Delbrel sagt es so: „Hoffen heißt, mit vollem Vertrauen auf etwas zu warten, was man nicht kennt, aber es von jemanden zu erwarten, dessen Liebe man kennt. In dem Maße, in dem man hofft, empfängt man.“

Vertrauen auf Gott als Quell der Hoffnung

Dazu fällt mir das schwungvolle Glaubenslied „Du meine Seele singe“ von Paul Gerhardt ein. So aufmunternd, so auffordernd. Gerade wenn meine Seele mal wieder ganz erschöpft ist. Das Lob dieses Liedes ist Vertrauen auf Gott – trotz dieser Wirklichkeit. Ein Trost für die, die unter Unrecht leiden. Eine Hoffnung für alle, die an die Grenzen ihrer Kraft oder ihres Lebens kommen. Und eine Quelle der Widerstandskraft, die uns hilft, gegen das Unrecht, gegen den Krieg, den Hunger, die Ausbeutung und die Ausgrenzung aufzustehen.

Alexander Reichart, Mitarbeiter im Konsistorium der EKBO, Jüterbog

 

Predigten im Monat Mai 2026

Illustration eines Trompeters mit roter Kleidung
Trompeten erklingen zum Lob Gottes. Illustration: IMAGO / Ikon Images

Unisono – als hörte man eine Stimme loben

Predigttext zum 3. Mai 2026 Kantate:
2. Chronik 5,2–5 (6–11) 12–14

… und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen. Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem HERRN. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den HERRN lobte: „Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig“, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke als das Haus des HERRN, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.

2. Chronik 5,12+13+14
 

Der biblische König David spielte als Junge so ausgezeichnet die Harfe, dass er den sehr jähzornigen König Saul mit seinem Spiel zu besänftigen vermochte. Später als König setzte er sich für die Ausgestaltung der geistlichen Musik ein und ­strukturierte sie nach professionellen Maßstäben. Nach mindestens 5 Jahren Ausbildung durften ­junge Männer aus dem Stamm Levi mit 30 Jahren offiziell in den musikalischen Dienst treten. Das Auswahlverfahren (1. Chronik 6,16) war streng: aus 4000 Sängern, die alle auch Instrumentalisten waren, wurden die besten 288 ausgewählt, und in 24 Gruppen zu je 12 Sängern eingeteilt. Alle ­Sänger, die später im Tempel Dienst taten, hatten täglich zu proben, dafür waren sie von anderen Aufgaben freigestellt.

Überwältigendes Klangerlebnis

Der Vers 13 unseres Predigttextes beschreibt das Ergebnis des harten Übungsprozesses mit höchstem Lob: „Musik wie von einer Stimme“. Ein überwältigendes Klangerlebnis, dem aber harte Arbeit auch in unseren Chören und Orchestern heute vorausgeht. Wenn aus so unterschiedlichen Menschen ein Ensemble werden soll, müssen Geben und Nehmen untereinander in den Gleichklang kommen. Der Einzelne soll sich gehört fühlen, aber seine Stimme auch einordnen. In einem Workshop auf der Chor.com in Hannover erlebte ich die Sänger von Voces8, ein A-cappella–Oktett aus Großbritannien, in perfekter Ausgewogenheit. Scheinbar aus dem Nichts beginnen sie mit dem Singen des Chorwerkes ohne dirigentische Unterstützung – absolut auf den Punkt und zeitgleich. Die Sänger erspüren ihren Atem untereinander in der Stille vor dem Beginn, dann geht ein Impuls vom jeweiligen Stimmführer des Stückes aus und die Musik erklingt glasklar und durchsichtig in überzeugender Harmonie.

Was bedeutet unisono?

Wenn alle Beteiligten eines Klangkörpers gemeinsam dieselbe Melodie spielen und singen, bezeichnet man das mit dem Fachbegriff „unisono“. Wenn das wie im biblischen Text zu einem besonderen Klangerlebnis mit ungeheurer Durchschlagskraft wird, entsteht darüber hinaus die konstruktive Interferenz – die zusätzliche Ver­stärkung des Tones, wenn die Schwingungen auch physikalisch synchron laufen.

Zur langersehnten Einweihung des Tempels tritt das Ensemble professionell vorbereitet und in Bestbesetzung auf. 120 (!) silberne, nach genauen Vorschriften gebaute Trompeten rufen das Volk zusammen. Zimbeln geben den Beginn des Gesanges an, Leiern und Harfen begleitenden den Gesang. Das Lob ­Gottes und der Dank für seine Barmherzigkeit erklingen unisono – und die musikalische Qualität gelangt Gott zu Ohren und überzeugt ihn sichtbar.

Cornelia Ewald ist Kirchenmusikerin und Chorleiterin in Berlin

 

Ein blauer Schuh wird hergestellt
Wie ein Schuster einen Schuh macht, so soll ein Christ beten. Foto: Raoul Ortega/unsplash

Das Handwerk eines Christen 

Predigttext zum 10. Mai 2026
Rogate: Matthäus 6,5–15

Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. 

Matthäus 6,7–10
 

Zum Vaterunser ist schon alles gesagt: Dass es zum wichtigsten Gebet beider Kirchen wurde und dass Jesus selbst seinen Jüngerinnen und Jüngern die sieben Bitten lehrte. Ein heiliges Manifest, das mit der Anrede „Vater unser im Himmel“ – der aramäischen Anrede „abba“ – beginnt und mit dem Verweis auf die Ewigkeit Gottes mit einem Amen endet.

„Denn dein ist das Reich…“

Die mögliche Urfassung aus Lukas 11, 2–4 ­begnügte sich mit fünf Bitten: 1. Heiligung des Gottesnamens, 2. Bitte um das Kommen des ­Gottesreiches, 3. Bitte um das tägliche Brot, also die Notwendigkeiten des Alltags, 4. Befreiung aller Schuld gegenüber Gott und das Vergeben aller ­Verfehlungen anderer. 5. Die Bewahrung vor ­Ver­suchung durch das Böse. In der Fassung nach Matthäus sind zwei Bitten ergänzt: Dein Wille geschehe und die Erlösung von dem Bösen. Eine sogenannte Doxologie, ein Wort der Ehre, ist hier hinzugefügt: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.“ Sie dürfte der frühchristlichen Gebetspraxis entsprechen. Schon der Kirchenlehrer Thomas von ­Aquin (1225–1274) nannte das Gebet einen „Akt der Religion im eigentlichen Sinn“. Er verwies damit auf die Gnade Gottes und die Abhängigkeit des Glaubenden davon.

Als ich vor vielen Jahren in Tübingen in einer Vorlesung des Systematikers Eberhard Jüngel saß, mahnte er uns junge Studierende beim Thema „Was heißt beten?“, den Dank im Gebet nicht zu vergessen. Denn Beten, so habe es Luther geschrieben, sei ein ganz handwerklicher Akt: „Wie ein Schuster einen Schuh machet und ein Schneider einen Rock, also soll ein Christ beten. Eines Christen Handwerks ist beten.“ Jüngel, der bekanntlich Vikar der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg war, schloss: „Auch dieses Handwerk hat goldenen Boden.“

Das Gebet als Sprache des Herzens

Martin Luther bezeichnete das Gebet als eine Sprache des Herzens. Wir sollten Sorge tragen, dass es vom Herzen herrührt, sagt er. Das sollen wir wissen: „Dass all‘ unser Schutz und Schirm allein im Gebet steht. Wesen und Natur des Gebets ist nichts anderes als Erhebung des Gemüts oder Herzens zu Gott.“ Damit zeigt sich Luther als Mahner bis heute: Dass nämlich Lebensglück nicht monopolisiert werden darf: Arbeit und Leistung, Erfolg und Anerkennung, Bildung und Lebens­genuss gehören allen, nicht nur Auserwählten.

Frère Roger, der Gründer von Taizé, machte es sich in diesem Sinn zur steten Aufgabe, jeden Freitagabend vor dem Kreuz in seiner Gemeinschaft ein Gebet zu halten, für alle, die leiden und in existenzieller Not sind: Er war der Über­zeugung, die jungen Leute, die zu ihm kamen, sollten sich nicht in eine Spirale der Verdrossenheit hineinziehen lassen. „Gott hat uns nicht zur Untätigkeit erschaffen. Wir sind nicht einem ­blinden Schicksal unterworfen.“ Der protestantisch getaufte Bruder Frère Roger strahlt damit eine Zuversicht bis in die Gegenwart aus, die in jedem Gebet des Herrn sich wiederholt: Gottesgewiss­heit. In diesen Worten bleibt ­niemand allein.

Dr. Roger Töpelmann ist Pfarrer im Ruhestand und freier Autor in Berlin

 

Zwei Kinder laufen Schulter an Schulter einen Weg entlang
Einen Bund besiegelt. Foto: Juan Pablo Rodriguez/unsplash

Unverbrüchlich verbunden

Predigttext zum 17. Mai 2026
Exaudi: Jeremia 31,31–34

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen (…), sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und ich will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein. 

Jeremia 31,31.32.33
 


Als Kinder schrieben wir in einer Art Geheimsprache etwas auf ein Blatt Papier. Das war unser Bund! Geheimnisvoll saßen wir in unserer Hütte aus Zweigen im Wald und schlossen eine Art Geheimbund. Auf ewig wollten wir mit den anderen Dorfkindern verbunden sein. Und jeder für den anderen einstehen. Wer dazugehörte, war aus­erwählt. Einmal drückten wir uns gegenseitig sogar einen Blutstropfen aus dem Finger, um das zu besiegeln.

Einen Strich unter die Vergangenheit setzen

Ein Kinderspiel. Aber auch Gott will einen Bund „mit dem Haus Israel und mit dem Hause Juda“ schließen. Er möchte auch eine Selbstverpflichtung eingehen und einen Strich unter die Vergangenheit setzen. Klar, das Volk Israel hat auch noch andere Götter angebetet, der Versuchung von Eitelkeiten, Reichtum, Macht und schönen Frauen nicht widerstanden. Aber sie haben gelitten in der Verbannung, in der sie viele Jahre gelebt haben. Damit soll Schluss sein. Der Prophet Jeremia verkündet es im Namen des Herrn. Der sieht nun das in die Fremde verschleppte Volk Israel gnädig an. Er begnadigt es und erlaubt seine Heimkehr in die verlassene Heimat. Aber nicht einfach nur um Rückkehr geht es. Gott lässt Gewesenes hinter sich und dem Volk, er vergibt, wo die Israeliten auf Abwege geraten, ihn vergessen hatten und schenkt einen neuen Anfang. Auch hier geht es um ein Bündnis – zwischen Gott und seinem Volk.

Gott schätzt die Lage realistisch ein

„Wenn man den Himmel oben messen könnte und den Grund der Erde unten erforschen, dann würde ich auch verwerfen alle Nachkommen Israels für all das, was sie getan haben, spricht der HERR“ (Jeremia 31,40). Gott schätzt die Lage realistisch ein. Aber er bleibt nicht dabei. Er schüttet trotz allem seine Barmherzigkeit aus: „Ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“ Und so beendet der Prophet Jeremia das Gotteswort mit einer unverrückbaren Zusage, Grund aller Hoffnung für alle Zeit: „Und die Stadt wird niemals mehr eingerissen und ­abgebrochen werden.“ Denn sie ist heilig, weil Gott mit seinem Volk darin wohnt. Und nicht nur in der Stadt. Der Bund wird in ihren Herzen und ihrem Sinn leben, so dass sie ihn erkennen und immer auf ihn trauen.

Wir wissen, wie schwer das ist. Aber wenn wir es versuchen, können wir Erstaunliches erleben. Im Gebet Gott bitten, jeden Tag diesen Bund zu erneuern, uns unser Herz und den Verstand anzurühren. Dann kann sich im Kleinen wirklich etwas Großes verändern. Schlaflose Nächte, zerwühlt von Wut und Enttäuschung, wandeln sich in nächtlichen Frieden. Neue Lösungen für den Tag werden möglich: Denn „Siehe, ich mache alles neu“, wie es uns als Jahreslosung mitgegeben ist.

Sibylle Sterzik, Pfarrerin im Ehrenamt in Berlin

 

Zwei Tumspiten vor einem blauen Himmel
Gemeinschaft im Geist ­Gottes ­entsteht ­jenseits von gemachten Mauern und Grenzen. Foto: Nipun Chandra Surnilla/unsplash

Der Geist Gottes weht über Mauern

Predigttext zum 24. Mai 2026
Pfingsten: Apostelgeschichte 2,1–21

Sie verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache? ­Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen, Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden.

Apostelgeschichte 2,1–21

Pfingsten 2025 in unserer 165 Jahre alten Kreuzkirche Istanbul, nicht weit entfernt von Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, von Phrygien und Pamphylien. Es sind Schulferien wegen des muslimischen Opferfestes, und die Gottesdienst­gemeinde ist recht ausgedünnt. Da klingelt es, und eine große Pilgergruppe aus der Elfenbeinküste marschiert in den Gottesdienst ein. Sie ­verstehen kein Deutsch, aber das tut der Gemeinschaft keinen Abbruch, weder im Gottesdienst noch beim anschließenden Kirchencafé mit ­Erdbeerkuchen im Garten. Wir feiern zusammen Abendmahl – und da wird es richtig Pfingsten, der Geburtstag der einen Kirche Jesu Christi aus allen Völkern und Sprachen. Der Geist Gottes weht über die von Menschen gemachten Mauern und Grenzen hinweg, begeistert und ermutigt, setzt in Bewegung und führt zu Begegnung. Hier in Konstantinopel, dem neuen Rom, Istanbul, spielt Ökumene für alle ­Kirchen und Gemeinden eine große Rolle. Sicherlich auch ein bisschen gezwungenermaßen, weil wir alle eine extreme Minderheit sind. Aber vor allem deswegen, weil es hier einen Reichtum an Konfessionen und Traditionen gibt wie ansonsten nur in Jerusalem. Hier erlebe ich die eine Kirche Jesu Christi in ihrer wunderbaren Diversität. Das ist manchmal gewöhnungsbedürftig, meistens aber sehr bereichernd und wunderbar.

Appell zu einer generations­übergreifenden Kirche

Der Geist Gottes weht über Mauern und Grenzen hinweg. Das gilt im Kontext von unterschied­lichen Sprachen, Kulturen und Herkünften, Traditionen und Konfessionen und auch Religionen. Aber – und das fällt mir in diesem Jahr beim ­Predigttext aus Apostelgeschichte 2 zum ersten Mal so richtig auf – das gilt auch für die unterschiedlichen Generationen. In seiner Predigt spannt Petrus den Bogen von ganz jungen Menschen zu den alten: Weissagungen, Gesichte und Träume, also über das hinaus schauen, was vor Augen liegt, hin zu dem, was verheißen ist. Ich lese das als einen Appell zu einer generations­übergreifenden Kirche, zu einer, die Kinder und Jugendliche nach ihren Visionen befragt und ­Seniorinnen und Senioren nach ihren Träumen. Die beide ins Gespräch bringt und daraus lernt. Solch eine Kirche möchte ich nicht nur träumen, sondern leben.

Pfingsten eröffnet Begegnungsräume, die im Rest des Jahres mit Leben gefüllt werden können. Vertraute oder andere Orte, an denen wir uns begegnen und bewegen, einander von unseren Visionen und Träumen erzählen und voneinander lernen. Das macht mir Mut: für mein eigenes Leben, für meinen Glauben und für die Menschen, mit denen ich gemeinsam unterwegs und Kirche bin.

Heike Steller-Gül ist Pfarrerin in der Evangelische Gemeinde deutscher Sprache in der Türkei in Istanbul

 

Eine lächelnde Pfarrerin hebt ihre Hände. Im Vordergrund stehen Jungen mit Kerzen
Segen hält die Seele. Foto: IMAGO/epd

Gesegnete Gottes

Predigttext zum 31. Mai 2026
Trinitatis: 4. Mose 6,22–27

Und der HERR redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.
 
4. Mose 6,22–27
 

„Alles ist an Gottes Segen und an seiner Gnad gelegen über alles Geld und Gut. Wer auf Gott sein Hoffnung setzet, der behält ganz unverletzet einen freien Heldenmut!“ (Lied aus dem Evangelischen Gesangbuch 352,1)

Es ist der Segen, der unsere Gottesdienste erst rund und vollständig macht. Der Segen steht zwar am Ende eines Gottesdienstes, von seiner Wichtigkeit aber steht er in der Mitte. Es ist der Segen, der uns bleibt, während manch anderes Wort aus dem Gottesdienst vorüberrauscht oder schnell vergessen ist.

Bei den Trauungen weiß ich, dass es vor allem der Segen Gottes ist, den die Paare erbitten. ­Dieser Segen soll über ihre gemeinsame Zukunft zu stehen kommen. Das öffentlich gesprochene Ja zueinander tritt hinter den zugesprochenen Segen Gottes zurück. Gottes Segen ist größer als jedes Versprechen, das Menschen einander geben ­können. Das ist deutlich zu spüren.

Segen für Sterbende

Wenn ich in Taufelterngesprächen die Eltern nach der Bedeutung der Taufe für ihre Kinder ­frage, kommt immer wieder eine Antwort: Mein Kind soll unter dem Segen Gottes stehen. Darum bringe ich es zur Taufe, dafür ist mir die Taufe ein sichtbares Zeichen. Mit dem Segen Gottes ist etwas auf und in das Kind gelegt, das mehr ist als alle Elternfürsorge geben kann.

Auch Sterbenden spreche ich den Segen zu. In aller Not und Angst, die die Aussicht des nahenden Todes bedeutet, gibt der Zuspruch des Segens Vertrauen und Sicherheit.

„Segnet die, die euch fluchen.“

Die Bibel überliefert uns viele Zeugnisse davon, wie Gott immer wieder durch seinen Segen an Menschen gewirkt hat: Dem Abraham spricht Gott zu: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“ Im Neuen Testament geht die Geschichte des Segens weiter: die Menschen bringen Kinder zu Jesus, damit er sie anrührt und segnet. Jesus ­sendet seine Jünger und segnet sie. Er selbst macht den Segen zum Auftrag: „Segnet die, die euch fluchen.“

Der Segen ist das Größte, was wir von unserem Gott geschenkt bekommen. Aus dem Segen kommt uns Kraft her, im Segen fühlen wir uns geborgen. Der Segen macht uns zuversichtlich. Und es ist gut, dass wir durch immer wieder neu ausgesprochenen Segen daran erinnert werden, Gesegnete Gottes zu sein.

Viele Erklärungsversuche greifen zu kurz

Gottes Segen gibt uns Schutz, er ist unsere Freiheit, er will Frieden geben. Gottes Segen will unser Leben ganz umfassen. Vielleicht greifen alle verstandesmäßigen Erklärungsversuche für den Segen deswegen immer zu kurz. Gottes Segen erreicht mehr als unsere Sinne, nämlich unser Herz. Gottes Segen liegt auf mehr als unserem Leib, er hält unsere Seele.

Das nehmen wir aus jedem Gottesdienst mit nach Hause. Und wir können davon weitergeben. Wer unter dem Segen Gottes steht, ist eingeladen, diesen Segen auch auszuteilen. So wird der Segen mehr und mehr. Durch das Teilen wird der Segen größer. So segne und behüte uns Gott, der allmächtige und barmherzige, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Pfarrer Thilo Haak, Ostergemeinde Berlin-Wedding

Predigten des Monats Juni 2026

 

Zum Monatsspruch Juni 2026

Stacheldrahtzaun mit Rosen zwischen den Drahtschlaufen
Hoffnungsblüten über Stacheldraht. Foto: CTK Photo/IMAGO

Denkt an die Gefangenen, als wäret
ihr mitgefangen; denkt an die ­
Misshandelten, denn auch ihr lebt
noch in eurem irdischen Leib!
Hebräer 13,3 (E)

„Jeder Mensch braucht Erbarmen …“ – so oder ähnlich ­singen wir es gelegentlich im Gottesdienst. Jeder Mensch braucht Erbarmen – das ist Gottes Sicht auf die Menschheit und deshalb hat er sich ihr zugewandt. Nur durch sein ­Erbarmen können Verlorene gerettet werden. Das haben viele Menschen bis heute erlebt – aber ist ihnen auch bewusst, dass sie nun ebenfalls Erbarmen üben sollen?

Als würdet ihr es am eigenen Leib erfahren

Erbarmen ist kein mitleidiges Bedauern, sondern mitfühlende Anteilnahme. In diesem Sinne möchte ich den Gedanken des Monatsspruches weiterführen: Denkt an die Gefangenen und Misshandelten so, als würdet ihr selbst betroffen sein. Denkt an Gefangene, Misshandelte, Unterdrückte und Bedürftige, als würdet ihr deren Schmerzen, Härte und Einsamkeit am eigenen Leib erfahren. Denkt an sie und betet für sie, um Kraft, Zuversicht und Ausdauer im Leid.

Erbarmen ohne nachzudenken

Denkt an sie und betet darum, dass Gott in seinem Erbarmen in ihr Leben eingreifen möge. Denkt auch an das, was Christus über die Menschen sagt, die Gefangene besuchen und Bedürftige versorgen: Ohne über persönliche Konsequenzen nachzudenken, üben sie praktisches Erbarmen. Ohne zu zögern, helfen sie den Notleidenden. Ohne es zu ahnen, dienen sie dadurch Christus selbst. Ohne es zu wissen, tun sie genau das, was Gott ihnen aufs Herz legt.

Wenn ihr also an die Gefangenen und ­Misshandelten denkt –, dann rechnet damit, dass Gott, der jedes gute Werk schon vor­bereitet hat, ihnen durch euch wohltun will. Und freut euch, denn auch ihr werdet dadurch reich gesegnet werden.

Ursula Hecht, Berlin

 

Predigten im Monat Juni 2026

Mehrere Hände halten ein Holzbrett mit aufgeschnittenem Brot und einem Brotstück von oben betrachtet.
Wie ein Traum in hellen Farben: In den ersten Gemeinden teilen alle alles. Foto: Gustavo Sanchez/unsplash

Wunsch und Wirklichkeit

Predigttext zum 7. Juni 2026
1. Sonntag nach Trinitatis:
Apostelgeschichte 4,32–37

Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.

Apostelgeschichte 4,32–35
 

Es ist das Himmelreich auf Erden. Die ersten Kapitel der Apostelgeschichte erzählen von der Gemeinde der ersten Christinnen und Christen wie vom wirklich gewordenen Reich Gottes: Seit dem Pfingstwunder sind sie eines Geistes, einmütig ­beieinander beim Brotbrechen, Beten und Singen – ja, „sie waren ein Herz und eine Seele“.

Das wahre Himmelreich auf Erden

Kennzeichen dieser himmlischen Gemeinschaft ist auch das gemeinsame Eigentum: „Es war ihnen alles gemeinsam.“ Was die Apostelgeschichte schon einmal erwähnt hatte (2,44), wird hier nochmals konkret erzählt: Jede und jeder verkauft, was er oder sie hat. Und der Erlös wird „den Aposteln zu Füßen“ gelegt. Niemand leidet Mangel. Wirklich, es ist das wahre Himmelreich auf Erden – echte Gemeinschaft im Herzen und im Teilen. Es ist wie ein Traum in hellen Farben.

In keinem anderen biblischen Buch gehen Wunsch und Wirklichkeit so sehr ineinander über. Gerade in der Apostelgeschichte, die auf histo­rische Fakten ja sonst so viel Wert legt. Gerade ­deswegen mag ich sie. Denn das Wünschen und der phantasievolle Umgang mit der Wirklichkeit der harten Fakten gehört für mich zum Glauben unbedingt dazu.

Ein Traum, der gefährlich werden könnte?

„Es war ihnen alles gemeinsam“ (V. 32), lateinisch „Omnia sunt communia“, das wurde sogar zum Schlagwort, zum Ideal durch die Zeiten, zum Traum von einer revolutionären, utopischen Gesellschaft. Und es wurde auch bekämpft. Weil es das Innerliche vergisst und die Gemeinschaft allein am Äußeren festmachen will? Ein Traum, der gefährlich werden könnte? Thomas Müntzer jedenfalls soll aufgerufen haben, dafür zu kämpfen, und wurde hingerichtet. „Omnia sunt communia“ ist Traum geblieben und man möchte schon resigniert einstimmen in das Lied des Bettlerkönigs Peachum aus der Dreigroschenoper: „Wir wären gut, anstatt so roh, doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.“

Ein gnadenlose Bruch

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist ein ­gnadenloser Bruch. Und er zeigt sich besonders bei der Frage: Wem gehört eigentlich was? Und es ist ja meistens der bequemere Weg, ganz nüchtern bei der Wirklichkeit zu bleiben und sich nicht im Wünschen zu verlieren. Und doch kämen wir ohne das Wünschen, ohne solche Träume, ohne Spuren des Himmelreichs auf Erden nicht aus. Wie sehr wünsche auch ich mir andere Verhältnisse oder zumindest, dass die Ungerechtigkeiten nicht einfach hingenommen werden.

Ich brauche solche Worte und Bilder, wo Wunsch und Wirklichkeit ineinander übergehen, wie sie mir die Apostelgeschichte diese Woche gibt. Mache die Augen auf, sagen sie mir, schicke deinen Glauben auf die Reise und verwebe deine Wirklichkeit mit deinen Träumen.

Lars Städter ist Pfarrer in Weißwasser

 

Bronzene Figurengruppe im Freien mit einer Person, die ein großes Kreuz trägt, begleitet von weiteren Figuren
Dieses Joch ist ein anderes, nicht aus Holz. Foto: Nikola Tomasic/unsplash

Gott führt uns auf gute Bahnen

Predigttext zum 14. Juni 2026
2. Sonntag nach Trinitatis:
Matthäus 11,25–30

Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart. Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.
 
Matthäus 11,25–30
 

Wenn es um die Verteilung der Klugheit geht, könne man von Gerechtigkeit sprechen, denn jeder meint, genug zu haben. Dumm seien immer nur die anderen. Das sagte einst der französische Philosoph René Des­cartes (1596–1650). Ich merke es, wenn Jesus von „Weisen und Klugen“ spricht, denn da fühle ich mich gerne angesprochen. Aber was ist, wenn es nicht die Klugen sind, sondern die „Unmündigen“, mit denen Jesus auch mich meint? Wenn auch ich einen besonderen, einen vereinfachten Weg benötige, um zu ver­stehen, was um mich herum geschieht und wer da vor mir steht?

Es braucht viel, sich die eigenen Grenzen einzugestehen. Aber vielleicht öffnet gerade das den Zugang zu Jesus. Denn Gott vollkommen zu erkennen, geht nur mit göttlicher Kraft. Den Vater kennt allein der Sohn. Aber der Vater will, dass wir ihn erkennen ­können, so weit wie es uns möglich ist; das wurde in Jesu Sendung deutlich.

Nicht immer macht der Glaube das Leben leichter

Anders als manch einer meint, vereinfacht der Glaube an Gott aber nicht immer das eigene Leben. Lasten gibt es zu tragen, als Christ wie als Nicht-Christ. Und mitunter bürdet einem Gott noch zusätzliche Last auf. So klingt es auch in Jesu Worten. Aber ein Joch ist in der Regel ein Zweiergespann. Es geht noch jemand neben mir – jemand, der gleiches durchmacht; der mitaushält; der mitträgt, was ich trage. Und wenn ich hinter mich blicke, stelle ich fest, dass es gute Bahnen sind, auf die ich von Gott geführt werde: weil sie klar sind und Orientierung bieten. Weil auf ihnen jene gesehen werden und zu Wort kommen sollen, denen sonst der Mund verboten wird oder denen der Mund aus Kummer verschlossen ist. Und weil diese Bahnen ein Ziel haben: das Aufatmen nach langer Not, das Nachlassen des Schmerzes, das Erkennen von Gottes wohlwollenden Spuren in meinem und unserem Leben, und Frieden.

Ein sanftes Joch

Ja, es ist eine Aufgabe, Gottes Spuren in dieser Welt zu finden und zu helfen sie zu verbreiten – eine Aufgabe, die auch eine Last, ein Joch sein kann. Die Ehren- und Hauptamtlichen unserer Gemeinden wissen das. Und dennoch: Dieses Joch ist ein anderes. Es ist nicht aus Holz, sondern aus einem Material, das sanft ist, angenehm auf der Haut. Es passt sich den Schultern an und sein Gewicht ist gerade so schwer, dass ich es zwar spüre im Alltag, aber gut tragen kann.

Es ist eben kein Joch eines Herrschsüchtigen, sondern das eines liebenden Vaters, der sein Kind genau kennt, und der möchte, dass es ihm gut geht. Er will uns erquicken, unterwegs und am Ziel unseres Weges.

Franziska Roeber ist Pfarrerin im Kirchenkreis Berlin-Süd-Ost.

 

Mann mit Hut am Meer von hinten
Vergebung heilt. Foto: Darius Bashar/unsplash

Zwischen Zorn und Gnade

Predigttext zum 21. Juni 2026
3. Sonntag nach Trinitatis:
Micha 7,18–20

Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast. 
 
Micha 7,18–20


Oma, entschuldige bitte!“ Ich muss wohl sehr verblüfft ausgesehen haben, als sich mein 5-jähriger Enkel nach einem altersgemäßen Wutausbruch und einer kurzen Auszeit zum ersten Mal bei mir entschuldigt hat. Damit hatte ich nicht gerechnet! Die ehrlich gemeinte Entschuldigung hat mein Herz berührt und wir fanden schnell wieder zueinander. Was für eine Erleichterung!

Wo geschieht solche Entlastung bei Schuld, die Menschen einander nicht einfach vergeben können? Wenn Leben gefährdet, bedroht und ausgelöscht wird? Oder wenn Frauen und Männer erniedrigt und ausgegrenzt werden

Schuld macht jeden krank

Unvergebene Schuld macht krank, wie wir heute wissen. Die Schuldigen ebenso wie diejenigen, an denen Schuld begangen wurde. In komplexen Verstrickungen reicht eine einfache Entschuldigung zur Entlastung nicht aus. Vielmehr braucht Vergebung einen entlastenden Prozess: Schuld muss benannt und Wut zugelassen werden. Jemand muss Verantwortung übernehmen. So kann die Kraft für einen Neuanfang wachsen, der Gewesenes nicht leugnet, sondern annimmt und mit dem „Rest“ leben kann.

Die Verse aus dem Michabuch bewegen sich genau in diesem Spannungsfeld zwischen Zorn und Gnade. Der Prophet Micha, dessen Wirkungszeit etwa ins 8. Jahrhundert vor Christus datiert wird, prangert Ungerechtigkeit und Missstände im Land an und ruft zur Umkehr auf. Im letzten Kapitel des Michabuches wird noch einmal Gottes Zorn beschrieben, der Schuld ernst nimmt. Und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb dann am Ende die Frage, die eigentlich schon Antwort ist: „Wo ist so ein Gott …, der die Sünde vergibt? … Er wird sich unser wieder erbarmen … und unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.“

Keine Gegensätze: Zorn und Gnade

Zorn und Gnade gehören zusammen bei Gott, sind keine Gegensätze oder Vorstellungen aus verschiedenen Traditionen. Gottes Zorn richtet sich gegen lebensverachtendes, zerstörerisches Verhalten von Menschen. Gleichzeitig bleibt die Tür zur Vergebung in Gottes Zuwendung offen. Durchgehen müssen wir allerdings selbst. Die freie und unverfügbare Gnade Gottes kann uns neu ausrichten zu verantwortlichem Leben – darauf dürfen wir hoffen. Die Umkehr, die der Prophet Micha immer wieder beschreibt, ist nicht Leistung, sondern Antwort auf Gottes Zuwendung. Sie ist Teil des entlastenden Prozesses zur Entschuldung: Rückkehr in Gottes liebende Arme.

Wo Menschen Barmherzigkeit erfahren und leben, da entsteht eine neue Zukunftsperspektive. Sie führt über das eigene Ich hinaus wieder in die Gemeinschaft, in der die geteilte Freude gefeiert wird. So wie in der Geschichte von der „Barmherzigkeit des Vaters“, wie ich die Geschichte vom „verlorenen Sohn“ gerne betitele, die an diesem Sonntag als ­Evangelium gelesen wird.

Barbara Deml ist Pfarrerin in der Heilig-Geist-Gemeinde Falkensee im neu gegründeten ­Kirchenkreis Havelland.

 

Eine Hand hält ein Smartphone, das eine Route navigiert.
Was gibt uns Orientierung?
Foto: Tamas Tuzes Katai/unsplash

Wo der Geist weht

Predigttext zum 28. Juni 2026
4. Sonntag nach Trinitatis:
Römer 12,17–21

Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: „Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.“ Vielmehr, „wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln“. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.  

Römer 12,17–21

Ich erinnere mich an den Palmsonntag. Die Zeitumstellung liegt nur ­wenige Stunden zurück. Ein Blick auf die Uhr: 9.40 Uhr. Bin ich zu spät? Ein kurzer Moment der Unruhe. Dann die Klarheit: Zeitumstellung. Es ist erst 8.40 Uhr. Der Schlaf fühlt sich kürzer an als sonst. Ein tiefer Atemzug. Der Blick auf die alte Dorfkirche lässt den Puls wieder ruhiger werden.

Fünf Minuten vor Beginn. Der Gottesdienst rückt näher. Doch wo ist unser Organist? Das Team ist nicht vollständig. Wieder steigt die Anspannung. Der Ablauf steht plötzlich auf der Kippe. Für einen Moment steht die Frage im Raum: Wie gehen wir jetzt weiter? Auch die eigenen Gefühle sind da – Unsicherheit, ein kurzer Ärger, vielleicht Enttäuschung. Soll ich mich davon bestimmen ­lassen? Gerade in solchen Momenten zeigt sich, wie verletzlich das Leben in der Gemeinde ist. Es gelingt nicht immer so, wie wir es uns vorstellen. Oft unterscheidet sich der Alltag eines Christen kaum von dem anderer Menschen. Und doch stellt sich die Frage: Was gibt uns Orientierung?

Nächstenliebe ist kein Sonntagsprogramm

Schon zu Zeiten des Paulus war die Gemeinde nicht frei von Spannungen. Sein Rat ist klar: Achtet einander, begegnet euch mit aufmerksamer Fürsorge und lebt in brüderlicher Liebe. Das ist kein Programm nur für den Sonntag, sondern ein Lebensstil – gelebter Dienst an Jesus und am Nächsten. Auch im Umgang mit Unrecht setzt ­Paulus Maßstäbe. „Vergeltet niemand Böses mit Bösem“, heißt es. Stattdessen soll gelten: Haltet fest am Guten gegenüber jedermann. Und wenn das nicht gelingt? Dann bleibt der schwierige Schritt, Vergeltung loszulassen und Gott zu überlassen. Nicht wir müssen die Rechnung begleichen.

Paulus denkt dabei nicht an die großen Konflikte der Welt, sondern an das konkrete Mitein­ander in Gemeinde und Nachbarschaft. Seine ­Worte bringen das zusammen, was die Schrift lehrt und was Liebe praktisch bedeutet. Denn Liebe prägt das Verhalten – im eigenen Leben, in der Gemeinde und gegenüber anderen Menschen. „Den Worten Taten folgen lassen“ – das bleibt herausfordernd. Es gibt Momente der Überforderung, des Zweifelns, des Alleinseins. Doch gerade dort gilt: Gottes Geist ist gegenwärtig. Im Gebet wird aus dem Anspruch ein Weg. Das Evangelium wird im Inneren lebendig. „Eure Liebe soll aufrichtig sein“, so formuliert es die BasisBibel.

Musik aus der „Konserve“

Und „mein“ damaliger Palmsonntag? Viel Zeit bleibt nicht. Der Gottesdienst beginnt gleich. Gemeinsam treffen wir eine Entscheidung: Es gibt Musik aus der „Konserve“. Das Evangelische Gesangbuch – digital, über eine App, mit gesungenen Liedern. Und genau in dieser Einfachheit ­entsteht etwas Besonderes: Gemeinschaft. Spontan werden andere Lieder gewählt. Die Gemeinde geht mit. Es entsteht ein lebendiger Gottesdienst – nicht bis ins Detail geplant, sondern getragen im Moment. Für mich sind es Gänsehautmomente. Und der Gedanke bleibt: Der Heilige Geist weht nicht nur dort, wo alles vorbereitet ist, sondern oft gerade dort, wo wir loslassen und vertrauen.

Michel Erdmann ist Lektor in Berlin

Predigten des Monats April 2026

 

Ein junger Man im grünen T-Shirt und Bart schaut mit gesenktem Blick zu Boden.
Zweifel kann die Seele trüben. Foto tim-mossholder/unsplash

Zum Monatsspruch April 2026

„Jesus spricht zu Thomas: Weil du
mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“
Johannes 20,29 (L)  

Wie gut, dass es im Evangelium diesen Thomas gibt! Der nicht so einfach glauben mag, was die anderen erzählen.
Den ihre Begeisterung nicht überzeugt. Der das selbst sehen möchte. Sehen und begreifen. „Zwilling“ nennt man ihn. Unser Zwilling könnte er sein.

Jesus kommt nur für den Zweifler zurück

Und gut, was das Evangelium daraufhin von Jesus erzählt! Dass er als Auferstandener noch einmal in den Jüngerkreis kommt, nun für Thomas, speziell für ihn und so wie er es braucht. Dass er seine Skepsis versteht und ernst nimmt. Und wie er sich ihm gegenüber verletzlich zeigt: Sieh meine durchbohrten Hände! Lege deine Hand in die Wunde an ­meiner Seite! So nahe lässt der Auferstandene ihn an sich heran!
Und Thomas muss das nun womöglich gar nicht wirklich betasten. Schon diese so persönliche Zuwendung lässt ihn staunend erkennen: „Mein Herr und mein Gott!“

Nicht sehen und doch glauben

Was Jesus ihm daraufhin sagt, gilt eigentlich uns: „Selig, die nicht sehen und doch glauben.“ Denn wir sind es ja, die gar nicht erst die Möglichkeit haben, den Auferstandenen mit eigenen Augen zu sehen. Und doch können wir das für uns wahr sein lassen: Dass Gott Jesus nicht im Tod gelassen hat. Dass der am Kreuz Gestorbene auf uns zukommt und sagt: „Friede sei mit euch!“ Meine Sendung in der Welt – ihr werdet sie fortführen.
Dazu braucht er gerade auch solche wie Thomas. Denen das Glauben schwer fällt. Die das Gehörte erst mal über­prüfen wollen, statt es sich einfach so zu eigen zu machen. Die dann aber bereit sind, das ganz ernst zu nehmen, was sie persönlich berührt und angesprochen hat. Ja, die damit selig werden.

Martin Germer war viele Jahre lang
Pfarrer der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin-Charlottenburg.

 

Predigten im Monat April 2026

Am Ende eines dunklen Tunnels ist ein helles Licht zu sehen
Licht am Ende des Tunnels.
Foto: KI-generiert mit mit Firefly_Gemini 2.5 Nano Banana

 

 

 

 

 

Ins Licht gehen

Predigttext zum 5. April 2026
Ostersonntag: 1. Korinther 15, (12–18) 19–28

Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen. Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.
1. Korinther 15, 19–22
 

Als der niederländische Autor und Liedermacher Herman van Veen einmal in einem Interview gefragt wurde, wie er sich das Leben nach dem Tod vorstelle, antwortete er augenzwinkernd: „Ich versuche einfach nicht zu sterben. Irgendwer muss ja mal damit anfangen nicht totzugehen.“ Van Veen wählt Humor um der Frage nach den letzten Dingen auszuweichen.

Christus im Zentrum

Paulus nutzt eine theologische Argumentationskette, um sich der Frage zu stellen. Denn in der Gemeinde in Korinth, an die er schreibt, gibt es sehr verschiedene Vorstellungen von der Auferstehung. Manche zweifeln sie grundsätzlich an, andere lehren, dass nur die Seele unsterblich sei. Paulus stellt dagegen Jesus Christus und seine Auferstehung ins Zentrum. Da­ran hängt der Glaube für ihn. Nur im diesseitigen Leben aus der Christusbeziehung Hoffnung zu schöpfen – wie elend wäre das? Diese Verbindung muss doch weiterreichen, sie darf an der Schranke des Todes nicht abreißen. Und sie hat das Zeug, dass wir Menschen uns noch einmal in ganz ­neuem Licht sehen.

In den Tod geht er, aber tot geht er nicht

Durch einen Menschen kommt der Tod … und die Traurigkeit, die Sorge vor morgen, die kalte Gleichgültigkeit und die nagende Angst zu kurz zu kommen. Unsere Adams- oder Eva-Seite: Die macht uns kleiner als wir sind, härter als wir müssten, verzagter als gut ist. Durch einen Menschen kommt der Tod. Aber durch einen anderen kommt die Auferstehung. „Irgendwer muss ja mal damit anfangen nicht totzugehen.“ Ja, Christus fängt damit an, der Erstling. In den Tod geht er, aber tot geht er nicht, sondern lebendig. Genauso wir, die mit ihm verbunden sind. Das ist unsere Christus-Seite: Wir gehören zu ihm, egal was kommt, wir sind geliebt, mehr als wir ahnen, wir kommen aus Licht und gehen ins Licht.

Tun, was dem Leben dient

Nirgends wird das stärker zeichenhaft deutlich als bei der Taufe. Früher wurden Kinder wie Erwachsene dabei ganz untergetaucht. Das Auf­tauchen war dann als würden sie neu zur Welt kommen, eine Wiedergeburt. Das Zeichen: Mit dir Mensch fängt Gott immer wieder neu an, sogar im Tod. Zu dir Mensch sagt Gott: Du bist mein Augenstern, meine Lichtgestalt, kein Dunkel soll dich schrecken, heute ist aller Tage Anfang.
„Irgendwer muss ja mal damit anfangen nicht totzugehen.“ Vielleicht ist das Zitat van Veens ja auch Ausdruck einer österlichen Haltung? Weil Jesus dem Tod, diesem letzten Feind, die Macht genommen hat, müssen auch wir Menschen uns den tödlichen Mächten der Welt nicht untertan machen, müssen die Spiele von Hass und Verfeindung nicht mitspielen, sondern können tun, was dem Leben dient, andere aufrichtet, tröstet und stärkt. Einer zeigt uns wie das geht – Christus, der Erstling, Anfänger und Vollender.

Florian Kunz, Superintendent des Kirchenkreises Berlin-Spandau

 

Ein Adler erhebt sich mit ausgebreiteten Flügeln in die Lüfte
Aufsteigen wie ein Adler.
Foto: richard-lee/unsplash

Behaltet die Hoffnung

Predigttext zum 12. April 2026,
Sonntag Quasimodogeniti: Jesaja 40,26–31

Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden. 

Jesaja 40,28–31

Sein „Vormelder“ – so heißen die Antragsformulare im Gefängnis – lag in meinem Briefkasten, mit der Bitte um ein Gespräch. Nun sitze ich bei ihm im Haftraum. Ich höre von seinem Versagen, ­seiner Schuld, seiner Verurteilung und nun der zermürbenden Erfahrung, ein Gefangener zu sein. Er hat nahezu alles verloren und sieht kaum eine Perspektive für die Zukunft. Müde ist er und lässt den Kopf hängen!

Kopf hoch!

Was kann ich ihm sagen, wie kann ich ihn ermutigen, wo ich mich doch selbst manchmal müde und der Resignation nahe fühle angesichts der täglichen Nachrichten vom irren Umgang, den wir in der Welt miteinander pflegen und den wir der Schöpfung antun? Was kann ich ihm sagen? Kopf hoch? Ja doch!
Ich erzähle von dem Propheten, der vor bald dreitausend Jahren mit seinem Volk im Exil lebt, verschleppt, erniedrigt und nahezu perspektivlos. Der den Müden und Verzagten genau das zuruft: Kopf hoch! Schaut auf den unveränderlichen Lauf der Sterne, die Zeugen sind für die Größe der Schöpfung und für die unergründliche Macht ihres Schöpfers. Vertraut und gebt die Hoffnung nicht auf! „Hebt eure Augen in die Höhe und seht … Die auf den Herrn hoffen, kriegen neue Kraft!“

Den Blick auf Gottes wunderbare Schöpfung richten

Ob er sich wohl an das alte Gute-Nacht-Lied erinnert? „Weißt du wieviel Sternlein stehen, an dem blauen Himmelzelt … Gott, der Herr, hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet an der ganzen großen Zahl.“ Ja, genau das ist es, wozu der Prophet uns ermuntert: Kopf hoch und den Blick bewusst richten auf Gottes wunderbare Schöpfung, auf alles, was uns hoffen lässt auf die Zusage, wie sie am Ende des Liedes formuliert ist: „… kennt auch dich und hat dich lieb!“

Getragen wie auf den Flügeln des Adlers

Und dann bleiben wir hängen bei dem Bild fast am Ende des Textes: Denen, die vertrauen und hoffen, wird neue Kraft geschenkt, „dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler“. Das haben wir beide tatsächlich schon gesehen, einen dieser majestätischen Vögel mit seinen mächtigen Schwingen, der sich schon bald nach dem Abheben ganz der ­Thermik überlässt, den Aufwinden, die ihn tragen und fast ohne einen Flügelschlag in unglaubliche Höhen aufsteigen lässt.
Vielleicht wird er am Abend durch sein Zellenfenster hinaufschauen in den Sternenhimmel und ein wenig zur Ruhe kommen. Vielleicht wird er daran denken, dass es in seiner Situation nicht darauf ankommt, in Hektik zu verfallen und wild mit den Flügeln zu schlagen. Aber dass es schon den Mut und das Vertrauen braucht, um zu gegebener Zeit abzuheben und sich – getragen von Gottes Liebe – neu auf den Weg zu machen.

Pfarrer im Ruhestand Manfred Lösch ist
Gefängnisseelsorger im Ehrenamt in Berlin

 

Viele Menschen stehen im Kreis und strecken Ihre Hände aus
An uns ist es, mit Gott auf der Seite der ­Entrechteten zu stehen.
Foto: KI erstellt mit Firefly_Gemini 2.5 Nano Banana

Der gute Hirte verändert uns

Predigttext zum 19. April 2026
Sonntag Misericordias Domini: 1. Petrus 2,21b–25

Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen; er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet; der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.
 1. Petrus 2,21b–25
 

Sie werden beim Lesen dieses Predigtabschnittes den Kopf schütteln. „Ihr seid dazu berufen, zu ­leiden; ihr seid völlig unschuldig, aber wehrt euch auf keinen Fall; haltet den Mund und ertragt euer Leiden still, denn dann tretet ihr in die Fuß­stapfen Jesu!“ Das soll unser von Gott gewolltes Leben sein?
Klarheit bekommen wir, wenn wir die voraus­gehenden Verse zur Kenntnis nehmen. „Ihr ­Sklaven, ordnet euch in aller Furcht den Herren unter, nicht allein den gütigen und freundlichen, sondern auch den wunderlichen …“ (Vers 18).
Ein Hymnus wurde den Sklaven und leibeigenen Haus­angestellten gewidmet, ein Lied. Denn der Schreiber dieser Zeilen wusste ein Lied davon zu singen, wie es den Sklaven zumute gewesen sein mag.

Jesus will unserer gute Hirte sein

Sklaven können sich nicht wehren und sind der Willkür ihrer Beherrscher ausgeliefert. Der einzige Widerstand, der ihnen bleibt, ist die Bewahrung ihrer Würde. Nein, ihr Schicksal ist nicht die ­Konsequenz irgendeines Fehlverhaltens, ihr Schicksal ist die Folge des miesen Gebarens ihrer Herren. Die Sklaven sind in ihrem unschuldigen Leiden ganz nah bei Jesus Christus. Sie sind wie orientierungslose Schafe, wie es in einem Bild aus Jesaja 53,6 heißt. Gott wird ihnen zum „Hirten und Bischof“, (wörtlich übersetzt: „Aufseher“, modern: „Supervisor“) ihres Lebens. Wir feiern den „Guten-Hirten-Sonntag“. Jesus hat uns ­zugesagt, unser guter Hirte zu sein.

Wir können Menschen als Hirten zur Seite stehen

Sind wir mit diesem Text gemeint, wir, die wir keine Sklaven sind? Ja, sind wir! Allerdings aus anderer Perspektive. Wir gehören in unserem ­reichen Land auf die Seite der Herren. Wenn anderswo auf der Welt Menschen wie Sklaven behandelt werden, wenn sie mit Krieg und ­Grausamkeit überzogen werden, wenn sie unter Gewaltherrschaft dahinvegetieren müssen, dann ist auch unser reiches Land beteiligt. Wir können uns nicht aus der Verantwortung stehlen – und wir wollen es auch nicht.
An uns ist es, mit Gott auf der Seite der Unterdrückten, der Entrechteten zu stehen. Dann sind wir Gott ganz nahe. Wie behandeln wir Geflüchtete, die aus Ländern kommen, die für ihre Gastfreundschaft bekannt sind? Aus der Sklaverei ihrer Heimat entflohenen Menschen stehen wir als
„Hirten“ und „Bischöfe“ zur Seite.
Elf Tage nach dem jüdischen Pessach-Fest, dem Fest der Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten, feiern wir einen Guten-Hirten-Sonntag und ­danken dafür, dass wir in Jesus Christus einen guten Hirten haben, der uns zu guten Hirten macht für Menschen, die ohne Würde sind.

Christian Zeiske ist Pfarrer im Ruhestand in Berlin.

 

Vier Menschen stehen um einen Kranken herum und versorgen seine Wunden
Kranke pflegen. Unbekannter Künstler.
Foto: europeana-Xj/unsplash

Früchte bringen

Predigttext zum 26. April 2026
Sonntag Jubilate: Johannes 15,1–8

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.  Johannes 15,5–8

Ich bin der wahre Weinstock, der gute Hirte, das Licht der Welt, der Weg, die Wahrheit. Sieben ­solcher Ich-bin-Worte Jesu begegnen uns im Johannesevangelium. Manchen sind sie auf den ersten Blick nicht so sympathisch. Kennen wir doch aus unserer Gegenwart genug Menschen, die sich größenwahnsinnig und narzisstisch zum Maßstab aller Dinge machen, das Recht und sogar das Lebensrecht anderer Menschen missachten, Lüge zur Wahrheit erklären und Kritik an ihren Maßnahmen bestrafen. Auch zu Zeiten Jesu hatten Menschen Zweifel, ob Jesu Anspruch, der verheißene Messias zu sein, wirklich berechtigt war. Woran konnten sie das erkennen?

Gute Reben

Ich bin der wahre Weinstock, mein Vater ist der Weingärtner und ihr seid die Reben. So erklärt Jesus seine Beziehung zu Gott, zu seinen Jüngerinnen und Jüngern und zu uns. Er beschreibt uns als Menschen, die durch sein Wort gereinigt ­wurden und damit zu guten Reben geworden sind, die viel Frucht bringen können.
Wie heikel diese Verbindung der Jüngerinnen und Jünger damals zu Jesus war, können wir ahnen, wenn wir sehen, dass in diesen acht ­Versen sechsmal dazu aufgerufen wird, dass die Verbindung zwischen Jesus, den Jüngern und ­Jüngerinnen und Gott als Vater Jesu erhalten bleibt, dass sie nämlich an ihm und in ihm bleiben. Erkennbar wird unsere bleibende Verbindung mit ihm daran, dass wir viel Frucht bringen.

Baum des Lebens voller Früchte

Welche Früchte unserer Verbindung zu Gott und Jesus sind für uns und andere sichtbar? Daran messen uns auch diejenigen, die selbst keinen oder einen anderen Glauben haben. Als durch Christi Tod Gereinigte und Gerechtfertigte wollen wir diese Früchte des Glaubens bringen. Auf einem der ersten Hungertücher von Misereor ist der Baum des Lebens, an dessen Stamm der Gekreuzigte hängt, voller großer Früchte dieses Lebens, ­Leidens und Auferstehens Jesu Christi.

Diakonie, Frieden und Freude

Wenn ich diese Früchte beschriften könnte, würde ich sie so benennen: Diakonie als Sorge um die Kranken und Alten; Frieden als Botschaft nicht nur zu Weihnachten für eine Welt voller Konflikte und Aufrüstung; Freiheit als Aufbruch aus der Ohnmacht gegenüber Gewalttätern; Auferstehung als österliche Hoffnung in Trauer; Freude an pfingstlicher Vielfalt in Zeiten von Ausgrenzung und Abschiebungen.
Jesus traut uns zu, diese und andere Früchte unseres Glaubens zu bringen, wenn wir die Verbindung zwischen ihm, Gott und untereinander ­pflegen. Mit dieser Perspektive lädt er uns zum Jubilieren ein: „Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jüngerinnen und Jünger.“

Dr. Gerdi Nützel, Pfarrerin für internationale Studierende, Berlin