Gebet des Monats Juni 2020

Freude auf den Sommer und Dank für Gottes Schöpfung. Foto: pexels

Dank für die Schöpfung Frohe Botschaft Juni 2020

 

 

 

 

 

Sanfter Segen

Ein Gebet für Juni

Mögen Engel dich begleiten,

dich behüten Tag und Nacht

und dir deine Seele weiten,

dass dein Herz vor Freude lacht.

 

Mögen sie dir ihre Hände

reichen vor dem tiefen Graben,

dass sich deine Angst jetzt wende,

weil sie dich ­herübertragen.

 

Mögen sie auf allen Wegen

dich mit ihrem Licht beschenken

und mit ihrem sanften Segen

deine Schritte wahrhaft lenken.

Von Christa Spilling Nöker


	

Predigten des Monats Juni 2020

Taufe Frohe Botschaft Juni 2020

In Kirchen leuchten die Kerzen als Zeichen für Gott, Licht der Welt 
Foto: pixabay

Wo es leuchtet

Predigttext zum 7. Juni 2020 Trinitatis:
4. Mose 6,22–27

Denn ihr sollt meinen Namen auf die Kinder Israel legen, dass ich sie segne. Mose 6,27

Die zentralen Worte des Predigttextes für den Sonntag Trinitatis sind jedem Gottesdienstbesucher deutlich im Ohr. Es sind die Segensworte am Schluss eines jeden Gottesdienstes.

Das sind alte Worte. In der Bibel werden sie Mose in den Mund gelegt. Wir können das nicht nachprüfen. Aber dass es sich um sehr alte Worte aus den Gottesdiensten Israels handelt, bestätigt die biblische Archäologie.

Es sind feierliche und gewichtige Worte. Das kommt in ihrem dreigliedrigen Aufbau zum Ausdruck. Dreimal wird die Zuwendung Gottes zu den Menschen bildhaft beschrieben. Gottes Angesicht ist Zeichen seiner hilfreichen Nähe (2. Mose 33,14). Wo es leuchtet, da bewirkt es nur Gutes. Wir tun es ja nicht anders: Wir drehen uns weg oder wenden uns zu, wir strahlen unser Gegenüber an oder auch nicht. Gleiches gilt für das Erheben des Angesichts. Das ist wie „Daumen hoch“ oder „Daumen runter“.

Was die Zuwendung Gottes bewirkt, sind Gnade und Frieden. Dabei darf die Gnade keinesfalls in die Nähe von Willkür gerückt werden. Gottes ­Gnade ist eine überfließende, die weit über das Recht, das mir zusteht, hinausgeht. Und ebenso ist es mit dem Frieden, dem Schalom, der ganz umfassend Heil und Segen meint, geistlich wie materiell.

Die Segensworte wenden sich an ein Du. Gemeint ist der Einzelne als Teil des Gottesvolkes beziehungsweise der Gemeinde. Er wird so als Individuum ernst genommen und geht nicht in einem an die Vielen gerichteten „euch“ unter. Beim ­gottesdienstlichen Gebrauch sollten wir dies mit im Blick haben.

Weil diese Worte von den Priestern, den „Söhnen Aarons“, gesprochen werden sollten, werden sie Aaronitischer Segen genannt. Dass sie heute unsere Gottesdienste beschließen, liegt an Martin Luther und seinem Entwurf für eine Deutsche ­Messe. Während die Worte im Judentum immer in Gebrauch waren, fanden sie in der Alten Kirche und auch im Römisch-katholischen Gottesdienst bis zum Zweiten Vaticanum kaum Verwendung.

Der dreigliedrige Aufbau des alten Segenswortes stellt natürlich einen gedanklichen Bezug zur Dreieinigkeit Gottes her, wie wir dies in den christlichen Kirchen bekennen. Für den Text selber und seine ursprüngliche Verwendung war das noch nicht im Blick. Aber beide, den Text des Aaronitischen Segens und unsere christliche Lehre von der Trinität, eint die Erkenntnis, dass von der freundlichen Zuwendung Gottes nicht mit nur einem Begriff oder nur einem einzigen Satz gesprochen werden kann, seien diese auch noch so genial ­formuliert.

Wer auch immer heute wie damals diese ­wunderbaren Worte oder ähnliche spricht, „legt den Namen Gottes“ auf diejenigen, an die er sich dabei wendet. Gott will unsere Mitwirkung, wenn er sich den Menschen zuwendet. Gibt es Schöneres, als auf diese Weise am Tun Gottes teilzuhaben?

Dr. Volkmar Hirth, Berlin

 

Frohe Botschaft Juni 2020Zuneigung weitergeben. Foto: pixabay

Trösten und Heilen

Predigttext zum 14. Juni 2020 1. Sonntag nach Trinitatis:
Apostelgeschichte 4,32-37

Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde, ein Levit, aus Zypern gebürtig, der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

Apostelgeschichte 4,32.36–37

Für mich liest sich der Text, wie real funktionierender Sozialismus. Alles ist gut, alles ist toll, jedem gehört irgendwie alles, der 17-millionste Teil (die DDR hatte damals circa 17 Millionen Einwohner) gehört mir, weil alles Volkseigentum war. So wurde noch vor 32 Jahren gesprochen! Beim Text der Apostelgeschichte, werde ich den Gedanken nicht los, dass es sich hier um die Anfangs­euphorie einer Gemeinde handelt. Nebst einem der sich hervor tut, als Sohn des Trostes.

Offensichtlich hatte dieser Josef, mit Beinamen Barnabas, Sohn des Trostes, der Ermahnung, eine Art Vorbildfunktion. Vorbilder sind gut, nur können sie schnell auch das Gegenteil erreichen. Das erkannte auch eine große Fastfoodkette. Dort waren die besten Mitarbeiter des Monats mit Bild, zu sehen. Mobbing war plötzlich Thema!   

Was will mir der Schreiber des Textes sagen? Das dieser Josef/Barnabas damals Aktivist der ersten Stunde oder Jünger des Monats war? Das glaube ich nicht, wenn nämlich Josef keinen Acker gehabt hätte, hätte er nichts zu verkaufen gehabt. Was machen ärmeren Menschen? Mir drängt sich das Gefühl auf, dass wir unsere Begabungen, die wir in die Wiege gelegt bekommen haben – Organisieren, Redegewandt sein, handwerklich geschickt sein und anderes –, erkennen und für Gott gebrauchen sollen. Gott etwas davon zurückgeben, um seine Gemeinde zu bauen, zu vergrößern.

Als ich kürzlich über das Teilen predigte, kam direkt die Antwort aus der Gemeinde: „Ich habe nichts zum Teilen.” Einen Christ, der nichts zum Teilen hat, kann ich mir nicht vorstellen. Dabei betrachte ich die schlicht gekleidete, aber sprachgewandte etwa 80-jährige Frau. Sie verbindet wie viele das Teilen mit Materiellen. Meine Antwort: „Sie haben da etwas, was sie teilen könnten! Das hat mit Materiellem nichts zu tun!“ Fragender Blick. „Sie haben etwas in die Wiege gelegt bekommen, Sie können die Aufmerksamkeit teilen.“ Wir können aufmerksam sein und mit unseren Nächsten teilen. Zeit zu teilen kostet nichts und kann dem Nächsten unendlicher Trost sein. Dann plötzlich sind Sie, ein Sohn oder eine Tochter des Trostes, wie es in der Apostelgeschichte steht. Nur das Bild, mit dem ­Tröster und Teiler des Monats steht dann auf dem Schreibtisch bei Gott!

Titus Schlagowsky, Prädikant in Nochern, Hessen-Nassau

 

 

Taufe Frohe Botschaft Juni 2020

Gott offenbart sich den Unmündigen. 
Foto: Pixabay

Seele darf baumeln

Predigttext zum 21. Juni 2020 2. Sonntag nach Trinitatis:
Matthäus 11,25–30

Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart. Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure ­Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.                                           

Matthäus 11,25–30

Jesu Lobpreis Gottes, den er Vater nennt, steht an einer Wendestelle im Evangelium des Matthäus. Jesus offenbart sich als der von Gott Gesandte.

Die Worte Jesus klingen fast so, als wenn er alle Klugheit, Gelehrsamkeit und Weisheit abwerten würde. Abgewertet wird hier aber eine überheb­liche Form der Weisheit. Die Weisheit, die meint, aus eigener Kraft näher bei Gott stehen zu können. Die Einsicht in das Heilshandeln Gottes durch seinen Sohn Jesus Christus kommt aber nicht aus gelehrsamer Leistung, sondern aus der Offenbarung Gottes selbst.

Deswegen kann sie auch der Unmündige empfangen, deswegen gibt es keine Hierarchie der Frömmigkeit, deswegen gibt es keine schlechteren und besseren Christen. Alle Christen sind gleich. Das Erkennen Gottes wird mir durch Jesus Christus geschenkt.

Dieses Erkennen gibt es nicht aus eigenem Bemühen. Alle, die das Gegenteil behaupten, die meinen aus eigenem Können und Anstrengen eine Sonderrolle bei Gott spielen zu dürfen, haben die Botschaft Jesu nicht verstanden. Jesus ruft mir zu: „Komm zu mir, der du müh­selig und beladen bist, ich will dich erquicken. Nimm mein sanftes Joch und meine leichte Last auf dich.“

Ich weiß, dass es zu unseren Zeiten viele Angebote gibt, die mir die Last des Lebens erleichtern wollen. Eine ganze Freizeitindustrie ist damit beschäftigt, mich ablenken zu wollen. Religiöse und pseudoreligiöse Hilfsangebote der Lebens­bewältigung gibt es in Hülle und Fülle. Sie alle fragen: Was hilft in diesem Leben? Und zugleich bieten sie Antworten der unterschiedlichsten Art.

Was aber hilft mir wirklich zum Leben? Diese Frage kennt nur eine Antwort. Der, den wir als den lebendigen Sohn Gottes bekennen, ist der, der einzig Leben geben kann! Er ruft alle zu sich. Die Rede von der Leichtigkeit des Seins ist ein Selbstbetrug. Die einen brechen unter der Last eines frommen Leistungsdrucks zusammen, der ihnen kaum noch Luft zum Atmen lässt. Andere sind unter dem Joch des sich ständig Selbst-Beweisens-Müssens gefangen, dürfen nie schwach oder ausgelaugt sein.

Aber Jesus sagt: Meine Seele darf ruhen, muss sich nicht mit selbstgemachten Ansprüchen quälen, braucht nicht unter den Ansprüchen anderer zu leiden. Diese Ruhe der Seele

ist das Ziel der Offenbarung Gottes. Da, wo die Seele baumeln darf, weil sie sich sicher in Gottes guter Hand gehalten weiß, wird das Joch sanft und die Last leicht.

Thilo Haak, Pfarrer, Ostergemeinde, Berlin-Wedding

 

Weinlese Frohe Botschaft Juni 2020
Unter die Füße getreten. Foto pixabay

Göttlicher Skandal?

Predigttext zum 28. Juni 2020 3. Sonntag nach Trinitatis:
Micha 7,18-20

Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.

Micha 7,19

Gnade vor Recht? Nach menschlichen Maßstäben ist das ein Skandal! Die meisten Menschen wollen das nicht, jedenfalls nicht für andere. Wenn die Lehrerin Schüler ungleich bewertet, dann finden Schüler das skandalös! Wenn der Richter im Prozess ein Auge zudrückt, dann ist das ein Skandal. Recht muss Recht bleiben! Gnade, dafür ist das Gericht nicht zuständig. Gnade ist das Privileg

der Könige und Staatenlenker. Doch Gott ist ­beides: Richter und Herr der Welt. Verurteilt er? ­Begnadigt er?

Die christliche Gemeinde ist sich sicher: Gott ist gnädig! „Abba, lieber Vater!“ betet Jesus und zeigt uns den liebenden, gnädigen Gott. Doch der Herrscher der Welt ist auch ihr Richter! Er sieht das Gute – und er sieht die Schuld! Nicht billige Gnade, sondern radikale Schuldbewältigung ist gefragt. Gott wird „unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen“ (Vers 19). Das ist nicht leicht und billig. Es kommt Gott teuer zu stehen. Es kostet ihn in Jesus Christus das Leben! Gott setzt sich ein mit voller Kraft. Zum Teil sind uns die Bilder noch vertraut, mit der uns Gottes Einsatz vor Augen gemalt wird. Mancherorts werden bis heute Trauben „unter die Füße getreten“. Wer das mit­gemacht hat, erinnert sich vielleicht an ein tolles gemeinschaftliches Erlebnis. Aber er denkt auch an den nachfolgenden Muskelkater und lange dauert es, bis Füße und Beine nach den roten Trauben wieder sauber werden. Die Bilder des Bibeltextes verdeutlichen: Gott macht sich dreckig mit unserer Schuld. Gott müht sich mit unseren Sünden: Bis in die Tiefen des Meeres. Was für ein Sündenweitwurf. Die tiefste Meerestiefe misst 11000 Meter. Eine endlose Tiefe. So wirkt Gottes Gnade in unserem Leben: tiefenwirksam, unergründlich!

Durch das Leiden und Sterben von Jesus hat der Text aus dem Alten Testament eine zusätzliche Dimension erhalten. Ja, Gott ist der Richter, der Schuld beim Namen nennt und das Urteil spricht. Er spricht Recht, entsprechend unserer Schuld! Aber das Urteil nimmt er selbst auf sich im Leiden und Sterben von Jesus am Kreuz. Damit wird die Schuld unter seine Füße getreten und in die Tiefen des Meeres geworfen. Gott, der Richter, hat das Urteil gesprochen – und die Strafe auf sich genommen. Auf diese Weise lässt Gott, der König, für uns Gnade vor Recht ergehen. Seine Gnade spricht uns frei. So ist Gott. So beschenkt er uns aus Liebe. Jetzt kann unser Leben gelingen. Lasst uns Gott danken und ihn loben!

Thomas Günzel, Klinikseelsorger, Pfarrer im Ehrenamt, Evangelische Fachkliniken Heidehof gGmbH, Weinböhla

Aktuelle Ausgabe Juni 2020

Gottes Wort „anschaulich“ –
Wie die Bibel entstand – Teil 6
Viele Menschen können nicht lesen.
Von Hans-Jürgen Grundmann aus Berlin

 

Wie haben Sie es damals erlebt? – Neue Serie: 75 Jahre Kriegsende
Mit dem Handwagen auf den Heimweg
Von Manfred Kummer, Leser aus Stollberg

Mein älterer Bruder – Neue Serie: Meine Geschwister
Verloren und wiedergefunden.
Von Christine Borchert, Leserin aus Diesdorf

Warum wütet Corona?
Ist die Pandemie Covid-19 ein Gericht Gottes über uns? Eine Geißel zur Umkehr?
Von Rolf Wischnath, Generalsuperintendent im Ruhestand aus Gütersloh

Predigten des Monats Mai 2020

Singen vom Balkon Frohe Botschaft Mai 2020

„Ode an die Freude“ singen Italiener von den Balkonen vereint im Kampf gegen das Coronavirus.
Foto: pexels

Bleiben und Jubeln

Predigttext zum 3. Mai 2020 Jubilate:
Johannes 15, 1–8

Bleibt in mir und ich in euch. Johannes 15,4

„Bleibt in mir und ich in euch.“ Bleiben ist das am häufigsten gebrauchte Verb in diesen Tagen: Bleiben Sie zu Hause! Bleiben Sie gesund! Bleiben Sie behütet! Wo man sonst schlicht „Tschüss“ sagt, sagt man jetzt „Schön gesund bleiben!“ Dieses Bleiben suggeriert auch ein Stück Wahrnehmung und Wertschätzung dessen, was man hat: Gesundheit. Und das soll auch so bleiben. Plötzlich bekommt die Zukunft etwas Düsteres.

Eigentlich hat „bleiben“ ja keinen guten Klang. Es klingt statisch und nach Zurückbleiben. Was wäre das Gegenteil von Bleiben? Im Kontext von Corona und Gesundbleiben das Krankwerden, nicht gut. Oder allgemein das Aufbrechen? Aber dann nur als Gegenteil zum Zurückbleiben, auch nicht gut. Oder das Wegbleiben? Ich denke zurück an 1989: Als die Menschen damals aus den Kirchen kamen und friedlich skandierten: „Wir bleiben hier“, da war mit bleiben nichts Regressives oder Statisches gemeint, sondern ein aktives und verantwortungsvolles Bleiben, das durchaus auch politische Veränderungen bewirkte.

Unter den Forschern ist umstritten, worauf der johanneische Jesus mit seinem Bleibeappell hinaus will. Meint er Judas, den Verräter? Richtet er sich gegen solche, die mit der Rückkehr zur Synagoge liebäugelten? Oder wendet er sich an abtrünnige Christinnen und Christen, die unter der Ausgrenzung der urchristlichen Gemeinde litten? Viel spricht für Letzteres. Heute sind wir als Kirche keiner Verfolgung ausgesetzt. Aber wir bewegen uns auf eine Minderheitskirche zu.

Klar ist, dass die Kirche nicht so bleiben kann, wie sie ist. Aber die Kirche Jesu Christi wäre nicht 2000 Jahre alt geworden, wenn sie sich nicht ständig verändert hätte. Vor allem aber wäre sie nicht 2000 Jahre alt geworden, wenn sie nicht bei Christus geblieben und immer wieder zu ihm und zu seinem Wort zurückgekehrt wäre. Diesem Bleiben ist Zukunft verheißen. Christus bindet sich an seine Jüngerinnen und Jünger, doch solche wären sie nicht ohne ihn, ohne sein Leben- und Heil schaffendes Wort. Es kann wohl eine Kirche geben ohne Kirchensteuer, Kirchenbeamte, auch ohne Kirchengebäude, aber nicht ohne Christus, das Wort Gottes. Als ich ab 1987 am Sprachenkonvikt in Ostberlin studierte, stand die Schinkelsche ­Elisabethkirche an der Invalidenstraße noch als Kriegsruine da. Doch allem Verfall und Staatsatheismus zum Trotz prangte am Giebel gut lesbar die Inschrift DES HERRN WORT BLEIBET IN EWIGKEIT. Nach dem Johannesevangelium ist Jesus Christus dieses ewige Wort Gottes.

In Christus bleiben, bei seinem Wort bleiben. Darum geht es. Und mehr Frucht bringen. Eine Frucht, die der christliche ­Glaube hervorgebracht hat, und an der sich auch Nichtgläubige erfreuen, ist die Kirchenmusik. Der Sonntag Jubilate fordert zum Jubilieren auf: Man lese nur Psalm 150. Und man höre den Jubelgesang des diesjährigen Jubilars: Schillers „Ode an die Freude“ in der Vertonung Ludwig van Beethovens. Übrigens hat Beethoven nicht nur 9 Symphonien geschrieben, sondern auch Kirchenlieder. So hat er etwa Gedichte des berühmten Autors Christian Fürchtegott Gellert vertont. In dem bekanntesten stimmt der Komponist in den Jubel der Schöpfung ein: „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre, ihr Schall pflanzt seinen Namen fort. Ihn rühmet der Erdkreis, preisen die Meere, vernimm, o Mensch, ihr göttliches Wort.“

Bernhard Schmidt, Pfarrer und Vorsitzender der Kollektiven Leitung des Kirchenkreises Falkensee

 

 

Auferweckung bedeutet: Gott handelt. Foto: Gerd Altmann/pixabay

Tausend Weisen

Predigttext zum 10. Mai 2020 Kantate:
2. Chronik 5, 2-5 (6–11) 12–14

Denn wenn die Toten nicht auferstehen, so ist Christus auch nicht auferstanden. Korinther 15,16

Der christliche Glaube ist recht eigentlich eine nur eben schwer zu denkende Angelegenheit. Geglaubt werden soll, dass vor zweitausend Jahren in Jerusalem ein Jude in der fürchterlichsten­ Weise einer Kreuzigung ermordet worden ist und dass er zwei Tage danach von Gott „auferweckt“ wurde. Und noch Schwierigeres soll gedacht werden: dass nämlich in dieser „Auferweckung“ die „Auferweckung“ aller Toten, ja die Neuerschaffung von Himmel und Erde begonnen hat.

Paulus sagt: Wenn diese Welt und Zeit und alle Toten umspannende „Auferweckung“ nicht geschieht, ist der gekreuzigte Christus nicht lebendig, und der christliche Glaube wäre Irrsinn und Lüge.

„Auferweckung“ bedeutet nicht, dass der Tod rückgängig gemacht wird, sondern dass am Ende aller Möglichkeiten Gott selbst handelt. ER ­handelt an dem toten Jesus, indem er ihn „auferweckt“. „Auferweckung der Toten“ ist nach jüdisch-christlichem Verständnis eine besondere Form des Handelns des Gottes Israels, in welchem ER einem Gestorbenen sein völlig verwandeltes Leben wiedergibt als ein ewiges Leben und es hineinstellt in seine, für uns noch unsichtbare Welt.

Für diese aus menschlicher Sicht so schwer zu erachtenden Annahmen gibt es als Beglaubigungen nur – aber was heißt hier „nur“? – drei Hinweise: (1) auf die Geistkraft Gottes, in welcher der Glaube eines Menschen geschaffen wird, (2) auf die Beteuerungen einiger Anhänger*innen des Jesus von Nazareth, sie hätten ihn als Auferweckten direkt und unübersehbar wahrgenommen und (3) auf das Zeichen eines leeren Grabes in Jerusalem. Durch die Jahrhunderte hindurch sagen Chris­tinnen und Christen, die Annahmen seien ihnen zu Überzeugungen geworden, sie hätten die Wirkmächtigkeit des Heiligen Geistes erfahren und es daraufhin gewagt, sich im Leben und im Sterben auf den Auferweckten zu verlassen.

Wie aber lässt sich eine schon mit der Auferweckung des Gekreuzigten begonnene „Auferweckung aller Toten“ vorstellen? Sie geschieht nicht am Sankt-Nimmerleinstag eines in unend­liche Ferne gerückten „Jüngsten Tages“. Sondern der „Jüngste Tag“ ist für uns der Tag unseres ­Sterbens. „Heute wirst du mit mir im Paradiese (in der unsichtbaren Welt des Gottes Israels) „sein“ (Lukas 23,37). Das sagt der gekreuzigte Jesus in der Vollmacht Gottes einem mit ihm gekreuzigten Verbrecher an seiner Seite auf dem Hügel Golga­tha. „Heute“, „gleich“, „binnen kurzem“, „von einem Moment zum anderen“ – im Tod – wirst du auferweckt und in das Licht des Ewigen gestellt.

Wir sind sterblich, aber wo der Tod, Ernst Bloch nennt ihn den großen „Nihilisten“, alle Beziehungen abbricht, laufen wir nicht ins Nichts, sondern werden von Gott aufgefangen und neu „konstituiert“ – das heißt „ins Leben gerufen“. Das ist unsere Auferweckung. Das erkenne ich und darauf vertraue ich – das heißt: ich glaube es.

 Rolf Wischnath, Generalsuperintendent a.D., Gütersloh

 

Das weiße Taufkleid symbolisiert Reinigung

Reinheit symbolisiert das weiße Taufkleid. Foto: Pixabay

 

Fußspuren Frohe Botschaft

Fußabdrücke hinterlassen auf dem Weg der Gerechtigkeit.
Foto: Rafael Párraga/Pixabay

Gott, herzbewegend

Predigttext zum 24. Mai 2020 Exaudi:
Jeremia 31,31–34:

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen. ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr; 33 sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.

Jeremia 31,31.33–34

Ein alter Rabbi hatte Sehnsucht nach dem Paradies. Er flehte zu den himmlischen Mächten, einmal möchten sie ihm die Pforten öffnen. Es ge­schah: Er durfte ins Paradies treten. Er öffnete die Augen und sah einen Studiersaal und viele, viele Menschen lasen, blätterten von Buch zu Buch, sprachen leise. „Das Paradies? “, fragte er. „Ja“, sagten die Engel mit Blick auf die Lernenden, „Sie sind nicht im Paradies, das Paradies ist in ihnen.“

Ach, Jeremia, da hat ihn eine jüdische Erzählung verstanden – und ihm fiel es so schwer, er hatte sich so gesträubt, Gottes Mundbote zu werden. „Ach Herr, ich tauge nicht zum Propheten, ich bin zu jung!“ (Jeremia 1,6), widersprach er. Er war zaghaft, er zweifelte, widerstrebend rief er aus: „Verflucht der Tag, an dem meine Mutter mich ge­bar!“ (Jeremia 20,14) ­Unerträglich isoliert klagte er: „Ist denn keine Salbe in Gilead oder ist kein Arzt da?“ (Jeremia 8,22). Der Abfall des Volkes und des Königs vom Bund mit Gott ist unheilbar, die babylonische Macht wird das Reich Juda verwüsten, mit Jerusalem samt Tempel! Jeremia, Gottes Mundbote in böser Zeit: Das Recht des Menschen auf Klage, hat ein Schriftgelehrter gesagt, lernen wir bei Jeremia. Ist er die biblische Stimme, der wir uns am nächsten fühlen? Die Psalmen, Hiob und Jeremia wissen, was Klagen heißt, was aussteht, was wir vermissen. Und: Über der Klage vergessen sie nicht Gott – das macht sie selber unvergesslich.

Klage kann Entspannung gewähren, lässt wieder zu Atem kommen, hilft die Augen zu öffnen. So sieht Jeremia Neues. Er bringt ein neues Bild hervor: „Der neue Bund.“ Gott will dem Volk eine andere Verfassung des Lebens geben, er will das Lebensgefühl des Volkes, seine Weltsicht von Grund auf ändern. Warum? Weil das Volk den Bund gebrochen hat, obwohl Gott sein Herr war.

Jeremia stellt den „Neuen Bund“ vor: „Meine Weisung lege ich in ihr Inneres, auf ihr Herz werde ich sie schreiben. Da wird niemand seinen Nächsten und niemand seinen Bruder lehren und sagen: Erkennt den Herrn! Sondern vom Kleinsten bis zum Größten werden sie mich alle erkennen!“ Ein Bund, der immer wieder gelehrt werden muss, kann nicht beständig sein. Was Gott nun aber tun will, ist herzbewegend. Wir werden seine Herzensangelegenheit. Auf den Wänden des Herzens steht sein Bund – er wird ohne Lehre auskommen. Gott ist herzbewegend. Und wir? Jeremia sagt Gottes Weisung: „Sie werden mich erkennen von Klein bis Groß, ist der Spruch des Ewigen; denn ich werde vergeben ihre Missetat, und ihrer Sünde nicht ferner gedenken!“ Jeremia 31,34.

Wir werden „von Herzen“ vergeben können, wenn wir erfahren, dass Gott vergibt. Er rückt ab von seinem Grimm, seiner Verstörung und bewährt sich neu als Wind des Geistes, als Schöpfermacht. Man möchte sagen: Gott hat sich selbst erneuert, er vergibt und bringt die Menschen zur Vergebung zusammen, zur Wiederherstellung der Gerechtigkeit. Er lässt zu Pfingsten die Herzen sprechen. Jeder bleibt bei seiner Sprache und doch versteht jeder jeden. So werden sie „ein Herz und eine Seele“. Die Menschen gewinnen nicht den Geist, der Geist gewinnt sie; sie sind nicht im Paradies, das Paradies ist in ihnen. Groß ist die Gabe des Bundes!

Helmut Ruppel (Foto) und Lorenz Wilkens, Pfarrer, Berlin

 

Erleuchtende Kraft

Predigttext zum 31. Mai 2020 Pfingsten:
Apostelgeschichte 2,1–21

Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie laufen und nicht matt werden. Dass sie ­wandeln und nicht müde werden.

Jesaja 40,26

„Pfingsten sind die Geschenke am geringsten, während Geburtstag, Ostern und Weihnachten etwas einbrachten“, dichtete Bertolt Brecht in seinem Alphabet unter dem Buchstaben P. Wie unrecht er doch hatte. Im Gegenteil! Zu Pfingsten wurde uns das größte Geschenk gemacht: der ­Heilige Geist. Doch der Reihe nach.
In einer Konfirmandenstunde fragte ein Kon­firmand, wieso sich die Jünger am Pfingsttag versammeln konnten, denn Pfingsten gab es doch noch gar nicht, das ist ein christliches Fest. Er hatte aufmerksam den Bibeltext gelesen. Unser deutsches Wort Pfingsten leitet sich vom griechischen Pentekoste, der Zahl 50, ab. Das ist das jüdische Wochenfest Schawuot, das 50 Tage nach dem Passahfest gefeiert wird. Es ist ein Erntefest und erinnert gleichzeitig an die Gabe der Thora, die Gabe des Gesetzes.
In der gleichen Stunde meinte ein Witzbold beim Betrachten eines mittelalterlichen Gemäldes: „Die haben ja alle Teelichter uffm Kopp.“ Ein anderer erwiderte: „Denen ist ein Licht aufgegangen, was bei dir nie passiert.“ In der Tat, die Jünger wurden erleuchtet, es rauchten ihnen die Köpfe, sie hatten einen Geistesblitz – so könnte man den biblischen Bericht des Lukas auch überschreiben. Etwas Gewaltiges geschieht. Den Jüngern wächst eine Kraft zu, die sie in die Lage versetzt, auf die Straße zu gehen und den beim Fest An­wesenden Gottes große Taten zu verkündigen. Und nicht nur das: Jeder kann sie in seiner Sprache verstehen – das Pfingstwunder.
Gottes Geist wird auf alles Fleisch ausgegossen und ohne dieses Geschenk wäre die Geschichte von Jesus von Nazareth sicher schnell zu Ende gegangen. Dieser Geist ist es, der Menschen bis heute führt und leitet und befähigt, Werke des Glaubens zu vollbringen. Dieser Geist tröstet aber auch, er ist der größte Tröster. Und gerade jetzt ist das nötiger denn je.
Diese Zeilen, mitten in der Corona-Krise geschrieben, sind von der Hoffnung getragen, dass der Geist Gottes uns zu allen Zeiten trägt, dass wir uns zu Pfingsten wieder gemeinsam zum Got­tesdienst versammeln und singen können: „Komm Heiliger Geist mit deiner Kraft, die uns verbindet und Leben schafft.“
Pfingsten feiern wir den Geburtstag der Kirche. Geburtstage bringen immer etwas ein, Geschenke natürlich. Wir alle sind die Beschenkten, es gibt zwar keine Torte im Gottesdienst (Warum eigentlich nicht?), es gibt auch keine Schokoladen­hohl­körper wie zu Weihnachten oder Ostern, aber es gibt etwas viel Größeres: Gottes unsichtbare, erleuchtende Lebenskraft.

Waldemar Natke, Pfarrer im Ruhestand, Cottbus

Leider ist Pfarrer Natke im April 2020 ganz plötzlich verstorben! Das erfuhr die Redaktion der Frohen Botschaft erst kürzlich. Wir trauern mit der Familie um ihn. Er war ein äußerst zuverlässiger Autor und immer bereit, eine Predigt oder einen anderen Text zu übernehmen. 

 

Predigten des Monats April 2020

Trost spenden Frohe Botschaft

Trost spenden. Foto: Christine Schmidt/Pixabay

Einfach tun, was man kann

Predigttext zum 5. April 2020 Palmarum:
Markus 14, (1–2) 3–9

Jesus aber sprach: Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Sie hat getan, was sie konnte;

Markus 14,6+8

Es ist genug. Manchmal sehne ich mich nach ­diesem Satz. Dass ich einmal nicht mehr hätte tun, wortgewandter reden oder effektiver haus­halten sollen. Dass es auch so genug ist, was ich tue. Weil einer sieht, dass ich getan habe, was ich konnte. Weil ich tat, was in meinen Kräften lag.

Kräfte übersteigen zu müssen, das ist, was Menschen wollen, nicht aber, was Gott will. IHM reicht es, wenn man tut, was man kann. Wenn man nicht viele Worte macht, sondern einfach hingeht und handelt. Wenn man Liebe zeigt, selbst inmitten von Todesbeschluss und Verrat. Oder wenn man einem Todgeweihten die höchste Ehre zuteil werden lässt, die Angehörige einem Ver­storbenen noch bereiten können – eine Ehre, die Jesus, als er tatsächlich tot ist, nicht mehr ­erhalten wird.

Natürlich geht es besser. Schon die Adresse hätte effektiver ausgesucht sein können. Nach einem ärmeren Menschen oder gleich mehrere Menschen treffend. Doch diese Perspektive, die allein auf das Größtmögliche schaut, übersieht Entscheidendes: Almosen geben kann man jederzeit. Das kann, wenn nötig, auch über Dritte geschehen. Liebestaten hingegen brauchen die direkte Begegnung. Und die gleiche Perspektive.

Jesus hat den Tod vor Augen. Und die Frau hat es mit ihm, während die Jünger bis zum Schluss unverständig sind. Während die einen also seinen Tod beschließen und der andere im Begriff ist, Jesus zu verraten, schenkt die Frau ihm, dem Todgeweihten, ihre Hingabe. Sie nutzt die letzten Momente, in denen Jesus noch unter den Lebenden ist. Jene kostbaren Momente, in denen, was später erinnert werden wird, noch gestaltet werden kann. Denn auch das gehört zum gelebten Evangelium: den Moment, das Heute zu nutzen, mit der Erinnerung daran, was damals konkret getan worden ist – durch Jesus und auch an Jesus.

Darauf weist uns die Tat der Frau, jener Frau, die getan hat, was sie konnte. Das mag nicht das Beste sein oder das Effektivste, aber es ist gut und darum ist es genug.

Franziska Roeber,  Pfarrerin in Berlin-Mariendorf

 

 

Auferweckung bedeutet: Gott handelt. Foto: Gerd Altmann/pixabay

Ins Leben gerufen

Predigttext zum 12. April 2020 Ostern:
Korinther 15, (12–18) 19–28

Denn wenn die Toten nicht auferstehen, so ist Christus auch nicht auferstanden. Korinther 15,16

Der christliche Glaube ist recht eigentlich eine nur eben schwer zu denkende Angelegenheit. Geglaubt werden soll, dass vor zweitausend Jahren in Jerusalem ein Jude in der fürchterlichsten­ Weise einer Kreuzigung ermordet worden ist und dass er zwei Tage danach von Gott „auferweckt“ wurde. Und noch Schwierigeres soll gedacht werden: dass nämlich in dieser „Auferweckung“ die „Auferweckung“ aller Toten, ja die Neuerschaffung von Himmel und Erde begonnen hat.

Paulus sagt: Wenn diese Welt und Zeit und alle Toten umspannende „Auferweckung“ nicht geschieht, ist der gekreuzigte Christus nicht lebendig, und der christliche Glaube wäre Irrsinn und Lüge.

„Auferweckung“ bedeutet nicht, dass der Tod rückgängig gemacht wird, sondern dass am Ende aller Möglichkeiten Gott selbst handelt. ER ­handelt an dem toten Jesus, indem er ihn „auferweckt“. „Auferweckung der Toten“ ist nach jüdisch-christlichem Verständnis eine besondere Form des Handelns des Gottes Israels, in welchem ER einem Gestorbenen sein völlig verwandeltes Leben wiedergibt als ein ewiges Leben und es hineinstellt in seine, für uns noch unsichtbare Welt.

Für diese aus menschlicher Sicht so schwer zu erachtenden Annahmen gibt es als Beglaubigungen nur – aber was heißt hier „nur“? – drei Hinweise: (1) auf die Geistkraft Gottes, in welcher der Glaube eines Menschen geschaffen wird, (2) auf die Beteuerungen einiger Anhänger*innen des Jesus von Nazareth, sie hätten ihn als Auferweckten direkt und unübersehbar wahrgenommen und (3) auf das Zeichen eines leeren Grabes in Jerusalem. Durch die Jahrhunderte hindurch sagen Chris­tinnen und Christen, die Annahmen seien ihnen zu Überzeugungen geworden, sie hätten die Wirkmächtigkeit des Heiligen Geistes erfahren und es daraufhin gewagt, sich im Leben und im Sterben auf den Auferweckten zu verlassen.

Wie aber lässt sich eine schon mit der Auferweckung des Gekreuzigten begonnene „Auferweckung aller Toten“ vorstellen? Sie geschieht nicht am Sankt-Nimmerleinstag eines in unend­liche Ferne gerückten „Jüngsten Tages“. Sondern der „Jüngste Tag“ ist für uns der Tag unseres ­Sterbens. „Heute wirst du mit mir im Paradiese (in der unsichtbaren Welt des Gottes Israels) „sein“ (Lukas 23,37). Das sagt der gekreuzigte Jesus in der Vollmacht Gottes einem mit ihm gekreuzigten Verbrecher an seiner Seite auf dem Hügel Golga­tha. „Heute“, „gleich“, „binnen kurzem“, „von einem Moment zum anderen“ – im Tod – wirst du auferweckt und in das Licht des Ewigen gestellt.

Wir sind sterblich, aber wo der Tod, Ernst Bloch nennt ihn den großen „Nihilisten“, alle Beziehungen abbricht, laufen wir nicht ins Nichts, sondern werden von Gott aufgefangen und neu „konstituiert“ – das heißt „ins Leben gerufen“. Das ist unsere Auferweckung. Das erkenne ich und darauf vertraue ich – das heißt: ich glaube es.

 Rolf Wischnath, Generalsuperintendent a.D., Gütersloh

 

Das weiße Taufkleid symbolisiert Reinigung

Reinheit symbolisiert das weiße Taufkleid. Foto: Pixabay

Gereinigt

Predigttext zum 19. April 2020 Quasimodogeniti:
Jesaja 40,26–31

Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie laufen und nicht matt werden. Dass sie ­wandeln und nicht müde werden.

Jesaja 40,26

Wandeln, loslaufen, abheben und losfliegen wie ein Adler. Die Flügel ausbreiten und sich in die Luft emporschwingen und die Welt von oben ­be­sehen – einen Überblick gewinnen, mit Adler­augen. Was für eine energiegeladene Vorstellung: Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Schaut hin und traut Gott etwas zu!

Wie ein Adler kreist er weit oben über seiner Schöpfung. Ausdauernd schaut er von oben herab. Er sieht alles genau, nichts bleibt ihm verborgen, weder die äußeren Wege noch die inneren Zweifel. Seine Kraft strahlt aus auf die Müden und Matten, die Schwachen und Kraftlosen. Wer Gott vertraut und ihm etwas zutraut, der erfährt eine bis dahin ungeahnte Unterstützung.

„Wie die neugeborenen Kinder“ heißt dieser erste Sonntag nach Ostern. Wie sie werden wir aufgeladen mit Leben, mit Energie, die aus der Kraft der Auferstehung kommt. Wir werden erlöst und gereinigt von der Sünde. Wie könnten wir da nicht hellwach sein und uns aufrichten und der Welt und Gott gegenübertreten und uns wie ­neugeboren fühlen?

Im zweiten Jesajabuch, das mit dem Kapitel 40 beginnt, geht es immer wieder um den Anbruch des Neuen. Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden, Gott schafft Neues. Und die Menschen erfahren darin Trost und Zuspruch und neue Kraft. Sie trauen sich, nach Scheitern und Untergang, Gott wieder zu vertrauen. So, wie nach Ostern die Jünger dem Auferstandenen begegnen und entgegen aller Traurigkeit durch ihn, um den sie selber noch trauern, getröstet werden. Sie bekommen Kraft und Energie und machen sich, vom Auferstandenen losgeschickt, auf den Weg in alle Welt um ihr zu verkündigen und zu taufen, andere von der Sünde rein zu waschen, damit sie ein neues Leben beginnen können. Sichtbar wird das in den weißen Tauf­kleidern und der Kleidung der Kinder zur ersten Kommunion am Weißen Sonntag.

Darf man Jesaja so nah an die Auferstehung heranführen? Liegen nicht Welten zwischen dem Bild des Adlers und der Lichtgestalt des Aufer­standenen? Beide verbinden Erde und Himmel. In Jesus kommt Gott tatsächlich auf die Erde und in ihm werden wir neu geboren. In einer neuen Art des Lebens, in dem die Liebe Gottes alles Leid, alle Anfechtung, alles Belastende ernst nimmt, auffängt und von uns abfallen lässt.

Im zweiten Jesajabuch machen die Menschen neue Erfahrungen mit Gott. Unermüdlich setzt er sich für sie ein, er gibt den Müden Kraft und den Matten verleiht er Ausdauer. Alle ruft er mit Namen, jeden und jede, vollzählig, dass nicht eins von ihnen fehlt. So wie er uns beim Namen ruft und uns zusagt: Ich achte auf dich und ich kenne dich und ich stärke dich. „Du bist mein.“

Karin Bertheau, Pfarrerin, Kirchengemeinde Müncheberger Land

Fußspuren Frohe Botschaft

Fußabdrücke hinterlassen auf dem Weg der Gerechtigkeit.
Foto: Rafael Párraga/Pixabay

Eigene Fußstapfen

Predigttext zum 26. April 2020 Miserikordias Domini:
1. Petrus 2,21b–25:

Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus ­gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinter­lassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen.

1. Petrus 2,21b

Ich habe schon vor langem aufgehört, für das Neue Jahr gute Vorsätze zu fassen. Meistens führte das doch nur zu Frustration; wenn ich nämlich mehr oder weniger spät diese guten Vorsätze über Bord geworfen hatte. Darum habe ich irgendwann auch aufgehört, mich an Vorbildern zu orientieren. Sie können sich vorstellen, dass mich darum der Rat aus dem 1. Petrusbrief nicht gerade anspringt: „Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen.“ Nach meiner Erfahrung geht das meistens schief, in jemandes Fußstapfen treten zu wollen, denn entweder sind sie mir zu klein oder zu groß. Und außerdem: Die meisten Vorbilder erweisen sich bei näherem Hinsehen als gar nicht so vorbildhaft, wie es auf den ersten Blick scheint.

Auch Jesus? Er war der, heißt es im 1. Petrusbrief; der gelitten hat, obwohl er sich nichts hatte zuschulden kommen lassen, der keine Sünde getan hatte. Ja, so war das wohl, aber das ist nichts, dem ich nacheifern könnte und sollte. Denn wir sind ja nicht aufgefordert, das Leiden zu suchen, im Gegenteil; zur Freude sind wir berufen. Der Freude aber dient es, die Wahrheit zu sagen, in dessen Mund sich kein Betrug fand. Es gilt auch für uns, auf Schmähungen nicht mit Hasseinträgen zu antworten oder Drohbotschaften zu posten, wenn ich glaube, dass mir Unrecht geschieht. Jesus darin folgen zu wollen, ist gut und heilsam und auch gar nicht so schwer.
Schwieriger ist es da schon, gelassen zu bleiben und es Gott anheimzustellen, ob und wie er die­jenigen zur Rechenschaft zieht, die mir Unrecht tun. Denn Rachegelüste überfallen auch mich, und dann die Gelassenheit zu bewahren, Gott machen zu lassen, fällt auch mir oft schwer.
Spätestens ab hier aber greift der Rat nicht mehr, in Jesu Fußstapfen treten zu sollen. Denn was Jesus getan hat, hat er ja gerade getan, damit ich es nicht auch tun muss; er hat seinen Rücken dargeboten, damit ich nicht auch meinen Rücken darbieten muss; er hat die Schuld auf sich genommen, damit ich, der eigentlich Schuldige, nicht mein Leben lang büßen muss, sondern frei und unbeschwert leben darf.
Durch seine Wunden seid ihr heil geworden; er hat seinen Kopf für uns hingehalten, damit wir von unseren Schuldgefühlen, von seelischen ­Verletzungen, von Unheil verschont bleiben. Um fortan der Gerechtigkeit zu leben. Um unseren eigenen Weg zu finden, Gottes Willen zu entsprechen. Um unsere eigenen Fußstapfen zu hinter­lassen; sichtbar für den, der für uns sorgt wie ein Hirte, der seine Schafe leitet und schützt wie ein Bischof eurer Seelen. Darum geht es, lese ich aus dem Text. Meine eigenen Fußstapfen zu hinterlassen; auf dem Weg der Gerechtigkeit Gottes.

Manfred Moll, Pfarrer im Ruhestand, Berlin

Gebet des Monats April 2020

Maria beweint ihren Sohn Jesus. Foto: djedi/pixabay

Maria beweint ihren Sohn Jesus

 

 

 

 

 

Jesus,
du mein Hirte

Ein Gebet für April

Dass ich nie mehr irrte,
fasst’ ich dein Gewand.
Jesus, du mein Hirte,
nahmst mich bei der Hand.

Du nur kennst mein Leben,
bin dein Kind fürwahr.
Du hast mir vergeben,
liebst mich ganz und gar.

Menschen ignorieren mich,
gehen stolz vorbei.
Jesus ruft: „I c h seh’ dich,
steh’ dir immer bei!“

Jesus, du mein Hirte,
kann dir dankbar traun;
schulterst meine Bürde,
bis ich Gott darf schaun.

Karl-Heinz Eberhardt Schäfer, Lehrer i.R. und Autor, Leipzig


	

Aktuelle Ausgabe April 2020

Golgatha

Bibeln – gerollt und gebunden. Wie die Bibel entstand – Teil 4
Auf Pergament und Papier geschrieben und gedruckt. 
Von Hans-Jürgen Grundmann aus Berlin

Willkommen in Galiläa
Zu Ostern gehört auch der Aufbruch von der Stätte des Todes. Gedanken zum Osterfest.
Von Thilo Haak aus Berlin

Wenn der Mann der Nachbarin gestorben ist
Kann ich da so einfach hingehen und stören? Und was sagt man dann? Die Lebensfrage.
Von Propst a.D. Karl-Heinrich Lütcke aus Berlin

Petrus – ein Jünger mit Höhen und Tiefen
Das Krähen des Hahnes nach der Gefangennahme Jesu ruft Petrus in die Realität zurück. Der Versucher stellt sein Gottvertrauen auf die Probe.
Von Pfarrer im Ruhestand Günter Dimmler aus Königssee

Aktuelle Ausgabe Februar 2020

Im Alter von 83 Jahren starb am 29. Dezember 2019 Ministerpräsident a.D. und Oberkonsistorialrat i.R. Manfred Stolpe. Frohe Botschaft Februar
Im Alter von 83 Jahren starb am 29. Dezember 2019 Ministerpräsident a.D. und Oberkonsistorialrat i.R. Manfred Stolpe. Foto: Volker Tanner

Danke, Bruder Stolpe!
Der verstorbene Kirchenjurist und brandenburgische Ministerpräsident a.D. Manfred Stolpe war der „Frohen Botschaft“ sehr verbunden. Seit frühester Jugend kannte er die Zeitschrift. Er lebte und verkörperte eine wertschätzende Aufmerksamkeit.
Von Generalsuperintendent a.D. Martin-Michael Passauer und Oberkirchenrätin a.D. Rosemarie Cynkiewicz aus Berlin

Vom Bild zur Schrift. Wie die Bibel entstand – Teil 2
Die Weltweite Evangelische Allianz hat 2020 zum Jahr der Bibel ausgerufen. Die Frohe Botschaft startet dazu eine Reihe. Wissens- und Bemerkenswertes über das Buch der Bücher von einem, der Bibeln sammelt.
Von Hans-Jürgen Grundmann aus Berlin

Ein steiniger Weg
Während draußen die Wende passierte, befand sich Sabine Neuberts Gesundheit im rasanten Abwärtstrend. Serie 30 Jahre Maueröffnung.
Von Sabine Neubert, Leserin aus Ebenstock OT Sara

Hat die vertraute Liturgie ausgedient?
Alle reden von neuen Gottesdienstformen. Müssen ältere Menschen sich jetzt auf etwas ganz Neues umstellen? Die Lebensfrage.
Von Generalsuperintendent a.D. Hans-Ulrich Schulz aus Potsdam

 

Bunt wie Gott und das Leben
Notizen eines Pfarrers am Stadtrand von Bonn. Georg Schwikat beschreibt seinen Alltag in Gedankensplittern, aus denen die Liebe zum Beruf und den Menschen spricht. Und Humor. Eine Rezension.
Von Sibylle Sterzik, Berlin

Predigten des Monats Februar 2020

 

Winterlandschaft. Foto Alain Audet/Pixabay

Von Gott berührt

Predigttext zum 2. Februar 2020 Letzter Sonntag nach Epiphanias:
Offenbarung 1,9–18

Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

 Offenbarung 1,17+18

 Von Gott berührt sein, herausgerufen, Ausnahmezustand. Für diesen Moment treten Raum und Zeit zurück. Da ist nur Gott, sein Licht, seine Stimme, als wäre der Himmel offen, als stände der, der diese Vision hat, vor Gottes Angesicht.

Welche Worte können das beschreiben? Wie kann er das, was seine Seele in diesem Moment ganz ausfüllt, anderen vermitteln?

Der Seher Johannes wählt Bilder der Vollkommenheit: sieben Leuchter, Gold, weiß für die ­absolute Reinheit, glänzende Füße, wassertosende Stimme, scharfe, schneidende Worte. Wirklich sehen kann er den, der ihm da begegnet, nicht: Alles strahlt wie die blendende Mittagssonne.

Wer kann schon in die Sonne sehen? Wer kann Gott ansehen? Johannes ist überwältigt und wird ohnmächtig.

Von Gott berührt. Besonderer Augenblick, herausgenommen sein aus Raum und Zeit. Der Himmel ist offen. Die Worte dessen, der zum Seher spricht, ordnen sein ganz persönliches Schicksal ein. Er ist einer, der zu seinem Glauben steht, von Gott redet. Sein Leben ist angegriffen, durchgeschüttelt, so gefährdet, dass er fliehen muss. Asyl ­findet er auf Patmos, einer kleinen Insel mitten in der Ägäis. Er lebt abgeschnitten von denen, die ihm lieb und wichtig sind, sicher voller Angst vor dem, was da kommt.

Aus seiner Ohnmacht und Hilflosigkeit hilft ihm der heraus, den er in seiner Vision sieht: der Menschensohn, Jesus Christus. „Fürchte dich nicht!“ Was sollen die Menschen Johannes schon anhaben? Der, der die ganze Schöpfung umfasst, Anfang und Ende, der immer schon ist und ewig sein wird, der spricht zu dem Seher und nimmt ihn für sich in seinen Dienst. Da werden Menschenwünsche, Menschenworte, Menschenbedrohungen klein und unwichtig. Der Seher Johannes ist Teil der Geschichte Gottes mit den Menschen.

Jetzt macht auch die Einsamkeit Sinn. Hierher musste er kommen, fernab aller Hektik und Betriebsamkeit der Menschen, um Gott zu begegnen und Gottes Wort aufzuschreiben, um nach Worten zu suchen für die von Gott geschenkten Bilder, die in seinem Kopf entstehen und das Geschehen der Welt für die Menschen in ein neues Licht tauchen.

„Fürchte dich nicht!“ Zeiten der Einsamkeit, alle Selbstverständlichkeiten sind in Frage gestellt. Und dann begegnet dir Gott: in einem Bibelwort, in einem ermutigenden Satz, den jemand dir sagt, im Gebet, wenn sich die Anspannung löst, in einem Moment, in dem der Himmel offen ist und deine inneren Bilder dich Gottes Licht sehen ­lassen und dir neues Verstehen ­schenken.

„Fürchte dich nicht!“ Gott geht mit dir, der Anfang und Ende umfasst, der Leben schenkt, der an deiner Seite geht und dir hilft, auch aus Schwerem Gutes werden zu ­lassen, heil zu werden, an Leib und Seele.

Angelika Scholte-Reh ist Pfarrerin in der Region Ortrand im Südlichen Brandenburg

Ein besonderer Augenblick. Foto: Pixabay

Von welcher Güte leben wir?

Predigttext zum 9. Februar 2020 Septuagesimae: Matthäus 20,1–16

… weil ich so gütig bin. Matthäus 20,15

Mitte der 1990er Jahre war ich das erste Mal in Jerusalem. Ich war gespannt, was mich dort erwarten würde. Früh am Morgen fuhren wir mit einem PKW durch die Stadt. An einer Kreuzung sah ich eine Gruppe von Männern herumstehen. Ich habe gefragt, was das für Leute seien. Die Antwort: Tagelöhner. Tagelöhner in unserer Zeit. Das war für mich wie ein Schock. Dann aber schossen mir Gedanken durch den Kopf.

Wir gut für die, die an diesem Tag eine Arbeit haben. Um wie vieles besser sind die dran, die eine feste Anstellung haben. Am allerbesten ist aber eine Arbeit, in der man Sinnerfüllung finden kann. Aber was mögen die Tagelöhner denken, die an dieser Kreuzung herumstanden?

Was empfinden sie;

werde ich nicht gebraucht;

bin ich überflüssig;

was soll aus meiner Familie werden?

Ich – ein Versager, ein Verlierer?

Eine Überraschung

In unserem Bibeltext wird erzählt, dass ein Weinbergsbesitzer Tagelöhner zu unterschiedlichen Zeiten einstellt. Nun geschieht etwas Unglaubliches. Alle bekommen den gleichen Lohn, obwohl sie unterschiedlich lange gearbeitet haben.

Gerecht ist das nach unseren Maßstäben nicht. Der Weinbergsbesitzer bezahlt nicht nach Leis­tung, sondern er gibt ihnen, was sie suchen und was sie nötig brauchen. Hier wird deutlich, dass zur Gerechtigkeit ein Gegenüber gehört. Und ­dieses Gegenüber findet seinen Ausdruck in dem folgenden Satz:

Weil ich so gütig bin

„… weil ich so gütig bin“. Das nötige Gegenüber ist die Güte. Ja, wir brauchen sie, alle und jeder von uns. Wir sind Menschen mit Schwächen, uns unterlaufen Lieblosigkeiten. Auch der Neid auf andere, die eben auch wie wir einen „Silbergroschen“ bekommen, liegt uns nicht fern, weil wir selbst verletzte und beschädigte Menschen sind. Wir brauchen Güte und leben von Güte.

Von welcher Güte leben wir?

Von welcher Güte wir leben? Wir leben von der Güte Gottes. Gott hat seine Güte in „die Krippe und an das Kreuz dieser Welt“ gelegt. Diese Güte ist seine Nähe, seine Vergebung. Sie ist ablesbar an jedem Wort und an jedem Tun von Jesus Chris­tus. Von dieser Güte leben wir. Danke für diese Güte, die nie resigniert.

Von welcher Güte leben wir? Wir leben von der Widerspiegelung der Güte Gottes in der Güte von Menschen. Zuwendung, Anteilnahme, Verstehen, und wie die Namen dieser Güte alle heißen mögen. Von dieser Güte leben wir. Danke für jede empfangene Güte.

Ein kleiner Wunsch

Und übrigens, ich hätte nichts dagegen, wenn die Tagelöhner, die so lange herumstehen ­mussten, zwei Silbergroschen bekommen würden.

 Manfred Koloska, Pfarrer im Ruhestand, Berliner Stadtmission, Berlin-Blankenburg

Gottes Güte öffnet Türen. Foto: pixabay

Schwere Kost für den Propheten

Predigttext zum 16. Februar 2020 Sexagesimae:
Hesekiel 2,1–5 (6–7) 8–10; 3,1–3

Und sprach zu mir: Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.   Hesekiel 3,3

Ich sehe vor mir eine Radierung von Marc Chagall, die Berufung des Hesekiel. Voller Ehrfurcht blickt Hesekiel hinauf zur Hand, die ihm eine Schriftrolle reicht (2,9). „Iss …, fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle!“ (3,1+3)
Das Buch des Hesekiel ist keine leichte Kost. Früher war die Berufung auch nicht als regulärer Predigttext vorgesehen. Wohl als zu schwer verdaulich befunden. Aber es lohnt, solche Speise nicht von sich zu schieben.

Für Dorothee Sölle zum Beispiel sind die Psalmen „eines der wichtigsten Lebensmittel. Ich esse sie, ich trinke sie, ich kaue auf ihnen herum“. (Schottroff/Sölle, Den Himmel erden). Aber dafür muss man sich Zeit nehmen. Und die ist bekanntlich knapp. Vor allem für Bibelkost, sie soll leicht bekömmlich sein.

In der Schriftrolle standen „Klage, Ach und Weh“ (2,10). Ähnlich ist es mit dem Prophetenbuch. Während der Wochenspruch aufruft, „seine Stimme zu hören“ (Hebräer 3,15), scheint es bei Hesekiel egal zu sein, ob die Zuhörer gehorchen oder es sein lassen (2,7). Das Gericht wird über Jerusalem hereinbrechen und alles niederwalzen. Hier ist es kein Jona, durch dessen Predigt Umkehr bewirkt werden soll und damit die Ab­wendung eines Gerichts.

Das klingt in unseren Ohren heute sehr fremd und wir fragen: Kann der Abba Jesu so zornig und böse sein? Aber vorsichtig, wir brauchen Zeit und müssen wie Hesekiel die ganze Schriftrolle in uns aufnehmen. Er „aß“ sie und sprach „die war in meinem Mund so süß wie Honig“ (3,3). Das Buch Hesekiel ist zuerst als ein Buch konzipiert und also primär zum Lesen gedacht.

Die Leserinnen und Leser schauten damals zurück auf die große Katastrophe der Zerstörung des Gotteshauses 586 vor Christus und das ­babylonische Exil. An der Tatsache war nichts mehr zu ändern, sie war über das Land gerollt. Jetzt ging es um die Zukunft. Können wir noch auf Gott setzen? Ja, so die Botschaft des Hesekiel. „Siehe, ich will Odem in euch bringen, dass ihr ­wieder lebendig werdet“ (37,5). Sie wussten zugleich, dass zum Neuanfang auch die Umkehr gehört. So entwickelte sich wie ein Wunder aus einer katastrophalen Niederlage ein epochaler Neustart.

Vielleicht war es in unserem Land nach 1945 so ähnlich. Uns wurde ein Neuanfang geschenkt. Zugleich mussten wir aufarbeiten und uns zur Umkehr bekennen. Da sollten wir dranbleiben, damit nicht alte Geister erneut Oberwasser gewinnen. Aktuell ist es keine Katastrophe, die wir zu verarbeiten haben. Trotzdem stellen sich kritische Fragen zu einer Umkehr, wie die nach unserem Lebensstil und nach unserer Gottvergessenheit. Noch können „Klage, Ach und Weh“ vermieden werden.

Martin Zobel, Pfarrer in Boitzenburg, Uckermark

Hesekiel erhält eine Schriftrolle. Foto Ulrike Mai/Pixabay

 

Alle sind auserwählt, alle

Predigttext zum 23. Februar 2020 Estomihi:
Lukas 18,31–34

… und am dritten Tage wird ER auferstehen.

Lukas 18,33

Zur Halbzeit des Fußballspiels rief der Trainer seine Spieler in der Kabine zusammen. Mit hängenden Köpfen kamen die jungen Männer, Petrus (der ihn verleugnete), Thomas (der an ihm zweifelte, Judas (der ihn verriet) und die anderen zu ihm vom Spielfeld.

Sie lagen aussichtslos zurück. Nach seiner Ansprache kehrten sie motiviert um und drehten das Spiel. Aus einer drohenden Niederlage wurde noch ein Sieg!

Ein Fußballspiel wird nicht über Taktik entschieden, sondern über die Mentalität der Spieler. Daran muss ich denken, wenn ich auf den ­Predigttext schaue. Jesus nahm zu sich die Zwölf, einen mehr als beim Fußball. Und dann folgte seine Ansprache, streng und liebevoll. Er verwandelte ihre Aussichtslosigkeit in Hoffnung.

Zurück am Spielfeld pfeifen ihn die Zuschauer aus. Sie verspotten ihn, sie spucken ihn an. Sie wollen dafür sorgen, dass er seinen Trainerposten verliert.

Doch jetzt ist er noch da. Noch kann er das Spiel drehen und die Mannschaft mitreißen aus dem Abstieg in den Aufstieg.

Am dritten Tag nach seinem Tod am Kreuz stand Jesus auf von den Toten. In der Kirche ­spreche ich diesen Satz mit erhobener Stimme, lauter als die anderen Sätze. Erfrischt und ­motiviert kehrt die Gemeinde auf ihr Fußballfeld, in ihr Leben, zurück.

Manchmal können uns Gottesdienste nicht ­verändern. Mit hängenden Köpfen kommen wir in die Kirche. Da passiert nichts. Da wird keine Frohe Botschaft verkündigt. Da erfahren wir nicht, dass sich etwas verändern lässt, weder in der Natur noch unter Menschen. Mit hängenden Köpfen schleichen wir wieder hinaus.

Es ist ein Trauerspiel. Die Mannschaft, die Gemeinde begreift nichts von der Auferstehung. Der Sinn der Rede Jesu ist ihr verborgen. Wir verstehen nicht, was er damit sagte.

Jesus sagt es uns dreimal, dass er sterben u n d  auferstehen wird: Lukas 9,18–22, Lukas 9,43b–45 und Lukas 9,31–34. „Lasst diese Worte in eure 0hren ­dringen.“

Da ist viel Sterben in der Welt, aber noch viel mehr ­Auferstehen von den Toten.

Eckart Wragge, Pfarrer im Ruhestand, Berlin

Gebet des Monats Februar 2020

Verschneite Landschaft
Winderlandschaft. Foto: pixabay

 

 

In guten wie
in schlechten Zeiten

Gott, wie wir täglich von der Liebe andrer leben, wollen wir an ihrer Seite stehen, wenn sie uns brauchen. Lass Gutes von uns ausgehen. Hilf uns, gegen Leid anzukämpfen, das unnötig ist. Hilf uns, Schmerzen zu ertragen, die das Leben mit sich bringt. In guten wie in schlechten Zeiten leben wir aus deiner Hand. Dir vertrauen wir uns an.

Wilfried Engemann. Aus: frei und unverzagt. Gebete der Hoffnung, Hamburg 2017