Aktuelle Ausgabe Dezember 2020

Die heilige Familie
Maria und Josef hatten auch nur einen ­ärmlichen zugigen Stall als Herberge. Foto: pixabay

Alte und neue Medien.
Für die Nachkommenden bewahren. Wie die Bibel entstand – Teil Schluss
Von Hans-Jürgen Grundmann aus Berlin

Kein Raum in der Herberge.
Draußen feiern und trotzdem in Weihnachtsstimmung kommen? Gedanken zu Weihnachten
Von Sibylle Sterzik,  Berlin

Wie haben Sie es damals erlebt? Serie: 75 Jahre Kriegsende
Familie auf der Flucht. Im Winter über Danzig nach Dänemark.
Gerhard Sachs, Leser aus Greifswald

Weihnachten ist in diesem Jahr alles anders. 
Weihnachten ist in diesem Jahr alles anders. Seit Monaten rätseln die Gemeinden, wie sie das Fest unter Corona-Bedingungen feiern sollen. Vielleicht draußen im Kalten bei Schnee? Wie soll da „O du fröhliche“-Weihnachtsstimmung aufkommen?
Es antwortet: Generalsuperintendent m Ruhestand Rolf Wischnath aus Gütersloh

 

 

Predigten des Monats Dezember 2020

Hungrige speisen Frohe Botschaft Dezember 2020
Foto: pixabay

Zum Monatsspruch Dezember 2020
Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!                 Jesaja 58,7 (L)


Die dem Wochenspruch nachfolgenden Verse 9 und 10 gehen noch viel weiter: „Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.“

Wie steht es damit? Sind wir bereit, von unserem Überfluss mit Freude abzugeben und das Wenige, was mancher hat, zu teilen? Einem Obdachlosen einige Euros zu geben und zu sagen: „Kauf’ dir was“, ist schnell erledigt. Aber nachzufragen, wie er in solch eine Situation gekommen ist, fällt schon schwerer. Und überhaupt: Soll ich mich mit dem schmutzigen und müffelnden Kerl abgeben? Sollte ich ihm bei mir daheim ein Bad zurichten, ihm saubere Kleidung und satt zu essen geben? Dann werde ich ihn vielleicht nicht wieder los? Wo soll das hinführen? Sollte ich mit ihm die entsprechenden Ämter aufsuchen, ihn dort unterstützen?

Aber, habe ich nicht genug mit mir selbst zu tun? Sollte ich mich lieber um meine Tochter oder meinen Sohn kümmern, die oder der sich mir seit Jahrzehnten entzieht? Und wie oft soll ich ihnen noch ein Zeichen meiner Vergebung senden? Fragen über Fragen. Und Antworten? Trotzdem! Nicht aufgeben! Dranbleiben! Und in allem mit Gottes Hilfe und Beistand rechnen, denn er selbst ist die Antwort.

Karl-Heinz Eberhardt Schäfer, Leipzig

 

Einer sorgt für den anderen

Geduldige Fürsorge.
Foto: pixabay

Hoffnung ermöglicht Warten

Predigttext zum 6. Dezember 2020 2. Advent: Jakobus 5,7-8 (9-11)

Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.      Jakobus 5,8

Hintergrund der Mahnung zur Geduld ist das Ausbleiben der Parusie, also der Wiederkunft Jesu Christi. Die ersten Christen hatten sie zu ihren Lebzeiten erwartet. Als Jakobus diesen Brief schrieb, waren seit Jesu Tod und Auferstehung bereits einige Jahrzehnte vergangen. Immer mehr Christen starben dahin. Viele zweifelten. Lohnte es noch, an Jesus zu glauben? Ja, meint Jakobus und ermutigt zu weiterer Langmut, wie Luther übersetzt hat. Die frühen Christen haben darauf gehört. Als Jesu Erdenzeit drei Jahrhunderte zurück lag, schrieben sie sein Wiederkommen ins Glaubensbekenntnis. Dort hat es bis heute seinen festen Platz, auch wenn die meisten Christen ein Ende der Welt eher von einer durch Menschen verursachten Katastrophe erwarten als vom Erscheinen Jesu. Am zweiten Sonntag im Advent sind jedes Jahr sein Kommen und das Jüngste Gericht Thema des Gottes­dienstes.

Geduld ist freilich auch sonst wichtig und hilfreich. Ich kenne die Versuchung, mit einem Machtwort ein langes Hin und Her zu beenden. Ich weiß aber auch, dass das selten zu einer befriedigenden Lösung führt. Selbst da, wo Eile notwendig ist wie beim Klimaschutz, bringt Ungeduld eine Sache in der Regel nicht voran, weil sie andere überfordert und nicht ernst nimmt. In vielen Lebenslagen ist Ausdauer nötig, um erfolgreich zu sein. Sie gibt es nicht ohne Geduld. In einer Warteschlange mach ich mich mit Ungeduld schnell unbeliebt. Geduld und Ungeduld sind ansteckend.

Im Umgang mit Kindern spüre ich bald, ob sie geduldige Eltern haben. Sie sind ausgeglichener als andere.

Mir ist der Hinweis wichtig, dass es auch Grenzen der Geduld geben muss. „Mut kennt auch der Mameluck. Gehorsam ist das Christen Schmuck“, hat Friedrich Schiller gedichtet. Damit beschrieb er ein obrigkeitliches Denken, das evangelische Kirchen in unserem Land stark geprägt hat. Von Frauen und Untertanen, Kindern und anderen Abhängigen wurde Leidensbereitschaft erwartet. Das haben wir inzwischen weithin als Irrweg erkannt, dennoch bleibt Langmut eine christliche Kardinaltugend.

Langmut ist eine Frucht von Glaube, Hoffnung und Liebe. Wenn ich glaube, dass Gott mich liebt und umsorgt, fällt es mir leichter, schwierige Zeiten auszuhalten. Ich vertraue darauf, dass auch aus Leiden ein Segen erwachsen kann. Hoffnung ermöglicht Warten. Wenn ich nicht mehr damit rechnen kann, dass sich etwas ändert, wird aus Geduld ein müdes sich Abfinden mit dem Schicksal. Liebe schließlich führt zu geduldiger Fürsorge. Immer wieder erlebe ich mit Bewunderung, wie sich Menschen um einen ­pflegebedürftigen Angehörigen kümmern, obwohl diese Aufgabe ihre Kräfte übersteigt.

Leopold Esselbach, Generalsuperintendent i.R., Neuruppin

 

Mit den Händen Licht bringen Gottes Licht strahlt in der Dunkelheit.
Foto: pixabay

Licht, das uns besucht

Predigttext zum 13. Dezember 2020  3. Advent: Lukas 1,67–79

 Gelobt sei der Herr, der Gott Israels, denn er hat besucht und erlöst sein Volk.    Lukas 1, 68

Auf Besuch bereitet man sich vor. Wenn Besuch kommt, wird noch mal gewischt und Staub gesaugt, der Kühlschrank gefüllt und wenn alles gerichtet ist kann der Besuch schon kommen. Große Freude zum Fest, wenn dann alle lieben Menschen endlich da sein werden.

Auch in der Bibel wird das Christfest vorbereitet. Bei Lukas lesen wir den Lobgesang des greisen Zacharias, der die Geburt seines nicht mehr erwarteten Sohnes Johannes durch die ebenfalls betagte Ehefrau, einer Cousine Marias, in höchsten Tönen preist: „Du Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen, denn du wirst dem Herrn vorangehen und seinen Weg bereiten“ (Lukas 1,76).

Wunder- und kunstvoll komponiert Lukas die Geschichten von Johannes und Jesus zusammen. Johannes wird als Täufer den Weg Jesu mit seiner Predigt von Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden vorbereiten. Er wird Raum schaffen für die Herrlichkeit des Herrn. Johannes bereitet Jesus den Weg, dem „aufgehenden Lichtes aus der Höhe, das uns besucht, denen erscheint, die in tödlicher ­Finsternis sitzen“ (Lukas 1,78f).

Und was, wenn niemand zu Besuch kommen darf? Was, wenn es wieder zu tiefen Einschränkungen im Umgang von Menschen zu Mensch kommt, wie wir es Ostern erleben mussten? Während ich das hier schreibe, lassen die steigenden Zahlen der mit Covid-19 Infizierten Schlimmes befürchten. Dann werden wir auf die lieben Menschen an unserer Seite verzichten müssen, das wird weh tun, aber der eigentliche Besuch wird kommen! Christus, das Licht aus der Höhe und das will vorbereitet sein.

Land auf, Land ab sind zahllose Menschen rührig und unterwegs, um das Christfest auch unter schweren Bedingungen erlebbar und erfahrbar zu machen. In diesem Jahr eine noch intensivere Herausforderung, das Christfest vorzubereiten. Und vielleicht ruft der Advent gerade jetzt in besonderer Weise mit dem Täufer Johannes zur Umkehr und zur Buße – zum Verlassen alter, lieb gewonnener Wege, die – seien wir ehrlich – oft auch schon etwas ausgetreten waren.

Wer zum Christusfest zu Besuch kommen wird, wissen wir nicht. Doch wir werden vorbereitet sein, denn eines wissen wir ganz genau: ER  kommt zu Besuch, Jesus, dem Johannes den Weg zu uns bereitet hat – Jesus – das ist nun wirklich eine Gute Nachricht – sein Licht stahlt in der Dunkelheit des Todes, des Leides und der Einsamkeit. ER steht auch dir zur Seite, still, oft unerkannt, dass er treu dich leite an der lieben Hand – auf dem Weg des Friedens. Amen

Michael Dürschlag, Pfarrer in Michendorf-Wildenbruch

Ein Stern geht auf
Ein Stern geht auf mit dem versprochenen Kind. Foto: Elias Tigiser/Pexels

 

Zeit des Wartens

Predigttext zum 20. Dezember 2020 4. Advent: 1. Mose 18,1–2.9–15

Da sprach der Herr zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Sollte ich wirklich noch gebären, nun, da ich alt bin? 14 Sollte dem Herr etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen übers Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben. 1. Mose 18,13+14

Es ist lange her, dass in einer Adventszeit so sehnlich gehofft und erwartet wurde wie in dieser. Auf einmal kommt das Wort Erlösung nicht mehr nur in Predigten vor. Und das ungeduldige „Wie oft müssen wir denn noch schlafen?“ empfinden nicht nur Kinder im Warten auf den Heiligen Abend. Hoffnung und der Wunsch nach Erlösung, eine riesengroße Sehnsucht nach dem Ende der Pandemie und der Rückkehr zu einem normalen Leben verbindet in dieser Adventszeit alle Generationen miteinander. Junge und Alte, Kinder und Greise und alle dazwischen sind gleich betroffen. Es gibt es niemanden, der nicht aktiv wartet.

Es ist schon lange her, dass Sara und Abraham noch einmal aufgebrochen waren. Sie sollten endlich bekommen, was sie sich schon lange von Herzen wünschten: eine neue Heimat und Kinder. Es war mutig von Gott, dies einem 75-Jährigen und seiner nur wenig jüngeren Frau zu versprechen. Jetzt, fast ein Vierteljahrhundert später, erneuert Gott sein Versprechen noch einmal. Und es ist kein Wunder, dass Abraham vor Lachen umkippt: „Da fiel Abraham auf sein Angesicht und lachte und sprach in seinem Herzen: Soll mir mit hundert Jahren ein Kind geboren werden?“ (1. Mose 17,17). Das sagt er aber nur zu sich. Gott gegen­über versucht er, die Fassung zu bewahren und das bittere Lachen herunterzuschlucken. Weiße Haare und kein Kind, was soll noch kommen?

Aber dann kommt Besuch. Und jetzt kommt Leben in die beiden. Sie beeilen sich, weil die Gäste ja warten. Abraham muss schlachten, Sara muss kochen und backen. Ein kleines Festessen. Sie haben schon so lange gewartet. Ein Warten, dem die Hoffnung längst abhanden gekommen ist.

Dann essen die Gäste. Ein Moment der Ruhe und in die Stille hinein eine Frage. Wo ist Sara? Abraham, der sich aufgemacht in ein neues Land, ist ja nicht alleine gekommen. Heimat, die könnte er auch allein finden, aber Zukunft, Kinder gibt es nur zusammen mit seiner Frau. Und unglaublich, was der Besuch dann verspricht. Es wird diese Zukunft geben. Das Warten wird ein Ende haben. Etwas, was sich alle Wartenden, alle, die hoffen, von ganzem Herzen wünschen, in diesen Tagen mehr als je zuvor: Dass einer sagt, wann es endlich soweit ist. Der Besuch sagt: Ein Jahr noch, nur ein kurzes Jahr, und Sara wird ein Kind haben und die beiden eine Zukunft.

Sara lacht. Und Abraham sagt jetzt gar nichts mehr. Die beiden haben doch schon genug zu tragen an ihrem vergeblichen Warten. Dieses Versprechen stößt sich hart an der Wirklichkeit. Abraham schweigt und Sara lacht.

Ist denn irgendetwas unmöglich für den Herrn? Die Frage fällt in das Schweigen unter dem Baum in der Mittagshitze, in die Jahre des Wartens, in die Resignation. Die Frage fällt in die Wirklichkeit. Sie fällt in jedes Leben, an diesem Nachmittag im Hain Mamre und in die Adventszeit des Jahres 2020. Immer wieder in der Geschichte Gottes mit seinen Menschen gibt es das, was Abraham und Sara erlebten: Jahre des Wartens, Zeiten ganz ohne Hoffnung, eine Wirklichkeit, die alle Möglichkeiten zu ersticken droht. Von Gott kommt ein ­Versprechen. Es stößt sich an der Wirklichkeit, es muss Hindernisse überwinden und Rückschläge aushalten. Wir erleben etwas davon in unserer Zeit. Aber wir warten. Und lassen uns die Hoffnung nicht abhandenkommen. Denn ein Kind ist unterwegs.

Katrin Oxen, Pfarrerin der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis­kirche, Berlin-Charlottenburg

Die Weißen unserer Welt

Predigttext zum 27. Dezember 2020 1. Sonntag nach dem Christfest: Offenbarung 7,9–12(13–17)

Diese sind es, die aus der großen Trübsal kommen und die ihre Kleider gewaschen haben und sie weiß gemacht haben im Blut des Lammes. Offenbarung 7,14

Liebe Schwestern und Brüder, wir wissen alle, dass sich Blutflecken echt schwer aus weißer Wäsche rauswaschen lassen. Das Bild aus der Johannes-Offenbarung ist absurd – und soll es wohl auch sein. Bei Gott ist alles anders. Auch wenn es unvorstellbar ist, können Leiden, Krankheit, Verfolgung, Flucht und Hunger ein Ende haben. Diese Worte des Trostes brauchten die Gemeinden in Kleinasien, an die Johannes, der Seher, von der Insel Patmos aus schreibt.

Das Bild vom Thron ist wie ein Bühnenbild in der Inszenierung einer Oper mit dem Thron Gottes in der Mitte, den Engeln um den Thron mit dem Lamm, den Ältesten und dann der Masse von Weißgekleideten mit Palmwedeln. So etwas denken sich Regisseure aus, auch die, die Krippenspiele auf die Altarbühne, freie Bühnen oder in Filme bringen. Jede Figur hat ihre Bedeutung und das Ganze ist eine Botschaft an das Publikum beziehungsweise an die Adressaten des Briefes.

Der Regisseur hier möchte sichergehen, dass das Publikum die Botschaft verstanden hat. Deshalb lässt er einen Schauspieler von der Bühne aus sein Publikum fragen: „Weißt du, wer die Weißen sind?“ Und er erklärt dem Publikum, was auf der Bühne zu sehen ist. „Die Weißen sind die, die bisher leiden mussten.“ Und damit begreifen die Zuschauer in den letzten Reihen, wer gemeint ist. Es sind die vom römischen Kaiser Verfolgten in den Gemeinden in Kleinasien selbst und die Menschen aus allen Völkern, Kulturen und Religionen, die Opfer von Verfolgung sind! Der Text ist hier universell und gilt für die Beleidigten und Ver­folgten bis heute, aus allen Nationen, Völkern und Sprachen.

Der Schauspieler erklärt auch uns, wer die „Weißen“ in der Vision sind. Das sind nicht unbedingt die Weißen in unserer Welt. Im Gegenteil. Es sind die, die wegen ihrer Hauptfarbe verfolgt sind. Es sind die Opfer der Shoah und die Menschen, die heute unter Menschenrechtsverletzungen leiden.

Das Lamm macht das Unmögliche. Es wäscht Blut aus weißen Kleidern. Es erhebt die Beleidigten in die Nähe Gottes. In diesem Bühnenstück ist die Welt verdreht und auf den Kopf gestellt.

Das ist auch die Botschaft von Weihnachten, dass nicht die in den schönen Häusern und ­Palästen Christus bei sich haben, sondern die ohne Herberge und die Verfolgten. Vielleicht werden die Flüchtlinge von heute dann die Gastgeber von Morgen sein. Wir sollten anfangen, das Bühnenbild des Sehers Wirklichkeit werden zu lassen und den Menschen in Trübsal zur Seite stehen. Amen

Beatrix Spreng, Pfarrerin in Joachimsthal.

Sie erhielt im Oktober 2020 für ihr ­Engagement gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit den Brandenburger Freiheitspreis 2020.

 

Advent - Zeit der Kerzen und des Wartens.

Advent – Zeit des Wartens. Foto: pixabay

 

 

Gebet des Monats Dezember 2020

Laterne im SchneeAdvent –
Etwas Neues beginnt
Ein Gebet für Dezember

Guter Gott,
in der Adventszeit singen, beten und warten wir auf dein Kommen. Advent heißt Ankunft.

Wir kennen das Wort Ankunft: Ankunft auf dem Bahnhof, Ankunft in einer neuen Wohnung, Ankunft eines neuen Erdenbewohners. Ankunft heißt immer: Etwas Neues beginnt. Guter Gott, gib uns immer wieder die Kraft und den Mut, neu anfangen zu wollen und zu können. Wir dürfen es, denn du bist auch in die Welt gekommen und hast etwas Neues angefangen. Guter Gott, gib und Freude und Kraft, mit dir immer wieder neu anzufangen. Amen

                            Berthold W. Haerter

 

Aktuelle Ausgabe November 2020

Kerzen anzünden für Verstorbene. Foto: pixabay
Kerzen für Verstorbene am Ewigkeitssonntag zu entzünden ist ein alter Brauch des Gedenkens. Foto: pixabay

 

Die Bilder der Bibel. 
Auch Teile unserer Kultur. Wie die Bibel entstand – Teil 11
Von Hans-Jürgen Grundmann aus Berlin

Gestickte Kerzen.
Gedanken zum Ewigkeitssonntag
Von Pfarrer Eckhart Wragge, Gefängnispfarrer a.D., aus Berlin

Wie haben Sie es damals erlebt? Serie: 75 Jahre Kriegsende
Zwei Engel für Vater und Sohn.
Wie ein polnischer Gastarbeiter den Vater vor russischer Gefangenschaft rettete und eine Flüchtlingsfrau für den Sohn betete.
Pfarrer i.R. Klaus Köller, Leser aus Berlin-Weißensee

Oma war schuld an der Karteln-Sucht. Serie: Meine Geschwister
Eigentlich wären wir gerade in Schweden, meine beiden jüngeren Schwestern und ich – gäbe es nicht gerade eine globale Pandemie.
Von Friederike Höhn aus Berlin

Christen sprechen über ihren Glauben.
Letztendlich ist da etwas, was mich hält. Etwas, für das ich keine Sprache habe.
Von Vikarin Maike Schöfer aus Berlin

Umziehen oder bleiben? Ich weiß nicht, wie soll ich mich entscheiden.
Die erwachsenen Kinder wohnen in einer anderen Stadt. Haus und Hof aufgeben und zu ihnen ziehen oder Hilfe holen und bleiben? Wo soll es hingehen?
Es antwortet: Pfarrerin m Ruhestand Katharina Plehn-Martins aus Berlin

 

 

Predigten des Monats November 2020

Bäume im Herbst.
Foto: pixabay

Zum Monatsspruch November 2020

Gott spricht: Sie werden weinend ­kommen, aber ich will sie trösten und leiten.           Jeremia 31,9 (L)

Ist das nicht einer unserer tiefsten Wünsche? Jemanden zu kennen, an den wir uns weinend wenden dürfen? Jemanden, dem unsere Tränen weder unangenehm noch egal sind?

Wann haben Sie das letzte Mal geweint? Wer hat Sie getröstet? Haben Sie überhaupt Trost gewollt? Viele beißen im Kummer die Zähne zusammen, weil sie Tränen für ein Zeichen von Schwäche halten. Aber das ist ein falscher Ansatz, ja, sogar fast eine Beleidung Gottes. Er hat uns geschaffen – in seinem Ebenbild. Deshalb können wir fühlen. Deshalb können und dürfen wir weinen. Er tut es auch.

Ob wir das nun aus Enttäuschung, Trauer oder Wut tun, Gott will uns immer trösten! Natürlich spricht das Bibelwort hier in erster Linie Israel, das Volk Gottes, an. Aber durch Christus gehören auch wir, die Erlösten aus den Nationen, dazu. Gott möchte seine Kinder wieder auf- und neu ausrichten. Er hat Antwort auf alle Fragen. Und – er möchte uns auf gute Wege leiten. Denn das ist der wahre Kern des Trostes. Unsere Tränen abzuwischen, ist nur der Anfang. Wir müssen wissen, wie wir getröstet weitergehen können.

In dieser Jahreszeit leiden viele unter trübem Wetter und schwermütigen Gedanken. Und ist nicht überhaupt dieses ganze Jahr 2020 zum Weinen? Vielen von uns hat es Verzicht, Verlust oder Verzweiflung beschert. Aber was, wenn wir es einfach wagen würden, weinend zu Gott zu kommen? Er verspricht, dass er sich kümmern wird. Wer sich mit glaubendem Herzen darauf einlässt, der kann getröstet seinen Weg gehen – geleitet von Gottes Güte!

Ursula Hecht, Berlin

 

Den Boden beackern. Foto: pixabay:

Wir ernten, was wir säen. Foto: pixabay

Die Früchte der Erde

Predigttext zum 1. November 2020 Sonntag nach ­Trinitatis:
Jeremia 29,1.4–7(8–9)10–14

So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn; denn wenn’s ihr wohl geht, so geht’s euch auch wohl.   Jeremia 29,4–7

Der Prophet Jeremia stellt uns mit seinem Brief, den er an die 597 vor Christus nach Babylon ins Exil deportierten Israeliten verfasst und der als Predigttext für den 21. Sonntag nach Trinitatis gewählt wurde, vor eine Herausforderung. Dieser Sonntag will neue Perspektiven eröffnen, den Blick weiten. In welche Situation hinein hören oder lesen wir diesen Text?

Aus aktuellem Anlass drängt sich beim ersten Lesen eine Parallelisierung der Adressaten auf: Dann würde sich der Brief nicht an eine Minderheit in Babylon richten, der ihnen eine Verbindung in die Heimat, Trost und Halt zu schenken vermag, sondern könnte auch an Geflüchtete aus Kriegsgebieten, Asylsuchende oder Vertriebene adressiert sein.

In der Auslegung des Textes auf diese Situation hin bleibt allerdings eine Spannung unauflösbar bestehen. Jeremia weitet den Blick der Deportierten, indem er ihnen zusagt, dass die Zeit, in der sie in der Fremde leben müssen, begrenzt ist. Die Situation ist endlich, wenn auch nicht schnell ­vorbei! Sie wird andauern und länger als eine Generation währen. Am Horizont dieser Zeit ­stehen Frieden, Zukunft und Hoffnung. Aber genau diese Vorläufigkeit wird Geflüchteten, die zum Teil auf einen unbefristeten Aufenthaltstitel hoffen, nicht gerecht.

Daher möchte ich heute eine andere Lesart ­vorschlagen. Jeremia zeichnet die Situation der Fremdheit in einer neuen Heimat, die nicht aus eigenem Antrieb gewünscht wurde. Sie wird von äußeren Begebenheiten und Ungewissheiten bestimmt und zwingt Menschen, ungewollt die alte Heimat sinnbildlich zu verlassen und in einer ­neuen Heimat sesshaft zu werden.

Hier denke ich an individuelle Verluste im Leben durch Todesfälle oder auch Trennungen, an schwere Krankheiten, die das ganze Leben wenden. Ich denke an Entwicklungen, die das altbekannte, gewohnte und geliebte Leben plötzlich vollkommen ändern, bei denen einem der Boden unter den Füßen weggerissen wird.

Jeremia spricht dem Menschen in einer existentiellen Krise eine Zukunftsperspektive zu, die er mit einem klaren Auftrag verknüpft. Richtet euch ein in dem Neuen, beackert den Boden unter euch, „baut Häuser und wohnt darin“, lasst euch darauf ein, macht es zu eurem, auch wenn ihr es nicht zu verantworten habt. Werdet Handelnde in dieser Situation, in die ihr unverschuldet hineingeraten seid! Und das alles steht unter dem Zuspruch: Du bist nicht allein, dein Gott begleitet dich auch an diesen Ort! „Denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden ­lassen.“

Dr. Sarah-Magdalena Kingreen,
Vikarin in der Kirchengemeinde Dahlem in Berlin-Zehlendorf

Jugendliche halten sich alle an einem Stern fest
Zusammen ist vieles zu ertragen. Foto: pixabay

Hab Acht

Predigttext zum 8. November 2020 Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres:
Thessalonicher 5,1–6(7–11)

Ihr aber seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen … 1. Thessalonicher 5,4–6

Ständig auf Achse sein, in Hab-Acht-Stellung, um bereit zu sein, wenn der Tag des Herrn kommt. Dazu mahnt Paulus hier seine Glaubensgeschwis­ter. Verfielen sie in Lethargie und ließen sich gehen? Nein, sie sollten nicht nachlässig werden in der Nachfolge, darin, einander zu trösten und das Gute zu behalten.

Ich kann verstehen, dass einem da mal die Puste ausgeht. Schließlich kam der Herr ja nicht gleich wieder vom Himmel auf die Erde. Er schien sich zu verspäten. Für uns heute scheint die Wiederankunft Christi hier auf Erden gar kein Thema mehr zu sein. Nur in wenigen Predigten kommt es noch vor. Vielleicht fehlt uns auch einfach die Fantasie, wie das vor sich gehen soll?

Aber Paulus sagt da etwas Interessantes: Nur wenn ihr in der Finsternis seid, womöglich alle Sinne ausgeschaltet habt und schlaft, kommt das Licht wie ein Dieb in der Nacht. Überrascht euch der Herr im Dämmerzustand, meint er wohl. Nicht aber, wenn ihr immer im Licht seid. Sozusagen eurer Wesenszug ist. Wenn aus euch das Licht ­Gottes leuchtet und ihr es damit hell werden lasst, dort, wo ihr gerade seid. Als Erzieherin in der Schule bei den Hortkindern, als Senioren am Telefon, die regelmäßig diejenigen anrufen, die nicht digital angeschlossen sind. Als Kirchdienst, der nicht nur sonntags Kaffee kocht, sondern auch an die Karte für das Geburtstagskind gedacht hat. Als Friseurin, die Obdachlosen die Haare schneidet.

Mit Christus leben, hat viele Möglichkeiten. Welche passt für mich oder dich? Egal, welchen Weg jemand wählt: Kinder des Tages sind „angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil“.

Sibylle Sterzik, Berlin

 

Ein junger Mann steht an einer Garderobenpuppe und bindet den Schlips
Christen legen mit der Taufe neue Kleider an. Foto: pexels

 

 

 

Jesus soll erst einmal jemand verstehen!

Predigttext zum 15. November 2020 Vorletzter Sonntag des Kirchen­jahres: Lukas 16,1–8(9)

Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein. Da sprach der Verwalter bei sich: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt. Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn. Wie viel bist du schuldig? Der sprach: Hundert Sack Weizen. Er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig. Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter.  Lukas 16,1–8(9)

Ein angestellter Manager, der eine Hausverwaltung nebst einem Lebensmittelhandel führt, war nach damaligem Recht befähigt, eigene Unterverträge zu schließen, ohne es dem Chef zu sagen. Offensichtlich hatte er sich dabei die eigene Tasche gefüllt. Das kommt ans Licht. Kündigung und der Karriereabsturz sind vorprogrammiert, ­stehen vor der Tür. Es folgt die Selbsterkenntnis.

Selbsterkenntnis, dass man zu körperlicher Arbeit nichts taugt und trotzdem als kluger ­Manager versucht, die Schäfchen ins Trockene zu bringen. Der Clevere erlässt Schulden, kauft sich sozusagen damit Freunde. Dass der Chef von ­alldem nichts weiß, steht zu erwarten.

Auch uns steht einmal die Kündigung hier auf Erden ins Haus. Mit bloßen, leeren Händen vor unserem Herrgott stehen, das wäre schlecht. Jesus sagt uns darum, wir sollen nicht warten auf den schmerzlichen Abgang aus dem Leben, sondern wir sollen uns Fürsprecher kaufen. Egal wo das Geld herkommt. Hilf Menschen, es wird sie bestimmt nicht interessieren, wo das dafür herkommt. Tu etwas für Menschen. Gott wirds vergelten. Habe ich Jesus damit verstanden? Angst? Angst habe ich nicht vor dem, was ich nicht verstehe in der Bibel, sondern vor dem, was ich verstehe.

Titus Schlagowsky, Seelsorger und ­Prädikant, Nochern, Hessen und Nassau

 

Weinende Frau. Foto: pixabay

Gott verheißt, uns zu trösten. Foto: pixabay

Tränen werden abgewischt

Predigttext zum 22. November 2020  Ewigkeitssonntag:
Offenbarung 21,1–7

Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Offenbarung 21,3–5

Die Entstehungszeit dieses Textes ist trostlose Zeit. Die Christen litten sehr unter den Verfolgungen durch die römischen Machthaber. Vielleicht ist das Erleben und Fühlen der Christinen und Christen von damals gar nicht so fern von dem Empfinden der Menschen in unseren Gottes­diensten am Ewigkeitssonntag.

Wir gedenken der Verstorbenen. Manche Träne ist geflossen und fließt auch noch heute. Wir empfinden diese Tage als bedrückend und suchen Trost. Gott will uns seinen Trost geben. Johannes hat Gott gehört und gesehen und sagt Gottes Trost weiter. Gott wird seine Macht gegen das Traurigste erweisen, wenn die Not für die ­Menschen am größten geworden ist.

Die Offenbarung des Johannes entstand zur Regierungszeit des römischen Kaisers Domitian. Er war einer der grausamsten Verfolger der Gemeinde. In diese trostloseste Zeit hinein spricht Johannes eines der am meisten tröstenden Worte, die ich aus der Bibel überhaupt kenne. In seiner Vision greift er auf Bilder zurück, wie sie uns ganz am Anfang der Bibel begegnen. Am Ende der Zeiten wird alles neu und wieder in die Zeiten paradie­sischer Harmonie zurückgeführt. Himmel und Erde werden neu geschaffen. Etwas, das Gott für die Seinen schon lange im Himmel bereit hält, kommt auf die Erde. Schön ist es anzusehen, wie eine geschmückte Braut.

Und Gott nimmt Wohnung bei den Menschen. So wie er einstmals im Paradies bei den Menschen wandelte, wird es wieder sein. Gott ist dann bei seinen Menschen. Er wohnt mitten unter ihnen. Greifbar, hörbar, spürbar ist er da. In diesem Moment wird alles anders. Es gibt keinen Grund mehr zur Klage, zur Trauer und zur Traurigkeit. Gott nimmt sein Taschentuch heraus und beginnt den Menschen die Tränen abzutupfen. Ganz zärtlich und vorsichtig stelle ich mir das vor. Gegen alle Traurigkeit und gegen alles Leid, das wir er­leben, setzt Gott eine neue Erfahrung. Da brauche ich nicht mehr zu weinen und meine Tränen werden getrocknet.

Mit dieser Vision vermag der Seher Johannes etwas ganz Großartiges. Er geht mit seinen Gedanken den Weg von der Vertröstung auf kommende Zeiten hin zum Trost zu allen Zeiten. In seinem Bild werden erlebte und leidvolle Gegenwart und erhoffte und leidlose Zukunft zu einem. In die trostlose Gegenwart des Leides und der Tränen hinein sagt er eine Botschaft des Trostes. Denn Gott ist nicht nur Anfang und Ende, nicht nur alles, was unser Leben am Anfang und am Ende, sondern auch zu allen Zeiten dazwischen bestimmt. Gott geht mit uns von A bis Z.

Überall da, wo für Menschen mit leidvollen Erfahrungen Gott gegenwärtig wird, wo sie ihn spüren und seine Macht an ihrer Seite, da werden sie auch den Trost spüren, den Gott gegen alle Widrigkeiten und Traurigkeiten der Gegenwart zu setzen vermag. Gott hält Anfang und Ende und alles dazwischen in seiner Hand.

Thilo Haak, Pfarrer der Ostergemeinde Berlin-Wedding

 

Advent - Zeit der Kerzen und des Wartens.
Advent – Zeit des Wartens. Foto: pixabay

 

 

 

 

Der Friedenskönig kommt

Predigttext zum 29. November 2020 Advent: Sacharja 9,9–10

Brich laut in Jubel aus, Tochter Zion! Schrei Deine Freude heraus, Tochter Jerusalem! Sieh‘ doch, dein König! Er kommt zu Dir. Ins Recht gesetzt und gerettet ist er, ohne Besitz, voll Demut und reitet auf einem Esel, ja auf einem Grautier, dem Füllen der Eselin. Aus Ephraim rotte ich die Kampfwagen aus, die Streitrosse aus Jerusalem, der Kriegsbogen wird zerbrochen. Er verkündet den Nationen Frieden, regiert von Meer zu Meer, vom Tigrisstrom bis zu den Enden der Erde.
Sacharja 9,9-10, in der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache

Zum 1. Advent beginnt die Vorweihnachtszeit, diesmal in einem seltsamen Jahr, in dem alles anders ist. Lockdown im Frühling, AHA-Regeln – Atemschutzmasken, die Mund und Nase bedecken, Hygiene und Abstand, eine schreckliche, weltweite Pandemie, die noch lange nicht vorüber scheint.

Advent heißt aber auch in diesem Jahr Vorbereitung auf die Ankunft des Friedenskönigs Jesus Christus. Dazu passen die Worte des Sacharja, die sich auf Jerusalem als eine Art Welthauptstadt beziehen. In einer neueren Übersetzung lauten sie: „Brich laut in Jubel aus, Tochter Zion! Schrei deine Freude heraus, Tochter Jerusalem!“ Wann haben Sie das zuletzt erlebt, in lauten Jubel ausbrechen, die Freude herausschreien? Kann man heute so jubeln?

Enthusiastischer Jubel, der ihnen gilt: Das hätten sie gerne, die Diktatoren in unserer Welt, die einfach nicht verschwinden wollen. Sie sind keine Friedenskönige. In ihrem seltsam überholt anmutendem Nationalismus meinen sie: Wir zuerst, ich und meine Truppe, wir verschaffen euch Ruhm und Ehre. Sie trommeln sich wie ein Gorilla auf die Brust, um Eindruck zumachen. Was für ein hohler Jubel ist das. Ganz anders als der Jubel, der den Friedenskönig erwartet, der in der Vision des Sacharja schon vor 2500 Jahren erträumt  wurde und den Jesus dann erlebt hat beim Einzug in Jerusalem. Echte, authentische Freude klingt jetzt schon an in unserer Adventsmusik und in unseren Adventsliedern.

Zwei Kennzeichen hat er, der Friedenskönig. Er ist ohne Besitz, voll Demut kommt er. Ein Novum in der Weltgeschichte. Er reitet auf einem Esel. Der Bogen wird weit gespannt. Zuerst: Gott wird die verheerenden Waffen vernichten und dann: Der Friedenskönig setzt seinen Frieden gewaltlos durch, regiert von Meer zu Meer, vom Tigrisstrom bis zu den Enden der Erde. In einem Schwung breitet sich Gottes Frieden aus über die ganze Welt. Das ist die Vision zu Beginn der Adventszeit, die die ganze bewohnte Erde einschließt, verursacht vom Friedenskönig und seinen gewaltfreien Getreuen.

Zu schön um wahr zu sein? Wahrscheinlich. Ansätze sind ja da zum Beispiel in den Institutionen der Vereinten Nationen. Aber wir warten und hoffen auf mehr!

Jetzt beginnt sie wieder, die Adventszeit, die den Blick öffnen soll für den weltumspannenden Frieden, den Gott in Jesus Christus bringen will. „Bereitet doch fein tüchtig den Weg dem großen Gast; macht seine Steige richtig, lasst alles, was er hasst“ EG 9, 2). Sacharja lädt uns ein in eine gesegnete Adventszeit.

Paul Geiß, Pfarrer im Ruhestand, Berlin

 

Gebet des Monats November 2020

Vogeltränke am Grab Frohe Botschaft Dezember 2020Ewigkeit
Ein Gebet für November

Ewiger Gott, du bist die ­Auferstehung und das Leben. Du weißt, wie sehr wir unsere Verstorbenen vermissen, in den Tiefen unserer Seele. Schenke uns eine Ahnung des ewigen Lebens, das die Grenzen der Zeit übersteigt, das unsere Toten und uns umfängt.
Ewiger Gott, du bist das Brot des Lebens. Du kennst unseren Hunger nach Gerechtigkeit und einem guten Leben.
Gib uns dein Wort als Speise, dass wir eine Richtung finden für unser Leben auf dieser Erde.

Ewiger Gott, du bist das Licht der Welt, Du schaust in unsere Finsternisse. Lass es hell werden in uns und allen Menschen, dass wir dich sehen und dir folgen. Ewiger Gott, du bist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Amen                                   VELKD

Aktuelle Ausgabe Oktober 2020

Das Buch für die Welt.
Wie die Bibel entstand – Teil 10
immer noch ein „Bestseller“. 
Von Hans-Jürgen Grundmann aus Berlin

 

Landkarte Deutschland in den Nationalfarben
Deutschland, einig Vaterland? Collage: Nicole Wolf

 

3. Oktober –
einig Vaterland
Aufgeblüht oder abgebrochen?
Von Sibylle Sterzik aus Berlin

 

 

 

 

 

Martin Luther King Jr
Die Predigten des schwarzen Bürgerrechtlers prägten. Foto: pixabay

Wie haben Sie es damals erlebt? Serie: 75 Jahre Kriegsende
Zwei Erlebnisse, die den damals Dreijährigen prägten und die er nicht vergisst
Manfred Schreiber, Leser aus Zeulenroda-Triebes

 

 

 

 

 

Christen sprechen über ihren Glauben.
Den Glauben zu leben, bedeutet für sie vor allem, Menschen weltweit ein besseres Leben zu ermöglichen. Warum sich Susanne Wesemann für die Arbeit der Johaniter-Auslandshilfe einsetzt.
Von Susanne Wesemann aus Berlin

 

Warum interessiert sich mein Vater nicht für mich?
Trotz liebevoller Fürsorge kommt nichts zurück. Das macht die einige Tochter traurig.
Es antwortet: Propst im Ruhestand Karl-Heinrich Lütcke aus Berlin

 

 

Predigten des Monats Oktober 2020

Spree und Berliner Dom im Morgengrauen
Suchet der Stadt Bestes, in die ihr hineingestellt seid. Foto: pixabay

 

 

 

 

 

 

 

 


Zum Monatsspruch Oktober 2020

Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohl geht, so geht’s euch auch wohl.           Jeremia 29,7 (L)

Am Beginn dieses Monats begehen wir den 30. Jahrestag der Deutschen Einheit. Wer in der DDR lebte, hat sich manchmal gefragt: Wie lange soll das noch gehen? Das fragte sich sicher auch die im 6. Jahrhundert vor Christus ins babylonische Exil verschleppte israelische Oberschicht. Da kommt Post aus der Heimat, ein Brief aus Jerusalem vom Propheten Jeremia. Was steht drin? Sein Rat im Auftrag Gottes: Richtet euch in der Fremde ein. Es wird länger dauern – 70 Jahre.

Mit der DDR war es Gott sei Dank nach 40 Jahren zu Ende.

Was sollte dieser unverständliche Aufruf: Setzt euch für das Wohlergehen der Einwohner in der fremden Stadt im feindlichen Land ein. Sie sollen für ihre Feinde, die an Götzen glauben, beten? Und wie sollen sie mit ihrem Schicksal fertig werden? Sie gerieten nicht zufällig nach Babylon, sondern ihr Gott hat sie dorthin bringen lassen. „Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“

Was bedeuten die 2600 Jahre alten Worte Jeremias für uns heute? Gott sei Dank leben wir seit 30 Jahren in Freiheit. Aber es gibt viel zu tun zum Wohle der Menschen in unserem Land. Wie verhalten wir uns gegenüber Andersdenkenden, Andersglaubenden, Flüchtlingen? Was können wir in der Corona-Pandemie tun? Eine der neuen Glocken der ­Dresdner Frauenkirche und die Reinholdusglocke in Dortmund tragen die Inschrift: „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn.“ Alle Kirchenglocken rufen uns zum Gebet. Beten wir für unsere Stadt und die Menschen, die hier leben. Gebet und Tat kann uns helfen, dass es uns und anderen gutgeht, dass wir Zukunft und Hoffnung haben.

Pfarrer Günter Dimmler, Königsee/Thüringen

 

Erntedankgaben am Altarr
Die Gaben dankbar zum Altar gebracht. Foto: pixabay

Wandlungswunder

Predigttext zum 4. Oktober 2020 Erntedank/17. Sonntag nach ­Trinitatis: Markus 8,1–9

Zu der Zeit, als wieder eine große Menge da war und sie nichts zu essen hatten, rief Jesus die Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Mich jammert das Volk, denn sie harren nun schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen. Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten. Seine Jünger antworteten ihm: Woher nehmen wir Brot hier in der Einöde, dass wir sie sättigen? Und er fragte sie: Wie viele Brote habt ihr? Sie sprachen: Sieben. Und er nahm die sieben Brote, dankte, brach sie und gab sie seinen Jüngern, dass sie sie austeilten.                                                                             Markus 8,1.2.5.6

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein …“ – dieser Satz ist von ihm. Doch Jesus weiß auch: „Der Mensch lebt nicht vom Wort allein …“ 4000 Menschen haben an seinen Lippen gehangen, von seinen Gedanken gekostet, ganze drei Tage lang. Viele haben eine lange Reise auf sich genommen, nur um ihn zu hören und zu sehen. An Proviant hat da offenbar keiner gedacht. Das Herz ist gesättigt, aber der Magen bleibt knurrend leer. Jetzt die Heimreise antreten wäre lebensgefährlich, das ist Jesus schmerzlich bewusst. „Mich jammert das Volk“, lässt die Luther-Übersetzung ihn sagen. Im griechischen Original zieht es Jesus vor Mitleid förmlich die Eingeweide zusammen. Doch der Schmerz wandelt sich in Aktivität, das Wunder nimmt seinen Lauf: Aus Wenigem wird Überfluss, sieben Brote und einige Fische, hastig zusammengekratzt, machen 4000 Menschen satt und selbst die Reste füllen noch sieben Körbe. Wo Jesus ist, da verströmt sich Fülle, da werden Menschen an Leib und Seele genährt. Doch vielleicht hat die Erzählung noch eine andere Pointe?

Als Jesus seinen Jüngern das Problem der hungernden Menge schildert, reagieren sie eher passiv: „Woher nehmen wir Brot hier in der Einöde, dass wir sie sättigen?“ Wir und sie – die Jünger unterscheiden zwischen sich und die anderen. Auf die Idee, etwas Eigenes einzusetzen, ihren Proviant zu teilen, bringt sie erst Jesus. Nachdem Jesus das Dankgebet über Brot und Fischen spricht, gibt er sie seinen Jüngern verwandelt zurück. Sie sind keine Waren der Selbstsorge mehr, nun sind sie Gaben der Fürsorge. Jesus durchbricht die Logik der Vereinzelung mit der Logik der Verbundenheit.

Vielleicht ereignet sich hier das eigentliche Wunder? Keiner ist ein Solitär, wir Menschen sind angewiesen auf einander. Mancher, der in der

U-Bahn partout keine Maske tragen will, sorglos feiern geht oder auf Anti-Corona-Demos herumbrüllt, wie sehr er persönlich unterdrückt wird, hat das noch nicht begriffen. Bis in die Spätantike haben Christinnen und Christen von Zuhause Lebensmittel zur Abendmahlsfeier mitgebracht und sie zu Brot und Wein auf den Altar gelegt, damit Jesu Dankgebet (Eucharistia) über ihnen gesprochen wird und sie verteilt werden. Wie schon einst: Niemand sollte hungrig nach Hause gehen. Das Wandlungswunder wiederholte sich: Aus ­Vereinzelten wurden Verbundene.

Bei uns hat dieser Brauch nur zu Erntedank überlebt: Einmal im Jahr legen wir auf den Altar, was sonst aus dem Supermarkt nur auf unserem Tisch landet. Keine Ernte-Folklore, sondern die Erinnerung: „Der Mensch lebt nicht für sich allein …“ Ja, auch dieser Satz könnte von Jesus stammen.

Florian Kunz, Pfarrer der Berliner ­Kirchengemeinde Zum Heilsbronnen und Stellvertretender Superintendent des Kirchenkreises Berlin-Tempelhof-Schöneberg

 

Jugendliche halten sich alle an einem Stern fest
Konfirmation: Das Vermächtnis ihrer Taufe wird erneuert und will gelebt werden. Foto: pexels

Ganz nah

Predigttext zum 11. Oktober 2020 18. Sonntag nach Trinitatis:
5. Mose 30,11–14

(Denn) Es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.    5. Mose 30,14

Welche biblischen Texte fallen Ihnen ein und sind wichtig für Sie? Die Antwort wird verschieden sein unter uns. Aber ich bin mir sicher, viele

w­erden auch die Zehn Gebote nennen, sie gehören dazu. Die Zehn Gebote sind wichtig, sie regeln ein gutes Zusammenleben von uns Menschen. Wir brauchen Regeln oder Gesetze. Wir brauchen eine Ordnung gerade in Krisenzeiten und danach im Übergang zu neuer Zeit.

Für das Volk Israel erhielt Mose die Zehn Gebote. Aber eben auch für die neue Zeit im gelobten Land wurden sie wichtig und immer wieder studiert und neu ausgelegt. Manche fassen die Gebote zusammen im Doppelgebot der Liebe: Gott lieben und den Nächsten wie sich selbst und nehmen dies als wichtigstes fürs Leben.

Andere suchen für sich einen besonderen Bibelvers, der sie im Leben begleiten möge. Das geht ganz verschieden zu: Vor ihrer Konfirmation nahm sich unsere Tochter viel Zeit, las in der Bibel und schrieb Verse auf, die sie ansprachen. Dann strich sie nach und nach zusammen, bis dieser eine Bibelvers 5. Mose 30,14 zurückblieb. Er wurde ihr Konfirmationsspruch.

Ein wichtiger Vers aus Moses Abschiedsrede im Übergang zum gelobten Land. Ein Vermächtnis, das haften geblieben ist bis heute. Gottes Wort ist nahe, ganz nahe, im Mund und im Herzen. Gottes Wort ist tief in uns und bleibt nicht nur Wort, es wird nicht nur das richtige gute Gefühl, es bildet den Verstand, es wird getan. Aus dem Hören und Reden, aus dem Beherzigen und Verstehen wird Tun: das Tun, wie Gott selbst tut.

Welch eine wunderbare Zusammenfassung für eine Schwelle im Leben wie die Konfirmation. Der Glaube wird erwachsen mit gemeinsamem Lernen und Leben des Glaubens im Konfirmandenunterricht. Jugendliche lassen sich mit dem Segen Gottes beschenken, Zuspruch und Anspruch zugleich. Das Vermächtnis ihrer Taufe wird erneuert und will gelebt werden. In Jesus Christus ist Gottes Wort Mensch geworden und Gottes Gebot erfüllt. Nicht im Himmel und nicht in weiter ­Ferne, sondern ganz nah.

Das Evangelium will immer wieder neu erzählt und ausgelegt werden, auch in diesem Herbst, wo viele Jugendliche ihre Konfirmation mit Corona­-Regeln feiern. Abstand halten hat nichts mit Abgrenzen zu tun. Corona lässt uns von Groß­events Abstand gewinnen und neu entdecken, ­welche Kraft im Kleinen in der Familie, in Freundschaften oder in der Nachbarschaft stecken kann. Das Evangelium Christi ermuntert vertrauensvoll, die Nähe Gottes zu erleben im Mund und im ­Herzen und im Tun, gerade auch in der Zuwendung zu denen, die zu oft im Abseits sind. Möge ­diese wichtig sein für uns alle.

Sabine Benndorf, Prädikantin in der Region Templin

 

Eine Schneiderin arbeitet an einem Kleid auf einer Schaufensterpuppe
Christen legen mit der Taufe neue Kleider an. Foto: pexels

Komm in Gottes Umkleidekabine

Predigttext zum 18. Oktober 2020 19. Sonntag nach Trinitatis:
Epheser 4,22–32

Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus. Epheser 4,23-25.32

Sie kennen das Wort „Kleider machen Leute“. Ein Sinnspruch, der eine tiefe Erkenntnis in sich trägt: Was wir an uns tragen spiegelt nach innen hinein und verändert unser Wesen. Oder auch umgekehrt: Was wir innen fühlen, kann sich sehr deutlich in der Kleidung zum Ausdruck bringen. Aus der Umkleidekabine können wir wie neu geboren kommen!

Wenn wir es wagen mal ein paar alte Klamotten abzulegen und uns ganz neu einzukleiden, dann macht das etwas mit uns. Wir werden gewissermaßen wie neu. Außen und Innen hat bei uns Menschen eine Menge miteinander zu tun. Diese Erkenntnis muss auch den Schreiber des Epheserbriefes bewegt haben, als er diesen Text aufschrieb.

Im Bildwort werden Christinnen und Christen aufgefordert, sich neu einzukleiden. Die Christusnachfolge ist gewandeltes Leben, sie bedeutet eine Veränderung im Äußeren und vor allem im Inneren. Wer das neue Kleid des Glaubens trägt, zeigt sich der Welt auf eine neue Art und Weise. Diese neue Bekleidung ist mehr als eine Jacke oder ein Hemd. Mit den Worten des Epheserbriefes ist es gleichsam ein „Neuer Mensch“, den wir anziehen.

Ich höre das klare und einfache Bildwort, doch ist es wirklich so einfach dem Leben im Glauben eine Gestalt zu geben? So einfach wie das Anziehen von neuen Kleidungsstücken? Alle Erfahrung lehrt mich, dass es leider nicht so einfach ist!

Und doch kann es gehen: Als Christ kann ich ein anderer, ein besserer Mensch sein. Ich lüge nicht mehr, sondern sage den Menschen die Wahrheit. Mutig und tapfer versuche ich mich nicht mehr mit Unwahrheiten bequem durchs Leben zu schummeln. Vielmehr bin ich redlich und aufrecht, auch wenn es unbequem und anstrengend sein kann.

Wenn mir auch Zorn erlaubt ist, so lasse ich über diesem nicht den Tag vergehen. Das heißt nichts anderes als dass ich nicht den Zorn über mich herrschen lasse, sondern dass ich mich beherrsche und den Zorn wieder ablege.

Ich bekomme auch ein ganz anderes Verhältnis zum Besitz. Es geht mir nicht mehr darum alles haben zu können, es gegebenenfalls durch Betrug oder Diebstahl zu meinem Eigentum zu machen. Christliches Leben misst sich nicht daran, was einer besitzt, sondern daran, ob einer in der Lage ist abzugeben und zu teilen.

So will das neue christliche Kleid aus uns neue Leute machen, weil eben Kleider Leute machen. Gott hat für jede und jeden von uns solch ein Kleid im Schrank. Alle Kleidergrößen finden sich darin. Lassen Sie sich einladen, mal in seine Umkleidekabine zu kommen und das neue Kleid nicht nur zum besonderen Anlass, sondern alle Tage zu ­tragen.

Thilo Haak, Pfarrer der Ostergemeinde Berlin-Wedding

 

 

Aehren wiegen sich im Wind
Ähren sammeln gegen den Hunger.
Foto: pixabay

Dem Guten folgen

Predigttext zum 25. Oktober 2020
20. Sonntag nach Trinitatis:
Markus 2,23–28

Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, da er Mangel hatte und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester und gab sie auch denen, die bei ihm waren? Markus 2,25+26

Die Geschichte vom Ährenraufen las sich für mich immer so: Jeder einzelne möge mit seinem Urteil eine bestehende Regel an die jeweilige Situation anpassen. Seit Corona glaube ich das nicht mehr. Ich erlebe, wie Menschen sich schnell an neue gesellschaftliche Konventionen gewöhnt haben und mit deren Einhaltung trotz persön­licher Einschränkungen einen übergeordneten ­Nutzen verbinden. Wer hätte gedacht, dass jemand sich einmal respektlos behandelt fühlen würde, weil ein anderer sich weigert, eine Maske aufzusetzen? Wir lernen gerade, dass gute Regeln die Freiheit einer Gesellschaft ermöglichen. Und das war wohl das, worauf die Pharisäer hingewiesen haben.

Die Jünger*innen Jesu klauen hungrig auf einem Feld das, was sie unmittelbar satt macht. Der Hunger steht für sie ausnahmsweise über dem Gebot, das ihnen heilig ist. Nicht ihr Mundraub erregt Aufsehen, sondern dass sie an einem arbeitsfreien Tag ernten. Sie wissen, dass die Vorwürfe berechtigt sind. Mit ihrer Kritik wollen die Pharisäer erreichen, dass das freie Zusammenleben vieler an einem Ort weiterhin möglich bleibt. Auch sie finden, dass das Gesetz für den Menschen geschaffen worden ist. Umgekehrt will Jesus ihnen inhaltlich nicht widersprechen.

Meine Auslegung, die sich allein auf die individuellen Bedürfnisse bezieht, würden weder die Pharisäer noch Jesus gutheißen. Jesus nutzt vielmehr die Gelegenheit, um sich als religiöse Autorität bekannt zu machen. Er vergleicht sich durch sein Argument öffentlich mit David. Jesus selbst verkörpert das Gesetz, das seit jeher das mensch­liche Zusammenleben gefördert hat. Das wurde auch so verstanden. Der anschließende Tötungs­beschluss der Pharisäer erfolgt aufgrund der vermeintlichen Anmaßung.

Jemand machte kürzlich den Vorschlag, den Sonntag für eine Zeit als Arbeitstag zuzulassen oder die Sonntage für eine Weile verkaufsoffen zu halten, um während des Lockdowns entstandene Einbußen auszugleichen und die geforderten Abstände besser einhalten zu können. Damit wurde zu recht eine Diskussion ausgelöst, inwiefern Wirtschaft und Gesundheit über dem Zusammensein in der Familie und unter Freund*innen an gemeinsamen arbeitsfreien Tagen und der Möglichkeit zum Gottesdienstbesuch stehen. Auch wenn es richtig sein kann, sich als Individuum zurückzunehmen, ist es wichtig, als Gesellschaft über die Verhältnismäßigkeit von Gesetzen zu diskutieren. Denn neue Bestimmungen sind ja nicht automatisch gut für die Menschen.

Dr. Stefanie Sippel, Pfarrerin, Alt-Pankow

 

Sommerlich gedeckter Tisch Frohe Botschaft August 2020
Einladend gedeckter Tisch. Foto: pexels

 

Gebet des Monats Oktober 2020

Frau freut sich und breitet die Hände aus
Freude über die Wunder Gottes. Foto: pixabay

Erntedank
Es gibt jederzeit etwas zu ernten
ist das nicht nur eine phrase –
wie verwelkte blümchen –
machmal muss ich lange suchen –
vielleicht ist das nichts die ernte
die leere – die du mit liebe füllst
oder der wertschätzende blick
auf mein begrenztes dasein
ist das große glück des tages
oder dein nein ist lebensrettend
ich danke dir für die ermutigungen
die mich lehren das gute zu sehen
und beglückt anzunehmen.
Michael Lehmler

Gebet des Monats September 2020

Sommerrad Frohe Botschaft Juli 2020

Foto: pixabay

 

 

 

 

 

Versöhnung schaffen

Ein Gebet für September

Du, großer ewiger Gott,

hast uns Versöhnung vorgelebt.

Du, mächtiger, allgewaltiger Schöpfer,

hast deinen Sohn geopfert, damit Versöhnung mit der sündhaften Menschheit geschehen konnte.

Umso mehr sind wir, deine Kinder, angehalten, es dir gleichzutun.

Gib uns die Kraft und den Willen, unseren Neid, unseren Hochmut, unsere Rechthaberei, unseren Zorn, unsere Missgunst, unser schlechtes Reden, unsere Bitternis, unsere Ungerechtigkeit abzulegen, um Versöhnung zu schaffen. –

Das sollte unser Opfer sein, um deinem göttlichen Willen zu entsprechen. Amen

Von Karl-Heinz Eberhardt Schäfer