Zum Monatsspruch Juni 2026

Denkt an die Gefangenen, als wäret
ihr mitgefangen; denkt an die
Misshandelten, denn auch ihr lebt
noch in eurem irdischen Leib!
Hebräer 13,3 (E)
„Jeder Mensch braucht Erbarmen …“ – so oder ähnlich singen wir es gelegentlich im Gottesdienst. Jeder Mensch braucht Erbarmen – das ist Gottes Sicht auf die Menschheit und deshalb hat er sich ihr zugewandt. Nur durch sein Erbarmen können Verlorene gerettet werden. Das haben viele Menschen bis heute erlebt – aber ist ihnen auch bewusst, dass sie nun ebenfalls Erbarmen üben sollen?
Als würdet ihr es am eigenen Leib erfahren
Erbarmen ist kein mitleidiges Bedauern, sondern mitfühlende Anteilnahme. In diesem Sinne möchte ich den Gedanken des Monatsspruches weiterführen: Denkt an die Gefangenen und Misshandelten so, als würdet ihr selbst betroffen sein. Denkt an Gefangene, Misshandelte, Unterdrückte und Bedürftige, als würdet ihr deren Schmerzen, Härte und Einsamkeit am eigenen Leib erfahren. Denkt an sie und betet für sie, um Kraft, Zuversicht und Ausdauer im Leid.
Erbarmen ohne nachzudenken
Denkt an sie und betet darum, dass Gott in seinem Erbarmen in ihr Leben eingreifen möge. Denkt auch an das, was Christus über die Menschen sagt, die Gefangene besuchen und Bedürftige versorgen: Ohne über persönliche Konsequenzen nachzudenken, üben sie praktisches Erbarmen. Ohne zu zögern, helfen sie den Notleidenden. Ohne es zu ahnen, dienen sie dadurch Christus selbst. Ohne es zu wissen, tun sie genau das, was Gott ihnen aufs Herz legt.
Wenn ihr also an die Gefangenen und Misshandelten denkt –, dann rechnet damit, dass Gott, der jedes gute Werk schon vorbereitet hat, ihnen durch euch wohltun will. Und freut euch, denn auch ihr werdet dadurch reich gesegnet werden.
Ursula Hecht, Berlin
Predigten im Monat Juni 2026

Wunsch und Wirklichkeit
Predigttext zum 7. Juni 2026
1. Sonntag nach Trinitatis:
Apostelgeschichte 4,32–37
Apostelgeschichte 4,32–35
Es ist das Himmelreich auf Erden. Die ersten Kapitel der Apostelgeschichte erzählen von der Gemeinde der ersten Christinnen und Christen wie vom wirklich gewordenen Reich Gottes: Seit dem Pfingstwunder sind sie eines Geistes, einmütig beieinander beim Brotbrechen, Beten und Singen – ja, „sie waren ein Herz und eine Seele“.
Das wahre Himmelreich auf Erden
Kennzeichen dieser himmlischen Gemeinschaft ist auch das gemeinsame Eigentum: „Es war ihnen alles gemeinsam.“ Was die Apostelgeschichte schon einmal erwähnt hatte (2,44), wird hier nochmals konkret erzählt: Jede und jeder verkauft, was er oder sie hat. Und der Erlös wird „den Aposteln zu Füßen“ gelegt. Niemand leidet Mangel. Wirklich, es ist das wahre Himmelreich auf Erden – echte Gemeinschaft im Herzen und im Teilen. Es ist wie ein Traum in hellen Farben.
In keinem anderen biblischen Buch gehen Wunsch und Wirklichkeit so sehr ineinander über. Gerade in der Apostelgeschichte, die auf historische Fakten ja sonst so viel Wert legt. Gerade deswegen mag ich sie. Denn das Wünschen und der phantasievolle Umgang mit der Wirklichkeit der harten Fakten gehört für mich zum Glauben unbedingt dazu.
Ein Traum, der gefährlich werden könnte?
„Es war ihnen alles gemeinsam“ (V. 32), lateinisch „Omnia sunt communia“, das wurde sogar zum Schlagwort, zum Ideal durch die Zeiten, zum Traum von einer revolutionären, utopischen Gesellschaft. Und es wurde auch bekämpft. Weil es das Innerliche vergisst und die Gemeinschaft allein am Äußeren festmachen will? Ein Traum, der gefährlich werden könnte? Thomas Müntzer jedenfalls soll aufgerufen haben, dafür zu kämpfen, und wurde hingerichtet. „Omnia sunt communia“ ist Traum geblieben und man möchte schon resigniert einstimmen in das Lied des Bettlerkönigs Peachum aus der Dreigroschenoper: „Wir wären gut, anstatt so roh, doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.“
Ein gnadenlose Bruch
Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist ein gnadenloser Bruch. Und er zeigt sich besonders bei der Frage: Wem gehört eigentlich was? Und es ist ja meistens der bequemere Weg, ganz nüchtern bei der Wirklichkeit zu bleiben und sich nicht im Wünschen zu verlieren. Und doch kämen wir ohne das Wünschen, ohne solche Träume, ohne Spuren des Himmelreichs auf Erden nicht aus. Wie sehr wünsche auch ich mir andere Verhältnisse oder zumindest, dass die Ungerechtigkeiten nicht einfach hingenommen werden.
Ich brauche solche Worte und Bilder, wo Wunsch und Wirklichkeit ineinander übergehen, wie sie mir die Apostelgeschichte diese Woche gibt. Mache die Augen auf, sagen sie mir, schicke deinen Glauben auf die Reise und verwebe deine Wirklichkeit mit deinen Träumen.
Lars Städter ist Pfarrer in Weißwasser

Gott führt uns auf gute Bahnen
Predigttext zum 14. Juni 2026
2. Sonntag nach Trinitatis:
Matthäus 11,25–30
Wenn es um die Verteilung der Klugheit geht, könne man von Gerechtigkeit sprechen, denn jeder meint, genug zu haben. Dumm seien immer nur die anderen. Das sagte einst der französische Philosoph René Descartes (1596–1650). Ich merke es, wenn Jesus von „Weisen und Klugen“ spricht, denn da fühle ich mich gerne angesprochen. Aber was ist, wenn es nicht die Klugen sind, sondern die „Unmündigen“, mit denen Jesus auch mich meint? Wenn auch ich einen besonderen, einen vereinfachten Weg benötige, um zu verstehen, was um mich herum geschieht und wer da vor mir steht?
Es braucht viel, sich die eigenen Grenzen einzugestehen. Aber vielleicht öffnet gerade das den Zugang zu Jesus. Denn Gott vollkommen zu erkennen, geht nur mit göttlicher Kraft. Den Vater kennt allein der Sohn. Aber der Vater will, dass wir ihn erkennen können, so weit wie es uns möglich ist; das wurde in Jesu Sendung deutlich.
Nicht immer macht der Glaube das Leben leichter
Anders als manch einer meint, vereinfacht der Glaube an Gott aber nicht immer das eigene Leben. Lasten gibt es zu tragen, als Christ wie als Nicht-Christ. Und mitunter bürdet einem Gott noch zusätzliche Last auf. So klingt es auch in Jesu Worten. Aber ein Joch ist in der Regel ein Zweiergespann. Es geht noch jemand neben mir – jemand, der gleiches durchmacht; der mitaushält; der mitträgt, was ich trage. Und wenn ich hinter mich blicke, stelle ich fest, dass es gute Bahnen sind, auf die ich von Gott geführt werde: weil sie klar sind und Orientierung bieten. Weil auf ihnen jene gesehen werden und zu Wort kommen sollen, denen sonst der Mund verboten wird oder denen der Mund aus Kummer verschlossen ist. Und weil diese Bahnen ein Ziel haben: das Aufatmen nach langer Not, das Nachlassen des Schmerzes, das Erkennen von Gottes wohlwollenden Spuren in meinem und unserem Leben, und Frieden.
Ein sanftes Joch
Ja, es ist eine Aufgabe, Gottes Spuren in dieser Welt zu finden und zu helfen sie zu verbreiten – eine Aufgabe, die auch eine Last, ein Joch sein kann. Die Ehren- und Hauptamtlichen unserer Gemeinden wissen das. Und dennoch: Dieses Joch ist ein anderes. Es ist nicht aus Holz, sondern aus einem Material, das sanft ist, angenehm auf der Haut. Es passt sich den Schultern an und sein Gewicht ist gerade so schwer, dass ich es zwar spüre im Alltag, aber gut tragen kann.
Es ist eben kein Joch eines Herrschsüchtigen, sondern das eines liebenden Vaters, der sein Kind genau kennt, und der möchte, dass es ihm gut geht. Er will uns erquicken, unterwegs und am Ziel unseres Weges.
Franziska Roeber ist Pfarrerin im Kirchenkreis Berlin-Süd-Ost.

Zwischen Zorn und Gnade
Predigttext zum 21. Juni 2026
3. Sonntag nach Trinitatis:
Micha 7,18–20
Oma, entschuldige bitte!“ Ich muss wohl sehr verblüfft ausgesehen haben, als sich mein 5-jähriger Enkel nach einem altersgemäßen Wutausbruch und einer kurzen Auszeit zum ersten Mal bei mir entschuldigt hat. Damit hatte ich nicht gerechnet! Die ehrlich gemeinte Entschuldigung hat mein Herz berührt und wir fanden schnell wieder zueinander. Was für eine Erleichterung!
Wo geschieht solche Entlastung bei Schuld, die Menschen einander nicht einfach vergeben können? Wenn Leben gefährdet, bedroht und ausgelöscht wird? Oder wenn Frauen und Männer erniedrigt und ausgegrenzt werden
Schuld macht jeden krank
Unvergebene Schuld macht krank, wie wir heute wissen. Die Schuldigen ebenso wie diejenigen, an denen Schuld begangen wurde. In komplexen Verstrickungen reicht eine einfache Entschuldigung zur Entlastung nicht aus. Vielmehr braucht Vergebung einen entlastenden Prozess: Schuld muss benannt und Wut zugelassen werden. Jemand muss Verantwortung übernehmen. So kann die Kraft für einen Neuanfang wachsen, der Gewesenes nicht leugnet, sondern annimmt und mit dem „Rest“ leben kann.
Die Verse aus dem Michabuch bewegen sich genau in diesem Spannungsfeld zwischen Zorn und Gnade. Der Prophet Micha, dessen Wirkungszeit etwa ins 8. Jahrhundert vor Christus datiert wird, prangert Ungerechtigkeit und Missstände im Land an und ruft zur Umkehr auf. Im letzten Kapitel des Michabuches wird noch einmal Gottes Zorn beschrieben, der Schuld ernst nimmt. Und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb dann am Ende die Frage, die eigentlich schon Antwort ist: „Wo ist so ein Gott …, der die Sünde vergibt? … Er wird sich unser wieder erbarmen … und unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.“
Keine Gegensätze: Zorn und Gnade
Zorn und Gnade gehören zusammen bei Gott, sind keine Gegensätze oder Vorstellungen aus verschiedenen Traditionen. Gottes Zorn richtet sich gegen lebensverachtendes, zerstörerisches Verhalten von Menschen. Gleichzeitig bleibt die Tür zur Vergebung in Gottes Zuwendung offen. Durchgehen müssen wir allerdings selbst. Die freie und unverfügbare Gnade Gottes kann uns neu ausrichten zu verantwortlichem Leben – darauf dürfen wir hoffen. Die Umkehr, die der Prophet Micha immer wieder beschreibt, ist nicht Leistung, sondern Antwort auf Gottes Zuwendung. Sie ist Teil des entlastenden Prozesses zur Entschuldung: Rückkehr in Gottes liebende Arme.
Wo Menschen Barmherzigkeit erfahren und leben, da entsteht eine neue Zukunftsperspektive. Sie führt über das eigene Ich hinaus wieder in die Gemeinschaft, in der die geteilte Freude gefeiert wird. So wie in der Geschichte von der „Barmherzigkeit des Vaters“, wie ich die Geschichte vom „verlorenen Sohn“ gerne betitele, die an diesem Sonntag als Evangelium gelesen wird.
Barbara Deml ist Pfarrerin in der Heilig-Geist-Gemeinde Falkensee im neu gegründeten Kirchenkreis Havelland.

Foto: Tamas Tuzes Katai/unsplash
Wo der Geist weht
Predigttext zum 28. Juni 2026
4. Sonntag nach Trinitatis:
Römer 12,17–21
Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: „Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.“ Vielmehr, „wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln“. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Römer 12,17–21
Ich erinnere mich an den Palmsonntag. Die Zeitumstellung liegt nur wenige Stunden zurück. Ein Blick auf die Uhr: 9.40 Uhr. Bin ich zu spät? Ein kurzer Moment der Unruhe. Dann die Klarheit: Zeitumstellung. Es ist erst 8.40 Uhr. Der Schlaf fühlt sich kürzer an als sonst. Ein tiefer Atemzug. Der Blick auf die alte Dorfkirche lässt den Puls wieder ruhiger werden.
Fünf Minuten vor Beginn. Der Gottesdienst rückt näher. Doch wo ist unser Organist? Das Team ist nicht vollständig. Wieder steigt die Anspannung. Der Ablauf steht plötzlich auf der Kippe. Für einen Moment steht die Frage im Raum: Wie gehen wir jetzt weiter? Auch die eigenen Gefühle sind da – Unsicherheit, ein kurzer Ärger, vielleicht Enttäuschung. Soll ich mich davon bestimmen lassen? Gerade in solchen Momenten zeigt sich, wie verletzlich das Leben in der Gemeinde ist. Es gelingt nicht immer so, wie wir es uns vorstellen. Oft unterscheidet sich der Alltag eines Christen kaum von dem anderer Menschen. Und doch stellt sich die Frage: Was gibt uns Orientierung?
Nächstenliebe ist kein Sonntagsprogramm
Schon zu Zeiten des Paulus war die Gemeinde nicht frei von Spannungen. Sein Rat ist klar: Achtet einander, begegnet euch mit aufmerksamer Fürsorge und lebt in brüderlicher Liebe. Das ist kein Programm nur für den Sonntag, sondern ein Lebensstil – gelebter Dienst an Jesus und am Nächsten. Auch im Umgang mit Unrecht setzt Paulus Maßstäbe. „Vergeltet niemand Böses mit Bösem“, heißt es. Stattdessen soll gelten: Haltet fest am Guten gegenüber jedermann. Und wenn das nicht gelingt? Dann bleibt der schwierige Schritt, Vergeltung loszulassen und Gott zu überlassen. Nicht wir müssen die Rechnung begleichen.
Paulus denkt dabei nicht an die großen Konflikte der Welt, sondern an das konkrete Miteinander in Gemeinde und Nachbarschaft. Seine Worte bringen das zusammen, was die Schrift lehrt und was Liebe praktisch bedeutet. Denn Liebe prägt das Verhalten – im eigenen Leben, in der Gemeinde und gegenüber anderen Menschen. „Den Worten Taten folgen lassen“ – das bleibt herausfordernd. Es gibt Momente der Überforderung, des Zweifelns, des Alleinseins. Doch gerade dort gilt: Gottes Geist ist gegenwärtig. Im Gebet wird aus dem Anspruch ein Weg. Das Evangelium wird im Inneren lebendig. „Eure Liebe soll aufrichtig sein“, so formuliert es die BasisBibel.
Musik aus der „Konserve“
Und „mein“ damaliger Palmsonntag? Viel Zeit bleibt nicht. Der Gottesdienst beginnt gleich. Gemeinsam treffen wir eine Entscheidung: Es gibt Musik aus der „Konserve“. Das Evangelische Gesangbuch – digital, über eine App, mit gesungenen Liedern. Und genau in dieser Einfachheit entsteht etwas Besonderes: Gemeinschaft. Spontan werden andere Lieder gewählt. Die Gemeinde geht mit. Es entsteht ein lebendiger Gottesdienst – nicht bis ins Detail geplant, sondern getragen im Moment. Für mich sind es Gänsehautmomente. Und der Gedanke bleibt: Der Heilige Geist weht nicht nur dort, wo alles vorbereitet ist, sondern oft gerade dort, wo wir loslassen und vertrauen.
Michel Erdmann ist Lektor in Berlin
