Zum Monatsspruch Oktober 2026

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!.“
Galater 5,1 (L)
Es lohnt sich, diesen Vers im Zusammenhang zu lesen. Er führt uns in die damalige Situation der Gemeinde, in den Konflikt unterschiedlicher Vorstellungen von Glauben und Handeln, und damit auch in unsere eigene Gegenwart, den Widerstreit verschiedener Glaubens- und Weltanschauungen. Und dabei geht es ja oft, eigentlich immer, um die Frage: Wer möchte uns gewinnen – unsere Stimme, unser Engagement, unser Vermögen, unsere Existenz? Wer fordert etwas von uns – Zustimmung, Unterstützung, Opfer, Lebenswandel? Wer verspricht uns dafür etwas – Sicherheit, Wohlstand, Heil? Und wie verhalten wir uns zu dem allen?
Was Paulus frei machte
Paulus weiß, wovon er spricht: Bei ihm war es die Auseinandersetzung mit den religiösen Gesetzen seiner Zeit und seiner eigenen religiösen Herkunft. In der Begegnung mit Jesus aber, wie sie in der Apostelgeschichte beschrieben wird (Kapitel 9, sein Damaskuserlebnis), wurde ihm klar, dass nicht die strenge – und damit oft lieblose – Befolgung der religiösen Gesetze ihn innerlich frei machte, sondern der Glaube, dass Gott ihn auch dann noch liebt, wenn er vor dem Gesetz versagt. Das machte ihn frei, nun seinerseits zu lieben, die erfahrene Liebe weiterzutragen.
Diesen Glauben, das Vertrauen auf die Liebe Gottes, lernen wir von Jesus. An ihn gebunden, sind wir frei: frei von der Sorge um uns selbst, frei zur Nachfolge, frei zur Liebe, zum Miteinander, zur Zuwendung und Versöhnung. Dieser Glaube ist ein großes Geschenk. Er gibt uns Kraft und Zuversicht. So sind wir SEINE Gemeinde.
Michael Kennert, Pfarrer im Ruhestand in Berlin.
Predigten im Monat Oktober 2026

Brot des Lebens in Fülle
Predigttext zum 4. Oktober 2026
Erntedankfest: Markus 8,1–9
Und sie aßen und wurden satt. Und sie sammelten die übrigen Brocken auf, sieben Körbe voll. Es waren aber etwa viertausend; und er ließ sie gehen.
Markus 8,8–9
Jesus predigt. Er predigt lange. Wenn Jesus sie hungrig heimließe, würden sie verschmachten.
Die Angaben wirken etwas übertrieben: Drei Tage Dauerpredigt, Verschmachten in dicht besiedeltem, fruchtbarem Gebiet. Auch 4000 ist ziemlich hoch gegriffen. Das Wunder mit den 4000 Gesättigten ist außerdem eine Dublette zur Speisung der 5000 aus Markus 6. Diese Speisungswunder zählt die theologische Forschung zu den sogenannten Geschenkwundern. So wie beschrieben kann sich die Speisung historisch nicht zugetragen haben. Was aber fangen wir dann mit der Geschichte an?
Die Speisung der 4000 als Zeichen der Fülle
Die Brotvermehrungswunder wirken wie eine Zusammenfassung des Wirkens Jesu. Die Erzählungen sind ein Echo auf die Mahlzeiten Jesu mit seinen Jüngerinnen und Jüngern, also auf reale Erlebnisse mit Jesus. Als Eindruck scheint zurückgeblieben zu sein, dass es irgendwie immer für alle genug gab. Wer mit Jesus gegessen hatte, ging nicht hungrig nach Hause. Jesus hat Seele und Leib gesättigt. Die Begegnung mit ihm war eine Erfahrung der Fülle.
Die Speisungserzählungen sind auch ein Echo auf das Speisungswunder des Propheten Elisa aus dem Alten Testament (2. Könige 4,42ff). Bei einer Hungersnot macht Elisa mit 20 kleinen Gerstenbroten 100 Menschen satt. Am Ende des Elisa-Textes heißt es, dass trotz der knappen Menge noch Brot übrig war. Als Messias muss Jesus dieses Wunder übertreffen, deshalb haben wir die hohen Zahlen von 4000 bzw. 5000. Und weil bei Elisa Essen übrigbleibt, sind auch nach dem Speisungswunder Jesu sieben Körbe Brot übrig.
Das Brot des Lebens im Johannesevangelium
Nicht nur bei den ersten drei Evangelien, den Synoptikern, sondern auch im Johannesevangelium ist das Speisungswunder überliefert. Das ist außergewöhnlich, weil Johannes die Wunderberichte der anderen Evangelien sonst nicht übernimmt. Das Wunder dient auch bei Johannes als Zusammenfassung des Wirkens Jesu. Johannes fügt dem Speisungswunder das erste seiner Ich-bin-Worte hinzu: „Ich bin das Brot des Lebens“ (Johannes 6,35). Das Thema „Fülle“ wird im Johannesevangelium wiederholt und betont aufgegriffen. Am Anfang des Evangeliums steht das Weinwunder von Kana:
Jesus macht aus einfachem Wasser hunderte Liter besten Weins, auch dies ist ein Geschenkwunder. Am Ende des Johannesevangeliums steht der wunderbare Fischzug des Petrus, samt Morgenmahl mit dem Auferstandenen am See Genezareth. Erst vergebliches Fischen, dann die totale Fülle: Netze zum Reißen voll. Dann das gemeinsame Essen als Feier der Auferstehung. Am Ufer des Sees ist den Jüngern der Auferstandene begegnet!
Jesus verspricht das Leben in seiner Fülle
In Johannes 10,10 sagt Jesus: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben und volle Genüge haben.“ Dorothee Sölle übersetzt prägnanter: Ich bin gekommen, dass sie das Leben in seiner Fülle haben. – Das ist der Kern der Sendung Jesu. Das illustriert Johannes in unüberbietbarer Anschaulichkeit mit den Wundern der Fülle. Johannes vollendet damit das, was Markus in unserer heutigen Fassung der Erzählung begonnen hat.
Erntedank: Das Brot des Lebens miteinander teilen
Dem Christentum werden immer wieder einmal lebensfeindlich-asketische Tendenzen unterstellt. Tatsächlich gab es solche Strömungen. Die Speisungserzählungen setzen jedoch einen ganz anderen Akzent. Es geht dem Christentum um die Fülle des Lebens, darum, dass alle satt werden, dass alle den Weg zu richtigem, erfülltem Leben finden. Die Fülle des Lebens wünschen wir uns für uns selbst. Wir wollen sie aber nicht nur für uns allein, sondern für die ganze Welt, für alle Menschen. Deshalb sammeln wir zu Erntedank für die Stuttgarter Tafelläden. Deshalb nehmen wir zu Erntedank in den Blick, wie reich uns täglich die Tafel gedeckt ist. Die Fülle, das lehrt uns Jesus, ist kein knappes Gut. Wenn man das Brot des Lebens teilt, wird es nicht weniger, sondern mehr. Christus spricht: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben in seiner Fülle haben.“ – Amen.
Prof. Dr. Christoph Dinkel ist Pfarrer in der Johanneskirche in Stuttgart.

Innerer Kleiderwechsel
Predigttext zum 11. Oktober 2026
19. Sonntag nach Trinitatis:
Epheser 4,22–32
Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.
Epheser 4,25–26
„Lügen haben kurze Beine.“ Das Sprichwort meint, dass die Wahrheit sich durchsetzen wird. Doch was ist „wahr“? Gibt es nicht so viele Wahrheiten wie es Menschen gibt? Jeder und jede hat den ganz eigenen Blick und eigenwilliges Empfinden für das, was wahr ist. Das absichtliche Verbreiten von Nicht-Wahrheiten verwirrt und macht Orientierung unmöglich. Lügen, die gleichzeitig Wahrheiten sind, zerren am Nervenkostüm, verunsichern und bringen das eigene Weltbild ins Wanken. Dann nagen die Selbstzweifel: „kann doch eigentlich gar nicht sein“. Die Wut wächst: „der oder die glaubt wohl, immer Recht zu haben“. Verunsicherung, ein guter Schuss Selbstgerechtigkeit und Wut steigern sich schließlich zum Zorn: „Das lasse ich mir nicht bieten“.
Wenn Wut und Zorn das Miteinander bestimmen
Und Zorn braucht ein Ventil: Im Straßenverkehr wird dicht aufgefahren oder ganz knapp die Spur geschnitten, im Geschäftsleben gemobbt, in der Familie rutscht jemandem die Hand aus oder in der Gemeinde gibt es offenen Streit. Zorn macht unempfindlich, Hass macht blind und stumme Wut äußert sich in Verletzung – auch in eigener. Bestenfalls macht sich aufgestauter Ärger nur mit lautem Krach und benanntem Konflikt Luft.
Der alte und der neue Mensch im Epheserbrief
Zorn bringt die schlechtesten Seiten im biblischen „alten Menschen“ zum Vorschein. Wutbürger betrüben den Heiligen Geist (Vers 30) und vertragen sich nicht mit dem Evangelium. Der geforderte innerliche Kleiderwechsel zum neuen Menschen ist ein gründlicher Wandel aller Eigenschaften – die Rückkehr zum Menschen, wie Gott ihn geschaffen und gemeint hat: Resilient. Einfacher wird das Leben dabei nicht. Aber der Umgang miteinander wird friedlicher, ehrlicher, würdevoller. Teilweise bleibt er erfüllt von der Sehnsucht nach der vermeintlich „guten alten Zeit“. In der angeblich vieles überschaubarer war und weniger Wahrheiten miteinander konkurrierten.
Mit Freundlichkeit und Vergebung dem Zorn begegnen
Die wirkliche christliche Kunst eines Verhaltenswechsels besteht jedoch darin, Bitterkeit, Grimm, Geschrei und Lästerung zu überwinden. Dem eisigen Wind, der uns immer wieder und manchmal stürmisch im Alltag des Gemeindelebens entgegenweht, mit Freundlichkeit, Geduld, ja mit Glauben, Vertrauen, Hoffnung und Zuversicht auf eine bessere Zeit authentisch zu begegnen. Trotz der Sticheleien, der Versuche, diese Lebenshaltung in Lächerliche zu ziehen. Die Sonne über dem eigenen Zorn und dem der anderen nicht untergehen zu lassen ist dann eine heilsame Beschränkung: Mit dem Gebet am Schluss jedes Zusammenseins und dem dabei ausgesprochenen Wunsch nach gegenseitiger Vergebung.
Karin Bertheau ist Pfarrerin der Kirchengemeinde im Müncheberger Land.

Eine gute Zeit mit Gott verbringen
Predigttext zum 18. Oktober 2026
20. Sonntag nach Trinitatis:
Markus 2,23–28
Und er (Jesus) sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.
Markus 2,27+28




























