Predigten des Monats Oktober 2026

 

Zum Monatsspruch Oktober 2026

Eine Frau mit kurzen braunen Haaren und einem hellblauen Kleid steht mit weit ausgestreckten Armen am Meer. Ihr Kopf ist nach hinten geneigt, während die tief stehende Sonne hinter ihr scheint.
Durch Jesus sind wir frei von der Sorge um uns selbst. Foto: Fuu J/unsplash

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft ­auflegen!.“
Galater 5,1 (L)

Es lohnt sich, diesen Vers im Zusammenhang zu lesen. Er führt uns in die damalige Situation der Gemeinde, in den Konflikt unterschiedlicher Vorstellungen von Glauben und Handeln, und damit auch in unsere eigene Gegenwart, den Widerstreit verschiedener Glaubens- und Weltanschauungen. Und dabei geht es ja oft, eigentlich immer, um die Frage: Wer möchte uns gewinnen – unsere Stimme, unser Engagement, unser Vermögen, unsere Existenz? Wer fordert etwas von uns – Zustimmung, Unterstützung, Opfer, Lebenswandel? Wer verspricht uns dafür etwas – Sicherheit, Wohlstand, Heil? Und wie verhalten wir uns zu dem allen?

Was Paulus frei machte

Paulus weiß, wovon er spricht: Bei ihm war es die Auseinandersetzung mit den religiösen Gesetzen seiner Zeit und seiner eigenen religiösen Herkunft. In der Begegnung mit Jesus aber, wie sie in der Apostelgeschichte beschrieben wird (Kapitel 9, sein Damaskuserlebnis), wurde ihm klar, dass nicht die strenge – und damit oft lieblose – Befolgung der religiösen Gesetze ihn innerlich frei machte, sondern der Glaube, dass Gott ihn auch dann noch liebt, wenn er vor dem Gesetz versagt. Das machte ihn frei, nun seinerseits zu lieben, die erfahrene Liebe weiterzutragen.

Diesen Glauben, das Vertrauen auf die Liebe Gottes, ­lernen wir von Jesus. An ihn gebunden, sind wir frei: frei von der Sorge um uns selbst, frei zur Nachfolge, frei zur Liebe, zum Miteinander, zur Zuwendung und Versöhnung. Dieser Glaube ist ein großes Geschenk. Er gibt uns Kraft und Zuversicht. So sind wir SEINE Gemeinde.

Michael Kennert, Pfarrer im Ruhestand in Berlin.

 

Predigten im Monat Oktober 2026

In Scheiben geschnittenes Brot
Foto: IMAGO / Bihlmayerfotografie

Brot des Lebens in Fülle

Predigttext zum 4. Oktober 2026
Erntedankfest: Markus 8,1–9

Und sie aßen und wurden satt. Und sie sammelten die übrigen Brocken auf, sieben Körbe voll. Es waren aber etwa viertausend; und er ließ sie gehen.
Markus 8,8–9

Jesus predigt. Er predigt lange. Wenn Jesus sie hungrig heimließe, würden sie verschmachten.

Die Angaben wirken etwas übertrieben: Drei Tage Dauerpredigt, Verschmachten in dicht besiedeltem, fruchtbarem Gebiet. Auch 4000 ist ziemlich hoch gegriffen. Das Wunder mit den 4000 Gesättigten ist außerdem eine Dublette zur Speisung der 5000 aus Markus 6. Diese Speisungswunder zählt die theologische Forschung zu den sogenannten Geschenkwundern. So wie beschrieben kann sich die Speisung historisch nicht zugetragen haben. Was aber fangen wir dann mit der Geschichte an?

Die Speisung der 4000 als Zeichen der Fülle

Die Brotvermehrungswunder wirken wie eine Zusammenfassung des Wirkens Jesu. Die Erzählungen sind ein Echo auf die Mahlzeiten Jesu mit seinen Jüngerinnen und Jüngern, also auf reale Erlebnisse mit Jesus. Als Eindruck scheint zurückgeblieben zu sein, dass es irgendwie immer für alle genug gab. Wer mit Jesus gegessen hatte, ging nicht hungrig nach Hause. Jesus hat Seele und Leib gesättigt. Die Begegnung mit ihm war eine Erfahrung der Fülle.

Die Speisungserzählungen sind auch ein Echo auf das Speisungswunder des Propheten Elisa aus dem Alten Testament (2. Könige 4,42ff). Bei einer Hungersnot macht Elisa mit 20 kleinen Gerstenbroten 100 Menschen satt. Am Ende des Elisa-Textes heißt es, dass trotz der knappen Menge noch Brot übrig war. Als Messias muss Jesus dieses Wunder übertreffen, deshalb haben wir die hohen Zahlen von 4000 bzw. 5000. Und weil bei Elisa Essen übrigbleibt, sind auch nach dem Speisungswunder Jesu sieben Körbe Brot übrig.

Das Brot des Lebens im Johannesevangelium

Nicht nur bei den ersten drei Evangelien, den Synoptikern, sondern auch im Johannesevangelium ist das Speisungswunder überliefert. Das ist außergewöhnlich, weil Johannes die Wunderberichte der anderen Evangelien sonst nicht übernimmt. Das Wunder dient auch bei Johannes als Zusammenfassung des Wirkens Jesu. Johannes fügt dem Speisungswunder das erste seiner Ich-bin-Worte hinzu: „Ich bin das Brot des Lebens“ (Johannes 6,35). Das Thema „Fülle“ wird im Johannesevangelium wiederholt und betont aufgegriffen. Am Anfang des Evangeliums steht das Weinwunder von Kana:

Jesus macht aus einfachem Wasser hunderte Liter besten Weins, auch dies ist ein Geschenkwunder. Am Ende des Johannesevangeliums steht der wunderbare Fischzug des Petrus, samt Morgenmahl mit dem Auferstandenen am See Genezareth. Erst vergebliches Fischen, dann die totale Fülle: Netze zum Reißen voll. Dann das gemeinsame Essen als Feier der Auferstehung. Am Ufer des Sees ist den Jüngern der Auferstandene begegnet!

Jesus verspricht das Leben in seiner Fülle

In Johannes 10,10 sagt Jesus: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben und volle Genüge haben.“ Dorothee Sölle übersetzt prägnanter: Ich bin gekommen, dass sie das Leben in seiner Fülle haben. – Das ist der Kern der Sendung Jesu. Das illustriert Johannes in unüberbietbarer Anschaulichkeit mit den Wundern der Fülle. Johannes vollendet damit das, was Markus in unserer heutigen Fassung der Erzählung begonnen hat.

Erntedank: Das Brot des Lebens miteinander teilen

Dem Christentum werden immer wieder einmal lebensfeindlich-asketische Tendenzen unterstellt. Tatsächlich gab es solche Strömungen. Die Speisungserzählungen setzen jedoch einen ganz anderen Akzent. Es geht dem Christentum um die Fülle des Lebens, darum, dass alle satt werden, dass alle den Weg zu richtigem, erfülltem Leben finden. Die Fülle des Lebens wünschen wir uns für uns selbst. Wir wollen sie aber nicht nur für uns allein, sondern für die ganze Welt, für alle Menschen. Deshalb sammeln wir zu Erntedank für die Stuttgarter Tafelläden. Deshalb nehmen wir zu Erntedank in den Blick, wie reich uns täglich die Tafel gedeckt ist. Die Fülle, das lehrt uns Jesus, ist kein knappes Gut. Wenn man das Brot des Lebens teilt, wird es nicht weniger, sondern mehr. Christus spricht: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben in seiner Fülle haben.“ – Amen.

Prof. Dr. Christoph Dinkel ist Pfarrer in der Johanneskirche in Stuttgart.

 

Eine blonde Frau hält sich einen grauen Mantel vor den Oberkörper und betrachtet sich in einem Spiegel. An der Wand neben ihr hängen mehrere Kleidungsstücke an Haken.
Kleiderwechsel? Aber nicht nur äußerlich. Innerlich ist ein Wandel aller Eigenschaften gemeint. Foto: Vitaly Gariev/unsplash

Innerer Kleiderwechsel

Predigttext zum 11. Oktober 2026
19. Sonntag nach Trinitatis:

Epheser 4,22–32

Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.
Epheser 4,25–26

„Lügen haben kurze Beine.“ Das Sprichwort meint, dass die Wahrheit sich durchsetzen wird. Doch was ist „wahr“? Gibt es nicht so viele Wahrheiten wie es Menschen gibt? Jeder und jede hat den ganz eigenen Blick und eigenwilliges Empfinden für das, was wahr ist. Das absichtliche Verbreiten von Nicht-Wahrheiten verwirrt und macht Orientierung unmöglich. Lügen, die gleichzeitig Wahrheiten sind, zerren am Nervenkostüm, verunsichern und bringen das eigene Weltbild ins Wanken. Dann nagen die Selbstzweifel: „kann doch eigentlich gar nicht sein“. Die Wut wächst: „der oder die glaubt wohl, immer Recht zu haben“. Verunsicherung, ein guter Schuss Selbstgerechtigkeit und Wut steigern sich schließlich zum Zorn: „Das lasse ich mir nicht bieten“.

Wenn Wut und Zorn das Miteinander bestimmen

Und Zorn braucht ein Ventil: Im Straßenverkehr wird dicht aufgefahren oder ganz knapp die Spur geschnitten, im Geschäftsleben gemobbt, in der Familie rutscht jemandem die Hand aus oder in der Gemeinde gibt es offenen Streit. Zorn macht unempfindlich, Hass macht blind und stumme Wut äußert sich in Verletzung – auch in eigener. Bestenfalls macht sich aufgestauter Ärger nur mit lautem Krach und benanntem Konflikt Luft.

Der alte und der neue Mensch im Epheserbrief

Zorn bringt die schlechtesten Seiten im biblischen „alten Menschen“ zum Vorschein. Wutbürger betrüben den Heiligen Geist (Vers 30) und vertragen sich nicht mit dem Evangelium. Der geforderte innerliche Kleiderwechsel zum neuen Menschen ist ein gründlicher Wandel aller Eigenschaften – die Rückkehr zum Menschen, wie Gott ihn geschaffen und gemeint hat: Resilient. Einfacher wird das Leben dabei nicht. Aber der Umgang miteinander wird friedlicher, ehrlicher, würdevoller. Teilweise bleibt er erfüllt von der Sehnsucht nach der vermeintlich „guten alten Zeit“. In der angeblich vieles überschaubarer war und weniger Wahrheiten miteinander konkurrierten.

Mit Freundlichkeit und Vergebung dem Zorn begegnen

Die wirkliche christliche Kunst eines Verhaltenswechsels besteht jedoch darin, Bitterkeit, Grimm, Geschrei und Lästerung zu überwinden. Dem eisigen Wind, der uns immer wieder und manchmal stürmisch im Alltag des Gemeindelebens entgegenweht, mit Freundlichkeit, Geduld, ja mit Glauben, Vertrauen, Hoffnung und Zuversicht auf eine bessere Zeit authentisch zu begegnen. Trotz der Sticheleien, der Versuche, diese Lebenshaltung in Lächerliche zu ziehen. Die Sonne über dem eigenen Zorn und dem der anderen nicht untergehen zu lassen ist dann eine heilsame Beschränkung: Mit dem Gebet am Schluss jedes Zusammenseins und dem dabei ausgesprochenen Wunsch nach gegenseitiger Vergebung.

Karin Bertheau ist Pfarrerin der Kirchengemeinde im Müncheberger Land.

 

 

Schriftzug in Schwarz und Orange
Wer profitiert von geöffneten Geschäften am Sonntag? Die Evangelische Kirche in Deutschland setzte sich mit diesem Plakat und ­Aufkleber vor Jahren für den Erhalt des Sonntags ein. Grafik: Evangelische Kirche in Deutschland (EKD)

Eine gute Zeit mit Gott verbringen

Predigttext zum 18. Oktober 2026
20. Sonntag nach Trinitatis:
Markus 2,23–28

Und er (Jesus) sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.
Markus 2,27+28

Ja, der Sabbat, unser Sonntag: der Streit darüber, was sein darf, was nicht, ist uralt.

Dabei ist die Antwort so einfach, wie Jesu Ansage an die Pharisäer deutlich macht.

Sonntagsöffnung: Wie wichtig ist der gemeinsame Ruhetag?

Und dennoch: In Berlin dürfen Geschäfte an acht Sonn- oder Feiertagen im Jahr von 13 bis 20 Uhr öffnen. Es gibt eine Debatte darüber, die Anzahl der Sonntage zu erhöhen bzw. es den Geschäften generell freizustellen, am Sonntag zu öffnen oder nicht.

Jeden Sonntag die Geschäfte offen!? Nicht nur Kirchenmitglieder sehen dadurch den Zusammenhalt von Familien, Freundschaften, das gesellschaftliche Klima bedroht. Und was ist mit der regelmäßigen freien Zeit zur Regeneration, zur Pflege von besonderen Interessen, zum Genießen von Kultur beispielsweise?! Es gibt gegen alles Argumente. Aber wir sollten uns fragen: Wer profitiert von einer Sonntagsöffnung, ganz gleich, ob nur ein paar Mal im Jahr oder jeden Sonntag?

Jesus und die Pharisäer: Der Sabbat dient dem Menschen

Gegen das Gebot der Sabbatruhe verstoßen in den Augen der Pharisäer die Jünger. Während Jesus mit ihnen durch Kornfelder geht, pflücken sie Ähren und raufen die Körner aus, um sie zu essen. Sie haben Hunger. Jesus lässt sie gewähren und nicht nur das. Kurz und knapp, aber deutlich kommentiert er das Geschehen. Aus dem Kommentar wird eine Grundsatzerklärung: Der Sabbat dient dem Wohl der Menschen. Die Gesetzestreue der Pharisäer hat ein Ende, wo die grundsätzlichen Bedürfnisse von Menschen berührt werden. Als es ein anderes Mal um die Heilung eines Menschen am Sabbat ging, die Pharisäer ebenfalls verärgert reagierten, fragt Jesus sie: „Ist’s erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses, Leben zu erhalten oder zu vernichten?“ Und er heilte den Mann. Aber auch hier war das in den Augen der Pharisäer ein Gesetzesbruch. Uneinsichtig beratschlagten sie, wie sie Jesus und seiner, in ihren Augen völlig falschen Interpretation des Gesetzes Einhalt gebieten können. Ihr religiöser Eifer verstellt ihnen den Blick auf Menschen und ihre Nöte wie Hunger, Krankheit, Einsamkeit, Angst.

Den Sonntag heiligen: Zeit für Gott und Gemeinschaft

Wir Menschen brauchen den Sabbat nicht nur weil es in unseren Zeiten besonders hektisch zugeht. Wir brauchen ihn als Menschen, als Gemeinschaft generell, ob religiös gebunden oder nicht. Den Feiertag zu heiligen, beinhaltet die Für-Sorge um das körperliche und seelische Wohl des Menschen. Schließlich heißt es bereits im 3. Gebot: „Du sollst den Feiertag heiligen.“ Eine besondere, gute Zeit mit Gott zu verbringen, dazu lädt der Sonntag ein, allein oder in der Gemeinschaft im Gottesdienst. Hinhören auf Musik, auf Worte der Bibel, mich von ihnen anfragen, befragen zu lassen, sie zu genießen. Der Sabbat ist ein Geschenk Gottes an uns, von dem jede und jeder einzelne von uns profitiert und damit die Gemeinschaft, wenn wir gestärkt, ermutigt, in unseren Alltag zurückkehren. Und das Wunderbare ist: Es kostet nichts.

Kirchenrätin Susanne Kahl-Passoth war bis zu ihrem Ruhestand Direktorin des Diakonischen Werks in Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (DWBO).

 

 

Eine Hand hält eine kleine grüne Gartenschaufel in dunkler Erde. Rundherum stehen mehrere junge Pflanzen und leere Pflanztöpfe in einem Hochbeet.
Gründet Familien, pflanzt Gärten, tragt zum gelingenden Zusammenleben bei, schreibt ­Jeremia. Foto: Jonathan Kemper/unsplash

­Ihr könnt so viel beitragen

Predigttext am 25. Oktober 2026
21. Sonntag nach Trinitatis:
Jeremia 29,1.4–7(8–9)10–14

Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe ­wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl. Denn ich weiß wohl, was für Gedanken ich über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.
Jeremia 29,7.11

Das Beste, Wohlgehen, Frieden. Drei recht unterschiedliche Worte in der Übersetzung Martin Luthers. Doch im hebräischen Brief, den Jeremia aus Jerusalem an die deportierten Judäer in Babylon schreibt, ist es immer das gleiche Wort: Schalom.

Schalom: Frieden bedeutet mehr als die Abwesenheit von Krieg

Dieses Wort bedeutet so viel mehr als nur die Abwesenheit von Krieg, obgleich schon dies so unendlich kostbar ist. Es beschreibt einen Zustand, in dem das Leben in all seinen Beziehungen gelingt: Im Zwischenmenschlichen durch ein warmes und versöhnliches Zusammenleben. In der Gottesbeziehung, die durch Vertrauen und Liebe bestimmt ist. Im Umgang mit sich selbst, dass wir in uns ruhen, nicht hin- und hergetrieben und innerlich zerrissen sind. Und in der Beziehung zur Schöpfung, dass wir mit der Natur im Einklang leben. Sucht diesen Schalom für die Stadt derer, die euch hierher verschleppt haben.

Jeremias Brief an die Verbannten in Babylon

Es lässt sich erahnen, wie viel Skepsis, gar Entrüstung dieser Brief aus Jerusalem bei den Deportierten in Babylon hervorgerufen hat. Sie haben alles verloren, was ihnen lieb und vertraut war: ihre Stadt, ihr Land, ihr Haus, Teile ihrer Familie, ihren Tempel und damit Kult und Kultur. Wie nahe liegt da die glühende Hoffnung auf baldige Rückkehr und ein Vertrauen auf Worte, die sagen, dass alles bald, sehr bald, ein Ende habe. Glaubt nicht diesen Worten. „Hört nicht auf die Träume, die sie träumen“, sagt Jeremia.

Er stärkt vielmehr den nüchternen Blick – wider die trügerische Hoffnung, alles könne sehr schnell wieder so werden, wie es war. Richtet euch in diesem neuen Leben ein. So schwer es auch sein mag, so sehr ihr um das Verlorene trauert, blickt nach vorn und gestaltet euer Leben unter den Gegebenheiten, in die ihr jetzt hineingestellt seid.

Wie schwer ist es, wenn wir selbst um Verlorenes trauern, den Blick nach vorn zu richten. Trauer um eine verlorene Liebe in einer zerbrochenen Beziehung, Trauer um einen geliebten Wohnort, den wir verlassen mussten, Trauer um einen verstorbenen Menschen, den wir so schmerzlich vermissen.

Trotz Verlust und Trauer das Leben neu gestalten

Baut Häuser, pflanzt Gärten, gründet Familien und tragt zum gelingenden Zusammenleben in dieser fremden Metropole bei, schreibt Jeremia. Bleibt nicht in der Vergangenheit haften, sondern baut euch ein neues Leben auf. So schmerzlich der Blick zurück ist, ihr habt so viel zu geben. Ihr könnt so viel beitragen zum Schalom in dieser Stadt, zum gelingenden Zusammenleben. Gott ist auch hier gegenwärtig. Hier im neuen Leben, das gelebt und gestaltet werden will.

Dr. Cornelia Kulawik ist Pfarrerin in der Kirchengemeinde Berlin-Dahlem.



Eine Hand hält eine kleine grüne Gartenschaufel in dunkler Erde. Rundherum stehen mehrere junge Pflanzen und leere Pflanztöpfe in einem Hochbeet.
Gründet Familien, pflanzt Gärten, tragt zum gelingenden Zusammenleben bei, schreibt ­Jeremia. Foto: Jonathan Kemper/unsplash

­Ihr könnt so viel beitragen

Predigttext am 25. Oktober 2026
21. Sonntag nach Trinitatis:
Jeremia 29,1.4–7(8–9)10–14

Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe ­wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl. Denn ich weiß wohl, was für Gedanken ich über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.
Jeremia 29,7.11

Das Beste, Wohlgehen, Frieden. Drei recht unterschiedliche Worte in der Übersetzung Martin Luthers. Doch im hebräischen Brief, den Jeremia aus Jerusalem an die deportierten Judäer in Babylon schreibt, ist es immer das gleiche Wort: Schalom.

Schalom: Frieden bedeutet mehr als die Abwesenheit von Krieg

Dieses Wort bedeutet so viel mehr als nur die Abwesenheit von Krieg, obgleich schon dies so unendlich kostbar ist. Es beschreibt einen Zustand, in dem das Leben in all seinen Beziehungen gelingt: Im Zwischenmenschlichen durch ein warmes und versöhnliches Zusammenleben. In der Gottesbeziehung, die durch Vertrauen und Liebe bestimmt ist. Im Umgang mit sich selbst, dass wir in uns ruhen, nicht hin- und hergetrieben und innerlich zerrissen sind. Und in der Beziehung zur Schöpfung, dass wir mit der Natur im Einklang leben. Sucht diesen Schalom für die Stadt derer, die euch hierher verschleppt haben.

Jeremias Brief an die Verbannten in Babylon

Es lässt sich erahnen, wie viel Skepsis, gar Entrüstung dieser Brief aus Jerusalem bei den Deportierten in Babylon hervorgerufen hat. Sie haben alles verloren, was ihnen lieb und vertraut war: ihre Stadt, ihr Land, ihr Haus, Teile ihrer Familie, ihren Tempel und damit Kult und Kultur. Wie nahe liegt da die glühende Hoffnung auf baldige Rückkehr und ein Vertrauen auf Worte, die sagen, dass alles bald, sehr bald, ein Ende habe. Glaubt nicht diesen Worten. „Hört nicht auf die Träume, die sie träumen“, sagt Jeremia.

Er stärkt vielmehr den nüchternen Blick – wider die trügerische Hoffnung, alles könne sehr schnell wieder so werden, wie es war. Richtet euch in diesem neuen Leben ein. So schwer es auch sein mag, so sehr ihr um das Verlorene trauert, blickt nach vorn und gestaltet euer Leben unter den Gegebenheiten, in die ihr jetzt hineingestellt seid.

Wie schwer ist es, wenn wir selbst um Verlorenes trauern, den Blick nach vorn zu richten. Trauer um eine verlorene Liebe in einer zerbrochenen Beziehung, Trauer um einen geliebten Wohnort, den wir verlassen mussten, Trauer um einen verstorbenen Menschen, den wir so schmerzlich vermissen.

Trotz Verlust und Trauer das Leben neu gestalten

Baut Häuser, pflanzt Gärten, gründet Familien und tragt zum gelingenden Zusammenleben in dieser fremden Metropole bei, schreibt Jeremia. Bleibt nicht in der Vergangenheit haften, sondern baut euch ein neues Leben auf. So schmerzlich der Blick zurück ist, ihr habt so viel zu geben. Ihr könnt so viel beitragen zum Schalom in dieser Stadt, zum gelingenden Zusammenleben. Gott ist auch hier gegenwärtig. Hier im neuen Leben, das gelebt und gestaltet werden will.

Dr. Cornelia Kulawik ist Pfarrerin in der Kirchengemeinde Berlin-Dahlem.

Aktuelle Ausgabe Oktober 2026

 

Menschenmenge vor einem Fernsehbilschirm
Abschlusslied bei der Allianzkonferenz. Foto: EAD/Achim Halfmann

Spürbarer Zuwachs

Rund 1300 Menschen besuchten die 130. Allianzkonferenz in Bad Blankenburg – ein deutlicher Zuwachs gegenüber dem Vorjahr. Unter dem Motto „hiobsBOTSCHAFT“ standen Fragen nach Leid, Hoffnung und Vertrauen auf Gott im Mittelpunkt. Auch das Jubiläum der traditionsreichen Bibelkonferenz wurde gefeiert.

Gemälde von Jesus am Kreuz
Christus am Kreuz zwischen Maria und ­Johannes, Gemälde von Matthias Grünewald, 1523/24. Foto: wikimedia commons/gemeinfrei

­Er tat es auch für Dich!

Das Leiden und Sterben Jesu am Kreuz gehört zu den zentralen Ereignissen des christlichen Glaubens. Der Maler Matthias Grünewald hielt die Kreuzigung in eindrucksvollen Bildern fest. Hans-Jürgen Grundmann betrachtet eines seiner Werke und erinnert an die biblische Passionsgeschichte.

 

Ein Regenbogen am Himmel
Foto: Jeffrey Eisen/unsplash

Christen sprechen über ihren Glauben

Seit ihrer Kindheit begleitet der Glaube Waltraud Hagedorn durch ihr Leben. Die 86-Jährige erzählt von ihren persönlichen Glaubenserfahrungen, ihrer Konversion zum Katholizismus und ihrer tiefen Verbundenheit mit Gott.

 

Gebet des Monats Oktober 2026

Übereinandergestapelte Maiskolben
Foto: Mojtaba Ravanbakhsh/unsplash

 

 

 

 

Ein Gebet für Oktober

Du spendest reiche Ernten

Die Äpfel sind rund und prall, die Farben der Blätter leuchten:
rot, gelb, braun und manche noch grün. Sie zeigen an, dass der Herbst vor der Tür steht.
Du, gütiger himmlischer Vater, lässt uns ­ernten, was wir gesät haben, aber allein Du reifen ­lassen hast. ­Wunder Deiner Natur, die Du mit Deiner Lebenskraft getränkt hast. Lebensspendende Natur an den Zweigen der Bäume, auf den ­Feldern hinter den Gärten und Dein Atem und Lebenssaft in unseren Körpern – Dir verdanken wir alles. All das endet nie, solange die Erde sich dreht, hast Du uns zugesagt. Und noch etwas: Die Kraft ­Deiner Liebe endet nie.
Mein Mund lobe Deinen Namen.

Sibylle Sterzik

Predigten des Monats September 2026

 

Zum Monatsspruch September 2026

Ausgestreckte Hände in roten Ärmeln
Wer mit offenen Händen betet, zeigt sein Vertrauen in Gott Allmacht. Foto: Jon Tyson/unsplash

„Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind.“
Kohelet 4,6 (L) 10,10 (E)

Salomo muss es wissen! Das Predigerbuch, sein Spätwerk, berichtet von seiner Studie über den Sinn des Lebens.

Er hatte beides ausprobiert, Ruhe und Mühe. Tatsächlich probierte er alles aus, was zu seiner Zeit möglich war. Er investierte Mühe und vermutlich auch Geld, nur um dann bald festzustellen, dass alles Treiben unter der Sonne doch nur „Haschen nach Wind“ ist. Salomo gewann durch Beobachtung und Erfahrung die Erkenntnis, dass „zwei Fäuste voll mit Mühe“, also harte Arbeit, Disziplin und Sorgfalt kein Garant für Erfolg und Beständigkeit sind. Wie enttäuschend! Aber auch wie ernüchternd! Denn König Salomo, dem Gott außerordentliche Weisheit verliehen hatte, erkannte dadurch, worauf es wirklich ankommt.

Der Gegensatz von Hand und Faust macht‘s deutlich: Fäuste sind geschlossene Hände, stehen für Entschlossenheit, aber auch für Ungeduld oder sogar Rücksichtslosigkeit. Die Hand aber ist offen, voller Erwartung, gefüllt zu werden. Die offene Hand voller Ruhe – möglicherweise eine Umschreibung der für Salomos Zeit typischen Gebetshaltung, – ist sie vielleicht ein versteckter Hinweis für alle, die trotz größter Anstrengung innerlich leer bleiben?

Beten mit offenen Händen mag Überwindung kosten, doch wer so betet, demonstriert unübersehbar sein Vertrauen auf Gottes Allmacht. Wer sich – angesichts all dessen, was zu tun ist, – für die „Hand voll mit Ruhe“ entscheidet, kann darauf vertrauen, dass Gott sein Tagewerk segnend begleitet und innerlichen Frieden gibt. Versuchen Sie es!

Uschi Hecht, Berlin

 

Predigten im Monat September 2026

Ein Gemälde von Jesus und Zachäus
Jesus und Zachäus. Wieskirche, Fresko von Johann Baptist Zimmermann (zwischen 1749 und 1754). Foto: wikimedia commons/gemeinfrei

Komm runter

Predigttext zum 6. September 2026
14. Sonntag nach Trinitatis:
Lukas 19,1–10

Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden. Lukas 19,5–6

Die Erzählung aus dem Lukasevangelium ist bekannt. Hören wir einmal die persönliche Sicht des Zachäus auf die Begegnung mit Jesus:

„Seit den Tagen meiner Kindheit werde ich geärgert. Ich bin kleiner als die anderen. Damit haben sie mich immer aufgezogen. Ich bin älter geworden, aber nicht größer, habe versucht mich bemerkbar zu machen, nichts hat geholfen. Denen werde ich es zeigen, habe ich gedacht. Aber wie?

Vom Außenseiter zum Steuereintreiber

Da bietet sich die Gelegenheit, das Recht der Steuererhebung zu pachten. Dazu muss man mit den römischen Besatzern zusammenarbeiten. Jeder, der das tut, macht sich unbeliebt. Aber bei mir ist das egal. Sie haben mir gesagt, wie viel Steuern ich einbringen muss, wie viel Geld ich den Menschen darüber hinaus abnehme, sei meine Sache.

Zuerst habe ich gar nicht begriffen, wie raffiniert dieses System angelegt ist. Aber allen Ärger, den die Steuer bei den Menschen verursacht, ziehe ich auf mich. Außerdem ist darin schon angelegt, dass ich die Menschen betrügen muss. Wenn ich selber Geld haben will, das ich zum Leben brauche, muss ich ihnen mehr abnehmen, als der Staat fordert. Es ist ein erhebendes Gefühl, wenn sie ihre Steuer bei mir einzahlen müssen. Jetzt bin ich wer, jetzt stelle ich etwas dar. Nur liebt mich keiner, jetzt erst recht nicht mehr. Kennt ihr einen, der gerne Steuern zahlt?

Die Sehnsucht nach Anerkennung

Aber manchmal quält mich mein Gewissen: Verbieten die Gesetze, die Gott unseren Vätern gab, nicht den Diebstahl? Haben uns die Propheten nicht gewarnt, uns mit den Mächtigen einzulassen? Meine Seele hat immer noch keinen Frieden gefunden. Dann denke ich, wenn doch nur einer käme und sagen würde: ‚Zachäus, ich mag dich, mich interessiert nicht, ob du zu klein geraten bist oder womit du deinen Lebensunterhalt verdienst, ich höre dir zu.‘ Das täte meiner Seele so gut.

Heute ist Jesus in der Stadt. Es heißt, er liebt jeden Menschen, so wie er ist. Hier ist die Stelle, wo er vorbeiziehen muss. Natürlich haben sich schon wieder alle vor mir aufgestellt. Da muss ich auf diesen Baum klettern.

Jesus sieht Zachäus

Jetzt kommt Jesus auf mich zu. Was wird jetzt passieren. Er wird bestimmt sagen: ,Ey du, komm da runter, mach dich nicht peinlich, was bist du denn für einer, ein Betrüger, ein Sünder, scher dich weg hier.‘ Was hat er gesagt? Mein Herz kann nicht glauben, was meine Ohren gehört haben: „Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.“

Über Stunden sitzen wir zusammen. Er hört mir zu. Ich erzähle ihm alles. Wie sie mich als Kind ausgeschlossen haben, wie ich mich mit den Römern eingelassen habe. Ich erzähle ihm auch von den Betrügereien. Wie geduldig er ist. Kein Vorwurf kommt über seine Lippen. Er schaut mich an, es kommt mir vor, als wenn seine Augen in mehr Herz sehen könnten. Eigentlich müsste mir Jesus doch fremd sein, und doch vertraue ich ihm ganz.

Vergebung und ein neuer Anfang

Er sagt: „Zachäus, Gott liebt dich, auch wenn du seine Gesetze übertreten hast. Deine Schuld ist dir vergeben. Ändere deinen Sinn und folge mir nach. Dann wird deine Seele Frieden finden und dein Herz die Liebe, die es braucht.“

Thilo Haak, Pfarrer im Ruhestand, Berlin.

 

Wasser fließt aus einem Holzrohr im Wald in einen Bach
Quellen sind wunderbare Orte des Lebens. Foto: Arseny Togulev/unsplash

Gott gibt das Wasser des Lebens

Predigttext zum 13. September 2026
15. Sonntag nach Trinitatis:
1. Mose 2,4b–9 (10–14) 15 (18–25)

Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen. Denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; aber ein Strom stieg aus der Erde empor und tränkte alles Land. Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den ­Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahret. 1. Mose 2,5.6.8.15

Wasser – wie wichtig ist gutes frisches und sauberes Wasser! Wasser aus einem Strom, damit beginnt alles Leben auf der Erde. In diesem Jahr wird mir das wieder ganz besonders bewusst. So habe ich mich für diese Verse aus dem Predigttext entschieden – vielleicht überraschend oder ungewöhnlich.

Der Strom, das fließende Wasser, lässt Sträucher und Kraut, Bäume wachsen und Früchte gedeihen und reifen. Ja, auch wir Menschen bestehen aus Wasser, 60 bis 70 Prozent oder sogar mehr (Neugeborene). Hinzu kommt der Atem Gottes, der uns lebendig macht. So sind wir in Bewegung – Leben heißt in Bewegung sein und gespeist werden aus dem Strom, dem Wasser des Lebens, den Gott aus der Erde quellen lässt. Die Quelle des Lebens findet sich bei Gott. Doch was geschieht mit den Quellen, was machen Menschen daraus?

Wenn Wasser fehlt oder zu viel wird

Wasser kann fehlen und Menschen dürsten, Land trocknet aus und bringt keine Frucht mehr. Wasser kann zu viel strömen und Lebensgrundlagen vernichten, Menschen ertrinken, Land wird überschwemmt und Ernten vernichtet. Das erleben wir immer wieder auch in diesem Sommer nahe bei uns und weltweit. Wir wissen, wir sind an den sogenannten Naturkatastrophen beteiligt, vieles ist menschengemacht, hausgemacht.

Der richtige Umgang mit Wasser ist und bleibt entscheidend für das Leben. Der Kampf ums Wasser darf nicht eskalieren, doch er hat längst begonnen und damit der Kampf um die Gärten der Welt – die Orte, die zu bebauen und zu bewahren sind. Wir dürfen nicht alles Wasser nur für uns gebrauchen zum Bewässern, für Industrie, zur Körperpflege und Reinigung, zur Kühlung usw.

Wasser gehört der ganzen Schöpfung

Wasser gehört der ganzen Schöpfung, der Tierwelt und der Pflanzenvielfalt. Regenwald, Seen, Flüsse, Quellen sind wunderbare Orte des Lebens, erhaltenswert und zu bewahren.

Erinnern wir uns an einen Ostermorgen, als wir stumm zur Quelle liefen, Wasser schöpften, uns wuschen und tranken, um dann fröhlich das Osterfest zu feiern – das Leben, das aus der Quelle Gottes quillt. Erinnern wir uns an den Besuch in einem Heilbad und das Trinken einer besonderen Heilquelle, viele kleine Schlucke im Gehen und Wandeln, langsam heilend. Bewahren wir diese Erfahrungen gemeinschaftlichen Lebens und helfen wir im Alltag mit, dass Gott das Wasser für alles Leben fließen lässt und die Erde ein bewässerter Garten sein will.

Ich wünsche Ihnen, dass die Quelle des Lebens, Gottes Wort und Segen, Sie erfüllen und weiterströmen.

Sabine Benndorf ist Prädikantin im Westhavelland im Kirchenkreis Havelland.

 

Silhouette einer Hand, die einen Wahlumschlag in eine Wahlurne steckt
Nicht nur mitreden – mitentscheiden. Foto: Element5 Digital/unsplash

Die Wahl liegt bei uns

Predigttext zum 20. September 2026
16. Sonntag nach Trinitatis:
2. Timotheus 1,7–10

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserem Herrn (…). Er hat uns selig gemacht (…) nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus (…) der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium. 2. Timotheus 1,7–10 (gekürzt)

Wir haben die Wahl. Großartig! Und leider überhaupt nicht selbstverständlich … Viel zu verbreitet das Gefühl von Wahllosigkeit: alternativlos in Warteschleifen oder in „Gesprächen“ mit Chatbots ausharren – unentrinnbar im Stau stehen – Lebensvollzügen ausgeliefert sein. Aber jetzt: Wahlmöglichkeiten!

Das hohe Gut der politischen Wahl

Das gilt an diesem Sonntag herausragend für das Hochamt der Demokratie im Land Berlin – die Wahl zum Abgeordnetenhaus! Auch wenn das Ergebnis einer Wahl nicht mit den eigenen Erwartungen übereinstimmen mag, so bleibt doch das hohe Gut, überhaupt die Möglichkeit zur Wahl zu haben. Man bedenke das Gegenteil … Und der Weltöffentlichkeit wird doch mancherorts in absurder Weise vorgeführt, wie verletzlich dieses vermeintlich sichere Grundrecht ist. Grund genug, das eigene Wahlverhalten auch danach auszurichten, dass das Recht der eigenen Wahl Zukunft behält!

In dem Brief, dem die Verse des Predigttextes entnommen sind, verfasst vom frühchristlichen Missionar Paulus an seinen Mitarbeiter Timotheus, geht es um eine andere als um die politische Wahlmöglichkeit. Seine Worte setzen eine sehr grundsätzliche Wahlfreiheit voraus; eine, die wirklich allem zugrunde liegt: Tod oder Leben. Entweder dem Dunklen, Negativen, Hoffnungslosen verhaftet bleiben – oder in Gottes Namen der Zuversicht glauben.

Hoffnung statt Alternativlosigkeit

Durch die Auferweckung Jesu von den Toten ist „dem Tod die Macht genommen“. Ostergefühle mitten im September. Niemand ist gezwungen, das Leben als unentrinnbares Unterfangen anzuschauen, in dem es keinen Sinn macht, für Gutes einzutreten. Diese Weltsicht ist entmachtet – nun sitzen Hoffnung, Vertrauen und Zuversicht in der Regierung. Ihr Programm: Es gibt immer ein Morgen, alle Tage neu. Zukunft statt festgefahrener Gegenwart. Für jede und jeden, allezeit und „unvergänglich“ gibt es eine zweite Option. Verzagen, hetzen, wütend sein oder leben und handeln im Geist „der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“. Alternativlosigkeit hat ausgedient. Nicht Furcht und Angst vor dem Leben haben müssen, sondern „Mut zum Sein“ (Paul Tillich) haben dürfen, ausleben können, verbreiten.

Mich beeindruckt, wie offenbar schon zu biblischer Zeit dieser „Mut zum Sein“ schambesetzt sein konnte, wogegen Paulus angeht. „Schäme dich nicht des Zeugnisses von unserem Herrn …“ Warum auch?!? Zwar versuchen ein gekränktes Herz oder das Gefühl, Opfer zu sein, ihre Macht zu erhalten und stets neu zu bekräftigen. Lach darüber! Die Wahl liegt inzwischen bei uns.

Kraft, Liebe und Besonnenheit

Wir dürfen Kraft, Liebe und Besonnenheit leben, sie unser Handeln und Denken bestimmen lassen, sie stark und stärker werden lassen – sogar durch unsere politische Wahl.

Oberkonsistorialrat Dr. Christoph Vogel leitet die Abteilung 3 Pfarrpersonal, Religionsunterricht, Prüfungswesen und Bildung im Ev. Konsistorium der EKBO.

Eine Silhouette von Menschen, die sich sitzend vor einem hellen Hintergrund unterhalten
Jesus hört der bewundernswerten Frau zu. Tun wir das auch: dem anderen zuhören? Foto: Priscilla Du Preez/unsplash

Im Gespräch bleiben

Predigttext zum 27. September 2026
17. Sonntag nach Trinitatis:
Matthäus 15,21–28

Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. Sie sprach: Ja, Herr; aber doch essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde. Matthäus 15,24–28

Ich bewundere diese Frau. Leider wissen wir nicht, wie sie hieß. Sie lässt sich nicht kränken von einer abfälligen Bemerkung, die ihr gilt. Sie hätte Grund, sauer zu sein oder zum Gegenangriff überzugehen. Alles das tut sie nicht. Sie geht auch nicht in die Opferrolle und wendet sich ab. Sie geht auf ihr Gegenüber ein, respektiert seine Sicht. Sucht nach dem Verbindenden, nimmt das Bild, das er ihr hinhält, und weitet es, so dass auch sie darin Platz findet. Damit bleibt sie in Kontakt mit ihrem Gegenüber, bleibt im Gespräch.

Und gibt ihm die Chance, seinerseits zu überprüfen, ob es Übereinstimmungen gibt. Mit Erfolg. Ihr Gegenüber schaut sie anders an und gibt ihrem Wunsch nach.

Ein Meisterstück der Kommunikation

Ein Meisterstück an Kommunikation. Vorbild für eine Frage, die uns gegenwärtig vielfach umtreibt. Wie bleiben wir im Gespräch, auch wenn wir einander fremd (geworden) sind?

Kürzlich hatten wir im Rahmen der internationalen Sommerakademie des Berliner Missionswerkes Besuch aus den USA. Pfarrerin Jes Kast aus Pennsylvania erzählte, wie sie versucht, mit Menschen im Gespräch zu bleiben. Auch wenn das in der politisch aufgeheizten Situation, die sich auch quer durch die Kirchengemeinden zieht, manchmal kaum möglich erscheint. Jes arbeitet mit dem Bild des Nachbarn oder des Nächsten, was im Englischen das gleiche Wort ist: Neighbor. Der oder die andere ist zuerst Mensch, Nachbar, Nächster. Erst dann Kanaanäerin, Samaritaner. Niemand muss auf Wesentliches verzichten, damit andere auch teilhaben können. Unter Nachbarn ist Anteilnahme möglich.

Jesus lässt sich auf das Gespräch ein

Bewundere ich auch den Gesprächspartner der bewundernswerten Frau? Ich zögere kurz, aber ja. Jesus hört zu und er lässt sich auf das veränderte Bild ein. Auch die Hunde essen von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Gottes Zuwendung gilt seinem auserwählten Volk. Das bleibt. Aber die Zuwendung geht darüber hinaus. Viel mehr Menschen können von Gottes Zuwendung leben. Dieser Gedanke ist, so scheint es hier, auch für Jesus neu. Aber er scheint ihn nachvollziehen zu können. Und er erkennt in seiner Gesprächspartnerin einen ähnlichen Glauben wie er selbst ihn lebt. Und so wird die Tochter der namenlosen Frau gesund.

Im Gegenüber das Antlitz Gottes erkennen

Bei der Sommerakademie hat Pfarrer Gerd Bock aus Südafrika eine Andacht gehalten, bei der er uns aufforderte, uns unserer Nachbarin und unserm Nachbarn zuzuwenden und sie und ihn zu grüßen mit den Worten „In deinem Gesicht erkenne ich das Antlitz Gottes“. Bei manchen Menschen fällt es uns leicht, diesen Satz zu sagen. Bei andern vielleicht schwerer. Die Übung tut immer mal wieder gut, um im Gespräch zu bleiben.

Pfarrerin Barbara Hustedt ist Landeskirchliche Pfarrerin für Ökumene und Weltmission sowie stellvertretende Direktorin des Berliner Missionswerks.

 

Aktuelle Ausgabe September 2026

 

Plakatmotiv zum Motto des Ökumenischen Tags der ­Schöpfung. Foto: ACK in Deutschland/Canva

Staunen, Erkennen und Demut

Zum Ökumenischen Tag der Schöpfung 2026 stellt die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen neue Gottesdienstmaterialien bereit. Unter dem Motto „Hast du erkannt, wie weit die Erde ist?“ geht es um Staunen, Demut und die Verantwortung des Menschen für die Schöpfung.

 

Die Hände einer blonden Frau halten Strandmuscheln
Abschied vom Muschelnsuchen am Strand.
Foto: Cindy Branton/unsplash

­Der Sommerblues vor dem Herbst

Wenn der Sommer zu Ende geht, fällt der Abschied von Licht, Wärme und Urlaubsmomenten oft schwer. Doch schöne Erinnerungen können durch Herbst und Winter tragen – und den Blick für die besonderen Seiten der kommenden Jahreszeiten öffnen.

 

Schilder mit Namen und Zahlen darauf liegen auf einer braunen Tischplatte
Viele Namen von Geburtstagskindern. Jeden rief der Mann an. Foto: Christina Victoria Craft/unsplash

Sechzig Namen

Ein älterer Mann, vom Leben und von Krankheit gezeichnet, bewahrt sich seinen Glauben und seine Freude an anderen Menschen. Mit einem kleinen Geburtstagskalender und regelmäßigen Anrufen schenkt er ihnen Aufmerksamkeit – und erfährt selbst viel Zuwendung.

 

Gebet des Monats September 2026

Ein Strohballen auf einer Heuwiese
Foto: Lukas Tennie/unsplash

 

 

 

 

Ein Gebet für September

Du spendest reiche Ernten

Herr Jesus Christus, ich komme zu Dir, dem König aller Welten und neige mein Haupt vor Dir, dem Höchsten. Deine Majestät lässt mich ehrfurchtsvoll auf die Knie gehn, denn ich schwacher unvollkommener Mensch habe Deine Langmut, Deine Liebe und Gnade nicht verdient.
Doch Du siehst mein Herz an. Und so danke ich Dir für alles, was Du an mir vollbringst.
Auch danke für alles Bunte um uns her, das Du in Deiner Schöpfung und Liebe schenkst. Trotz aller Unvernunft der Menschheit, lässt Du es weiterhin grünen, blühen, wachsen und gedeihen.
Du spendest Sonnenschein und Regen und reiche Ernten.
Danke, Du unbegreiflicher, barmherziger Herr über allem. Dir allein sei Ehre. Amen.

Karl-Heinz Eberhardt Schäfer

Predigten des Monats August 2026

 

Zum Monatsspruch August 2026

Ein gedeckter Tisch mit Obst auf einer Wiese
Ein wunderbares Essen. Foto: Chris Reyem/unsplash

„Jesus Christus spricht: Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ Johannes 10,10 (E)

Es war nach einem wunderbaren gemeinsamen Abendessen beim Griechen mit guten Gesprächen. Das Essen war mehr als reichlich und so stellte sich bald ein Völlegefühl ein. Das blieb auch so nach dem Ouzo mit seinem Anisgeschmack. Der überfüllte Magen sorgte für eine unruhige Nacht.

Von Fülle und Überfülle

Überfülle und Völlegefühle sind auch in anderen Zusammenhängen vielen Menschen in unserer Wohlstandsgesellschaft nicht fremd. Die Fülle und Überfülle von Angeboten und Möglichkeiten überdecken unerfüllte Sehnsüchte und machen Platz für Klagelieder auf hohem Niveau. Sicher gibt es Beklagenswertes, das nicht zu leugnen ist.

Doch übersehen und ungehört bleibt in der Suche nach einem erfüllten Leben oft jene große Verheißung Jesu.

Als guter Hirte sagt ER zu einem jeden von uns: „Ich bin gekommen, damit ihr das Leben habt – und es in Fülle habt.“

Die Fülle, die Jesus meint, ist ein von seiner Liebe ­erfülltes Leben. Ein Leben, das im Diesseits nicht endet, sondern in Gottes Ewigkeit vollendet wird.

Auch Leidvolles hat seinen Platz

In dieser Liebe haben auch unsere unerfüllten Wünsche, Mühsames und Leidvolles einen Platz. Nichts trennt uns von der Liebe Gottes in Jesus Christus.

ER ist gekommen, als Weg und Wahrheit, als Brot und ­Hirte und als Türöffner zu einem Leben voller Güte und Frieden. Es wird heilsam sein für uns selbst, und in jedem Miteinander, sich seiner Botschaft anzuvertrauen, denn in und mit Christus gibt es – wie Bonhoeffer bekennt – „ein erfülltes Leben trotz unerfüllter Wünsche.“

Ralf Schein, Pfarrer im Ruhestand in Templin

Predigten im Monat August 2026

Gemälde eines alten kauernden Mannes mit langem weißen Bart
Jeremia hat eine große Aufgabe erhalten.
Foto: wikipedia, gemeinfrei

Kein Taugenichts

Predigttext zum 2. August 2026
9. Sonntag nach Trinitatis:
Jeremia 1,4–10

Ich aber sprach: Ach, Herr, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: „Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten“, spricht der HERR.
Jeremia 1,6–10


Ich tauge nichts, so manch einer von uns hat das wohlmöglich schon zu sich selbst gesagt!? Oder hat sich anhören müssen: Du bist nur eine ­Belastung für uns, du nützt uns gar nichts, du bist ein Taugenichts.

Jeremia zweifelt an sich

Wenn Gott allerdings seine Geschichte mit den Menschen schreibt, dann bekommt die Frage nach dem, was ich tauge, noch einmal eine ganz andere Farbe. Davon erzählt uns der Bericht der Berufung des Propheten Jeremia.

Jeremia zweifelt nicht am Herrn, sondern an sich: „Ach, Herr, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung“ (Jeremia 1,6). Das ist ein mir bekanntes Gefühl: Ich sehe die Aufgabe, aber sie scheint zu groß für mich selbst. Könnte da nicht ein anderer ran? Ein Älterer, Einflussreicherer?

Gebrochenes Selbstbewusstsein

Unser Selbstbewusstsein kann ganz schön angeknackst sein. In der Regel kommt das aber nicht, weil wir uns selbst nichts zutrauen. Meist ist es so, dass wir viel zu oft erleben müssen, dass uns andere nichts zutrauen: Das ist nichts für dich, dazu bist du zu ungeschickt! Lass es lieber, dafür bist du zu dumm!

Bei vielen Menschen prägen solche Sätze ihr Leben. Vielleicht war es auch bei Jeremia so. Ich kenne viele Menschen mit gebrochenem Selbst­bewusstsein. Solche, die sich selbst nichts mehr zutrauen, weil ihnen keiner was zutraut. Traurige Geschichten sind das von verpassten Chancen, von nicht gelebtem Leben. Da wird deutlich, wie gemein Menschen gegenüber Menschen sein können und welche Macht bloße Worte auf uns haben.

Bei Gott ist das ganz anders: Ihn kümmert nicht, was die Menschen aus Anatot über Jeremia reden. Er hält Jeremia keineswegs für einen Taugenichts. Erst spricht er ihm zu, dass er ihn immer und immer schon kannte. Was nichts anderes heißt, als dass Jeremia wie jede und jeder von uns ein von Gott geschaffenes Wesen ist. Allein das gibt meinem Leben schon Bedeutung und Sinn. Gott hat mich gewollt und gemacht und darum bin ich etwas wert.

Jeremias Weg war nicht einfach

Darum lässt Gott auch Jeremias Widerspruch nicht gelten. Und er stattet Jeremia mit der Kraft und dem Zutrauen aus, welches er in den folgenden Jahren brauchen wird. Denn Jeremias Weg war nicht einfach. Er hat sich mit allen angelegt, mit seinen Volksgenossen, mit den Herrschern zu ­Hause und mit denen fremder Völker. Jeremia übte Sozialkritik an der Gesellschaft, in der er lebte. Im Auftrag des Herrn sprach er alles aus und scheiterte dennoch. Er musste darunter leiden, der Verkündiger einer unbequemen Wahrheit zu sein. Aber das alles vermag nicht mehr, sein Selbstbewusstsein ins Wanken zu bringen. Aus dem selbsternannten Taugenichts ist ein von Gott gerufener Verkünder geworden.

Es ist gut zu wissen, dass Gott mich trägt und mir weiterhilft. Und es ist gut zu wissen, dass Gott seinen Plan mit mir nicht aufgibt und jeden einen seinen Platz finden lässt.

Thilo Haak, Pfarrer der Ostergemeinde in Berlin-Wedding

 

Ein Thoraschrein in einer Synagige
Thoraschrein und Bima der Spanischen Synagoge in Josefov, Prag, Tschechien. Foto: VUoaei1, CC BY-SA 4.0, wikimedia commons

Ein Geheimnis, nicht eigene Klugheit

Predigttext zum 9. August 2026
10. Sonntag nach Trinitatis:
Römer 11,25–32

Ich will nicht, dass ihr dieses Geheimnis ignoriert, Geschwister, damit ihr nicht etwa aus euch selbst klug seid: Verhärtung ist Israel geschehen zu einem Teil, bis die Fülle der Völker hereinkommt.
Römer 11,25 (in der Übersetzung von Matthias Loerbroks)

Der 10. Sonntag nach Trinitatis ist seit vielen Jahrhunderten Israelsonntag. Er verdankt diesen Namen, dieses Thema seiner zeitlichen Nähe zu einem wichtigen Tag im jüdischen Kalender: dem 9. Tag des Monats Aw, Tischa be Aw. An diesem Tag – in diesem Jahr war es der 23. Juli – ­gedenken Juden in aller Welt der beiden Zerstörungen des Tempels (586 vor durch Babel,
70 nach durch Rom) und weiterer Katastrophen der jüdischen Geschichte. Da wird gefastet und in den ­Synagogen das Buch Klagelieder gelesen.

Die Zerstörung des Tempels

Die Christenheit aber hat nicht solidarisch mitgetrauert. Denn die Kirche verstand die zweite Tempelzerstörung als Gottes Strafe dafür, dass die meisten Juden Jesus nicht als den Christus, den Messias, betrachteten. Und so wurde an diesem Tag verkündet: so ist es, wenn Gott zornig ist – gewiss auch als Warnung für Christen, vor allem aber als triumphierendes Selbstverständnis. Gott habe nämlich seinen Bund mit Israel aufgekündigt und dieses Volk durch ein neues Gottesvolk ersetzt: die Kirche. Die Zerstörung Jerusalems und des Tempels, der Verlust des Landes galten als ­historischer Beweis für diese Irrlehre.

Die Lehre selbst aber gab es schon zuvor: schon Paulus hatte gegen sie gekämpft, offenkundig vergeblich. Dass Gott sein Volk verstoßen habe, erklärt er im Römerbrief 11,1 für völlig ausgeschlossen. Stattdessen weiht er nun seine Leser in ein Geheimnis ein. Er will damit verhindern, dass die sich im Blick auf die Juden auf ihre eigene Klugheit verlassen, ohne Gottes Wort und Weisung sich so ihre Gedanken machen.

Zeit, wieder auf Paulus zu hören

Es war, sagt Paulus, Gott selbst, der sein Volk gegen das Evangelium verhärtet, ihm die Ohren verschlossen, den Rücken gestärkt hat. Dadurch gelangte es zu den Völkern, gewann unter ihnen – nicht zuletzt durch Paulus selbst – Anhänger des Gottes Israels, eines ihnen zuvor recht fremden Gottes. Damit gibt Paulus dem für Jesusjünger aus den Völkern so verstörenden Nein der allermeisten Juden zum Evangelium eine einzigartige Würde, einen göttlichen Rang. Und das ist etwas ganz und gar anderes, als wenn Judenfeinde sagen: die Juden sind verstockt – als wäre das ein Natur­tatbestand, eine kollektive, nämlich nationale, ethnische Charaktereigenschaft.

Erst nach 1945, nach der Katastrophe, und auch da erst nach Jahren, wurde die Botschaft des Paulus wiederentdeckt, und der Charakter des ­Israelsonntags änderte sich. Nun loben und ­preisen wir den Gott Israels dafür, dass er uns auch erwählet hat. Doch seit einigen Jahren sind diese neuen Einsichten rasant geschwunden. Viele ­wollen davon nichts mehr wissen. Es ist gut, es ist höchste Zeit, wieder auf Paulus zu hören – nicht nur am Israelsonntag.

Dr. Matthias Loerbroks ist Pfarrer im Ruhestand. Zuvor war er an der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin tätig. Er arbeitet im Arbeitskreis Christen und Juden der Evangelischen ­Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz mit.

 

Gemälde verschiedener Personen in einem Tempel
Gleichnis vom Zöllner und Pharisäer. Gemälde an einem Beichtstuhl an der Südwand der
St.-Margarethen-Kirche, Waldkirch.
Foto: gemeinfrei, wikimedia commons

Gottlob, dass ich kein Pharisäer bin!

Predigttext zum 16. August 2026
11. Sonntag nach Trinitatis:
Lukas 18,9–14

Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder ­gnädig!
Lukas 18,13

Ein raffiniertes Gleichnis ist uns diese Woche als Predigttext aufgeben. Die Szenerie schildert Jesus gewohnt anschaulich. Zwei überzeichnete Figuren stehen im Tempel und beten: Im Vordergrund der Pharisäer, der sich dort selbst gefällt, sich Gott und den anderen Tempelbesuchenden gerne zeigt mit seinem moralisch vorbildhaften Lebenswandel – profiliert im Vergleich mit den Defiziten der anderen, über die er sich selbstgerecht und ­wortreich erhebt. Im Hintergrund der Zöllner – unsicher, ob ihm ein Platz im Tempel überhaupt zusteht, in demütiger Haltung und mit der ­ehrlichen Geste des Brustschlags, die auf Sündenvergebung und Erneuerung hofft und durch das schlichte Bußgebet begleitet wird: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“

Auf welcher Seite stehen wir?

Als Publikum dieser Szene werden wir zur Positionierung herausgefordert und haben uns vermutlich schnell auf die Seite des Sympathie tragenden Zöllners geschlagen, während wir die hochmütig selbstgerechten Züge des Pharisäers sicher auch wiedererkennen in den Figuren unserer Lebenswelt: dem selbstverliebten Machthaber, der erfolgreichen Influencerin, dem ungeliebten Arbeits­kollegen. Gott sei Dank aber sind wir nicht so!

„Ein Mensch betrachtete einst näher
die Fabel von dem Pharisäer,
der Gott gedankt voll Heuchelei
dafür, dass er kein Zöllner sei.
Gottlob! rief er in eitlem Sinn,
dass ich kein Pharisäer bin!“

Von Konkurrenten und Kulissen

Eugen Roth hat in seinem Gedicht „Salto“ die Falle, in die das Gleichnis uns lockt, pointiert eingefangen. Jesus provoziert uns mit seinem Gleichnis genau zu dem Verhalten, das er entlarven will. Er stellt uns Pharisäer und Zöllner vor und lädt uns ein, uns zu vergleichen. Natürlich wollen wir nicht sein wie der Egozentrische, dessen Selbst­gerechtigkeit wir verurteilen, – und werden im selben Moment selbstgerecht. Nicht aber gerechtfertigt. Denn Rechtfertigung entsteht gerade nicht aus dem Vergleich. Wer sich ständig mit anderen misst, bleibt in einer Logik gefangen, in der der andere entweder Konkurrent oder Kulisse ist.

Ein Ausweg könnte sein, die Szene nicht als Zuschauerin mit Distanz zu betrachten, sondern den Tempel als Schauplatz unseres eigenen Inneren zu begreifen („Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel ist?“ 1. Korinther 6,19), in dem beide Figuren als Anteile unserer selbst gemeinsam beten: Der Pharisäer, der alles richtig machen möchte und Verantwortung übernimmt, sich über Erfolge freut, aber Gefahr läuft, darüber zu vergessen, dass er das Wesentliche nicht aus sich selbst hervorbringen, sondern nur empfangen kann.

Durchlässige Mauern

Und der Zöllner, der sich selbst in tiefe Schuld verstrickt hat, aber erkennt, wie begrenzt und angewiesen er ist auf die unverfügbare Gnade Gottes, die niemand verdienen kann. Möge dieser uns immer wieder daran erinnern, uns gegen die Brust zu schlagen, dass die ­Mauern unseres Tempels nicht verhärten, sondern durchlässig bleiben für Gott, der uns mit ­seiner Güte füllen möchte!

Myriam Lütckepohl ist Pfarrerin im Pfarrsprengel Kyritz-Land.

 

Eine Baustelle mit einer Leiter und Werkzeug in einem Haus mit Terassenfenstern im Hintergrund
Sein Haus auf festen Grund bauen.
Foto: Brett Jordan/ unsplash

Unser Lebenshaus – fest und bunt

Predigttext zum 23. August 2026
12. Sonntag nach Trinitatis:
1. Korinther 3,9–17

Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.  
1. Korinther 3,11

„Auf diese Steine können Sie bauen.“ So verheißungsvoll warb eine Bausparkasse um neue Kundinnen und Kunden. Mit günstigen Finanzierungshilfen könne man einen Hausneubau in Angriff nehmen. „Auf diese Steine können Sie bauen.“

Dieses Motto lädt aber auch zum Nach­denken ein im Hinblick auf die eigene Lebensgestaltung. Da stellt sich die Frage: Auf welches Fundament werden unsere eigenen Lebenshäuser gebaut. Was erachten wir für wichtig, wenn wir unser Leben betrachten? Was ist wirklich entscheidend? Was hält und trägt mich? Wie sieht mein Lebensfundament aus? Vielleicht denken wir an Freundschaft und Vertrauen, Erfolg im Beruf, finanzielle Sicherheit, eine gute und fürsorgliche Atmosphäre in der Familie oder weitgehende Gesundheit im Alter.

Paulus als Apostel Christi Jesus

Im 3. Kapitel des Korintherbriefes nimmt der Vers 11 eine besondere herausragende Stellung ein: „Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ Der ­Apostel sagt unmissverständlich, mit wem wir unser Lebenshaus bauen und gestalten können. Mit Jesus Christus.

Paulus schrieb an die Gemeinde in Korinth, nicht als Privatperson, sondern „als Apostel Christi Jesus durch den Willen Gottes“, das heißt als dessen Gesandter. In der Gemeinde in Korinth gab es mancherlei Querelen und Deutungshoheit. Der Apostel wollte klarstellen: Er ist zwar der Gründer der Gemeinde, jedoch im Auftrag eines Höheren, der zugleich Basis und Fundament ist. Es hatte dort so etwas wie einen Fanclub, eine Paulus-­Partei. Diese Gemeindeglieder waren der Meinung, dass Paulus der Grund ist, auf dem sie stehen.

Apollos, der Nachfolger von Paulus

Und dann gab es noch einen weiteren Missionar, Apollos. Der war der Nachfolger von Paulus. Er hat die Gemeinde weiter aufgebaut und soll mit großer Redegewandtheit talentiert gewesen sein. Dies soll zu einer Parteienbildung in der Gemeinde geführt haben. Paulus war aber jegliche Selbstinszenierung zuwider. Er rief zu Demut, Einmütigkeit, Besinnung, Ordnung auf und lenkte den Fokus weg von menschlichen Persönlichkeiten hin zu Gott.

Dem Apostel ging es auch um das Spektrum des Glaubens. Er benutzte dafür in seinem Brief den Acker, der vielfältig bepflanzt und gepflegt werden kann. Er gab nicht im Einzelnen vor, wie der auszusehen hat, auch nicht unser Lebenshaus. Einheitlichkeit ist nicht gefragt, sondern Vielfalt und Verschiedenheit. Jeder darf, ja soll mitbauen! Paulus Überzeugung ist klar: Wenn wir auf dem demselben Fundament bauen, das Christus gelegt hat, dann kann auch unser Lebenshaus bunt sein.

Klaus Büstrin ist Prädikant in Potsdam.

Gebet des Monats August 2026

Blaue Blumen auf einer Wiese vor einem blauen Himmel
Foto: Declan Sun/unsplash

 

 

 

 

Ein Gebet für August

Neuanfang

Wo kein Gras mehr wächst,
spendest Du Leben.

Wo kein Laut mehr ist,
sprichst Du Segensworte.

Wo Leere betäubt,
gibst Du Stille.

Wo Phrasen ätzen,
salbst Du die Herzen.

Wo Gebote ausgrenzen,
segnest Du allumfassend.

Wo Zerstreuung tötet,
rufst Du uns heim.

Wo die Tode lähmen,
schenkst Du Neuanfang.

Michael Lehmler

Aktuelle Ausgabe August 2026

 

Schwarzwei?-Foto, das einen Soldaten, Männer in Anzügen und zwei Männer, die einen Stein tragen zeigt.
Foto: Bundesarchiv, Bild 173-1321/Helmut J. Wolf/CC-BY-SA 3.0, wikimedia commons

Kein normaler Sonntag

Der 13. August 1961 veränderte das Leben von Millionen Menschen – auch das von Brigitte Klingner. In ihrem persönlichen Erinnerungsbericht schildert die Zeitzeugin, wie der Mauerbau ihre Familie, ihren Schulalltag und ihren weiteren Lebensweg von einem Tag auf den anderen veränderte.

 

Ein Gemälde zeigt, wie Jesus einen Blinden heilt.
Heilung des Blinden, Gemälde von El Greco, nach 1570. Foto: wikimedia commons/gemeinfrei

­Und er heilte sie alle

Heilungen gehören zu den eindrucksvollsten Wundern Jesu. Ausgehend von der biblischen Blindenheilung wirft Hans-Jürgen Grundmann einen Blick auf El Grecos gleichnamiges Gemälde und zeigt, wie der Künstler das Evangelium in eindrucksvolle Bilder übersetzt.

 

 

Eine Briefmarke zeigt eine schneebedeckte Tanne und eine grüne Kirche
Foto: Albrecht Kalusche

Das Wunder von Dresden

Aus einer Kriegsruine wurde eines der bekanntesten Wahrzeichen Deutschlands. Albrecht Kalusche erzählt, wie ihn der Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche bewegte – und weshalb dieses Bauwerk bis heute auch die Welt der Briefmarken prägt.

 

Predigten des Monats Juli 2026

 

Zum Monatsspruch Juli 2026

Wasser fließt durch Steine in einem Bach
Gerechtigkeit sei unter uns wie ein sprudelnder Bach. Foto: May Cloud/unsplash

Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. 
Amos 5,24 (L) 

Dies ist ein wahrhaft poetischer Spruch. Das Recht solle strömen und nicht verdreht werden. Es sei wie ein nie ­versiegender Bach, der friedlich dahinfließt und dessen ­spiegelnde Oberfläche mit leisem Glucksen das Herz erfreut.

Der Prophet, Bußprediger und Visionär Amos aus dem 8. Jahrhundert vor Christus verkündete Gottes Reden und Willen. Ihm war aufgetragen, Gottes unabwendbares Gericht kund­zutun und zur Umkehr zu rufen.

Enttäuschter Gott

Gott war maßlos enttäuscht über sein Volk, das Misshandlungen Unschuldiger, Rechtsbeugung, Unterdrückung der Armen und Bedürftigen und unheiliges gottloses Treiben zuließ und praktizierte. Deshalb setzte Gott sie ihren Feinden aus. Er will weder Brand- noch Speiseopfer, noch ihre Musik und ihr Harfenspiel sehen und hören und appelliert: „Vielmehr soll das Recht wie Wasser strömen und Gerechtigkeit wie ein Bach, der nie versiegt!“

Dies ist ein unmissverständlicher Aufruf an uns. Nach den Maßstäben Gottes sollen wir in unserem täglichen Leben Gerechtigkeit gegenüber Mitmenschen walten lassen und auch als Beistand Hilfebedürftigen zu deren Recht verhelfen.

Aufrufe zur Umkehr

In Amos 5,6 heißt es: „Sucht den Herrn, so werdet ihr leben!“ Die Prophetie des Amos beinhaltete Gottes Zorn und dessen daraus resultierendes Handeln, aber auch Aufrufe zur Umkehr, Gott zu ehren und ein gottgefälliges Leben zu führen. Bewegen wir das in unseren ­Herzen und handeln danach.

Karl-Heinz Eberhardt Schäfer, Leipzig

 

Predigten im Monat Juli 2026

Ein Fischer mit einem Netz in einem Ruderboot
Simon protestiert. Und geht dann doch noch einmal fischen. Foto: Fredrik Ohlander/unsplash

Ein Wort verändert alles

Predigttext zum 5. Juli 2026
5. Sonntag nach Trinitatis:
Lukas 5,1–11

Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen. Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. 
Lukas 5,4–6


Ich wäre gerne dabei gewesen damals am See Genezareth, als sich dieser wunderliche Fischzug begab. Dann hätte ich die Worte Jesu gehört. Den Protest des erfahrenen Fischers Petrus gegen die Aufforderung, zur Unzeit die Netze auszuwerfen, hätte ich auch gehört. Aber ich hätte auch erlebt, wie Petrus auf das Wort Jesu hin noch einmal mit seinem Boot auf den See fährt und den Fischfang seines Lebens macht. Und ganz am Ende wäre ich sicher einer derjenigen gewesen, der beginnt, in die Nachfolge dieses einfachen, aber überzeugenden Mannes aus Nazareth zu treten.

Worin liegt das eigentliche Wunder?

Ja, es gibt Erfahrungen, die das Leben ver­ändern, schöne und schwierige. Zu den schönen Erfahrungen der Nachfolger Jesu gehört sicher die Szene damals am See Genezareth. Aber worin liegt ihre eigentliche Schönheit? Was macht das wirk­liche Wunder in dieser Erzählung aus dem Lukas­evangelium aus? Oft wird ja unsere Geschichte auf das Fischfangwunder reduziert. Doch das eigent­liche Wunder geschieht, bevor Petrus und die anderen ein weiteres Mal auf den See fahren. Hören wir noch einmal genauer hin, wie die Geschichte eigentlich beginnt:

Jesus hatte sein öffentliches Wirken begonnen. Noch allein predigte er zunächst in seiner Heimatstadt Nazareth und in deren Umgebung. Dann zog er zum See Genezareth und predigte unter anderem in Kapernaum. Dort kam es auch zur ersten Begegnung zwischen ihm und Simon, der später Petrus heißen wird.

Wo der Frieden beginnt

Dann predigte Jesus am See. Die Fischer hatten eine erfolglose Nacht des Fischens hinter sich und waren mit ihren leider leeren Booten wieder ans Ufer zurückgekehrt. Wohl eher beiläufig wurden sie Zuhörer der Predigt Jesu zu der großen Menge, die sich um ihn versammelt hatte. Jesus wird von der uneingeschränkten Liebe Gottes zu den ­Menschen gepredigt haben, vom Frieden, der dort beginnt, wo Menschen einander vertrauen lernen, von der Freude, die es machen kann, mit denen zu teilen, denen das Nötigste fehlt. Von Vergebung, Umkehr und einem neuen Leben wird er gepredigt haben. Und er wird es in einer Vollmacht getan haben, die keine Argumente braucht. Er hat den Menschen das Vertrauen in Gott und seine un­bedingte Zugeneigtheit zu den Menschen zurückgegeben.

Als Jesus zu Ende gepredigt hat, sitzt er immer noch im Boot des Simon. Jetzt – es ist wohl ­Mittag geworden – fordert er ihn auf, noch einmal zum Fischfang hinauszufahren. Und Simon, der eigentlich immer etwas einzuwenden hat, wendet auch hier ein, nichts gefangen zu haben in der Nacht und dass das wohl am Tage kaum besser sein wird. So entspricht es auch aller seiner Fischererfahrung.

Das Wort Jesu

Doch nach seinem Einwand folgt die wirklich wichtige Antwort: „Aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.“

Er vertraut Jesus und sein Vertrauen wird nicht enttäuscht. Das wundersame Ereignis geschieht und diese Erfahrung wird das Leben des Petrus und das seiner Freude auf immer verändern. Auf das Wort Jesu hin wird das Leben anders!

Pfarrer Thilo Haak, Ostergemeinde, Berlin

 

Zwei Frauen sitzen nebeneinander an Notebooks und blicken sich skeptisch an
Der neidische Blick übersieht den eigenen Wert. Foto: unsplash

Erwählt

Predigttext zum 12. Juli 2026
6. Sonntag nach Trinitatis:
5. Mose 7,6–12

Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust. Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat.
5. Mose 7,6–8.11–12

„Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind.“ Was höre ich da? Wie ein Paukenschlag klingt, was Mose redet. Zu seinem Volk, zum Volk, das Gott erwählt hat. Zu Israel.

Eifersucht kommt auf

Mose redet von Gottes Beziehung zu seinem Volk. Wie von einer Liebe, die du einem liebenden Paar ansiehst. In dem vertrauten innigen Blick, in der flüchtigen Berührung der Wangen. Im Lächeln, das Licht aus tiefster Seele spiegelt. Du siehst es genau und weißt doch nur: Dazwischen geht kein Blatt.

Schnell kommt Neid auf. Eifersucht macht sich breit. Anspruchsdenken. Warum die? Warum ­dieses Volk, östlich des Jordans? Mich gibts doch auch! Habe ich nicht das Recht, innig mit Gott vertraut zu sein. Jesus hat uns doch berufen.

Neid verstellt den Blick

Eine ist erwählt. Eine Macherin. Eine Strategin. Sie hat immer gute Ideen. Lacht viel, wirkt entspannt trotz Bergen von Aufgaben. Versprüht den Charme der Unbesiegbaren. Alle schätzen sie. Mich nicht. Ich bleibe auf der Bank sitzen. Der Trainer wechselt andere ein.

Neid auf Erwählte verstellt den Blick. Rechnet vor, was alles auch noch sein könnte, sein müsste. Neid vermutet nur goldene Zeiten auf der Seite der Erwählten. Erhebt wütend Ansprüche auf ­Plätze im Rampenlicht. Für mich, für mich!

„Judensau“-Relief wurde zum Mahnmal

Hüte dich vor dem Neid. Er nährt Hass. Im schlimmsten Fall so tief, wie bei unseren Glaubensvätern. So entsetzlich, wie sie in Kirchen­mauern eingemeißelt sind. Draußen, knapp unter dem Dachgesims, in Form des Wittenberger „Judensau“-Reliefs. Als Bild des Hasses gegen das Volk Israel, gegen Jüdinnen und Juden.

Heute ein Mahnmal für alle, die den Neid nicht im Zaum halten. Die ihr vermeintlich eigenes Volk, „ihre Nation“ hochjubeln. Bis zum Mord. Ein Mahnmal auch für mich, wenn ich nur gelten ­lasse, was doch mir zustehen soll, mir!

Der Geschmack des Lebens

Ein Widerschein göttlicher Erwählung, sei er auch hundertfach gedimmt, befreit davon. Du beobachtest. Du siehst, was du hast. Empfangen hast. Spürst Gefühle, die den Geschmack des Lebens auf der Zunge schmelzen lassen. Und wie von dir aus Licht in die Welt scheint.

Denen, die Narben tragen von dem Peitschen der Ägypter, deren Haut von der Sonne versengt ist durch Jahre der Wüstenwanderung, spricht Mose zu: „erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern“. Ihnen verkündet Mose Gottes Treue. Und fordert, Gesetz und Gebot zu halten. Und sie hören zu, lieben mit ganzem Herzen.

Ein Widerschein von Gott, der Israel erwählte, lange vor uns und für immer. Strahlen davon für uns: Auch ich, auch wir haben Anteil. Das ­feiern wir in der Kirche: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Den Widerschein der Liebe, mit der sich der Vater im Himmel zu seinem Sohn bekannte. Und sich zu uns bekennt.

Sibylle Sterzik, Pfarrerin im Ehrenamt, Berlin

 

Mehrere Hände halten und zerbrechen eine Oblate
Indem sie teilen, können Menschen engelsgleich werden. Foto: pixabay

Geschwisterlich teilen

Predigttext zum 19. Juli 2026
7. Sonntag nach Trinitatis:
Hebräer 13,1–3

Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die ­Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt. 
Hebräer 13,1–3

Für uns wird in diesem Abschnitt des Hebräerbriefes betont: Die Liebe zueinander ist selbst­verständlich, wir sind Geschwister im Namen Jesu, nichts soll die Liebe beeinträchtigen. Wir können gastfrei sein. Auch Jesus wurde ja immer wieder eingeladen und hat dabei wunderbare Begegnungen ermöglicht.

Ein Engel für die Ausgestoßenen

In Indien trafen wir einen Arzt und Missionar in einem christlichen Krankenhaus, der an Lepra erkrankte Patienten behandelte. Sie waren mit der Krankheit behaftet, die Nerven abtötet, so dass auch Gesicht und Gliedmaßen betroffen waren. Er behandelte und operierte sie zusammen mit den indischen Ärzten. So ermöglichte er wieder neues Leben in Familie und Gemeinschaft, ein Engel für bisher Ausgestoßene. Die konnten sich keine Behandlung leisten, wurden gastfreundlich aufgenommen und empfanden so den Arzt und Missionar als Engel.

Christinnen und Christen haben immer wieder Gäste an- und aufgenommen, neue Freunde gewonnen, den gemeinsamen Glaubens umgesetzt.

Freut Euch doch!

Viele Briefe im Neuen Testament werben in warmherzigen Worten. In einer alten Übersetzung bittet der Apostel Paulus: „Freut Euch doch! Eure Lindigkeit lasset kund sein allen Menschen“ (Philipper 4,4f.). Freude, Lindigkeit, schöne Worte, die ein friedliches Miteinander als Grundvoraus­setzung anmahnen. Aber das gilt ja nicht nur für Christen, es ist schon im Neuen Testament eine Grundvoraussetzung für alle Menschen.

Anteilnahme, gute Gespräche, Achtung, Zuhören, Anerkennen: So lerne ich im anderen Menschen das Engelhafte kennen, das mich bereichern kann. Im besten Fall kann ich selbst zum Engel werden.

Viele Christen sind Verfolgung ausgesetzt

Anteilnehmen, es betrifft auch Gefangene und Misshandelte damals wie heute, denn auch heute sind viele Christen – und nicht nur sie – Verfolgungen ausgesetzt. Wie viele Menschen sind zu uns nach Deutschland geflohen, weil sie in ihrem Land verfolgt und misshandelt wurden. Auch wenn es Kritik gab und gibt: Diese Flüchtlinge haben uns bereichert. In unserer Kirchengemeinde haben wir uns zum ­Beispiel um Flüchtlinge aus Armenien, später aus Syrien, gekümmert und dabei selbst ganz andere Kulturen kennengelernt, die wiederum uns die Augen geöffnet haben.

Seit Jahrtausenden muss offenbar immer wieder daran erinnert werden, was Christinnen und ­Christen, aber auch die Menschen anderer Religionen, untereinander und miteinander üben können: Lindigkeit, Anteilnahme und Wertschätzung mit jedem Mitmenschen, eben Gastfreundlichkeit!

Der Hebräerbrief erinnert uns an diese christ­liche Grundvoraussetzung gastfrei geschwisterlich zu teilen und so vielleicht Engel zu beherbergen. ­Diese Chance wollen wir nutzen! Amen.

Paul Geiß ist Pfarrer im Ruhestand in Berlin-Friedrichshagen.

 

Gemälde von Jesus und einem Mann
Jesus schenkt einem blinden Mann das Augenlicht. Gothaer Tafelaltar von Heinrich Füllmaurer. Foto: Lutz Ebhardt-Trümper, CC BY-SA 4.0, wikimedia commons

Nur der freie Blick

Predigttext zum 26. Juli 2026
8. Sonntag nach Trinitatis:
Johannes 9,1–7

Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.
Johannes 9,1–7

Neulich saß ich mit jemandem zusammen, der gerade eine schlimme Diagnose bekommen hatte. Und ich merkte, wie in mir sofort diese Fragen aufstiegen: Hatte dieser nicht schon lange zu viel Stress? Hätten wir früher zum Arzt gehen sollen? Ich war beschämt, als ich merkte, was ich da tat: Ich suchte nach Erklärungen –, um mich selbst zu beruhigen. Damit mir das nicht passiert.

Wer ist schuld?

Die Jünger im Johannes-Evangelium kennen diesen Reflex auch. Als sie dem blinden Mann begegnen, fragen sie sofort: Wer ist schuld?

Jesus? Den interessiert diese Frage überhaupt nicht. Er schaut den Mann an – und sieht nicht ein Problem, das erklärt werden muss, sondern einen Menschen, an dem Gottes Güte sichtbar ­werden kann. Das hat mich beim Lesen dieses Textes wirklich getroffen. Wie oft deuten wir Leid still als Konsequenz? Wie oft tragen Menschen diese unsichtbare Last – das Gefühl, ihr Schicksal irgendwie verdient zu haben? Jesus räumt damit auf. Kein Vorwurf, kein Urteil. Nur dieser andere, freie Blick nach vorne.

Der erste Schritt im Dunkeln

Und dann macht er etwas sehr Unspektaku­läres: Er kniet sich in den Staub, macht einen Brei aus Erde und Speichel und streicht ihn auf die Augen des Mannes. Keine große Geste. Etwas sehr Konkretes, fast Befremdliches. Und dann: Geh zum Teich Siloah und wasch dich. Der Mann geht – obwohl er noch nichts sieht. Und er kommt sehend zurück.

Dieser erste Schritt im Dunkeln – das ist für mich das Herzstück dieser Geschichte. Vertrauen, bevor man etwas sieht. Losgehen, bevor man weiß, wie es ausgeht. Vielleicht ist das der Glaube, den Jesus meint, wenn er sagt: Ich bin das Licht der Welt. Nicht ein Licht, das alles auf einmal erhellt – sondern eines, das den nächsten Schritt zeigt.

Michel Erdmann, Lektor in Berlin