Gebet des Monats März 2021

Tulpen im Frühling. Foto: Pixabay

 

 

 

 

 

 

Ein Gebet für März

alles lege ich in deine hände
das kommende und das gut
das schöne und das zeitliche

die lichtblicke und das böse
den anfang und die hoffnung
die nähe und das befremden

die weite und die geschenke
der segen und die abschiede
die liebe und die neuanfänge

den tod und die auferstehung
sei unser zeitgenosse heute
sei unser guter weggefährte

segne uns mit deiner gnade

Michael Lehmler

Aktuelle Ausgabe März 2021

Neue Serie: Mein liebstes Bibelwort.
Das Leben ist schön.
Von Ilse Krause, Leserin aus Thale OT Neinstedt

Weltgebetstag 2021
Worauf bauen wir? In diesem Jahr kommt der Weltgebetstag am 5. März von Frauen des ­pazifischen Inselstaats Vanuatu

Lebensfragen
Ist Corona über uns gekommen, damit wir etwas lernen sollen? Und was könnte das sein?
Es antwortet: Generalsuperintendent a.D. Martin-Michael Passauer aus Berlin

Palmzweige am Weg.
Jesus kommt nicht als der ­erwartete neue Herrscher.
Von Thilo Haak, Pfarrer in Berlin-Wedding

Serie 75 Jahre Kriegsende.­
Wie haben Sie es damals erlebt?
Meine Mutter auf der Flucht.
Von Monika Treblin, Leser aus Wernigerode

 

 

 

Gebet des Monats Februar 2021

Winterlandschaft
Foto: pixabay

Ein Gebet für Februar

Großer Gott, Zeiten zwischen Virus und Wahlen,
Gewalt und Sterbehilfe, Verkleiden und Verzichten.
Wie geht das – auf Dich vertrauen, ohne aufzugeben?
Wie geht das – leicht werden im Zweifel und laut sagen:

Du bist wohl grade nicht da. Ach Gott, wir bitten Dich, erhöre uns:

Ohnmächtiger Gott, geliebt hast Du und gelitten.

Leidest und liebst weiter. Von morgens bis abends.

Jeden Tag und jede Nacht. Hilf uns, das zu fühlen in diesen Wochen bis Ostern: Es ist dunkel zwischendrin. Und darin kennst du dich aus. Ach Gott, wir bitten Dich, erhöre uns.

VELKD

Predigten des Monats Februar 2021

 

 

Familienstammbuch
Familienstammbuch. Foto: Sibylle Sterzik

Monatsspruch Februar 2021
Freut euch darüber, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind!                Lukas 10,20 (E)

Beim Aufräumen im Pfarrbüro fiel mir zufällig ein Familien-Stammbuch in die Hand. Ein bekannter Name: Welk, der Schriftsteller Ehm Welk fiel mir ein. Ich blätterte los. Gleich auf der ersten Seite las ich die Eheurkunde von Karl August Welk, einem Straßenbahnschaffner, geboren 1892 in Glauschdorf im Kreis Oststernberg, und Juliana Johanna Ludwig, 1891 in Berlin geboren. Sie heirateten am Reformationstag 1914. In dem Jahr brach Deutschland den Ersten Weltkrieg vom Zaun. Merkwürdigerweise starben beide Eheleute am selben Tag, dem 27. Januar 1944, dreißig Jahre nach ihrer Eheschließung kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges. Als Sterbeort war Berlin-Friedrichshagen angegeben, mein Wohnort.

Mein Interesse war vollauf geweckt. Was mag nur ­zwischen Hochzeit mit Mitte Zwanzig und dem Sterbedatum Anfang Fünfzig geschehen sein? Ein Sohn war noch angegeben, und eine Ausbürgerungsurkunde einer Tochter aus DDR-Zeiten lag noch zwischen den Seiten. Weiter hinten handschriftliche Einträge aus den Jahren zwischen 1914 und 1919. Die Namen sind verzeichnet, aber wer kennt die Lebensgeschichten? Wem könnte dieses Stammbuch etwas bedeuten, diese Menschen wichtig sein?

„Freut euch darüber, dass eure Namen im Himmel ­verzeichnet sind“, lesen wir Jesu Worte im Lukasevangelium. Auch wenn so ein Familienstammbuch verloren geht oder niemand mehr da ist, der mit den Namen etwas verbindet, unser Leben hat ein zu Hause bei Gott. In seiner Ewigkeit und seiner Güte sind unsere Namen gegenwärtig. Keiner geht verloren, sondern jede und jeder von uns hat eine ewige Heimat im Himmel. Das tröstet. Wie ein Baum, der tiefe Wurzeln ins Erdreich getrieben hat, so lässt Gott uns bei sich wohnen. Die Namen hat er schon mal notiert. Schon jetzt, wo wir noch hier leben, sind wir bei ihm aufgehoben. Und einst dann im großen himmlischen Festsaal

Sibylle Sterzik, Pastorin, Berlin

 

Traktor pflügt auf dem Acker
Auf guten Samen kommt es bei der Aussaat an.
Foto: pixabay

Saat und Frucht

Predigttext zum 7. Februar 2021
Sexagesimä: Lukas 8,4–8(9–15)

Es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges an den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen’s auf. 8 Und anderes fiel auf das gute Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Da er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre! Das aber auf dem guten Land sind die, die das Wort hören und behalten in einem feinen, guten Herzen und bringen Frucht in Geduld.

Lukas 8,5.8.15

Wer sät den Samen aus – und welchen Samen? Warum nur fallen mir beim Lesen des Textes sofort  Sorgen und Nöte von Menschen ein? Zeichen der Zeit? Man sieht immer und überall Probleme und Schwierigkeiten. Ich denke an Landwirte, die befürchten, dass es auch in diesem Jahr wieder zu trocken sein wird und der Same nicht aufgeht. Eltern, deren Kinder nun Jugendliche geworden sind, fragen sich, ob der Same ihrer Erziehung standhält. Ein Blick in die Gesellschaft zeigt ein Auseinanderbrechen.

Welcher Same könnte Menschen beieinander halten? Ich war fast  vierzig Jahre Pfarrer in einer Gemeinde. Ich kann jede Aussage dieses Gleichnisses bestätigen. Ja, genau so ist es.

Wer sät den Samen aus? Wir, wir selbst, also Menschen wie du und ich, wir säen Samen aus.

Welchen Samen? Alles, was seinen Ursprung im Evangelium hat, unsere Worte, was wir tun und wie wir leben. Denn in diesem Samen liegt die Kraft Gottes, deshalb dieses hundertfach.

Soll ich meine Bedenken über die Sorgen und Nöte nun streichen? Nein, ich tue es nicht, sie stimmen ja. Ich stelle ihnen aber den Samen gegenüber und dessen Wirksamkeit.

Wer sät den Samen aus – welchen Samen?

Jesus möchte verdeutlichen, was „Reich Gottes“ ist. Er spricht von seinem Wort und damit von sich selber. Denn: er ist in seinem Wort gegenwärtig. Das ist ein Geheimnis des „Reiches Gottes“. Er sät und verschenkt sich selbst in diesem Samen und wir sind der Boden.

Welcher Boden von den vier verschiedenen Bodenarten sind wir? Ich habe in Gemeindegruppen oft gefragt, was sind wir für ein Boden? Die Antwort war immer gleich, alle vier. Mal mehr der eine, mal mehr der andere. Das zu erkennen ist schmerzlich, es ist eine Passionserfahrung, ich – harter Boden; Dornen und Disteln wachsen auf.

Was ist zu tun? Das ist zu tun: Dem Evangelium, den Worten von Jesus Christus weiten Raum geben, ganz, ganz weiten Raum. Dann könnte Frucht entstehen, nicht Betriebsamkeit, nicht Erfolg, sondern gewachsene Frucht, bei jedem ­Menschen je eigene Frucht.

Und wenn wir einmal ganz traurig werden, weil wir Disteln und Dornen nicht verdrängen können, was dann? Nun, er kommt ja wieder, der, der den richtigen Samen in unser Herz, in unsere Gedanken, in unsere Gefühle hinein säen kann. Der Landwirt sät jedes Jahr neu. Er kommt, ganz bestimmt, denn er ist ja der, der aussät.

Manfred Koloska, Pfarrer im Ruhestand der Berliner Stadtmission, Berlin

 

 

Leerer Teller mit Besteck
Dass der Teller leer bleibt, damit ist dem wahren Fasten kein Genüge getan. Foto: pixabay

Gerechtes tun

Predigttext zum 14. Februar 2021
Estomihi: Jesaja 58,1-9a

Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte …

Jesaja 58,6+8a

Die Passionszeit steht unmittelbar bevor. Wir gehen hinauf nach Jerusalem, das Leiden Jesu und das Bedenken dieses Weges unseres Herrn und Bruders ans Kreuz, steht unmittelbar bevor. Dann beginnt die Fastenzeit. Fasten bedeutet unter einem bestimmten Verzicht Raum und Zeit und Offenheit für die Nähe zu Gott zu bekommen. Was sonst von eigenen Wünschen und Ablenkungen besetzt ist, soll Zeit werden, sich der Weisung Gottes für seine Menschen zu öffnen. Solches im besten Sinne fromme Fasten gab es zu allen Tagen der Geschichte des Glaubens. Schon in biblischer Zeit. Unser Bibeltext führt uns 2500 Jahre zurück.

Der Prophet Jesaja fragt seine Gemeinde und fragt damit auch uns: Genügt es, ein frommes Ritual zu üben, sich den Traditionen hinzugeben? Genügt es zu fasten, den Gottesdienst zu besuchen, seinen Teil in die Kollekte zu legen? Ist es genug zeitweise Gott das Seine zu geben und sich dann wieder eigenen Bedürfnissen hinzugeben?

Der Prophet sagt ganz klar: Es genügt nicht. Er wählt als Beispiel dafür das Fasten. Es genügt ihm nicht, wenn diese Üblichkeit keinen Bezug zum Alltag der Menschen hat. Fasten als Ritual zu befolgen reicht nicht hin, sagt Jesaja im Auftrag Gottes, wenn im Übrigen das Gottesverhältnis im Argen liegt. Wenn das Alltagsleben eine andere Sprache spricht als das Glaubensleben. Wenn das Ritual zu einer leeren Hülle geworden ist. Die Glaubwürdigkeit der Frommen steht auf dem Spiel.

Darum macht der Prophet die selbstgerechten Kläger zu Angeklagten. Er zitiert sie vor den Thron Gottes. Und Gottes Worte prasseln hart herab auf die, die sich mit ihrem Fasten rechtfertigen wollen. Knallhart hält der Prophet uns Frommen den Spiegel vor. Und es ist nur recht, dass diese Anklage sich bis in unseren Sonntag hinein Gehör verschaffen will. Unsere Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel, vor uns selbst, und vor Gott.

Gott will, dass wir die Gemeinschaft des ­Glaubens leben, dass sich unser Glauben im Leben äußert. Er will aus uns Menschen machen, aus denen Licht hervorbricht wie die Morgenröte, heile Menschen aus denen Heilung ungerechter und unsozialer Zustände hervorgeht. Ja, Gerechtigkeit wird vor uns hergehen und die Herrlichkeit Gottes wird unser Leben begleiten Dazu ist es nötig sich auf die Weisung Gottes zu besinnen. Gott zeigt uns den Weg auf, der ihm wohlgefällig und der menschlichen Lebensgemeinschaft von Nutzen ist.

Gerechtigkeit, Freiheit, Umverteilung und Frieden, davon spricht der Prophet. Es sind die „Werke der Barmherzigkeit“, die hier auch einen politischen Impuls aussenden. Obwohl wir sie aus dem Munde eines Mannes hören, der vor 2500 Jahren gelebt hat, verstehen wir genau, was gemeint ist. Die Intensität der Prophetenworte macht deutlich, wie Gottes Wort sich an jeden Einzelnen wendet. Aus der Anrede im Plural ist ein Du geworden. Gott spricht mich ganz persönlich und mit meinen eigenen Möglichkeiten an. Vielleicht kann ich die kommende Fastenzeit zu einem ersten Schritt nutzen. Das Fasten beginnt im Denken. Nehmen wir uns Zeit dazu: Eine Viertelstunde am Morgen sich besinnen mit einem Bibelwort, oder im Supermarkt einmal stehen ­bleiben und die Fülle meditieren, oder ein Projekt finden, dem ich konkrete Hilfe zuwenden kann – Gelegenheiten zum Nachdenken bieten sich genug. Das Tun muss folgen.

Thilo Haak, Pfarrer der Ostergemeinde Berlin-Wedding

Jesu letztes Abendmahl mit seinen Jüngern
Das letzte Abendmahl. Foto: pixabay

 

 

 

Verrat schmerzt

Predigttext zum 21. Februar 2021
Invokavit: Johannes 13,21–30

Als Jesus das gesagt hatte, wurde er erregt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. 22 Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete.    

Johannes 13,21+22

Invokavit – der lateinische Name dieses ersten Passionssonntags bezieht sich auf Psalm 91. Der endet mit der Zusage Gottes: Er hat mich angerufen, darum will ich ihn erhören; ich bin bei ihm in der Not, ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen. Das Abendessen von Jesus mit seinen Jüngern führt endgültig zum letzten Countdown.

Jesus wird erregt im Geist, er hat eine Eingabe, eine Vision, eine Erkenntnis: „Unter uns ist ein Verräter! Er wird mich an die feindseligen ­Behörden ausliefern.“ Was bedeutet das für ­jemanden, der plötzlich weiß, dass ein Mensch, dem er vertraut hat, zum Verräter wird? Das ist doch furchtbar. Die Jünger müssen erkennen: Es ist Judas, der fühlt sich ertappt. Jesus konfrontiert ihn mit dem Hinweis: „Was Du tust, das tue bald!“ Judas flieht aus der Gemeinschaft.

Was ist sein Antrieb? Neid, Gier nach Geld, enttäuschte Liebe?

Jeder von uns kennt wohl auch solche ­Situationen. Menschen, die man für seine Freunde hielt, machen eine Kehrtwende, machen einen lächerlich, sind plötzlich voller Bosheit. Auch mir ist das passiert: Wir haben zusammen studiert,

wir haben zusammen gelernt, gestritten und dann haben wir uns aus den Augen verloren. Jeder ist seinen Weg gegangen, und manchmal haben wir uns wieder getroffen. Der eine hat völlig unvermutet einen bösen Brief geschrieben. Der andere hat sich von seiner Familie getrennt und war ­neidisch, weil ich seiner Meinung nach in ­glücklichen Verhältnissen lebte. Das habe ich bei manchen Begegnungen schmerzlich erfahren ­müssen. Da war dann bei mir tiefe Traurigkeit und Unverständnis.

Furchtbar, dass Judas zum Verräter wird. Er führt dann im Garten Gethsemane die Soldaten, die Jesus gefangen nehmen.

Verrat ist etwas Entsetzliches. Vertrauen wird enttäuscht. Liebe zurückgewiesen. Schnöder ­Vorteil in Geld, andere Vergünstigungen oder auch enttäuschte Liebe sind der Antrieb zur Intrige. Jesus weiß das. Er schreckt nicht zurück. Er weiß, was sein Schicksal ist, er nimmt es an, spätestens dann im Garten Gethsemane kurz vor der Gefangennahme. Im Nachhinein sage ich: Gott sei Dank. Denn sein Schicksal ist unsere Erlösung. Sein Tod und seine Auferstehung sind unsere Rettung. Wir ­können uns in Freude und Leid an ihn wenden. Gott sei Dank. Jesus sei Dank, dem Heiligen Geist, sei Dank, der Jesus Klarheit schenkt.

Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören; ich bin bei ihm in der Not, ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen, sagt Gott in Psalm 91. Das hat er mit seinem Sohn wahrhaftig getan. So traurig es ist. Auch dieses Ereignis ist ­notwendig, es ist über alle Zeiten hinweg der Grund für unser Heil!

Paul Geiß, Pfarrer im Ruhestand, Berlin

Zornige Frau
Jetzt ist Schluss mit lustig! Foto: pixabay

Weinberg des Herrn

Predigttext zum 28. Februar 2021
Reminiszere: Jesaja 5,1–7

Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte.

Jesaja 5,1–2

Das Lied vom unfruchtbaren Weinstock handelt vom Zorn Gottes, aber Jesaja erzählt es so, als sei es mein Zorn, als sänge es von meiner Wut. Über viele Jahre unterstütze ich die Witwe mit ihren beiden Kindern. Sie tat mir in der Seele leid, als alles anfing. Ich beerdigte ihren Mann. Ich erinnere mich an die Kinder im Konfirmandenunterricht.

Langsam begann sie, an meinen Bemühungen herum zu nörgeln. Die Lehre für den Sohn und der Job für die Tochter, die ich vermittelte, waren nicht das Richtige. Eine Stelle für Mutter lehnte sie in letzter Minute ab. Zwei Wohnungen, die ich ihr besorgte, kamen für sie nicht in Frage. Es war zum Mäusemelken! Ich denke, Betreuer*innen kennen solche beratungsresistenten Familien. Zuletzt lehnte sie den optimalen Haushaltsplan ab, den ich für sie entworfen hatte.

Aber jetzt ist Schluss mit lustig! Ich stehe voll und ganz auf der Seite des Gottes, gespielt von einem Weinbauern, von dem Jesaja erzählt. Was sollte er oder ich noch mehr tun an meinem Weinberg, an der Witwe mit ihren Kindern, das ich nicht an ihr getan habe? Warum hat sie schlechte Trauben gebracht, während ich auf gute Ergebnisse wartete? Ich erwartete Gemeinschaftstreue, und sieh’ da Trauergemeinschafft (die Bibel in gerechter Sprache). Ich harrte auf Rechtsspruch und siehe da Rechtsbruch (Kommentar von 0tto Kaiser). Ich wartete auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit (Martin Luther). Der Tenor aller Übersetzungen ist der gleiche: Gott möchte nicht mehr. Er will nicht mehr. Er kann nicht mehr. Und ich möchte auch nicht mehr mit meiner nervenden Witwe.

Wissen Sie, was ich tun werde? Ich werde den Kontakt zu den widerspenstigen Leuten abbrechen! Ich werde den Acker liegen lassen, den ich so lange beackert habe. Sollen sie sehen, wie sie allein zurecht kommen. Soll Israel ohne seinen Gott klarkommen, der es solange unter seine ­Fittiche nahm. Reize nicht den Zorn des geduldigen Mannes!

Ich war soweit gekommen in meiner Philippika gegen die Familie, als mir bewusst wurde, dass die Witwe einen Klumpfuß mit sich herumschleppt, und sie zuletzt auch noch ihren geliebten Hund verlor. Auch ihren erwachsenen Kindern geht es gesundheitlich nicht gut. Dazu kam, dass mir ein Vers aus dem Johannesevangelium zum Sonntag Reminiscere (Erinnere dich!) nicht aus dem Sinn ging: „Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern, dass die Welt durch ihn gerettet werde“ (Johannes 3,17).

Ich begreife, dass ich nicht ich es bin, der sie retten kann. Anstatt zu warten, dass Christus wirkt, grätschte ich dazwischen und fand mich ganz toll in der Rolle als Witwentröster. Nicht wenige Pfarrer gefallen sich darin. Viel zu lange wollte ich „unserer Witwen Helfer sein“ (EG 281, 2) anstatt hinzuschauen, wer ich sein kann und wer nicht. Wahrscheinlich hoffte sie, ich würde sie heiraten.

Letztendlich entlud sich mein Zorn nicht gegen sie, sondern gegen mich selbst. Ich versuchte, den lieben Gott zu spielen. Doch im Weinberg des Herrn bin ich nur eine kleine Nummer. Ich bin nicht der große Zapano bei Witwen und Waisen. Ich muss endlich mit ihr und ihr die Wahrheit sagen. Ich muss aufpassen, dass ich Gott den Vortritt lasse und im Gespräch, im Gebet mit ihm bleiben. Reize nicht den Zorn Gottes!

Pfarrer i.R. Eckart Wragge, Berlin

 

 

Aktuelle Ausgabe Februar 2021

Gottes Gnade trägt -  auch durch Selbstzweifel. Foto: Andrea Piacquadio/pexels
Gottes Gnade trägt – auch durch Selbstzweifel. Foto: Andrea Piacquadio/pexels

Neue Serie: Mein liebstes Bibelwort.
Gott liebt mich. Ich bin Gott genug.
Das genügt.
Von Pfarrerin Angelika Scholte-Reh aus Kroppen

Buchtipp.
Der Kalender für Frauen 2021 aus dem St. Benno Verlag.
Von Sibylle Sterzik,  Berlin

Aufruf zur Fürbitte für Indiens Christen
In Indien werden Christinnen und Christen verfolgt,
bedrängt und in ihrer ­Religionsfreiheit eingeschränkt
Von Petra Bosse-Huber, Auslandsbischöfin der EKD aus Hannover

Serie 75 Jahre Kriegsende.­
Wie haben Sie es damals erlebt?
Mit 17 eingezogen.
Von Joachim Saalfrank, Leser aus Taucha bei Leipzig

 

 

 

Aktuelle Ausgabe Januar 2021

Renate Bärthel und ihr Mann bei ihrer Diamantenen Hochzeit
Renate Bärthel und ihr Mann bei ihrer Diamantenen Hochzeit. Foto: privat

Neue Serie: Mein liebstes Bibelwort.
Ein Bibelwort begleitet Paare von der Hochzeit an durchs gemeinsame Leben.
Von Renate Bärthel, Leserin aus Zschorlau

Singen, hören und beten.
Komm mit zur Allianzgebetswoche.
Von Birgit Förster,  Berlin

 

Seid barmherzig wie euer Vater.­
Gedanken zur Jahreslosung 2021
Von Thilo Haak, Pfarrer der Ostergemeinde im Wedding

Neujahr – ein beliebiges Datum?
Eigentlich war ganz früher mal der 6. Januar der Neujahrstag, wann hat sich das eigentlich ­verändert?
Es antwortet: Sibylle Sterzik aus Berlin

 

 

Predigten des Monats Januar 2021

 

 

Grafik zur Jahreslosung 2021. Grafik: Stefanie Bahlinger
Grafik zur Jahreslosung 2021.
Grafik: Stefanie Bahlinger

Jahreslosung 2021
Jesus Christus spricht: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

Lukas 6,36

 

 

Seid barmherzig wie euer Vater­
Gedanken zur Jahreslosung 2021

Wir Menschen orientieren uns in dem, was wir tun, gerne an dem, was wir an uns selbst durch andere erleben. Manchmal sagen wir: „Wie du mir, so ich dir!“ oder „Wie man in einen Wald ruft, so schallt es heraus!“ oder „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu!“ Es ist wohl so, dass alles Verhalten meines Nächsten zu mir an meinem Verhalten zu ihm hängt. ­Menschen sind einander gleichsam Spiegel, das Verhalten des einen ist im anderen wiederzu­erkennen.

Wer selber in der Lage ist, anderen zu vergeben, wer gerne gibt, wer Mitleid oder Sympathie für seine Mitmenschen hat, der wird ebensolches auch von den anderen erfahren. Wenn ich gute Laune habe und mir das auch anzumerken ist, dann gehen die anderen auch freundlich mit mir um. Wer nur griesgrämig und grantelnd in die Welt schaut, kann von den anderen kaum Zuneigung und Freundschaft erwarten. Ein Lächeln auf dem Gesicht wird gern erwidert. Sauertöpfisches Dreinschauen erzeugt kaum liebevolle Aufmerksamkeit.

Einer, der die Geburtstage seiner Lieben nicht ­vergisst, darf mit Gewissheit auf Glückwünsche zum eigenen Geburtstag hoffen. Wer aus dem Urlaub niemanden schreibt, der darf sich nicht wundern, wenn er nie etwas im Briefkasten findet. Dort wo wir Freundschaften und Beziehungen ­pflegen, dürfen wir immer etwas zurück erwarten.

Manchmal ist das gar nicht so einfach

Wichtig an all diesen Erfahrungen ist, dass stets mein Verhalten dem Verhalten der anderen voraus laufen soll. Im Sinne der Predigt Jesu ist es ganz und gar nicht, sich erst einmal hinzusetzen und zu warten, was wohl die anderen mit mir machen. Umgekehrt ist es. Ich bin aufgefordert auf andere mit offenen Händen und offenem ­Herzen zuzugehen. Dabei soll ich von dem geleitet werden, was ich selber von anderen erwarte.

Manchmal ist das aber gar nicht so einfach. Offenheit und Sympathie für meine Mitmenschen kommt nicht unbedingt von alleine. Gelegentlich fällt es mir sogar recht schwer, immer liebevoll und herzlich zu anderen zu sein. Da kann eine Verletzung, ein böses Wort, eine falsche Geste ­zwischen zwei Menschen treten und sie soweit auseinander bringen, dass sie nicht mehr ­zusammen kommen, sondern sich in Feindschaft verlieren.

Ich glaube, ich muss erst einmal selbst von der Erfahrung des Geliebtseins her kommen, um andere lieben zu können. Wenn ich weiß, dass ich mit all meinen Schwächen und Fehlern trotzdem geliebt werde, dann kann ich andere lieben.

Mit den Worten unserer Jahreslosung heißt das: Barmherzigkeit erfahren haben.

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barm­herzig ist. Gott, unser Vater, liebt jeden Menschen ohne Ansehen der Person. Es gibt niemanden, der ihm nichts wert ist. Darin ist Gott so ganz anders, als wir das können. So eine Erfahrung muss ich erst einmal machen. Gott erbarmt sich meiner, ­lässt mich Erbarmung erfahren, ohne dass ich auch nur andeutungsweise sagen könnte, worin der Grund für sein Erbarmen ist. Ich weiß aber, dass wer solches Erbarmen in seinen Leben lebendig spürt seinen Umgang mit den Nächsten ganz anders lebt und erlebt.

Solche Erfahrungen wünsche ich mir für jeden Menschen. Nicht nur in diesem neuen 2021, ­sondern immer und jederzeit! Die Erkenntnis von Gott geliebt zu sein, auch wenn mich andere ablehnen, lässt uns unser Leben neu sehen und einrichten. So können wir barmherzig sein, wie auch unser Vater im Himmel barmherzig ist!

Thilo Haak, Pfarrer der ­Osterkirchengemeinde, Berlin-Wedding

 

Gott liebt uns wie eine Mutter ihr Kind.
Foto: pixabay

Zum Monatsspruch Januar 2021
Viele sagen: „Wer wird uns Gutes sehen lassen?“ Herr, lass leuchten über uns das Licht deines  Antlitzes!                Psalm 4,7 (L)

Als die „Ökumenische Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen“ diesen Vers aus dem vierten Psalm als Monatsspruch für Januar 2021 aussuchte, konnte sie nicht wissen, was im vergangenen Jahr auf uns zukommen würde. Und auch David, der diesen Psalm betete, hatte wohl etwas anderes im Sinn als die „Corona-Pandemie“. Nur zu gern würde ich es lassen, eine Parallele zum Monatsspruch zu ziehen, aber es wäre auch falsch, sie nicht zu sehen.

Ja, es ist so; viele fragen sich in dieser Zeit, wer uns ­Gutes sehen lässt. Sind doch alle Medien: Zeitungen, Radio und Fernsehen voll von den Berichten über die besorgniserregenden Ereignisse bei uns und in der ganzen Welt, über die dramatischen Entwicklungen der Neuinfektionen, der Krankheitsverläufe und Todesfälle, im TV gefolgt von „Spezial- und Sondersendungen“ zu diesem Thema. Gibt es denn gar nichts Gutes zu berichten? Etwa über Genesungen, über Nachbarschaftshilfen, über junge Menschen, die sich um Alte und Einsame kümmern, über die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffes und endlich über den Rückgang der Pandemie.

Wie leuchtet mir denn heute Gottes Angesicht in der aktuellen Situation meines Lebens? Vergleichsweise kann es so sein: Wenn sich eine Mutter mit strahlendem Lächeln über ihren weinenden Säugling beugt und er dann aufhört zu ­weinen und sich beruhigt. So finde ich Gutes für mich bei dem, der auch zu dir sagt: „Fürchte dich nicht!“ und „Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt!“. Dir kann das Gebet Aarons für die Zukunft Halt geben; denn: „Der Herr segnet dich und behütet dich; der Herr lässt sein Angesicht leuchten über dir und ist dir ­gnädig; der Herr erhebt sein Angesicht über dich und gibt dir Frieden“.

Hans-Jürgen Grundmann, Berlin

 

 

Der zwölfjährige Christus im Tempel
Foto: wikipedia

Der zwölfjährige Jesus im Tempel, 1879 von Max Liebermann.
Foto: wikipedia

Kluger Knabe

Predigttext zum 3. Januar 2021 2.
2. Sonntag nach dem Christfest: Lukas 2, 41–52

Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was ­meines Vaters ist?

Lukas 2,47+49

„Jesus wird flügge“ – so könnte ein Titel für den Predigttext an diesem Sonntag lauten. „Flügge werden“: das sagt man zu den ersten selbständigen Geh- und Flugversuchen von Menschen am Beginn der Pubertät. Flugversuche auf der Suche nach sich selbst: Wer bin ich? Wem kann ich vertrauen? Woran soll ich mich orientieren? Auch der zwölfjährige Jesus vollführt eine solche erste Absetz- und Suchbewegung, allerdings ist sie nicht staksig und vage. Der begabte Knabe weiß schon recht genau, was er will und wo er suchen muss.

Was ist passiert? Die ganze Familie ist von Nazareth hinaufgezogen nach Jerusalem, denn es ist Pessach, das Fest, an dem alle jüdischen Familien den Auszug aus der ägyptischen Sklaverei acht Tage lang im Tempel zu Jerusalem feiern. Die Stadt „brummt“, ist voller Menschen, Vieh und allerlei Handelswaren, denn es gehört zu den religiösen Pflichten im Judentum, zu Pessach nach Jerusalem zu ziehen, um im Tempel zu beten, Opfer darzubringen und um vor dem Angesicht Gottes zu feiern, also fröhlich zu sein.

Max Liebermann malte 1879 den „Zwölfjährigen Jesus im Tempel unter den Schriftgelehrten. Die grauhaarigen Männer als Berliner Juden vom Ende des 19. Jahrhunderts und Juden aus dem Osten hören Jesus aufmerksam wohlwollend zu. Sie begeben sich hinunter auf die Ebene des Kleinen, sitzen am Fuß der Treppe, steigen vom Katheder. Die unheroische Darstellung Jesu empfanden damals viele Münchener als Blasphemie. Die heftigen antisemitischen Angriffe gegen Liebermann fanden ihren Höhepunkt in einer zweitägigen Debatte im Bayrischen Landtag. Liebermann schrieb 1915: „Die ekelhaften Anwürfe von Anti- und Semiten, als ich den Christus im Tempel gemalt hatte, haben mich für immer von biblischen Stoffen abgehalten. Wenn einer Maler ist, soll er nach der Qualität seiner Bilder beurteilt werden, nicht aber nach seiner Nase.“

Leider erfahren wir nicht genau, was und wie Jesus gelernt hat, in Nazareth und in Jerusalem, überhaupt lässt uns unsere Tradition weitgehend im Stich, uns den lernenden Christus zu zeigen. Und er hat gelehrt. Er „nimmt an Weisheit zu“ (Vers 52), und sein erster öffentlicher Auftritt als Rabbi ist dann auch in Nazareth, in einer Synagoge am Schabbat – Morgengottesdienst (Lukas 4).

Der Text des Liedes „Gottes Sohn ist kommen“ (EG 5) erdet den Gottessohn. „Er kommt auch noch heute und lehret die Leute“, so beginnt die zweite Liedstrophe. Und wie er lehrt: nicht mit ausgestrecktem Zeigefinger und von oben herab, sondern „in armen Gebärden“, also voller Demut; und nicht allein und für sich, sondern für alle Menschen.

Pfarrer Günter Dimmler, Königsee/Thüringen

 

Menschen mit offenem Ohr und Herzen erzählen anderen von Gott. Foto: pixabay

 Menschen mit offenem Ohr und Herzen erzählen anderen von Gott. 
Foto: pixabay

Wirkt in der Welt

Predigttext zum 10. Januar 2021
1.Sonntag nach Epiphanias: Römer 12,1–8

Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

Römer 12,1+2

Es ist ein ungewöhnlicher Altar. Er hat keine Kerzen, keine wohlausgewählten Blumen, ja nicht mal ein Tisch ist zu sehen. Dafür aber gibt es eine Altargabe, eine lebendige Opfergabe: Es ist ein Mensch, der mit offenem Ohr und Herzen von Gott erzählt; es ist ein Mensch, der anderen zur Seite steht, wenn Not am Mann ist; oder es ist einer, der aufsteht und das Wort erhebt angesichts des Unrechts vor seinen Augen. Der Altar mit einer solchen Opfergabe steht nicht in einer Kirche, sondern mitten in der Welt. Sein Motiv kann ­variieren, weil auch die Begabungen der Gläubigen variieren.

Dieser Altar ist weniger leicht als heiliger Ort erkennbar, und doch wird auch, manchmal gerade an ihm Gott spürbar. Weniger durch die besondere Atmosphäre des Ortes, als vielmehr durch jenen Menschen, jene lebendige Opfergabe, die im Geist Christi lebt und wirkt. „Stellt euch nicht dieser Welt gleich“, nein, aber wirkt in ihr – nach den Maßstäben, die euch in Christus anvertraut sind. Denn durch sie seht ihr in jedem Menschen einen Teil des Heiligen – jenes Heiligen, der unser aller Schöpfer ist. Und das Wort, sein Wort, ist auch an diesem Altar mit uns: „Wir sind ein Leib in Christus.“

Franziska Roeber, Pfarrerin in der Kirchengemeinde Mariendorf, Berlin

Gott geht mit ins neue Jahr. Foto: pixabay
Gott geht mit ins neue Jahr. Foto: pixabay

Der Glaube reicht

Predigttext zum 17. Januar 2021 2. Sonntag nach Epiphanias: Johannes 2,1–11

Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der ­Wasser gewesen war, …, ruft der Speisemeister den Bräutigam und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie trunken sind, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten. Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat. Es geschah zu Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.                

Johannes 2,7–11

Schön, die Jünger glaubten ihm. Wer glaubt mir, wenn ich predige? Jesus hat mit seinen Beweisen und Wundern gerade erst angefangen. Wasser in Wein verwandeln auf der Hochzeit zu Kana. Das erste Wunder von sieben im Johannesevangelium.

Ich frage mich, was war vorher? Gingen die ­Jünger einfach so mit Jesus mit? Haben die Jesus, als er sie berief, nicht geglaubt? Oder tat Jesus Wunder nur, weil seine ­Mutter dabei war und die Jünger zweifelten? Das beschäftigt mich.

Schön wäre es, wenn Jesus heute mal schnell ein Wunder vollbringen würde. So dass es alle sehen und probieren können wie der Schankmeister. Ich würde dann sagen: „Siehste, habe ich euch schon immer gesagt, da ist Jesus!“

Wo bleibt der Glaube dann? Der freiwillige Glaube von Herzen? Der Glaube, zu dem, was man nicht sehen kann? Nicht sehen nur spüren und empfinden kann? Nein, ich sage es war gut so, damals in Kanaan. So konnten viele den Herrn erkennen, ihm glauben und dieses auch aufschreiben für uns.

Nein, ich brauche keinen Jesus, der sich mit einem Sack voll Wundern beweisen muss. Seine gespürte Anwesenheit, der geschenkte Glaube reicht für mich. Darum bitte ich lieber, dass die Predigthörer sonntags Jesus und auch uns ihren Glauben schenken. Und wenn das so ist, dann ist das Jesusbeweis genug und sollte uns genügen.

Titus Schlagoswsky, Prädikant, Nastätten

 

Rut vertraut Noomi

Predigttext zum 24. Januar 2021 3. Sonntag nach Epiphanias: Rut 1,1–19a

Rut antwortete: Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.

Rut 1,16

Eine Schwiegertochter liebt ihre Schwieger­mutter so sehr, dass sie bei ihr bleiben will, auch wenn deren Sohn, ihr Mann, schon gestorben ist. Die Ältere denkt zunächst an das Wohl der Jüngeren. Sie entlässt sie aus der Pflicht, für eine Witwe zu sorgen. Eine ­liebevolle Geste. Sie schenkt ihnen die Freiheit, weil sie möchte, dass es ihnen gut geht. Eine Schwiegertochter, Orpa, nimmt das Angebot an und geht zurück zu ihrer Familie. Die Moabiterin Rut aber zieht mit Noomi mit, als diese sich wieder aufmacht in die Heimat Bethlehem. Von dort war sie sie einst mit ihrem Mann vor einer Hungersnot ins Land der Moabiter geflohen. Rut geht mit, weil sie dem Gott der Noomi vertraut. Und weil sie erleben will, wo es hin geht, wenn man diesem Gott vertraut.

Bethlehem in Juda, das ist die kleine Stadt, aus der König David und Jesus kommen werden. Rut, eine Moabiterin, wird dort durch ihren Fleiß das Herz des jüdischen Mannes Boas gewinnen und ihren Sohn Obed gebären. Dieser ist der Großvater vom wichtigsten König der Israeliten: David. Somit ist Ruth Davids Urgroßmutter. Damit war eine der vier Urgroßmütter von David keine Israelitin, sondern eine Ausländerin. Und ausgerechnet ihre Geschichte wird in der Bibel genauer geschildert.

Damit nicht genug: Die Mutter des Boas war die Prostituierte Rahab, die den Kundschaftern zu Josuas Zeiten Unterschlupf gewährte, sie vor den Häschern beschützte und zur Belohnung bei der Vernichtung Jerichos verschont blieb. Und diese beiden Frauen – Rahab und Rut – waren in direkter Linie mit Jesus verwandt. Gott war sich nicht zu schade, eine Prostituierte und eine Ausländerin für seinen Heilsplan mit zu nutzen.

Sibylle Sterzik, Berlin

 

Verklärung Christi, 1872, Karl Bloch.  Foto: Wikipedia
„Transfiguration“ by Carl H. Bloch, Danish Painter, 1834-1890. Oil on Copper Plate. Public domain. Source: www.carlbloch.com.

Was ist Wahrheit?

Predigttext zum 31. Januar 2021 Letzter Sonntag nach Epiphanias: 2. Petrus 1,16–19(20–21)

Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das ­Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen. 

2. Petrus 1,16

Das ist die Wahrheit“, oder besser noch als Frage „Was ist die Wahrheit?“, so sagen und fragen die Menschen seit allen Zeiten. Dahinter steckt die Erfahrung, wie viele Unwahrheiten, Verführungen und Lügen es gibt, die in die Irre führen. Jesus sagte: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!“ Das glaubt unser Glaube gewiss. Aber dieser Gewissheit muss er immer wieder vergewissert werden. Dieser Aufgabe nimmt sich unter anderem der Verfasser des Zweiten Petrusbriefes an.

Dieser Brief entstand erst in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts. Ein anderer schreibt unter dem Namen des Petrus. Welche Wahrheit aber steht in Frage? Die Wahrheit der Rede von der Kraft und dem Kommen Christi. Die Welt in der die Menschen lebten, an die dieser Brief gerichtet ist, war voll von selbsternannten Heilspredigern, falschen Propheten, Wahrsagern und ideologischen Verführern. Überall war eine andere Wahrheit zu vernehmen. Ein Markt der Heilsideologien und völlig vergleichbar mit dem, was mir heute begegnet. Und für die junge Christengemeinde war es nicht einfach, sich in diesem Markt der möglichen Wahrheiten zurechtzufinden.

Das ist heute noch ganz genau so.

Diesen vielen selbst gemachten Wahrheiten steht die eine Wahrheit Gottes gegenüber. Auf einem Berg tritt Jesus zwischen die beiden großen Propheten des Bundes Gottes mit seinem Volk Israel, zwischen Mose und Elia. Gottes Stimme ertönt vom Himmel und ein zweites Mal nach der Taufe wird die wahre Sohnschaft und Gottheit Jesu Christi bestätigt: „Dies ist mein lieber  Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“

Die Frage nach der Wahrheit entscheidet sich an der Person Jesus Christi. Das wichtigste Zeugnis christlichen Glaubens im letzten Jahrhundert, die Barmer Theologische Erklärung von 1934, hat dieses so zusammengefasst: Jesus Christus spricht: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, denn durch mich.“

Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einem Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.

Was ist aber, wenn ich mich selbst vom Predigttext in Frage stellen lasse? Wenn ich meine Überzeugungen der Frage aussetze, ob sie der an Jesus Christus orientierten Wahrheit standhalten? Eine Frage, die zeigt, dass das vermeintlich Selbstverständliche eben doch nicht selbstverständlich ist. Deswegen endet der Predigttext auch nicht mit der Erinnerung der Verklärung Jesu, sondern mit einer Ermahnung: Um so fester haben wir das ­prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der  Morgenstern aufgehe in euren Herzen.

Das Erinnern der wahr gewordenen göttlichen Verheißung lässt mich fest an den Prophezeiungen des Wortes Gottes bleiben. Und gleichzeitig bin ich verpflichtet, dessen Licht immer wieder neu in meinem Herzen aufgehen zu lassen.

Glaube will gelebt werden. Er muss sich ständig prüfen lassen, ob er noch im Licht der Verheißung steht. Eine Aufgabe, die mir an jedem Tag neu gestellt ist, bis unser Herr kommt. Das ist die Wahrheit!

Thilo Haak, Pfarrer der Ostergemeinde Berlin-Wedding

 

Gebet des Monats Januar 2021

Winterlandschaft
Foto: pixabay

Ein Gebet für das neue Jahr
Herr Jesus, danke dafür, dass du uns durch das vergangene Jahr mit all seinen Stürmen und Sonnenschein hindurchgetragen hast. Durch deine übergroße Gnade schenkst du uns aus reiner Liebe ein neues Jahr, in dem wir immer besser lernen, diese Gottesliebe an unsere Mitmenschen weitergeben zu können.

Geleite uns durch diese Zeit der Epidemie. Halte deine Hände über uns. Schenke uns Weisheit und Einsicht, damit wir unsere Mitmenschen – in Verantwortung für einander – vor einer Ansteckung mit Corona schützen. Danke, Gott! Du hast über allem das letzte Wort. Du trägst uns bewahrend hindurch. Amen

Karl-Heinz Eberhardt Schäfer

Aktuelle Ausgabe Dezember 2020

Die heilige Familie
Maria und Josef hatten auch nur einen ­ärmlichen zugigen Stall als Herberge. Foto: pixabay

Alte und neue Medien.
Für die Nachkommenden bewahren. Wie die Bibel entstand – Teil Schluss
Von Hans-Jürgen Grundmann aus Berlin

Kein Raum in der Herberge.
Draußen feiern und trotzdem in Weihnachtsstimmung kommen? Gedanken zu Weihnachten
Von Sibylle Sterzik,  Berlin

Wie haben Sie es damals erlebt? Serie: 75 Jahre Kriegsende
Familie auf der Flucht. Im Winter über Danzig nach Dänemark.
Gerhard Sachs, Leser aus Greifswald

Weihnachten ist in diesem Jahr alles anders. 
Weihnachten ist in diesem Jahr alles anders. Seit Monaten rätseln die Gemeinden, wie sie das Fest unter Corona-Bedingungen feiern sollen. Vielleicht draußen im Kalten bei Schnee? Wie soll da „O du fröhliche“-Weihnachtsstimmung aufkommen?
Es antwortet: Generalsuperintendent m Ruhestand Rolf Wischnath aus Gütersloh

 

 

Predigten des Monats Dezember 2020

Hungrige speisen Frohe Botschaft Dezember 2020
Foto: pixabay

Zum Monatsspruch Dezember 2020
Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!                 Jesaja 58,7 (L)


Die dem Wochenspruch nachfolgenden Verse 9 und 10 gehen noch viel weiter: „Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.“

Wie steht es damit? Sind wir bereit, von unserem Überfluss mit Freude abzugeben und das Wenige, was mancher hat, zu teilen? Einem Obdachlosen einige Euros zu geben und zu sagen: „Kauf’ dir was“, ist schnell erledigt. Aber nachzufragen, wie er in solch eine Situation gekommen ist, fällt schon schwerer. Und überhaupt: Soll ich mich mit dem schmutzigen und müffelnden Kerl abgeben? Sollte ich ihm bei mir daheim ein Bad zurichten, ihm saubere Kleidung und satt zu essen geben? Dann werde ich ihn vielleicht nicht wieder los? Wo soll das hinführen? Sollte ich mit ihm die entsprechenden Ämter aufsuchen, ihn dort unterstützen?

Aber, habe ich nicht genug mit mir selbst zu tun? Sollte ich mich lieber um meine Tochter oder meinen Sohn kümmern, die oder der sich mir seit Jahrzehnten entzieht? Und wie oft soll ich ihnen noch ein Zeichen meiner Vergebung senden? Fragen über Fragen. Und Antworten? Trotzdem! Nicht aufgeben! Dranbleiben! Und in allem mit Gottes Hilfe und Beistand rechnen, denn er selbst ist die Antwort.

Karl-Heinz Eberhardt Schäfer, Leipzig

 

Einer sorgt für den anderen

Geduldige Fürsorge.
Foto: pixabay

Hoffnung ermöglicht Warten

Predigttext zum 6. Dezember 2020 2. Advent: Jakobus 5,7-8 (9-11)

Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.      Jakobus 5,8

Hintergrund der Mahnung zur Geduld ist das Ausbleiben der Parusie, also der Wiederkunft Jesu Christi. Die ersten Christen hatten sie zu ihren Lebzeiten erwartet. Als Jakobus diesen Brief schrieb, waren seit Jesu Tod und Auferstehung bereits einige Jahrzehnte vergangen. Immer mehr Christen starben dahin. Viele zweifelten. Lohnte es noch, an Jesus zu glauben? Ja, meint Jakobus und ermutigt zu weiterer Langmut, wie Luther übersetzt hat. Die frühen Christen haben darauf gehört. Als Jesu Erdenzeit drei Jahrhunderte zurück lag, schrieben sie sein Wiederkommen ins Glaubensbekenntnis. Dort hat es bis heute seinen festen Platz, auch wenn die meisten Christen ein Ende der Welt eher von einer durch Menschen verursachten Katastrophe erwarten als vom Erscheinen Jesu. Am zweiten Sonntag im Advent sind jedes Jahr sein Kommen und das Jüngste Gericht Thema des Gottes­dienstes.

Geduld ist freilich auch sonst wichtig und hilfreich. Ich kenne die Versuchung, mit einem Machtwort ein langes Hin und Her zu beenden. Ich weiß aber auch, dass das selten zu einer befriedigenden Lösung führt. Selbst da, wo Eile notwendig ist wie beim Klimaschutz, bringt Ungeduld eine Sache in der Regel nicht voran, weil sie andere überfordert und nicht ernst nimmt. In vielen Lebenslagen ist Ausdauer nötig, um erfolgreich zu sein. Sie gibt es nicht ohne Geduld. In einer Warteschlange mach ich mich mit Ungeduld schnell unbeliebt. Geduld und Ungeduld sind ansteckend.

Im Umgang mit Kindern spüre ich bald, ob sie geduldige Eltern haben. Sie sind ausgeglichener als andere.

Mir ist der Hinweis wichtig, dass es auch Grenzen der Geduld geben muss. „Mut kennt auch der Mameluck. Gehorsam ist das Christen Schmuck“, hat Friedrich Schiller gedichtet. Damit beschrieb er ein obrigkeitliches Denken, das evangelische Kirchen in unserem Land stark geprägt hat. Von Frauen und Untertanen, Kindern und anderen Abhängigen wurde Leidensbereitschaft erwartet. Das haben wir inzwischen weithin als Irrweg erkannt, dennoch bleibt Langmut eine christliche Kardinaltugend.

Langmut ist eine Frucht von Glaube, Hoffnung und Liebe. Wenn ich glaube, dass Gott mich liebt und umsorgt, fällt es mir leichter, schwierige Zeiten auszuhalten. Ich vertraue darauf, dass auch aus Leiden ein Segen erwachsen kann. Hoffnung ermöglicht Warten. Wenn ich nicht mehr damit rechnen kann, dass sich etwas ändert, wird aus Geduld ein müdes sich Abfinden mit dem Schicksal. Liebe schließlich führt zu geduldiger Fürsorge. Immer wieder erlebe ich mit Bewunderung, wie sich Menschen um einen ­pflegebedürftigen Angehörigen kümmern, obwohl diese Aufgabe ihre Kräfte übersteigt.

Leopold Esselbach, Generalsuperintendent i.R., Neuruppin

 

Mit den Händen Licht bringen Gottes Licht strahlt in der Dunkelheit.
Foto: pixabay

Licht, das uns besucht

Predigttext zum 13. Dezember 2020  3. Advent: Lukas 1,67–79

 Gelobt sei der Herr, der Gott Israels, denn er hat besucht und erlöst sein Volk.    Lukas 1, 68

Auf Besuch bereitet man sich vor. Wenn Besuch kommt, wird noch mal gewischt und Staub gesaugt, der Kühlschrank gefüllt und wenn alles gerichtet ist kann der Besuch schon kommen. Große Freude zum Fest, wenn dann alle lieben Menschen endlich da sein werden.

Auch in der Bibel wird das Christfest vorbereitet. Bei Lukas lesen wir den Lobgesang des greisen Zacharias, der die Geburt seines nicht mehr erwarteten Sohnes Johannes durch die ebenfalls betagte Ehefrau, einer Cousine Marias, in höchsten Tönen preist: „Du Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen, denn du wirst dem Herrn vorangehen und seinen Weg bereiten“ (Lukas 1,76).

Wunder- und kunstvoll komponiert Lukas die Geschichten von Johannes und Jesus zusammen. Johannes wird als Täufer den Weg Jesu mit seiner Predigt von Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden vorbereiten. Er wird Raum schaffen für die Herrlichkeit des Herrn. Johannes bereitet Jesus den Weg, dem „aufgehenden Lichtes aus der Höhe, das uns besucht, denen erscheint, die in tödlicher ­Finsternis sitzen“ (Lukas 1,78f).

Und was, wenn niemand zu Besuch kommen darf? Was, wenn es wieder zu tiefen Einschränkungen im Umgang von Menschen zu Mensch kommt, wie wir es Ostern erleben mussten? Während ich das hier schreibe, lassen die steigenden Zahlen der mit Covid-19 Infizierten Schlimmes befürchten. Dann werden wir auf die lieben Menschen an unserer Seite verzichten müssen, das wird weh tun, aber der eigentliche Besuch wird kommen! Christus, das Licht aus der Höhe und das will vorbereitet sein.

Land auf, Land ab sind zahllose Menschen rührig und unterwegs, um das Christfest auch unter schweren Bedingungen erlebbar und erfahrbar zu machen. In diesem Jahr eine noch intensivere Herausforderung, das Christfest vorzubereiten. Und vielleicht ruft der Advent gerade jetzt in besonderer Weise mit dem Täufer Johannes zur Umkehr und zur Buße – zum Verlassen alter, lieb gewonnener Wege, die – seien wir ehrlich – oft auch schon etwas ausgetreten waren.

Wer zum Christusfest zu Besuch kommen wird, wissen wir nicht. Doch wir werden vorbereitet sein, denn eines wissen wir ganz genau: ER  kommt zu Besuch, Jesus, dem Johannes den Weg zu uns bereitet hat – Jesus – das ist nun wirklich eine Gute Nachricht – sein Licht stahlt in der Dunkelheit des Todes, des Leides und der Einsamkeit. ER steht auch dir zur Seite, still, oft unerkannt, dass er treu dich leite an der lieben Hand – auf dem Weg des Friedens. Amen

Michael Dürschlag, Pfarrer in Michendorf-Wildenbruch

Ein Stern geht auf
Ein Stern geht auf mit dem versprochenen Kind. Foto: Elias Tigiser/Pexels

 

Zeit des Wartens

Predigttext zum 20. Dezember 2020 4. Advent: 1. Mose 18,1–2.9–15

Da sprach der Herr zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Sollte ich wirklich noch gebären, nun, da ich alt bin? 14 Sollte dem Herr etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen übers Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben. 1. Mose 18,13+14

Es ist lange her, dass in einer Adventszeit so sehnlich gehofft und erwartet wurde wie in dieser. Auf einmal kommt das Wort Erlösung nicht mehr nur in Predigten vor. Und das ungeduldige „Wie oft müssen wir denn noch schlafen?“ empfinden nicht nur Kinder im Warten auf den Heiligen Abend. Hoffnung und der Wunsch nach Erlösung, eine riesengroße Sehnsucht nach dem Ende der Pandemie und der Rückkehr zu einem normalen Leben verbindet in dieser Adventszeit alle Generationen miteinander. Junge und Alte, Kinder und Greise und alle dazwischen sind gleich betroffen. Es gibt es niemanden, der nicht aktiv wartet.

Es ist schon lange her, dass Sara und Abraham noch einmal aufgebrochen waren. Sie sollten endlich bekommen, was sie sich schon lange von Herzen wünschten: eine neue Heimat und Kinder. Es war mutig von Gott, dies einem 75-Jährigen und seiner nur wenig jüngeren Frau zu versprechen. Jetzt, fast ein Vierteljahrhundert später, erneuert Gott sein Versprechen noch einmal. Und es ist kein Wunder, dass Abraham vor Lachen umkippt: „Da fiel Abraham auf sein Angesicht und lachte und sprach in seinem Herzen: Soll mir mit hundert Jahren ein Kind geboren werden?“ (1. Mose 17,17). Das sagt er aber nur zu sich. Gott gegen­über versucht er, die Fassung zu bewahren und das bittere Lachen herunterzuschlucken. Weiße Haare und kein Kind, was soll noch kommen?

Aber dann kommt Besuch. Und jetzt kommt Leben in die beiden. Sie beeilen sich, weil die Gäste ja warten. Abraham muss schlachten, Sara muss kochen und backen. Ein kleines Festessen. Sie haben schon so lange gewartet. Ein Warten, dem die Hoffnung längst abhanden gekommen ist.

Dann essen die Gäste. Ein Moment der Ruhe und in die Stille hinein eine Frage. Wo ist Sara? Abraham, der sich aufgemacht in ein neues Land, ist ja nicht alleine gekommen. Heimat, die könnte er auch allein finden, aber Zukunft, Kinder gibt es nur zusammen mit seiner Frau. Und unglaublich, was der Besuch dann verspricht. Es wird diese Zukunft geben. Das Warten wird ein Ende haben. Etwas, was sich alle Wartenden, alle, die hoffen, von ganzem Herzen wünschen, in diesen Tagen mehr als je zuvor: Dass einer sagt, wann es endlich soweit ist. Der Besuch sagt: Ein Jahr noch, nur ein kurzes Jahr, und Sara wird ein Kind haben und die beiden eine Zukunft.

Sara lacht. Und Abraham sagt jetzt gar nichts mehr. Die beiden haben doch schon genug zu tragen an ihrem vergeblichen Warten. Dieses Versprechen stößt sich hart an der Wirklichkeit. Abraham schweigt und Sara lacht.

Ist denn irgendetwas unmöglich für den Herrn? Die Frage fällt in das Schweigen unter dem Baum in der Mittagshitze, in die Jahre des Wartens, in die Resignation. Die Frage fällt in die Wirklichkeit. Sie fällt in jedes Leben, an diesem Nachmittag im Hain Mamre und in die Adventszeit des Jahres 2020. Immer wieder in der Geschichte Gottes mit seinen Menschen gibt es das, was Abraham und Sara erlebten: Jahre des Wartens, Zeiten ganz ohne Hoffnung, eine Wirklichkeit, die alle Möglichkeiten zu ersticken droht. Von Gott kommt ein ­Versprechen. Es stößt sich an der Wirklichkeit, es muss Hindernisse überwinden und Rückschläge aushalten. Wir erleben etwas davon in unserer Zeit. Aber wir warten. Und lassen uns die Hoffnung nicht abhandenkommen. Denn ein Kind ist unterwegs.

Katrin Oxen, Pfarrerin der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis­kirche, Berlin-Charlottenburg

Die Weißen unserer Welt

Predigttext zum 27. Dezember 2020 1. Sonntag nach dem Christfest: Offenbarung 7,9–12(13–17)

Diese sind es, die aus der großen Trübsal kommen und die ihre Kleider gewaschen haben und sie weiß gemacht haben im Blut des Lammes. Offenbarung 7,14

Liebe Schwestern und Brüder, wir wissen alle, dass sich Blutflecken echt schwer aus weißer Wäsche rauswaschen lassen. Das Bild aus der Johannes-Offenbarung ist absurd – und soll es wohl auch sein. Bei Gott ist alles anders. Auch wenn es unvorstellbar ist, können Leiden, Krankheit, Verfolgung, Flucht und Hunger ein Ende haben. Diese Worte des Trostes brauchten die Gemeinden in Kleinasien, an die Johannes, der Seher, von der Insel Patmos aus schreibt.

Das Bild vom Thron ist wie ein Bühnenbild in der Inszenierung einer Oper mit dem Thron Gottes in der Mitte, den Engeln um den Thron mit dem Lamm, den Ältesten und dann der Masse von Weißgekleideten mit Palmwedeln. So etwas denken sich Regisseure aus, auch die, die Krippenspiele auf die Altarbühne, freie Bühnen oder in Filme bringen. Jede Figur hat ihre Bedeutung und das Ganze ist eine Botschaft an das Publikum beziehungsweise an die Adressaten des Briefes.

Der Regisseur hier möchte sichergehen, dass das Publikum die Botschaft verstanden hat. Deshalb lässt er einen Schauspieler von der Bühne aus sein Publikum fragen: „Weißt du, wer die Weißen sind?“ Und er erklärt dem Publikum, was auf der Bühne zu sehen ist. „Die Weißen sind die, die bisher leiden mussten.“ Und damit begreifen die Zuschauer in den letzten Reihen, wer gemeint ist. Es sind die vom römischen Kaiser Verfolgten in den Gemeinden in Kleinasien selbst und die Menschen aus allen Völkern, Kulturen und Religionen, die Opfer von Verfolgung sind! Der Text ist hier universell und gilt für die Beleidigten und Ver­folgten bis heute, aus allen Nationen, Völkern und Sprachen.

Der Schauspieler erklärt auch uns, wer die „Weißen“ in der Vision sind. Das sind nicht unbedingt die Weißen in unserer Welt. Im Gegenteil. Es sind die, die wegen ihrer Hauptfarbe verfolgt sind. Es sind die Opfer der Shoah und die Menschen, die heute unter Menschenrechtsverletzungen leiden.

Das Lamm macht das Unmögliche. Es wäscht Blut aus weißen Kleidern. Es erhebt die Beleidigten in die Nähe Gottes. In diesem Bühnenstück ist die Welt verdreht und auf den Kopf gestellt.

Das ist auch die Botschaft von Weihnachten, dass nicht die in den schönen Häusern und ­Palästen Christus bei sich haben, sondern die ohne Herberge und die Verfolgten. Vielleicht werden die Flüchtlinge von heute dann die Gastgeber von Morgen sein. Wir sollten anfangen, das Bühnenbild des Sehers Wirklichkeit werden zu lassen und den Menschen in Trübsal zur Seite stehen. Amen

Beatrix Spreng, Pfarrerin in Joachimsthal.

Sie erhielt im Oktober 2020 für ihr ­Engagement gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit den Brandenburger Freiheitspreis 2020.

 

Advent - Zeit der Kerzen und des Wartens.

Advent – Zeit des Wartens. Foto: pixabay