Predigten des Monats Juni 2020

Taufe Frohe Botschaft Juni 2020

In Kirchen leuchten die Kerzen als Zeichen für Gott, Licht der Welt 
Foto: pixabay

Wo es leuchtet

Predigttext zum 7. Juni 2020 Trinitatis:
4. Mose 6,22–27

Denn ihr sollt meinen Namen auf die Kinder Israel legen, dass ich sie segne. Mose 6,27

Die zentralen Worte des Predigttextes für den Sonntag Trinitatis sind jedem Gottesdienstbesucher deutlich im Ohr. Es sind die Segensworte am Schluss eines jeden Gottesdienstes.

Das sind alte Worte. In der Bibel werden sie Mose in den Mund gelegt. Wir können das nicht nachprüfen. Aber dass es sich um sehr alte Worte aus den Gottesdiensten Israels handelt, bestätigt die biblische Archäologie.

Es sind feierliche und gewichtige Worte. Das kommt in ihrem dreigliedrigen Aufbau zum Ausdruck. Dreimal wird die Zuwendung Gottes zu den Menschen bildhaft beschrieben. Gottes Angesicht ist Zeichen seiner hilfreichen Nähe (2. Mose 33,14). Wo es leuchtet, da bewirkt es nur Gutes. Wir tun es ja nicht anders: Wir drehen uns weg oder wenden uns zu, wir strahlen unser Gegenüber an oder auch nicht. Gleiches gilt für das Erheben des Angesichts. Das ist wie „Daumen hoch“ oder „Daumen runter“.

Was die Zuwendung Gottes bewirkt, sind Gnade und Frieden. Dabei darf die Gnade keinesfalls in die Nähe von Willkür gerückt werden. Gottes ­Gnade ist eine überfließende, die weit über das Recht, das mir zusteht, hinausgeht. Und ebenso ist es mit dem Frieden, dem Schalom, der ganz umfassend Heil und Segen meint, geistlich wie materiell.

Die Segensworte wenden sich an ein Du. Gemeint ist der Einzelne als Teil des Gottesvolkes beziehungsweise der Gemeinde. Er wird so als Individuum ernst genommen und geht nicht in einem an die Vielen gerichteten „euch“ unter. Beim ­gottesdienstlichen Gebrauch sollten wir dies mit im Blick haben.

Weil diese Worte von den Priestern, den „Söhnen Aarons“, gesprochen werden sollten, werden sie Aaronitischer Segen genannt. Dass sie heute unsere Gottesdienste beschließen, liegt an Martin Luther und seinem Entwurf für eine Deutsche ­Messe. Während die Worte im Judentum immer in Gebrauch waren, fanden sie in der Alten Kirche und auch im Römisch-katholischen Gottesdienst bis zum Zweiten Vaticanum kaum Verwendung.

Der dreigliedrige Aufbau des alten Segenswortes stellt natürlich einen gedanklichen Bezug zur Dreieinigkeit Gottes her, wie wir dies in den christlichen Kirchen bekennen. Für den Text selber und seine ursprüngliche Verwendung war das noch nicht im Blick. Aber beide, den Text des Aaronitischen Segens und unsere christliche Lehre von der Trinität, eint die Erkenntnis, dass von der freundlichen Zuwendung Gottes nicht mit nur einem Begriff oder nur einem einzigen Satz gesprochen werden kann, seien diese auch noch so genial ­formuliert.

Wer auch immer heute wie damals diese ­wunderbaren Worte oder ähnliche spricht, „legt den Namen Gottes“ auf diejenigen, an die er sich dabei wendet. Gott will unsere Mitwirkung, wenn er sich den Menschen zuwendet. Gibt es Schöneres, als auf diese Weise am Tun Gottes teilzuhaben?

Dr. Volkmar Hirth, Berlin

 

Frohe Botschaft Juni 2020Zuneigung weitergeben. Foto: pixabay

Trösten und Heilen

Predigttext zum 14. Juni 2020 1. Sonntag nach Trinitatis:
Apostelgeschichte 4,32-37

Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde, ein Levit, aus Zypern gebürtig, der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

Apostelgeschichte 4,32.36–37

Für mich liest sich der Text, wie real funktionierender Sozialismus. Alles ist gut, alles ist toll, jedem gehört irgendwie alles, der 17-millionste Teil (die DDR hatte damals circa 17 Millionen Einwohner) gehört mir, weil alles Volkseigentum war. So wurde noch vor 32 Jahren gesprochen! Beim Text der Apostelgeschichte, werde ich den Gedanken nicht los, dass es sich hier um die Anfangs­euphorie einer Gemeinde handelt. Nebst einem der sich hervor tut, als Sohn des Trostes.

Offensichtlich hatte dieser Josef, mit Beinamen Barnabas, Sohn des Trostes, der Ermahnung, eine Art Vorbildfunktion. Vorbilder sind gut, nur können sie schnell auch das Gegenteil erreichen. Das erkannte auch eine große Fastfoodkette. Dort waren die besten Mitarbeiter des Monats mit Bild, zu sehen. Mobbing war plötzlich Thema!   

Was will mir der Schreiber des Textes sagen? Das dieser Josef/Barnabas damals Aktivist der ersten Stunde oder Jünger des Monats war? Das glaube ich nicht, wenn nämlich Josef keinen Acker gehabt hätte, hätte er nichts zu verkaufen gehabt. Was machen ärmeren Menschen? Mir drängt sich das Gefühl auf, dass wir unsere Begabungen, die wir in die Wiege gelegt bekommen haben – Organisieren, Redegewandt sein, handwerklich geschickt sein und anderes –, erkennen und für Gott gebrauchen sollen. Gott etwas davon zurückgeben, um seine Gemeinde zu bauen, zu vergrößern.

Als ich kürzlich über das Teilen predigte, kam direkt die Antwort aus der Gemeinde: „Ich habe nichts zum Teilen.” Einen Christ, der nichts zum Teilen hat, kann ich mir nicht vorstellen. Dabei betrachte ich die schlicht gekleidete, aber sprachgewandte etwa 80-jährige Frau. Sie verbindet wie viele das Teilen mit Materiellen. Meine Antwort: „Sie haben da etwas, was sie teilen könnten! Das hat mit Materiellem nichts zu tun!“ Fragender Blick. „Sie haben etwas in die Wiege gelegt bekommen, Sie können die Aufmerksamkeit teilen.“ Wir können aufmerksam sein und mit unseren Nächsten teilen. Zeit zu teilen kostet nichts und kann dem Nächsten unendlicher Trost sein. Dann plötzlich sind Sie, ein Sohn oder eine Tochter des Trostes, wie es in der Apostelgeschichte steht. Nur das Bild, mit dem ­Tröster und Teiler des Monats steht dann auf dem Schreibtisch bei Gott!

Titus Schlagowsky, Prädikant in Nochern, Hessen-Nassau

 

 

Taufe Frohe Botschaft Juni 2020

Gott offenbart sich den Unmündigen. 
Foto: Pixabay

Seele darf baumeln

Predigttext zum 21. Juni 2020 2. Sonntag nach Trinitatis:
Matthäus 11,25–30

Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart. Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure ­Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.                                           

Matthäus 11,25–30

Jesu Lobpreis Gottes, den er Vater nennt, steht an einer Wendestelle im Evangelium des Matthäus. Jesus offenbart sich als der von Gott Gesandte.

Die Worte Jesus klingen fast so, als wenn er alle Klugheit, Gelehrsamkeit und Weisheit abwerten würde. Abgewertet wird hier aber eine überheb­liche Form der Weisheit. Die Weisheit, die meint, aus eigener Kraft näher bei Gott stehen zu können. Die Einsicht in das Heilshandeln Gottes durch seinen Sohn Jesus Christus kommt aber nicht aus gelehrsamer Leistung, sondern aus der Offenbarung Gottes selbst.

Deswegen kann sie auch der Unmündige empfangen, deswegen gibt es keine Hierarchie der Frömmigkeit, deswegen gibt es keine schlechteren und besseren Christen. Alle Christen sind gleich. Das Erkennen Gottes wird mir durch Jesus Christus geschenkt.

Dieses Erkennen gibt es nicht aus eigenem Bemühen. Alle, die das Gegenteil behaupten, die meinen aus eigenem Können und Anstrengen eine Sonderrolle bei Gott spielen zu dürfen, haben die Botschaft Jesu nicht verstanden. Jesus ruft mir zu: „Komm zu mir, der du müh­selig und beladen bist, ich will dich erquicken. Nimm mein sanftes Joch und meine leichte Last auf dich.“

Ich weiß, dass es zu unseren Zeiten viele Angebote gibt, die mir die Last des Lebens erleichtern wollen. Eine ganze Freizeitindustrie ist damit beschäftigt, mich ablenken zu wollen. Religiöse und pseudoreligiöse Hilfsangebote der Lebens­bewältigung gibt es in Hülle und Fülle. Sie alle fragen: Was hilft in diesem Leben? Und zugleich bieten sie Antworten der unterschiedlichsten Art.

Was aber hilft mir wirklich zum Leben? Diese Frage kennt nur eine Antwort. Der, den wir als den lebendigen Sohn Gottes bekennen, ist der, der einzig Leben geben kann! Er ruft alle zu sich. Die Rede von der Leichtigkeit des Seins ist ein Selbstbetrug. Die einen brechen unter der Last eines frommen Leistungsdrucks zusammen, der ihnen kaum noch Luft zum Atmen lässt. Andere sind unter dem Joch des sich ständig Selbst-Beweisens-Müssens gefangen, dürfen nie schwach oder ausgelaugt sein.

Aber Jesus sagt: Meine Seele darf ruhen, muss sich nicht mit selbstgemachten Ansprüchen quälen, braucht nicht unter den Ansprüchen anderer zu leiden. Diese Ruhe der Seele

ist das Ziel der Offenbarung Gottes. Da, wo die Seele baumeln darf, weil sie sich sicher in Gottes guter Hand gehalten weiß, wird das Joch sanft und die Last leicht.

Thilo Haak, Pfarrer, Ostergemeinde, Berlin-Wedding

 

Weinlese Frohe Botschaft Juni 2020
Unter die Füße getreten. Foto pixabay

Göttlicher Skandal?

Predigttext zum 28. Juni 2020 3. Sonntag nach Trinitatis:
Micha 7,18-20

Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.

Micha 7,19

Gnade vor Recht? Nach menschlichen Maßstäben ist das ein Skandal! Die meisten Menschen wollen das nicht, jedenfalls nicht für andere. Wenn die Lehrerin Schüler ungleich bewertet, dann finden Schüler das skandalös! Wenn der Richter im Prozess ein Auge zudrückt, dann ist das ein Skandal. Recht muss Recht bleiben! Gnade, dafür ist das Gericht nicht zuständig. Gnade ist das Privileg

der Könige und Staatenlenker. Doch Gott ist ­beides: Richter und Herr der Welt. Verurteilt er? ­Begnadigt er?

Die christliche Gemeinde ist sich sicher: Gott ist gnädig! „Abba, lieber Vater!“ betet Jesus und zeigt uns den liebenden, gnädigen Gott. Doch der Herrscher der Welt ist auch ihr Richter! Er sieht das Gute – und er sieht die Schuld! Nicht billige Gnade, sondern radikale Schuldbewältigung ist gefragt. Gott wird „unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen“ (Vers 19). Das ist nicht leicht und billig. Es kommt Gott teuer zu stehen. Es kostet ihn in Jesus Christus das Leben! Gott setzt sich ein mit voller Kraft. Zum Teil sind uns die Bilder noch vertraut, mit der uns Gottes Einsatz vor Augen gemalt wird. Mancherorts werden bis heute Trauben „unter die Füße getreten“. Wer das mit­gemacht hat, erinnert sich vielleicht an ein tolles gemeinschaftliches Erlebnis. Aber er denkt auch an den nachfolgenden Muskelkater und lange dauert es, bis Füße und Beine nach den roten Trauben wieder sauber werden. Die Bilder des Bibeltextes verdeutlichen: Gott macht sich dreckig mit unserer Schuld. Gott müht sich mit unseren Sünden: Bis in die Tiefen des Meeres. Was für ein Sündenweitwurf. Die tiefste Meerestiefe misst 11000 Meter. Eine endlose Tiefe. So wirkt Gottes Gnade in unserem Leben: tiefenwirksam, unergründlich!

Durch das Leiden und Sterben von Jesus hat der Text aus dem Alten Testament eine zusätzliche Dimension erhalten. Ja, Gott ist der Richter, der Schuld beim Namen nennt und das Urteil spricht. Er spricht Recht, entsprechend unserer Schuld! Aber das Urteil nimmt er selbst auf sich im Leiden und Sterben von Jesus am Kreuz. Damit wird die Schuld unter seine Füße getreten und in die Tiefen des Meeres geworfen. Gott, der Richter, hat das Urteil gesprochen – und die Strafe auf sich genommen. Auf diese Weise lässt Gott, der König, für uns Gnade vor Recht ergehen. Seine Gnade spricht uns frei. So ist Gott. So beschenkt er uns aus Liebe. Jetzt kann unser Leben gelingen. Lasst uns Gott danken und ihn loben!

Thomas Günzel, Klinikseelsorger, Pfarrer im Ehrenamt, Evangelische Fachkliniken Heidehof gGmbH, Weinböhla