Predigten des Monats September 2026

 

Zum Monatsspruch September 2026

Ausgestreckte Hände in roten Ärmeln
Wer mit offenen Händen betet, zeigt sein Vertrauen in Gott Allmacht. Foto: Jon Tyson/unsplash

„Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind.“
Kohelet 4,6 (L) 10,10 (E)

Salomo muss es wissen! Das Predigerbuch, sein Spätwerk, berichtet von seiner Studie über den Sinn des Lebens.

Er hatte beides ausprobiert, Ruhe und Mühe. Tatsächlich probierte er alles aus, was zu seiner Zeit möglich war. Er investierte Mühe und vermutlich auch Geld, nur um dann bald festzustellen, dass alles Treiben unter der Sonne doch nur „Haschen nach Wind“ ist. Salomo gewann durch Beobachtung und Erfahrung die Erkenntnis, dass „zwei Fäuste voll mit Mühe“, also harte Arbeit, Disziplin und Sorgfalt kein Garant für Erfolg und Beständigkeit sind. Wie enttäuschend! Aber auch wie ernüchternd! Denn König Salomo, dem Gott außerordentliche Weisheit verliehen hatte, erkannte dadurch, worauf es wirklich ankommt.

Der Gegensatz von Hand und Faust macht‘s deutlich: Fäuste sind geschlossene Hände, stehen für Entschlossenheit, aber auch für Ungeduld oder sogar Rücksichtslosigkeit. Die Hand aber ist offen, voller Erwartung, gefüllt zu werden. Die offene Hand voller Ruhe – möglicherweise eine Umschreibung der für Salomos Zeit typischen Gebetshaltung, – ist sie vielleicht ein versteckter Hinweis für alle, die trotz größter Anstrengung innerlich leer bleiben?

Beten mit offenen Händen mag Überwindung kosten, doch wer so betet, demonstriert unübersehbar sein Vertrauen auf Gottes Allmacht. Wer sich – angesichts all dessen, was zu tun ist, – für die „Hand voll mit Ruhe“ entscheidet, kann darauf vertrauen, dass Gott sein Tagewerk segnend begleitet und innerlichen Frieden gibt. Versuchen Sie es!

Uschi Hecht, Berlin

 

Predigten im Monat September 2026

Ein Gemälde von Jesus und Zachäus
Jesus und Zachäus. Wieskirche, Fresko von Johann Baptist Zimmermann (zwischen 1749 und 1754). Foto: wikimedia commons/gemeinfrei

Komm runter

Predigttext zum 6. September 2026
14. Sonntag nach Trinitatis:
Lukas 19,1–10

Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden. Lukas 19,5–6

Die Erzählung aus dem Lukasevangelium ist bekannt. Hören wir einmal die persönliche Sicht des Zachäus auf die Begegnung mit Jesus:

„Seit den Tagen meiner Kindheit werde ich geärgert. Ich bin kleiner als die anderen. Damit haben sie mich immer aufgezogen. Ich bin älter geworden, aber nicht größer, habe versucht mich bemerkbar zu machen, nichts hat geholfen. Denen werde ich es zeigen, habe ich gedacht. Aber wie?

Vom Außenseiter zum Steuereintreiber

Da bietet sich die Gelegenheit, das Recht der Steuererhebung zu pachten. Dazu muss man mit den römischen Besatzern zusammenarbeiten. Jeder, der das tut, macht sich unbeliebt. Aber bei mir ist das egal. Sie haben mir gesagt, wie viel Steuern ich einbringen muss, wie viel Geld ich den Menschen darüber hinaus abnehme, sei meine Sache.

Zuerst habe ich gar nicht begriffen, wie raffiniert dieses System angelegt ist. Aber allen Ärger, den die Steuer bei den Menschen verursacht, ziehe ich auf mich. Außerdem ist darin schon angelegt, dass ich die Menschen betrügen muss. Wenn ich selber Geld haben will, das ich zum Leben brauche, muss ich ihnen mehr abnehmen, als der Staat fordert. Es ist ein erhebendes Gefühl, wenn sie ihre Steuer bei mir einzahlen müssen. Jetzt bin ich wer, jetzt stelle ich etwas dar. Nur liebt mich keiner, jetzt erst recht nicht mehr. Kennt ihr einen, der gerne Steuern zahlt?

Die Sehnsucht nach Anerkennung

Aber manchmal quält mich mein Gewissen: Verbieten die Gesetze, die Gott unseren Vätern gab, nicht den Diebstahl? Haben uns die Propheten nicht gewarnt, uns mit den Mächtigen einzulassen? Meine Seele hat immer noch keinen Frieden gefunden. Dann denke ich, wenn doch nur einer käme und sagen würde: ‚Zachäus, ich mag dich, mich interessiert nicht, ob du zu klein geraten bist oder womit du deinen Lebensunterhalt verdienst, ich höre dir zu.‘ Das täte meiner Seele so gut.

Heute ist Jesus in der Stadt. Es heißt, er liebt jeden Menschen, so wie er ist. Hier ist die Stelle, wo er vorbeiziehen muss. Natürlich haben sich schon wieder alle vor mir aufgestellt. Da muss ich auf diesen Baum klettern.

Jesus sieht Zachäus

Jetzt kommt Jesus auf mich zu. Was wird jetzt passieren. Er wird bestimmt sagen: ,Ey du, komm da runter, mach dich nicht peinlich, was bist du denn für einer, ein Betrüger, ein Sünder, scher dich weg hier.‘ Was hat er gesagt? Mein Herz kann nicht glauben, was meine Ohren gehört haben: „Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.“

Über Stunden sitzen wir zusammen. Er hört mir zu. Ich erzähle ihm alles. Wie sie mich als Kind ausgeschlossen haben, wie ich mich mit den Römern eingelassen habe. Ich erzähle ihm auch von den Betrügereien. Wie geduldig er ist. Kein Vorwurf kommt über seine Lippen. Er schaut mich an, es kommt mir vor, als wenn seine Augen in mehr Herz sehen könnten. Eigentlich müsste mir Jesus doch fremd sein, und doch vertraue ich ihm ganz.

Vergebung und ein neuer Anfang

Er sagt: „Zachäus, Gott liebt dich, auch wenn du seine Gesetze übertreten hast. Deine Schuld ist dir vergeben. Ändere deinen Sinn und folge mir nach. Dann wird deine Seele Frieden finden und dein Herz die Liebe, die es braucht.“

Thilo Haak, Pfarrer im Ruhestand, Berlin.

 

Wasser fließt aus einem Holzrohr im Wald in einen Bach
Quellen sind wunderbare Orte des Lebens. Foto: Arseny Togulev/unsplash

Gott gibt das Wasser des Lebens

Predigttext zum 13. September 2026
15. Sonntag nach Trinitatis:
1. Mose 2,4b–9 (10–14) 15 (18–25)

Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen. Denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; aber ein Strom stieg aus der Erde empor und tränkte alles Land. Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den ­Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahret. 1. Mose 2,5.6.8.15

Wasser – wie wichtig ist gutes frisches und sauberes Wasser! Wasser aus einem Strom, damit beginnt alles Leben auf der Erde. In diesem Jahr wird mir das wieder ganz besonders bewusst. So habe ich mich für diese Verse aus dem Predigttext entschieden – vielleicht überraschend oder ungewöhnlich.

Der Strom, das fließende Wasser, lässt Sträucher und Kraut, Bäume wachsen und Früchte gedeihen und reifen. Ja, auch wir Menschen bestehen aus Wasser, 60 bis 70 Prozent oder sogar mehr (Neugeborene). Hinzu kommt der Atem Gottes, der uns lebendig macht. So sind wir in Bewegung – Leben heißt in Bewegung sein und gespeist werden aus dem Strom, dem Wasser des Lebens, den Gott aus der Erde quellen lässt. Die Quelle des Lebens findet sich bei Gott. Doch was geschieht mit den Quellen, was machen Menschen daraus?

Wenn Wasser fehlt oder zu viel wird

Wasser kann fehlen und Menschen dürsten, Land trocknet aus und bringt keine Frucht mehr. Wasser kann zu viel strömen und Lebensgrundlagen vernichten, Menschen ertrinken, Land wird überschwemmt und Ernten vernichtet. Das erleben wir immer wieder auch in diesem Sommer nahe bei uns und weltweit. Wir wissen, wir sind an den sogenannten Naturkatastrophen beteiligt, vieles ist menschengemacht, hausgemacht.

Der richtige Umgang mit Wasser ist und bleibt entscheidend für das Leben. Der Kampf ums Wasser darf nicht eskalieren, doch er hat längst begonnen und damit der Kampf um die Gärten der Welt – die Orte, die zu bebauen und zu bewahren sind. Wir dürfen nicht alles Wasser nur für uns gebrauchen zum Bewässern, für Industrie, zur Körperpflege und Reinigung, zur Kühlung usw.

Wasser gehört der ganzen Schöpfung

Wasser gehört der ganzen Schöpfung, der Tierwelt und der Pflanzenvielfalt. Regenwald, Seen, Flüsse, Quellen sind wunderbare Orte des Lebens, erhaltenswert und zu bewahren.

Erinnern wir uns an einen Ostermorgen, als wir stumm zur Quelle liefen, Wasser schöpften, uns wuschen und tranken, um dann fröhlich das Osterfest zu feiern – das Leben, das aus der Quelle Gottes quillt. Erinnern wir uns an den Besuch in einem Heilbad und das Trinken einer besonderen Heilquelle, viele kleine Schlucke im Gehen und Wandeln, langsam heilend. Bewahren wir diese Erfahrungen gemeinschaftlichen Lebens und helfen wir im Alltag mit, dass Gott das Wasser für alles Leben fließen lässt und die Erde ein bewässerter Garten sein will.

Ich wünsche Ihnen, dass die Quelle des Lebens, Gottes Wort und Segen, Sie erfüllen und weiterströmen.

Sabine Benndorf ist Prädikantin im Westhavelland im Kirchenkreis Havelland.

 

Silhouette einer Hand, die einen Wahlumschlag in eine Wahlurne steckt
Nicht nur mitreden – mitentscheiden. Foto: Element5 Digital/unsplash

Die Wahl liegt bei uns

Predigttext zum 20. September 2026
16. Sonntag nach Trinitatis:
2. Timotheus 1,7–10

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserem Herrn (…). Er hat uns selig gemacht (…) nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus (…) der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium. 2. Timotheus 1,7–10 (gekürzt)

Wir haben die Wahl. Großartig! Und leider überhaupt nicht selbstverständlich … Viel zu verbreitet das Gefühl von Wahllosigkeit: alternativlos in Warteschleifen oder in „Gesprächen“ mit Chatbots ausharren – unentrinnbar im Stau stehen – Lebensvollzügen ausgeliefert sein. Aber jetzt: Wahlmöglichkeiten!

Das hohe Gut der politischen Wahl

Das gilt an diesem Sonntag herausragend für das Hochamt der Demokratie im Land Berlin – die Wahl zum Abgeordnetenhaus! Auch wenn das Ergebnis einer Wahl nicht mit den eigenen Erwartungen übereinstimmen mag, so bleibt doch das hohe Gut, überhaupt die Möglichkeit zur Wahl zu haben. Man bedenke das Gegenteil … Und der Weltöffentlichkeit wird doch mancherorts in absurder Weise vorgeführt, wie verletzlich dieses vermeintlich sichere Grundrecht ist. Grund genug, das eigene Wahlverhalten auch danach auszurichten, dass das Recht der eigenen Wahl Zukunft behält!

In dem Brief, dem die Verse des Predigttextes entnommen sind, verfasst vom frühchristlichen Missionar Paulus an seinen Mitarbeiter Timotheus, geht es um eine andere als um die politische Wahlmöglichkeit. Seine Worte setzen eine sehr grundsätzliche Wahlfreiheit voraus; eine, die wirklich allem zugrunde liegt: Tod oder Leben. Entweder dem Dunklen, Negativen, Hoffnungslosen verhaftet bleiben – oder in Gottes Namen der Zuversicht glauben.

Hoffnung statt Alternativlosigkeit

Durch die Auferweckung Jesu von den Toten ist „dem Tod die Macht genommen“. Ostergefühle mitten im September. Niemand ist gezwungen, das Leben als unentrinnbares Unterfangen anzuschauen, in dem es keinen Sinn macht, für Gutes einzutreten. Diese Weltsicht ist entmachtet – nun sitzen Hoffnung, Vertrauen und Zuversicht in der Regierung. Ihr Programm: Es gibt immer ein Morgen, alle Tage neu. Zukunft statt festgefahrener Gegenwart. Für jede und jeden, allezeit und „unvergänglich“ gibt es eine zweite Option. Verzagen, hetzen, wütend sein oder leben und handeln im Geist „der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“. Alternativlosigkeit hat ausgedient. Nicht Furcht und Angst vor dem Leben haben müssen, sondern „Mut zum Sein“ (Paul Tillich) haben dürfen, ausleben können, verbreiten.

Mich beeindruckt, wie offenbar schon zu biblischer Zeit dieser „Mut zum Sein“ schambesetzt sein konnte, wogegen Paulus angeht. „Schäme dich nicht des Zeugnisses von unserem Herrn …“ Warum auch?!? Zwar versuchen ein gekränktes Herz oder das Gefühl, Opfer zu sein, ihre Macht zu erhalten und stets neu zu bekräftigen. Lach darüber! Die Wahl liegt inzwischen bei uns.

Kraft, Liebe und Besonnenheit

Wir dürfen Kraft, Liebe und Besonnenheit leben, sie unser Handeln und Denken bestimmen lassen, sie stark und stärker werden lassen – sogar durch unsere politische Wahl.

Oberkonsistorialrat Dr. Christoph Vogel leitet die Abteilung 3 Pfarrpersonal, Religionsunterricht, Prüfungswesen und Bildung im Ev. Konsistorium der EKBO.

Eine Silhouette von Menschen, die sich sitzend vor einem hellen Hintergrund unterhalten
Jesus hört der bewundernswerten Frau zu. Tun wir das auch: dem anderen zuhören? Foto: Priscilla Du Preez/unsplash

Im Gespräch bleiben

Predigttext zum 27. September 2026
17. Sonntag nach Trinitatis:
Matthäus 15,21–28

Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. Sie sprach: Ja, Herr; aber doch essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde. Matthäus 15,24–28

Ich bewundere diese Frau. Leider wissen wir nicht, wie sie hieß. Sie lässt sich nicht kränken von einer abfälligen Bemerkung, die ihr gilt. Sie hätte Grund, sauer zu sein oder zum Gegenangriff überzugehen. Alles das tut sie nicht. Sie geht auch nicht in die Opferrolle und wendet sich ab. Sie geht auf ihr Gegenüber ein, respektiert seine Sicht. Sucht nach dem Verbindenden, nimmt das Bild, das er ihr hinhält, und weitet es, so dass auch sie darin Platz findet. Damit bleibt sie in Kontakt mit ihrem Gegenüber, bleibt im Gespräch.

Und gibt ihm die Chance, seinerseits zu überprüfen, ob es Übereinstimmungen gibt. Mit Erfolg. Ihr Gegenüber schaut sie anders an und gibt ihrem Wunsch nach.

Ein Meisterstück der Kommunikation

Ein Meisterstück an Kommunikation. Vorbild für eine Frage, die uns gegenwärtig vielfach umtreibt. Wie bleiben wir im Gespräch, auch wenn wir einander fremd (geworden) sind?

Kürzlich hatten wir im Rahmen der internationalen Sommerakademie des Berliner Missionswerkes Besuch aus den USA. Pfarrerin Jes Kast aus Pennsylvania erzählte, wie sie versucht, mit Menschen im Gespräch zu bleiben. Auch wenn das in der politisch aufgeheizten Situation, die sich auch quer durch die Kirchengemeinden zieht, manchmal kaum möglich erscheint. Jes arbeitet mit dem Bild des Nachbarn oder des Nächsten, was im Englischen das gleiche Wort ist: Neighbor. Der oder die andere ist zuerst Mensch, Nachbar, Nächster. Erst dann Kanaanäerin, Samaritaner. Niemand muss auf Wesentliches verzichten, damit andere auch teilhaben können. Unter Nachbarn ist Anteilnahme möglich.

Jesus lässt sich auf das Gespräch ein

Bewundere ich auch den Gesprächspartner der bewundernswerten Frau? Ich zögere kurz, aber ja. Jesus hört zu und er lässt sich auf das veränderte Bild ein. Auch die Hunde essen von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Gottes Zuwendung gilt seinem auserwählten Volk. Das bleibt. Aber die Zuwendung geht darüber hinaus. Viel mehr Menschen können von Gottes Zuwendung leben. Dieser Gedanke ist, so scheint es hier, auch für Jesus neu. Aber er scheint ihn nachvollziehen zu können. Und er erkennt in seiner Gesprächspartnerin einen ähnlichen Glauben wie er selbst ihn lebt. Und so wird die Tochter der namenlosen Frau gesund.

Im Gegenüber das Antlitz Gottes erkennen

Bei der Sommerakademie hat Pfarrer Gerd Bock aus Südafrika eine Andacht gehalten, bei der er uns aufforderte, uns unserer Nachbarin und unserm Nachbarn zuzuwenden und sie und ihn zu grüßen mit den Worten „In deinem Gesicht erkenne ich das Antlitz Gottes“. Bei manchen Menschen fällt es uns leicht, diesen Satz zu sagen. Bei andern vielleicht schwerer. Die Übung tut immer mal wieder gut, um im Gespräch zu bleiben.

Pfarrerin Barbara Hustedt ist Landeskirchliche Pfarrerin für Ökumene und Weltmission sowie stellvertretende Direktorin des Berliner Missionswerks.

 

Aktuelle Ausgabe September 2026

 

Plakatmotiv zum Motto des Ökumenischen Tags der ­Schöpfung. Foto: ACK in Deutschland/Canva

Staunen, Erkennen und Demut

Zum Ökumenischen Tag der Schöpfung 2026 stellt die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen neue Gottesdienstmaterialien bereit. Unter dem Motto „Hast du erkannt, wie weit die Erde ist?“ geht es um Staunen, Demut und die Verantwortung des Menschen für die Schöpfung.

 

Die Hände einer blonden Frau halten Strandmuscheln
Abschied vom Muschelnsuchen am Strand.
Foto: Cindy Branton/unsplash

­Der Sommerblues vor dem Herbst

Wenn der Sommer zu Ende geht, fällt der Abschied von Licht, Wärme und Urlaubsmomenten oft schwer. Doch schöne Erinnerungen können durch Herbst und Winter tragen – und den Blick für die besonderen Seiten der kommenden Jahreszeiten öffnen.

 

Schilder mit Namen und Zahlen darauf liegen auf einer braunen Tischplatte
Viele Namen von Geburtstagskindern. Jeden rief der Mann an. Foto: Christina Victoria Craft/unsplash

Sechzig Namen

Ein älterer Mann, vom Leben und von Krankheit gezeichnet, bewahrt sich seinen Glauben und seine Freude an anderen Menschen. Mit einem kleinen Geburtstagskalender und regelmäßigen Anrufen schenkt er ihnen Aufmerksamkeit – und erfährt selbst viel Zuwendung.

 

Gebet des Monats September 2026

Ein Strohballen auf einer Heuwiese
Foto: Lukas Tennie/unsplash

 

 

 

 

Ein Gebet für September

Du spendest reiche Ernten

Herr Jesus Christus, ich komme zu Dir, dem König aller Welten und neige mein Haupt vor Dir, dem Höchsten. Deine Majestät lässt mich ehrfurchtsvoll auf die Knie gehn, denn ich schwacher unvollkommener Mensch habe Deine Langmut, Deine Liebe und Gnade nicht verdient.
Doch Du siehst mein Herz an. Und so danke ich Dir für alles, was Du an mir vollbringst.
Auch danke für alles Bunte um uns her, das Du in Deiner Schöpfung und Liebe schenkst. Trotz aller Unvernunft der Menschheit, lässt Du es weiterhin grünen, blühen, wachsen und gedeihen.
Du spendest Sonnenschein und Regen und reiche Ernten.
Danke, Du unbegreiflicher, barmherziger Herr über allem. Dir allein sei Ehre. Amen.

Karl-Heinz Eberhardt Schäfer

Predigten des Monats August 2026

 

Zum Monatsspruch August 2026

Ein gedeckter Tisch mit Obst auf einer Wiese
Ein wunderbares Essen. Foto: Chris Reyem/unsplash

„Jesus Christus spricht: Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ Johannes 10,10 (E)

Es war nach einem wunderbaren gemeinsamen Abendessen beim Griechen mit guten Gesprächen. Das Essen war mehr als reichlich und so stellte sich bald ein Völlegefühl ein. Das blieb auch so nach dem Ouzo mit seinem Anisgeschmack. Der überfüllte Magen sorgte für eine unruhige Nacht.

Von Fülle und Überfülle

Überfülle und Völlegefühle sind auch in anderen Zusammenhängen vielen Menschen in unserer Wohlstandsgesellschaft nicht fremd. Die Fülle und Überfülle von Angeboten und Möglichkeiten überdecken unerfüllte Sehnsüchte und machen Platz für Klagelieder auf hohem Niveau. Sicher gibt es Beklagenswertes, das nicht zu leugnen ist.

Doch übersehen und ungehört bleibt in der Suche nach einem erfüllten Leben oft jene große Verheißung Jesu.

Als guter Hirte sagt ER zu einem jeden von uns: „Ich bin gekommen, damit ihr das Leben habt – und es in Fülle habt.“

Die Fülle, die Jesus meint, ist ein von seiner Liebe ­erfülltes Leben. Ein Leben, das im Diesseits nicht endet, sondern in Gottes Ewigkeit vollendet wird.

Auch Leidvolles hat seinen Platz

In dieser Liebe haben auch unsere unerfüllten Wünsche, Mühsames und Leidvolles einen Platz. Nichts trennt uns von der Liebe Gottes in Jesus Christus.

ER ist gekommen, als Weg und Wahrheit, als Brot und ­Hirte und als Türöffner zu einem Leben voller Güte und Frieden. Es wird heilsam sein für uns selbst, und in jedem Miteinander, sich seiner Botschaft anzuvertrauen, denn in und mit Christus gibt es – wie Bonhoeffer bekennt – „ein erfülltes Leben trotz unerfüllter Wünsche.“

Ralf Schein, Pfarrer im Ruhestand in Templin

Predigten im Monat August 2026

Gemälde eines alten kauernden Mannes mit langem weißen Bart
Jeremia hat eine große Aufgabe erhalten.
Foto: wikipedia, gemeinfrei

Kein Taugenichts

Predigttext zum 2. August 2026
9. Sonntag nach Trinitatis:
Jeremia 1,4–10

Ich aber sprach: Ach, Herr, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: „Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten“, spricht der HERR.
Jeremia 1,6–10


Ich tauge nichts, so manch einer von uns hat das wohlmöglich schon zu sich selbst gesagt!? Oder hat sich anhören müssen: Du bist nur eine ­Belastung für uns, du nützt uns gar nichts, du bist ein Taugenichts.

Jeremia zweifelt an sich

Wenn Gott allerdings seine Geschichte mit den Menschen schreibt, dann bekommt die Frage nach dem, was ich tauge, noch einmal eine ganz andere Farbe. Davon erzählt uns der Bericht der Berufung des Propheten Jeremia.

Jeremia zweifelt nicht am Herrn, sondern an sich: „Ach, Herr, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung“ (Jeremia 1,6). Das ist ein mir bekanntes Gefühl: Ich sehe die Aufgabe, aber sie scheint zu groß für mich selbst. Könnte da nicht ein anderer ran? Ein Älterer, Einflussreicherer?

Gebrochenes Selbstbewusstsein

Unser Selbstbewusstsein kann ganz schön angeknackst sein. In der Regel kommt das aber nicht, weil wir uns selbst nichts zutrauen. Meist ist es so, dass wir viel zu oft erleben müssen, dass uns andere nichts zutrauen: Das ist nichts für dich, dazu bist du zu ungeschickt! Lass es lieber, dafür bist du zu dumm!

Bei vielen Menschen prägen solche Sätze ihr Leben. Vielleicht war es auch bei Jeremia so. Ich kenne viele Menschen mit gebrochenem Selbst­bewusstsein. Solche, die sich selbst nichts mehr zutrauen, weil ihnen keiner was zutraut. Traurige Geschichten sind das von verpassten Chancen, von nicht gelebtem Leben. Da wird deutlich, wie gemein Menschen gegenüber Menschen sein können und welche Macht bloße Worte auf uns haben.

Bei Gott ist das ganz anders: Ihn kümmert nicht, was die Menschen aus Anatot über Jeremia reden. Er hält Jeremia keineswegs für einen Taugenichts. Erst spricht er ihm zu, dass er ihn immer und immer schon kannte. Was nichts anderes heißt, als dass Jeremia wie jede und jeder von uns ein von Gott geschaffenes Wesen ist. Allein das gibt meinem Leben schon Bedeutung und Sinn. Gott hat mich gewollt und gemacht und darum bin ich etwas wert.

Jeremias Weg war nicht einfach

Darum lässt Gott auch Jeremias Widerspruch nicht gelten. Und er stattet Jeremia mit der Kraft und dem Zutrauen aus, welches er in den folgenden Jahren brauchen wird. Denn Jeremias Weg war nicht einfach. Er hat sich mit allen angelegt, mit seinen Volksgenossen, mit den Herrschern zu ­Hause und mit denen fremder Völker. Jeremia übte Sozialkritik an der Gesellschaft, in der er lebte. Im Auftrag des Herrn sprach er alles aus und scheiterte dennoch. Er musste darunter leiden, der Verkündiger einer unbequemen Wahrheit zu sein. Aber das alles vermag nicht mehr, sein Selbstbewusstsein ins Wanken zu bringen. Aus dem selbsternannten Taugenichts ist ein von Gott gerufener Verkünder geworden.

Es ist gut zu wissen, dass Gott mich trägt und mir weiterhilft. Und es ist gut zu wissen, dass Gott seinen Plan mit mir nicht aufgibt und jeden einen seinen Platz finden lässt.

Thilo Haak, Pfarrer der Ostergemeinde in Berlin-Wedding

 

Ein Thoraschrein in einer Synagige
Thoraschrein und Bima der Spanischen Synagoge in Josefov, Prag, Tschechien. Foto: VUoaei1, CC BY-SA 4.0, wikimedia commons

Ein Geheimnis, nicht eigene Klugheit

Predigttext zum 9. August 2026
10. Sonntag nach Trinitatis:
Römer 11,25–32

Ich will nicht, dass ihr dieses Geheimnis ignoriert, Geschwister, damit ihr nicht etwa aus euch selbst klug seid: Verhärtung ist Israel geschehen zu einem Teil, bis die Fülle der Völker hereinkommt.
Römer 11,25 (in der Übersetzung von Matthias Loerbroks)

Der 10. Sonntag nach Trinitatis ist seit vielen Jahrhunderten Israelsonntag. Er verdankt diesen Namen, dieses Thema seiner zeitlichen Nähe zu einem wichtigen Tag im jüdischen Kalender: dem 9. Tag des Monats Aw, Tischa be Aw. An diesem Tag – in diesem Jahr war es der 23. Juli – ­gedenken Juden in aller Welt der beiden Zerstörungen des Tempels (586 vor durch Babel,
70 nach durch Rom) und weiterer Katastrophen der jüdischen Geschichte. Da wird gefastet und in den ­Synagogen das Buch Klagelieder gelesen.

Die Zerstörung des Tempels

Die Christenheit aber hat nicht solidarisch mitgetrauert. Denn die Kirche verstand die zweite Tempelzerstörung als Gottes Strafe dafür, dass die meisten Juden Jesus nicht als den Christus, den Messias, betrachteten. Und so wurde an diesem Tag verkündet: so ist es, wenn Gott zornig ist – gewiss auch als Warnung für Christen, vor allem aber als triumphierendes Selbstverständnis. Gott habe nämlich seinen Bund mit Israel aufgekündigt und dieses Volk durch ein neues Gottesvolk ersetzt: die Kirche. Die Zerstörung Jerusalems und des Tempels, der Verlust des Landes galten als ­historischer Beweis für diese Irrlehre.

Die Lehre selbst aber gab es schon zuvor: schon Paulus hatte gegen sie gekämpft, offenkundig vergeblich. Dass Gott sein Volk verstoßen habe, erklärt er im Römerbrief 11,1 für völlig ausgeschlossen. Stattdessen weiht er nun seine Leser in ein Geheimnis ein. Er will damit verhindern, dass die sich im Blick auf die Juden auf ihre eigene Klugheit verlassen, ohne Gottes Wort und Weisung sich so ihre Gedanken machen.

Zeit, wieder auf Paulus zu hören

Es war, sagt Paulus, Gott selbst, der sein Volk gegen das Evangelium verhärtet, ihm die Ohren verschlossen, den Rücken gestärkt hat. Dadurch gelangte es zu den Völkern, gewann unter ihnen – nicht zuletzt durch Paulus selbst – Anhänger des Gottes Israels, eines ihnen zuvor recht fremden Gottes. Damit gibt Paulus dem für Jesusjünger aus den Völkern so verstörenden Nein der allermeisten Juden zum Evangelium eine einzigartige Würde, einen göttlichen Rang. Und das ist etwas ganz und gar anderes, als wenn Judenfeinde sagen: die Juden sind verstockt – als wäre das ein Natur­tatbestand, eine kollektive, nämlich nationale, ethnische Charaktereigenschaft.

Erst nach 1945, nach der Katastrophe, und auch da erst nach Jahren, wurde die Botschaft des Paulus wiederentdeckt, und der Charakter des ­Israelsonntags änderte sich. Nun loben und ­preisen wir den Gott Israels dafür, dass er uns auch erwählet hat. Doch seit einigen Jahren sind diese neuen Einsichten rasant geschwunden. Viele ­wollen davon nichts mehr wissen. Es ist gut, es ist höchste Zeit, wieder auf Paulus zu hören – nicht nur am Israelsonntag.

Dr. Matthias Loerbroks ist Pfarrer im Ruhestand. Zuvor war er an der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin tätig. Er arbeitet im Arbeitskreis Christen und Juden der Evangelischen ­Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz mit.

 

Gemälde verschiedener Personen in einem Tempel
Gleichnis vom Zöllner und Pharisäer. Gemälde an einem Beichtstuhl an der Südwand der
St.-Margarethen-Kirche, Waldkirch.
Foto: gemeinfrei, wikimedia commons

Gottlob, dass ich kein Pharisäer bin!

Predigttext zum 16. August 2026
11. Sonntag nach Trinitatis:
Lukas 18,9–14

Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder ­gnädig!
Lukas 18,13

Ein raffiniertes Gleichnis ist uns diese Woche als Predigttext aufgeben. Die Szenerie schildert Jesus gewohnt anschaulich. Zwei überzeichnete Figuren stehen im Tempel und beten: Im Vordergrund der Pharisäer, der sich dort selbst gefällt, sich Gott und den anderen Tempelbesuchenden gerne zeigt mit seinem moralisch vorbildhaften Lebenswandel – profiliert im Vergleich mit den Defiziten der anderen, über die er sich selbstgerecht und ­wortreich erhebt. Im Hintergrund der Zöllner – unsicher, ob ihm ein Platz im Tempel überhaupt zusteht, in demütiger Haltung und mit der ­ehrlichen Geste des Brustschlags, die auf Sündenvergebung und Erneuerung hofft und durch das schlichte Bußgebet begleitet wird: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“

Auf welcher Seite stehen wir?

Als Publikum dieser Szene werden wir zur Positionierung herausgefordert und haben uns vermutlich schnell auf die Seite des Sympathie tragenden Zöllners geschlagen, während wir die hochmütig selbstgerechten Züge des Pharisäers sicher auch wiedererkennen in den Figuren unserer Lebenswelt: dem selbstverliebten Machthaber, der erfolgreichen Influencerin, dem ungeliebten Arbeits­kollegen. Gott sei Dank aber sind wir nicht so!

„Ein Mensch betrachtete einst näher
die Fabel von dem Pharisäer,
der Gott gedankt voll Heuchelei
dafür, dass er kein Zöllner sei.
Gottlob! rief er in eitlem Sinn,
dass ich kein Pharisäer bin!“

Von Konkurrenten und Kulissen

Eugen Roth hat in seinem Gedicht „Salto“ die Falle, in die das Gleichnis uns lockt, pointiert eingefangen. Jesus provoziert uns mit seinem Gleichnis genau zu dem Verhalten, das er entlarven will. Er stellt uns Pharisäer und Zöllner vor und lädt uns ein, uns zu vergleichen. Natürlich wollen wir nicht sein wie der Egozentrische, dessen Selbst­gerechtigkeit wir verurteilen, – und werden im selben Moment selbstgerecht. Nicht aber gerechtfertigt. Denn Rechtfertigung entsteht gerade nicht aus dem Vergleich. Wer sich ständig mit anderen misst, bleibt in einer Logik gefangen, in der der andere entweder Konkurrent oder Kulisse ist.

Ein Ausweg könnte sein, die Szene nicht als Zuschauerin mit Distanz zu betrachten, sondern den Tempel als Schauplatz unseres eigenen Inneren zu begreifen („Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel ist?“ 1. Korinther 6,19), in dem beide Figuren als Anteile unserer selbst gemeinsam beten: Der Pharisäer, der alles richtig machen möchte und Verantwortung übernimmt, sich über Erfolge freut, aber Gefahr läuft, darüber zu vergessen, dass er das Wesentliche nicht aus sich selbst hervorbringen, sondern nur empfangen kann.

Durchlässige Mauern

Und der Zöllner, der sich selbst in tiefe Schuld verstrickt hat, aber erkennt, wie begrenzt und angewiesen er ist auf die unverfügbare Gnade Gottes, die niemand verdienen kann. Möge dieser uns immer wieder daran erinnern, uns gegen die Brust zu schlagen, dass die ­Mauern unseres Tempels nicht verhärten, sondern durchlässig bleiben für Gott, der uns mit ­seiner Güte füllen möchte!

Myriam Lütckepohl ist Pfarrerin im Pfarrsprengel Kyritz-Land.

 

Eine Baustelle mit einer Leiter und Werkzeug in einem Haus mit Terassenfenstern im Hintergrund
Sein Haus auf festen Grund bauen.
Foto: Brett Jordan/ unsplash

Unser Lebenshaus – fest und bunt

Predigttext zum 23. August 2026
12. Sonntag nach Trinitatis:
1. Korinther 3,9–17

Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.  
1. Korinther 3,11

„Auf diese Steine können Sie bauen.“ So verheißungsvoll warb eine Bausparkasse um neue Kundinnen und Kunden. Mit günstigen Finanzierungshilfen könne man einen Hausneubau in Angriff nehmen. „Auf diese Steine können Sie bauen.“

Dieses Motto lädt aber auch zum Nach­denken ein im Hinblick auf die eigene Lebensgestaltung. Da stellt sich die Frage: Auf welches Fundament werden unsere eigenen Lebenshäuser gebaut. Was erachten wir für wichtig, wenn wir unser Leben betrachten? Was ist wirklich entscheidend? Was hält und trägt mich? Wie sieht mein Lebensfundament aus? Vielleicht denken wir an Freundschaft und Vertrauen, Erfolg im Beruf, finanzielle Sicherheit, eine gute und fürsorgliche Atmosphäre in der Familie oder weitgehende Gesundheit im Alter.

Paulus als Apostel Christi Jesus

Im 3. Kapitel des Korintherbriefes nimmt der Vers 11 eine besondere herausragende Stellung ein: „Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ Der ­Apostel sagt unmissverständlich, mit wem wir unser Lebenshaus bauen und gestalten können. Mit Jesus Christus.

Paulus schrieb an die Gemeinde in Korinth, nicht als Privatperson, sondern „als Apostel Christi Jesus durch den Willen Gottes“, das heißt als dessen Gesandter. In der Gemeinde in Korinth gab es mancherlei Querelen und Deutungshoheit. Der Apostel wollte klarstellen: Er ist zwar der Gründer der Gemeinde, jedoch im Auftrag eines Höheren, der zugleich Basis und Fundament ist. Es hatte dort so etwas wie einen Fanclub, eine Paulus-­Partei. Diese Gemeindeglieder waren der Meinung, dass Paulus der Grund ist, auf dem sie stehen.

Apollos, der Nachfolger von Paulus

Und dann gab es noch einen weiteren Missionar, Apollos. Der war der Nachfolger von Paulus. Er hat die Gemeinde weiter aufgebaut und soll mit großer Redegewandtheit talentiert gewesen sein. Dies soll zu einer Parteienbildung in der Gemeinde geführt haben. Paulus war aber jegliche Selbstinszenierung zuwider. Er rief zu Demut, Einmütigkeit, Besinnung, Ordnung auf und lenkte den Fokus weg von menschlichen Persönlichkeiten hin zu Gott.

Dem Apostel ging es auch um das Spektrum des Glaubens. Er benutzte dafür in seinem Brief den Acker, der vielfältig bepflanzt und gepflegt werden kann. Er gab nicht im Einzelnen vor, wie der auszusehen hat, auch nicht unser Lebenshaus. Einheitlichkeit ist nicht gefragt, sondern Vielfalt und Verschiedenheit. Jeder darf, ja soll mitbauen! Paulus Überzeugung ist klar: Wenn wir auf dem demselben Fundament bauen, das Christus gelegt hat, dann kann auch unser Lebenshaus bunt sein.

Klaus Büstrin ist Prädikant in Potsdam.

Gebet des Monats August 2026

Blaue Blumen auf einer Wiese vor einem blauen Himmel
Foto: Declan Sun/unsplash

 

 

 

 

Ein Gebet für August

Neuanfang

Wo kein Gras mehr wächst,
spendest Du Leben.

Wo kein Laut mehr ist,
sprichst Du Segensworte.

Wo Leere betäubt,
gibst Du Stille.

Wo Phrasen ätzen,
salbst Du die Herzen.

Wo Gebote ausgrenzen,
segnest Du allumfassend.

Wo Zerstreuung tötet,
rufst Du uns heim.

Wo die Tode lähmen,
schenkst Du Neuanfang.

Michael Lehmler

Aktuelle Ausgabe August 2026

 

Schwarzwei?-Foto, das einen Soldaten, Männer in Anzügen und zwei Männer, die einen Stein tragen zeigt.
Foto: Bundesarchiv, Bild 173-1321/Helmut J. Wolf/CC-BY-SA 3.0, wikimedia commons

Kein normaler Sonntag

Der 13. August 1961 veränderte das Leben von Millionen Menschen – auch das von Brigitte Klingner. In ihrem persönlichen Erinnerungsbericht schildert die Zeitzeugin, wie der Mauerbau ihre Familie, ihren Schulalltag und ihren weiteren Lebensweg von einem Tag auf den anderen veränderte.

 

Ein Gemälde zeigt, wie Jesus einen Blinden heilt.
Heilung des Blinden, Gemälde von El Greco, nach 1570. Foto: wikimedia commons/gemeinfrei

­Und er heilte sie alle

Heilungen gehören zu den eindrucksvollsten Wundern Jesu. Ausgehend von der biblischen Blindenheilung wirft Hans-Jürgen Grundmann einen Blick auf El Grecos gleichnamiges Gemälde und zeigt, wie der Künstler das Evangelium in eindrucksvolle Bilder übersetzt.

 

 

Eine Briefmarke zeigt eine schneebedeckte Tanne und eine grüne Kirche
Foto: Albrecht Kalusche

Das Wunder von Dresden

Aus einer Kriegsruine wurde eines der bekanntesten Wahrzeichen Deutschlands. Albrecht Kalusche erzählt, wie ihn der Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche bewegte – und weshalb dieses Bauwerk bis heute auch die Welt der Briefmarken prägt.

 

Predigten des Monats Juli 2026

 

Zum Monatsspruch Juli 2026

Wasser fließt durch Steine in einem Bach
Gerechtigkeit sei unter uns wie ein sprudelnder Bach. Foto: May Cloud/unsplash

Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. 
Amos 5,24 (L) 

Dies ist ein wahrhaft poetischer Spruch. Das Recht solle strömen und nicht verdreht werden. Es sei wie ein nie ­versiegender Bach, der friedlich dahinfließt und dessen ­spiegelnde Oberfläche mit leisem Glucksen das Herz erfreut.

Der Prophet, Bußprediger und Visionär Amos aus dem 8. Jahrhundert vor Christus verkündete Gottes Reden und Willen. Ihm war aufgetragen, Gottes unabwendbares Gericht kund­zutun und zur Umkehr zu rufen.

Enttäuschter Gott

Gott war maßlos enttäuscht über sein Volk, das Misshandlungen Unschuldiger, Rechtsbeugung, Unterdrückung der Armen und Bedürftigen und unheiliges gottloses Treiben zuließ und praktizierte. Deshalb setzte Gott sie ihren Feinden aus. Er will weder Brand- noch Speiseopfer, noch ihre Musik und ihr Harfenspiel sehen und hören und appelliert: „Vielmehr soll das Recht wie Wasser strömen und Gerechtigkeit wie ein Bach, der nie versiegt!“

Dies ist ein unmissverständlicher Aufruf an uns. Nach den Maßstäben Gottes sollen wir in unserem täglichen Leben Gerechtigkeit gegenüber Mitmenschen walten lassen und auch als Beistand Hilfebedürftigen zu deren Recht verhelfen.

Aufrufe zur Umkehr

In Amos 5,6 heißt es: „Sucht den Herrn, so werdet ihr leben!“ Die Prophetie des Amos beinhaltete Gottes Zorn und dessen daraus resultierendes Handeln, aber auch Aufrufe zur Umkehr, Gott zu ehren und ein gottgefälliges Leben zu führen. Bewegen wir das in unseren ­Herzen und handeln danach.

Karl-Heinz Eberhardt Schäfer, Leipzig

 

Predigten im Monat Juli 2026

Ein Fischer mit einem Netz in einem Ruderboot
Simon protestiert. Und geht dann doch noch einmal fischen. Foto: Fredrik Ohlander/unsplash

Ein Wort verändert alles

Predigttext zum 5. Juli 2026
5. Sonntag nach Trinitatis:
Lukas 5,1–11

Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen. Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. 
Lukas 5,4–6


Ich wäre gerne dabei gewesen damals am See Genezareth, als sich dieser wunderliche Fischzug begab. Dann hätte ich die Worte Jesu gehört. Den Protest des erfahrenen Fischers Petrus gegen die Aufforderung, zur Unzeit die Netze auszuwerfen, hätte ich auch gehört. Aber ich hätte auch erlebt, wie Petrus auf das Wort Jesu hin noch einmal mit seinem Boot auf den See fährt und den Fischfang seines Lebens macht. Und ganz am Ende wäre ich sicher einer derjenigen gewesen, der beginnt, in die Nachfolge dieses einfachen, aber überzeugenden Mannes aus Nazareth zu treten.

Worin liegt das eigentliche Wunder?

Ja, es gibt Erfahrungen, die das Leben ver­ändern, schöne und schwierige. Zu den schönen Erfahrungen der Nachfolger Jesu gehört sicher die Szene damals am See Genezareth. Aber worin liegt ihre eigentliche Schönheit? Was macht das wirk­liche Wunder in dieser Erzählung aus dem Lukas­evangelium aus? Oft wird ja unsere Geschichte auf das Fischfangwunder reduziert. Doch das eigent­liche Wunder geschieht, bevor Petrus und die anderen ein weiteres Mal auf den See fahren. Hören wir noch einmal genauer hin, wie die Geschichte eigentlich beginnt:

Jesus hatte sein öffentliches Wirken begonnen. Noch allein predigte er zunächst in seiner Heimatstadt Nazareth und in deren Umgebung. Dann zog er zum See Genezareth und predigte unter anderem in Kapernaum. Dort kam es auch zur ersten Begegnung zwischen ihm und Simon, der später Petrus heißen wird.

Wo der Frieden beginnt

Dann predigte Jesus am See. Die Fischer hatten eine erfolglose Nacht des Fischens hinter sich und waren mit ihren leider leeren Booten wieder ans Ufer zurückgekehrt. Wohl eher beiläufig wurden sie Zuhörer der Predigt Jesu zu der großen Menge, die sich um ihn versammelt hatte. Jesus wird von der uneingeschränkten Liebe Gottes zu den ­Menschen gepredigt haben, vom Frieden, der dort beginnt, wo Menschen einander vertrauen lernen, von der Freude, die es machen kann, mit denen zu teilen, denen das Nötigste fehlt. Von Vergebung, Umkehr und einem neuen Leben wird er gepredigt haben. Und er wird es in einer Vollmacht getan haben, die keine Argumente braucht. Er hat den Menschen das Vertrauen in Gott und seine un­bedingte Zugeneigtheit zu den Menschen zurückgegeben.

Als Jesus zu Ende gepredigt hat, sitzt er immer noch im Boot des Simon. Jetzt – es ist wohl ­Mittag geworden – fordert er ihn auf, noch einmal zum Fischfang hinauszufahren. Und Simon, der eigentlich immer etwas einzuwenden hat, wendet auch hier ein, nichts gefangen zu haben in der Nacht und dass das wohl am Tage kaum besser sein wird. So entspricht es auch aller seiner Fischererfahrung.

Das Wort Jesu

Doch nach seinem Einwand folgt die wirklich wichtige Antwort: „Aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.“

Er vertraut Jesus und sein Vertrauen wird nicht enttäuscht. Das wundersame Ereignis geschieht und diese Erfahrung wird das Leben des Petrus und das seiner Freude auf immer verändern. Auf das Wort Jesu hin wird das Leben anders!

Pfarrer Thilo Haak, Ostergemeinde, Berlin

 

Zwei Frauen sitzen nebeneinander an Notebooks und blicken sich skeptisch an
Der neidische Blick übersieht den eigenen Wert. Foto: unsplash

Erwählt

Predigttext zum 12. Juli 2026
6. Sonntag nach Trinitatis:
5. Mose 7,6–12

Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust. Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat.
5. Mose 7,6–8.11–12

„Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind.“ Was höre ich da? Wie ein Paukenschlag klingt, was Mose redet. Zu seinem Volk, zum Volk, das Gott erwählt hat. Zu Israel.

Eifersucht kommt auf

Mose redet von Gottes Beziehung zu seinem Volk. Wie von einer Liebe, die du einem liebenden Paar ansiehst. In dem vertrauten innigen Blick, in der flüchtigen Berührung der Wangen. Im Lächeln, das Licht aus tiefster Seele spiegelt. Du siehst es genau und weißt doch nur: Dazwischen geht kein Blatt.

Schnell kommt Neid auf. Eifersucht macht sich breit. Anspruchsdenken. Warum die? Warum ­dieses Volk, östlich des Jordans? Mich gibts doch auch! Habe ich nicht das Recht, innig mit Gott vertraut zu sein. Jesus hat uns doch berufen.

Neid verstellt den Blick

Eine ist erwählt. Eine Macherin. Eine Strategin. Sie hat immer gute Ideen. Lacht viel, wirkt entspannt trotz Bergen von Aufgaben. Versprüht den Charme der Unbesiegbaren. Alle schätzen sie. Mich nicht. Ich bleibe auf der Bank sitzen. Der Trainer wechselt andere ein.

Neid auf Erwählte verstellt den Blick. Rechnet vor, was alles auch noch sein könnte, sein müsste. Neid vermutet nur goldene Zeiten auf der Seite der Erwählten. Erhebt wütend Ansprüche auf ­Plätze im Rampenlicht. Für mich, für mich!

„Judensau“-Relief wurde zum Mahnmal

Hüte dich vor dem Neid. Er nährt Hass. Im schlimmsten Fall so tief, wie bei unseren Glaubensvätern. So entsetzlich, wie sie in Kirchen­mauern eingemeißelt sind. Draußen, knapp unter dem Dachgesims, in Form des Wittenberger „Judensau“-Reliefs. Als Bild des Hasses gegen das Volk Israel, gegen Jüdinnen und Juden.

Heute ein Mahnmal für alle, die den Neid nicht im Zaum halten. Die ihr vermeintlich eigenes Volk, „ihre Nation“ hochjubeln. Bis zum Mord. Ein Mahnmal auch für mich, wenn ich nur gelten ­lasse, was doch mir zustehen soll, mir!

Der Geschmack des Lebens

Ein Widerschein göttlicher Erwählung, sei er auch hundertfach gedimmt, befreit davon. Du beobachtest. Du siehst, was du hast. Empfangen hast. Spürst Gefühle, die den Geschmack des Lebens auf der Zunge schmelzen lassen. Und wie von dir aus Licht in die Welt scheint.

Denen, die Narben tragen von dem Peitschen der Ägypter, deren Haut von der Sonne versengt ist durch Jahre der Wüstenwanderung, spricht Mose zu: „erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern“. Ihnen verkündet Mose Gottes Treue. Und fordert, Gesetz und Gebot zu halten. Und sie hören zu, lieben mit ganzem Herzen.

Ein Widerschein von Gott, der Israel erwählte, lange vor uns und für immer. Strahlen davon für uns: Auch ich, auch wir haben Anteil. Das ­feiern wir in der Kirche: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Den Widerschein der Liebe, mit der sich der Vater im Himmel zu seinem Sohn bekannte. Und sich zu uns bekennt.

Sibylle Sterzik, Pfarrerin im Ehrenamt, Berlin

 

Mehrere Hände halten und zerbrechen eine Oblate
Indem sie teilen, können Menschen engelsgleich werden. Foto: pixabay

Geschwisterlich teilen

Predigttext zum 19. Juli 2026
7. Sonntag nach Trinitatis:
Hebräer 13,1–3

Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die ­Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt. 
Hebräer 13,1–3

Für uns wird in diesem Abschnitt des Hebräerbriefes betont: Die Liebe zueinander ist selbst­verständlich, wir sind Geschwister im Namen Jesu, nichts soll die Liebe beeinträchtigen. Wir können gastfrei sein. Auch Jesus wurde ja immer wieder eingeladen und hat dabei wunderbare Begegnungen ermöglicht.

Ein Engel für die Ausgestoßenen

In Indien trafen wir einen Arzt und Missionar in einem christlichen Krankenhaus, der an Lepra erkrankte Patienten behandelte. Sie waren mit der Krankheit behaftet, die Nerven abtötet, so dass auch Gesicht und Gliedmaßen betroffen waren. Er behandelte und operierte sie zusammen mit den indischen Ärzten. So ermöglichte er wieder neues Leben in Familie und Gemeinschaft, ein Engel für bisher Ausgestoßene. Die konnten sich keine Behandlung leisten, wurden gastfreundlich aufgenommen und empfanden so den Arzt und Missionar als Engel.

Christinnen und Christen haben immer wieder Gäste an- und aufgenommen, neue Freunde gewonnen, den gemeinsamen Glaubens umgesetzt.

Freut Euch doch!

Viele Briefe im Neuen Testament werben in warmherzigen Worten. In einer alten Übersetzung bittet der Apostel Paulus: „Freut Euch doch! Eure Lindigkeit lasset kund sein allen Menschen“ (Philipper 4,4f.). Freude, Lindigkeit, schöne Worte, die ein friedliches Miteinander als Grundvoraus­setzung anmahnen. Aber das gilt ja nicht nur für Christen, es ist schon im Neuen Testament eine Grundvoraussetzung für alle Menschen.

Anteilnahme, gute Gespräche, Achtung, Zuhören, Anerkennen: So lerne ich im anderen Menschen das Engelhafte kennen, das mich bereichern kann. Im besten Fall kann ich selbst zum Engel werden.

Viele Christen sind Verfolgung ausgesetzt

Anteilnehmen, es betrifft auch Gefangene und Misshandelte damals wie heute, denn auch heute sind viele Christen – und nicht nur sie – Verfolgungen ausgesetzt. Wie viele Menschen sind zu uns nach Deutschland geflohen, weil sie in ihrem Land verfolgt und misshandelt wurden. Auch wenn es Kritik gab und gibt: Diese Flüchtlinge haben uns bereichert. In unserer Kirchengemeinde haben wir uns zum ­Beispiel um Flüchtlinge aus Armenien, später aus Syrien, gekümmert und dabei selbst ganz andere Kulturen kennengelernt, die wiederum uns die Augen geöffnet haben.

Seit Jahrtausenden muss offenbar immer wieder daran erinnert werden, was Christinnen und ­Christen, aber auch die Menschen anderer Religionen, untereinander und miteinander üben können: Lindigkeit, Anteilnahme und Wertschätzung mit jedem Mitmenschen, eben Gastfreundlichkeit!

Der Hebräerbrief erinnert uns an diese christ­liche Grundvoraussetzung gastfrei geschwisterlich zu teilen und so vielleicht Engel zu beherbergen. ­Diese Chance wollen wir nutzen! Amen.

Paul Geiß ist Pfarrer im Ruhestand in Berlin-Friedrichshagen.

 

Gemälde von Jesus und einem Mann
Jesus schenkt einem blinden Mann das Augenlicht. Gothaer Tafelaltar von Heinrich Füllmaurer. Foto: Lutz Ebhardt-Trümper, CC BY-SA 4.0, wikimedia commons

Nur der freie Blick

Predigttext zum 26. Juli 2026
8. Sonntag nach Trinitatis:
Johannes 9,1–7

Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.
Johannes 9,1–7

Neulich saß ich mit jemandem zusammen, der gerade eine schlimme Diagnose bekommen hatte. Und ich merkte, wie in mir sofort diese Fragen aufstiegen: Hatte dieser nicht schon lange zu viel Stress? Hätten wir früher zum Arzt gehen sollen? Ich war beschämt, als ich merkte, was ich da tat: Ich suchte nach Erklärungen –, um mich selbst zu beruhigen. Damit mir das nicht passiert.

Wer ist schuld?

Die Jünger im Johannes-Evangelium kennen diesen Reflex auch. Als sie dem blinden Mann begegnen, fragen sie sofort: Wer ist schuld?

Jesus? Den interessiert diese Frage überhaupt nicht. Er schaut den Mann an – und sieht nicht ein Problem, das erklärt werden muss, sondern einen Menschen, an dem Gottes Güte sichtbar ­werden kann. Das hat mich beim Lesen dieses Textes wirklich getroffen. Wie oft deuten wir Leid still als Konsequenz? Wie oft tragen Menschen diese unsichtbare Last – das Gefühl, ihr Schicksal irgendwie verdient zu haben? Jesus räumt damit auf. Kein Vorwurf, kein Urteil. Nur dieser andere, freie Blick nach vorne.

Der erste Schritt im Dunkeln

Und dann macht er etwas sehr Unspektaku­läres: Er kniet sich in den Staub, macht einen Brei aus Erde und Speichel und streicht ihn auf die Augen des Mannes. Keine große Geste. Etwas sehr Konkretes, fast Befremdliches. Und dann: Geh zum Teich Siloah und wasch dich. Der Mann geht – obwohl er noch nichts sieht. Und er kommt sehend zurück.

Dieser erste Schritt im Dunkeln – das ist für mich das Herzstück dieser Geschichte. Vertrauen, bevor man etwas sieht. Losgehen, bevor man weiß, wie es ausgeht. Vielleicht ist das der Glaube, den Jesus meint, wenn er sagt: Ich bin das Licht der Welt. Nicht ein Licht, das alles auf einmal erhellt – sondern eines, das den nächsten Schritt zeigt.

Michel Erdmann, Lektor in Berlin

Aktuelle Ausgabe Juli 2026

 

Alte lächelnde Frau mit weißen Haaren
Foto: Martin Kraft

Seid Menschen

Vor 25 Jahren öffnete das Jüdische Museum Berlin seine Türen – ein Ort der Erinnerung, der Mahnung und der Hoffnung. Seine außergewöhnliche Architektur erzählt von der Geschichte des jüdischen Volkes, von Verfolgung, Exil und dem Holocaust. Zugleich erinnert sie daran, dass Erinnerung niemals Selbstzweck ist. Kaum jemand hat diese Botschaft eindringlicher verkörpert als Margot Friedländer. Ihr Vermächtnis fasste sie in zwei schlichte Worte: „Seid Menschen!“ Sie sind Aufforderung und Verpflichtung zugleich – damals wie heute.

Von Albrecht Kalusche

 

Foto: Wikimedia Commons/ gemeinfrei

­Lydia und ihr Haus –
Die Taufe und ihre Aura

Manchmal beginnt Geschichte ganz unscheinbar: am Ufer eines Flusses, im Gespräch mit einer Handvoll Frauen. Dort begegnet Paulus der Purpurhändlerin Lydia. Sie öffnet ihr Herz für das Evangelium, lässt sich taufen und öffnet zugleich ihr Haus. Aus dieser Begegnung erwächst die erste christliche Gemeinde Europas – ein eindrucksvolles Zeugnis dafür, wie Glaube Gemeinschaft stiftet und bis heute Menschen verbindet.

Von Beate Barwich

 

Ein Mann sitzt oberkörperfei vor einer Mauer unter einem vergitterten Fenster
Foto: pixabay

Drei Jahre lang – Besuche in der Haft

Was mit der Bitte um einen seelsorgerlichen Besuch in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel begann, wurde für einen Pfarrer im Ruhestand und einen jungen Häftling zu einem gemeinsamen Weg des Glaubens. Eine bewegende Geschichte über Hoffnung hinter Gefängnismauern und die überraschenden Wege, auf denen Gott Menschen begegnet.

Von Siegfried Dehmel

 

Gebet des Monats Juli 2026

Eine Wiese mit lilafarbenen Blumen
Foto: unsplash

 

 

 

 

Ein Gebet für Juli

Voller Vorfreude

Herr, es ist Sommer. Ich danke dir für diese wunderschöne ­Jahreszeit. Du lässt für uns die Sonne vom blauen Himmel ­scheinen, die Vögel singen, die Blumen blühen und wir dürfen die langen Tage in deiner Gegenwart genießen. Einige Bundesländer haben schon Ferien und die anderen sind noch voller ­Vorfreude auf die Auszeit.

Herr, ich möchte dich um deinen Segen bitten für diese Zeit. Sei bei den Menschen, die in Urlaub fahren, dass sie wohlbehütet an ihrem Ferienort ankommen. Schenke du aber auch allen, die zu Hause bleiben, eine erhol­same Zeit mit vielen Wohlfühlmomenten. Sei du bei jedem von uns gegenwärtig und schenke uns deinen Frieden.

Lass uns gestärkt für neue Anforderungen in unseren Alltag zurückkehren. Amen

Verfasser unbekannt

Predigten des Monats Mai 2026

 

Ein Anker auf einer Wiese mit einem Fischerboot im Hintergrund
Foto: reverent/pixabay

Zum Monatsspruch Mai 2026

„Die Hoffnung haben wir als einen sicheren und festen Anker unserer Seele.“
Hebräer 6,19 (L)

Hoffnung bezeichnen wir oft als „Anker der Seele“ – ein Bild, was eng mit dem Hebräerbrief (6,19) verbunden ist. Es beschreibt eine Hoffnung, die unverrückbar und unzerbrechlich ist, selbst wenn das Leben durch negative Umstände ins Wanken gerät. Unser Monatsspruch verwendet das Bild.

Den Schiffsanker wirft man dahin, wo er sich festhaken kann. Das geht nicht im eigenen Knopfloch. Wir können unsere Hoffnung nicht bei uns selbst festmachen. Ein Anker, der im Meeresboden verankert ist, hält das Schiff an seiner Position und bewahrt es davor, von Strömungen mitgerissen zu werden in stürmischen und unruhigen Zeiten.

Woran halte ich mich fest?

Gerade dann kann es wichtig sein, innezuhalten und sich zu vergewissern: Wer oder was trägt mich? Woran halte ich mich fest? Worauf setze ich? Unsere christliche Hoffnung gründet nicht auf unseren eigenen Kräften, sondern auf den Verheißungen und der bedingungslosen Liebe Gottes.

Madeleine Delbrel sagt es so: „Hoffen heißt, mit vollem Vertrauen auf etwas zu warten, was man nicht kennt, aber es von jemanden zu erwarten, dessen Liebe man kennt. In dem Maße, in dem man hofft, empfängt man.“

Vertrauen auf Gott als Quell der Hoffnung

Dazu fällt mir das schwungvolle Glaubenslied „Du meine Seele singe“ von Paul Gerhardt ein. So aufmunternd, so auffordernd. Gerade wenn meine Seele mal wieder ganz erschöpft ist. Das Lob dieses Liedes ist Vertrauen auf Gott – trotz dieser Wirklichkeit. Ein Trost für die, die unter Unrecht leiden. Eine Hoffnung für alle, die an die Grenzen ihrer Kraft oder ihres Lebens kommen. Und eine Quelle der Widerstandskraft, die uns hilft, gegen das Unrecht, gegen den Krieg, den Hunger, die Ausbeutung und die Ausgrenzung aufzustehen.

Alexander Reichart, Mitarbeiter im Konsistorium der EKBO, Jüterbog

 

Predigten im Monat Mai 2026

Illustration eines Trompeters mit roter Kleidung
Trompeten erklingen zum Lob Gottes. Illustration: IMAGO / Ikon Images

Unisono – als hörte man eine Stimme loben

Predigttext zum 3. Mai 2026 Kantate:
2. Chronik 5,2–5 (6–11) 12–14

… und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen. Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem HERRN. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den HERRN lobte: „Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig“, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke als das Haus des HERRN, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.

2. Chronik 5,12+13+14
 

Der biblische König David spielte als Junge so ausgezeichnet die Harfe, dass er den sehr jähzornigen König Saul mit seinem Spiel zu besänftigen vermochte. Später als König setzte er sich für die Ausgestaltung der geistlichen Musik ein und ­strukturierte sie nach professionellen Maßstäben. Nach mindestens 5 Jahren Ausbildung durften ­junge Männer aus dem Stamm Levi mit 30 Jahren offiziell in den musikalischen Dienst treten. Das Auswahlverfahren (1. Chronik 6,16) war streng: aus 4000 Sängern, die alle auch Instrumentalisten waren, wurden die besten 288 ausgewählt, und in 24 Gruppen zu je 12 Sängern eingeteilt. Alle ­Sänger, die später im Tempel Dienst taten, hatten täglich zu proben, dafür waren sie von anderen Aufgaben freigestellt.

Überwältigendes Klangerlebnis

Der Vers 13 unseres Predigttextes beschreibt das Ergebnis des harten Übungsprozesses mit höchstem Lob: „Musik wie von einer Stimme“. Ein überwältigendes Klangerlebnis, dem aber harte Arbeit auch in unseren Chören und Orchestern heute vorausgeht. Wenn aus so unterschiedlichen Menschen ein Ensemble werden soll, müssen Geben und Nehmen untereinander in den Gleichklang kommen. Der Einzelne soll sich gehört fühlen, aber seine Stimme auch einordnen. In einem Workshop auf der Chor.com in Hannover erlebte ich die Sänger von Voces8, ein A-cappella–Oktett aus Großbritannien, in perfekter Ausgewogenheit. Scheinbar aus dem Nichts beginnen sie mit dem Singen des Chorwerkes ohne dirigentische Unterstützung – absolut auf den Punkt und zeitgleich. Die Sänger erspüren ihren Atem untereinander in der Stille vor dem Beginn, dann geht ein Impuls vom jeweiligen Stimmführer des Stückes aus und die Musik erklingt glasklar und durchsichtig in überzeugender Harmonie.

Was bedeutet unisono?

Wenn alle Beteiligten eines Klangkörpers gemeinsam dieselbe Melodie spielen und singen, bezeichnet man das mit dem Fachbegriff „unisono“. Wenn das wie im biblischen Text zu einem besonderen Klangerlebnis mit ungeheurer Durchschlagskraft wird, entsteht darüber hinaus die konstruktive Interferenz – die zusätzliche Ver­stärkung des Tones, wenn die Schwingungen auch physikalisch synchron laufen.

Zur langersehnten Einweihung des Tempels tritt das Ensemble professionell vorbereitet und in Bestbesetzung auf. 120 (!) silberne, nach genauen Vorschriften gebaute Trompeten rufen das Volk zusammen. Zimbeln geben den Beginn des Gesanges an, Leiern und Harfen begleitenden den Gesang. Das Lob ­Gottes und der Dank für seine Barmherzigkeit erklingen unisono – und die musikalische Qualität gelangt Gott zu Ohren und überzeugt ihn sichtbar.

Cornelia Ewald ist Kirchenmusikerin und Chorleiterin in Berlin

 

Ein blauer Schuh wird hergestellt
Wie ein Schuster einen Schuh macht, so soll ein Christ beten. Foto: Raoul Ortega/unsplash

Das Handwerk eines Christen 

Predigttext zum 10. Mai 2026
Rogate: Matthäus 6,5–15

Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. 

Matthäus 6,7–10
 

Zum Vaterunser ist schon alles gesagt: Dass es zum wichtigsten Gebet beider Kirchen wurde und dass Jesus selbst seinen Jüngerinnen und Jüngern die sieben Bitten lehrte. Ein heiliges Manifest, das mit der Anrede „Vater unser im Himmel“ – der aramäischen Anrede „abba“ – beginnt und mit dem Verweis auf die Ewigkeit Gottes mit einem Amen endet.

„Denn dein ist das Reich…“

Die mögliche Urfassung aus Lukas 11, 2–4 ­begnügte sich mit fünf Bitten: 1. Heiligung des Gottesnamens, 2. Bitte um das Kommen des ­Gottesreiches, 3. Bitte um das tägliche Brot, also die Notwendigkeiten des Alltags, 4. Befreiung aller Schuld gegenüber Gott und das Vergeben aller ­Verfehlungen anderer. 5. Die Bewahrung vor ­Ver­suchung durch das Böse. In der Fassung nach Matthäus sind zwei Bitten ergänzt: Dein Wille geschehe und die Erlösung von dem Bösen. Eine sogenannte Doxologie, ein Wort der Ehre, ist hier hinzugefügt: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.“ Sie dürfte der frühchristlichen Gebetspraxis entsprechen. Schon der Kirchenlehrer Thomas von ­Aquin (1225–1274) nannte das Gebet einen „Akt der Religion im eigentlichen Sinn“. Er verwies damit auf die Gnade Gottes und die Abhängigkeit des Glaubenden davon.

Als ich vor vielen Jahren in Tübingen in einer Vorlesung des Systematikers Eberhard Jüngel saß, mahnte er uns junge Studierende beim Thema „Was heißt beten?“, den Dank im Gebet nicht zu vergessen. Denn Beten, so habe es Luther geschrieben, sei ein ganz handwerklicher Akt: „Wie ein Schuster einen Schuh machet und ein Schneider einen Rock, also soll ein Christ beten. Eines Christen Handwerks ist beten.“ Jüngel, der bekanntlich Vikar der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg war, schloss: „Auch dieses Handwerk hat goldenen Boden.“

Das Gebet als Sprache des Herzens

Martin Luther bezeichnete das Gebet als eine Sprache des Herzens. Wir sollten Sorge tragen, dass es vom Herzen herrührt, sagt er. Das sollen wir wissen: „Dass all‘ unser Schutz und Schirm allein im Gebet steht. Wesen und Natur des Gebets ist nichts anderes als Erhebung des Gemüts oder Herzens zu Gott.“ Damit zeigt sich Luther als Mahner bis heute: Dass nämlich Lebensglück nicht monopolisiert werden darf: Arbeit und Leistung, Erfolg und Anerkennung, Bildung und Lebens­genuss gehören allen, nicht nur Auserwählten.

Frère Roger, der Gründer von Taizé, machte es sich in diesem Sinn zur steten Aufgabe, jeden Freitagabend vor dem Kreuz in seiner Gemeinschaft ein Gebet zu halten, für alle, die leiden und in existenzieller Not sind: Er war der Über­zeugung, die jungen Leute, die zu ihm kamen, sollten sich nicht in eine Spirale der Verdrossenheit hineinziehen lassen. „Gott hat uns nicht zur Untätigkeit erschaffen. Wir sind nicht einem ­blinden Schicksal unterworfen.“ Der protestantisch getaufte Bruder Frère Roger strahlt damit eine Zuversicht bis in die Gegenwart aus, die in jedem Gebet des Herrn sich wiederholt: Gottesgewiss­heit. In diesen Worten bleibt ­niemand allein.

Dr. Roger Töpelmann ist Pfarrer im Ruhestand und freier Autor in Berlin

 

Zwei Kinder laufen Schulter an Schulter einen Weg entlang
Einen Bund besiegelt. Foto: Juan Pablo Rodriguez/unsplash

Unverbrüchlich verbunden

Predigttext zum 17. Mai 2026
Exaudi: Jeremia 31,31–34

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen (…), sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und ich will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein. 

Jeremia 31,31.32.33
 


Als Kinder schrieben wir in einer Art Geheimsprache etwas auf ein Blatt Papier. Das war unser Bund! Geheimnisvoll saßen wir in unserer Hütte aus Zweigen im Wald und schlossen eine Art Geheimbund. Auf ewig wollten wir mit den anderen Dorfkindern verbunden sein. Und jeder für den anderen einstehen. Wer dazugehörte, war aus­erwählt. Einmal drückten wir uns gegenseitig sogar einen Blutstropfen aus dem Finger, um das zu besiegeln.

Einen Strich unter die Vergangenheit setzen

Ein Kinderspiel. Aber auch Gott will einen Bund „mit dem Haus Israel und mit dem Hause Juda“ schließen. Er möchte auch eine Selbstverpflichtung eingehen und einen Strich unter die Vergangenheit setzen. Klar, das Volk Israel hat auch noch andere Götter angebetet, der Versuchung von Eitelkeiten, Reichtum, Macht und schönen Frauen nicht widerstanden. Aber sie haben gelitten in der Verbannung, in der sie viele Jahre gelebt haben. Damit soll Schluss sein. Der Prophet Jeremia verkündet es im Namen des Herrn. Der sieht nun das in die Fremde verschleppte Volk Israel gnädig an. Er begnadigt es und erlaubt seine Heimkehr in die verlassene Heimat. Aber nicht einfach nur um Rückkehr geht es. Gott lässt Gewesenes hinter sich und dem Volk, er vergibt, wo die Israeliten auf Abwege geraten, ihn vergessen hatten und schenkt einen neuen Anfang. Auch hier geht es um ein Bündnis – zwischen Gott und seinem Volk.

Gott schätzt die Lage realistisch ein

„Wenn man den Himmel oben messen könnte und den Grund der Erde unten erforschen, dann würde ich auch verwerfen alle Nachkommen Israels für all das, was sie getan haben, spricht der HERR“ (Jeremia 31,40). Gott schätzt die Lage realistisch ein. Aber er bleibt nicht dabei. Er schüttet trotz allem seine Barmherzigkeit aus: „Ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“ Und so beendet der Prophet Jeremia das Gotteswort mit einer unverrückbaren Zusage, Grund aller Hoffnung für alle Zeit: „Und die Stadt wird niemals mehr eingerissen und ­abgebrochen werden.“ Denn sie ist heilig, weil Gott mit seinem Volk darin wohnt. Und nicht nur in der Stadt. Der Bund wird in ihren Herzen und ihrem Sinn leben, so dass sie ihn erkennen und immer auf ihn trauen.

Wir wissen, wie schwer das ist. Aber wenn wir es versuchen, können wir Erstaunliches erleben. Im Gebet Gott bitten, jeden Tag diesen Bund zu erneuern, uns unser Herz und den Verstand anzurühren. Dann kann sich im Kleinen wirklich etwas Großes verändern. Schlaflose Nächte, zerwühlt von Wut und Enttäuschung, wandeln sich in nächtlichen Frieden. Neue Lösungen für den Tag werden möglich: Denn „Siehe, ich mache alles neu“, wie es uns als Jahreslosung mitgegeben ist.

Sibylle Sterzik, Pfarrerin im Ehrenamt in Berlin

 

Zwei Tumspiten vor einem blauen Himmel
Gemeinschaft im Geist ­Gottes ­entsteht ­jenseits von gemachten Mauern und Grenzen. Foto: Nipun Chandra Surnilla/unsplash

Der Geist Gottes weht über Mauern

Predigttext zum 24. Mai 2026
Pfingsten: Apostelgeschichte 2,1–21

Sie verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache? ­Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen, Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden.

Apostelgeschichte 2,1–21

Pfingsten 2025 in unserer 165 Jahre alten Kreuzkirche Istanbul, nicht weit entfernt von Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, von Phrygien und Pamphylien. Es sind Schulferien wegen des muslimischen Opferfestes, und die Gottesdienst­gemeinde ist recht ausgedünnt. Da klingelt es, und eine große Pilgergruppe aus der Elfenbeinküste marschiert in den Gottesdienst ein. Sie ­verstehen kein Deutsch, aber das tut der Gemeinschaft keinen Abbruch, weder im Gottesdienst noch beim anschließenden Kirchencafé mit ­Erdbeerkuchen im Garten. Wir feiern zusammen Abendmahl – und da wird es richtig Pfingsten, der Geburtstag der einen Kirche Jesu Christi aus allen Völkern und Sprachen. Der Geist Gottes weht über die von Menschen gemachten Mauern und Grenzen hinweg, begeistert und ermutigt, setzt in Bewegung und führt zu Begegnung. Hier in Konstantinopel, dem neuen Rom, Istanbul, spielt Ökumene für alle ­Kirchen und Gemeinden eine große Rolle. Sicherlich auch ein bisschen gezwungenermaßen, weil wir alle eine extreme Minderheit sind. Aber vor allem deswegen, weil es hier einen Reichtum an Konfessionen und Traditionen gibt wie ansonsten nur in Jerusalem. Hier erlebe ich die eine Kirche Jesu Christi in ihrer wunderbaren Diversität. Das ist manchmal gewöhnungsbedürftig, meistens aber sehr bereichernd und wunderbar.

Appell zu einer generations­übergreifenden Kirche

Der Geist Gottes weht über Mauern und Grenzen hinweg. Das gilt im Kontext von unterschied­lichen Sprachen, Kulturen und Herkünften, Traditionen und Konfessionen und auch Religionen. Aber – und das fällt mir in diesem Jahr beim ­Predigttext aus Apostelgeschichte 2 zum ersten Mal so richtig auf – das gilt auch für die unterschiedlichen Generationen. In seiner Predigt spannt Petrus den Bogen von ganz jungen Menschen zu den alten: Weissagungen, Gesichte und Träume, also über das hinaus schauen, was vor Augen liegt, hin zu dem, was verheißen ist. Ich lese das als einen Appell zu einer generations­übergreifenden Kirche, zu einer, die Kinder und Jugendliche nach ihren Visionen befragt und ­Seniorinnen und Senioren nach ihren Träumen. Die beide ins Gespräch bringt und daraus lernt. Solch eine Kirche möchte ich nicht nur träumen, sondern leben.

Pfingsten eröffnet Begegnungsräume, die im Rest des Jahres mit Leben gefüllt werden können. Vertraute oder andere Orte, an denen wir uns begegnen und bewegen, einander von unseren Visionen und Träumen erzählen und voneinander lernen. Das macht mir Mut: für mein eigenes Leben, für meinen Glauben und für die Menschen, mit denen ich gemeinsam unterwegs und Kirche bin.

Heike Steller-Gül ist Pfarrerin in der Evangelische Gemeinde deutscher Sprache in der Türkei in Istanbul

 

Eine lächelnde Pfarrerin hebt ihre Hände. Im Vordergrund stehen Jungen mit Kerzen
Segen hält die Seele. Foto: IMAGO/epd

Gesegnete Gottes

Predigttext zum 31. Mai 2026
Trinitatis: 4. Mose 6,22–27

Und der HERR redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.
 
4. Mose 6,22–27
 

„Alles ist an Gottes Segen und an seiner Gnad gelegen über alles Geld und Gut. Wer auf Gott sein Hoffnung setzet, der behält ganz unverletzet einen freien Heldenmut!“ (Lied aus dem Evangelischen Gesangbuch 352,1)

Es ist der Segen, der unsere Gottesdienste erst rund und vollständig macht. Der Segen steht zwar am Ende eines Gottesdienstes, von seiner Wichtigkeit aber steht er in der Mitte. Es ist der Segen, der uns bleibt, während manch anderes Wort aus dem Gottesdienst vorüberrauscht oder schnell vergessen ist.

Bei den Trauungen weiß ich, dass es vor allem der Segen Gottes ist, den die Paare erbitten. ­Dieser Segen soll über ihre gemeinsame Zukunft zu stehen kommen. Das öffentlich gesprochene Ja zueinander tritt hinter den zugesprochenen Segen Gottes zurück. Gottes Segen ist größer als jedes Versprechen, das Menschen einander geben ­können. Das ist deutlich zu spüren.

Segen für Sterbende

Wenn ich in Taufelterngesprächen die Eltern nach der Bedeutung der Taufe für ihre Kinder ­frage, kommt immer wieder eine Antwort: Mein Kind soll unter dem Segen Gottes stehen. Darum bringe ich es zur Taufe, dafür ist mir die Taufe ein sichtbares Zeichen. Mit dem Segen Gottes ist etwas auf und in das Kind gelegt, das mehr ist als alle Elternfürsorge geben kann.

Auch Sterbenden spreche ich den Segen zu. In aller Not und Angst, die die Aussicht des nahenden Todes bedeutet, gibt der Zuspruch des Segens Vertrauen und Sicherheit.

„Segnet die, die euch fluchen.“

Die Bibel überliefert uns viele Zeugnisse davon, wie Gott immer wieder durch seinen Segen an Menschen gewirkt hat: Dem Abraham spricht Gott zu: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“ Im Neuen Testament geht die Geschichte des Segens weiter: die Menschen bringen Kinder zu Jesus, damit er sie anrührt und segnet. Jesus ­sendet seine Jünger und segnet sie. Er selbst macht den Segen zum Auftrag: „Segnet die, die euch fluchen.“

Der Segen ist das Größte, was wir von unserem Gott geschenkt bekommen. Aus dem Segen kommt uns Kraft her, im Segen fühlen wir uns geborgen. Der Segen macht uns zuversichtlich. Und es ist gut, dass wir durch immer wieder neu ausgesprochenen Segen daran erinnert werden, Gesegnete Gottes zu sein.

Viele Erklärungsversuche greifen zu kurz

Gottes Segen gibt uns Schutz, er ist unsere Freiheit, er will Frieden geben. Gottes Segen will unser Leben ganz umfassen. Vielleicht greifen alle verstandesmäßigen Erklärungsversuche für den Segen deswegen immer zu kurz. Gottes Segen erreicht mehr als unsere Sinne, nämlich unser Herz. Gottes Segen liegt auf mehr als unserem Leib, er hält unsere Seele.

Das nehmen wir aus jedem Gottesdienst mit nach Hause. Und wir können davon weitergeben. Wer unter dem Segen Gottes steht, ist eingeladen, diesen Segen auch auszuteilen. So wird der Segen mehr und mehr. Durch das Teilen wird der Segen größer. So segne und behüte uns Gott, der allmächtige und barmherzige, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Pfarrer Thilo Haak, Ostergemeinde Berlin-Wedding