Predigten des Monats Oktober 2026

 

Zum Monatsspruch Oktober 2026

Eine Frau mit kurzen braunen Haaren und einem hellblauen Kleid steht mit weit ausgestreckten Armen am Meer. Ihr Kopf ist nach hinten geneigt, während die tief stehende Sonne hinter ihr scheint.
Durch Jesus sind wir frei von der Sorge um uns selbst. Foto: Fuu J/unsplash

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft ­auflegen!.“
Galater 5,1 (L)

Es lohnt sich, diesen Vers im Zusammenhang zu lesen. Er führt uns in die damalige Situation der Gemeinde, in den Konflikt unterschiedlicher Vorstellungen von Glauben und Handeln, und damit auch in unsere eigene Gegenwart, den Widerstreit verschiedener Glaubens- und Weltanschauungen. Und dabei geht es ja oft, eigentlich immer, um die Frage: Wer möchte uns gewinnen – unsere Stimme, unser Engagement, unser Vermögen, unsere Existenz? Wer fordert etwas von uns – Zustimmung, Unterstützung, Opfer, Lebenswandel? Wer verspricht uns dafür etwas – Sicherheit, Wohlstand, Heil? Und wie verhalten wir uns zu dem allen?

Was Paulus frei machte

Paulus weiß, wovon er spricht: Bei ihm war es die Auseinandersetzung mit den religiösen Gesetzen seiner Zeit und seiner eigenen religiösen Herkunft. In der Begegnung mit Jesus aber, wie sie in der Apostelgeschichte beschrieben wird (Kapitel 9, sein Damaskuserlebnis), wurde ihm klar, dass nicht die strenge – und damit oft lieblose – Befolgung der religiösen Gesetze ihn innerlich frei machte, sondern der Glaube, dass Gott ihn auch dann noch liebt, wenn er vor dem Gesetz versagt. Das machte ihn frei, nun seinerseits zu lieben, die erfahrene Liebe weiterzutragen.

Diesen Glauben, das Vertrauen auf die Liebe Gottes, ­lernen wir von Jesus. An ihn gebunden, sind wir frei: frei von der Sorge um uns selbst, frei zur Nachfolge, frei zur Liebe, zum Miteinander, zur Zuwendung und Versöhnung. Dieser Glaube ist ein großes Geschenk. Er gibt uns Kraft und Zuversicht. So sind wir SEINE Gemeinde.

Michael Kennert, Pfarrer im Ruhestand in Berlin.

 

Predigten im Monat Oktober 2026

In Scheiben geschnittenes Brot
Foto: IMAGO / Bihlmayerfotografie

Brot des Lebens in Fülle

Predigttext zum 4. Oktober 2026
Erntedankfest: Markus 8,1–9

Und sie aßen und wurden satt. Und sie sammelten die übrigen Brocken auf, sieben Körbe voll. Es waren aber etwa viertausend; und er ließ sie gehen.
Markus 8,8–9

Jesus predigt. Er predigt lange. Wenn Jesus sie hungrig heimließe, würden sie verschmachten.

Die Angaben wirken etwas übertrieben: Drei Tage Dauerpredigt, Verschmachten in dicht besiedeltem, fruchtbarem Gebiet. Auch 4000 ist ziemlich hoch gegriffen. Das Wunder mit den 4000 Gesättigten ist außerdem eine Dublette zur Speisung der 5000 aus Markus 6. Diese Speisungswunder zählt die theologische Forschung zu den sogenannten Geschenkwundern. So wie beschrieben kann sich die Speisung historisch nicht zugetragen haben. Was aber fangen wir dann mit der Geschichte an?

Die Speisung der 4000 als Zeichen der Fülle

Die Brotvermehrungswunder wirken wie eine Zusammenfassung des Wirkens Jesu. Die Erzählungen sind ein Echo auf die Mahlzeiten Jesu mit seinen Jüngerinnen und Jüngern, also auf reale Erlebnisse mit Jesus. Als Eindruck scheint zurückgeblieben zu sein, dass es irgendwie immer für alle genug gab. Wer mit Jesus gegessen hatte, ging nicht hungrig nach Hause. Jesus hat Seele und Leib gesättigt. Die Begegnung mit ihm war eine Erfahrung der Fülle.

Die Speisungserzählungen sind auch ein Echo auf das Speisungswunder des Propheten Elisa aus dem Alten Testament (2. Könige 4,42ff). Bei einer Hungersnot macht Elisa mit 20 kleinen Gerstenbroten 100 Menschen satt. Am Ende des Elisa-Textes heißt es, dass trotz der knappen Menge noch Brot übrig war. Als Messias muss Jesus dieses Wunder übertreffen, deshalb haben wir die hohen Zahlen von 4000 bzw. 5000. Und weil bei Elisa Essen übrigbleibt, sind auch nach dem Speisungswunder Jesu sieben Körbe Brot übrig.

Das Brot des Lebens im Johannesevangelium

Nicht nur bei den ersten drei Evangelien, den Synoptikern, sondern auch im Johannesevangelium ist das Speisungswunder überliefert. Das ist außergewöhnlich, weil Johannes die Wunderberichte der anderen Evangelien sonst nicht übernimmt. Das Wunder dient auch bei Johannes als Zusammenfassung des Wirkens Jesu. Johannes fügt dem Speisungswunder das erste seiner Ich-bin-Worte hinzu: „Ich bin das Brot des Lebens“ (Johannes 6,35). Das Thema „Fülle“ wird im Johannesevangelium wiederholt und betont aufgegriffen. Am Anfang des Evangeliums steht das Weinwunder von Kana:

Jesus macht aus einfachem Wasser hunderte Liter besten Weins, auch dies ist ein Geschenkwunder. Am Ende des Johannesevangeliums steht der wunderbare Fischzug des Petrus, samt Morgenmahl mit dem Auferstandenen am See Genezareth. Erst vergebliches Fischen, dann die totale Fülle: Netze zum Reißen voll. Dann das gemeinsame Essen als Feier der Auferstehung. Am Ufer des Sees ist den Jüngern der Auferstandene begegnet!

Jesus verspricht das Leben in seiner Fülle

In Johannes 10,10 sagt Jesus: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben und volle Genüge haben.“ Dorothee Sölle übersetzt prägnanter: Ich bin gekommen, dass sie das Leben in seiner Fülle haben. – Das ist der Kern der Sendung Jesu. Das illustriert Johannes in unüberbietbarer Anschaulichkeit mit den Wundern der Fülle. Johannes vollendet damit das, was Markus in unserer heutigen Fassung der Erzählung begonnen hat.

Erntedank: Das Brot des Lebens miteinander teilen

Dem Christentum werden immer wieder einmal lebensfeindlich-asketische Tendenzen unterstellt. Tatsächlich gab es solche Strömungen. Die Speisungserzählungen setzen jedoch einen ganz anderen Akzent. Es geht dem Christentum um die Fülle des Lebens, darum, dass alle satt werden, dass alle den Weg zu richtigem, erfülltem Leben finden. Die Fülle des Lebens wünschen wir uns für uns selbst. Wir wollen sie aber nicht nur für uns allein, sondern für die ganze Welt, für alle Menschen. Deshalb sammeln wir zu Erntedank für die Stuttgarter Tafelläden. Deshalb nehmen wir zu Erntedank in den Blick, wie reich uns täglich die Tafel gedeckt ist. Die Fülle, das lehrt uns Jesus, ist kein knappes Gut. Wenn man das Brot des Lebens teilt, wird es nicht weniger, sondern mehr. Christus spricht: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben in seiner Fülle haben.“ – Amen.

Prof. Dr. Christoph Dinkel ist Pfarrer in der Johanneskirche in Stuttgart.

 

Eine blonde Frau hält sich einen grauen Mantel vor den Oberkörper und betrachtet sich in einem Spiegel. An der Wand neben ihr hängen mehrere Kleidungsstücke an Haken.
Kleiderwechsel? Aber nicht nur äußerlich. Innerlich ist ein Wandel aller Eigenschaften gemeint. Foto: Vitaly Gariev/unsplash

Innerer Kleiderwechsel

Predigttext zum 11. Oktober 2026
19. Sonntag nach Trinitatis:

Epheser 4,22–32

Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.
Epheser 4,25–26

„Lügen haben kurze Beine.“ Das Sprichwort meint, dass die Wahrheit sich durchsetzen wird. Doch was ist „wahr“? Gibt es nicht so viele Wahrheiten wie es Menschen gibt? Jeder und jede hat den ganz eigenen Blick und eigenwilliges Empfinden für das, was wahr ist. Das absichtliche Verbreiten von Nicht-Wahrheiten verwirrt und macht Orientierung unmöglich. Lügen, die gleichzeitig Wahrheiten sind, zerren am Nervenkostüm, verunsichern und bringen das eigene Weltbild ins Wanken. Dann nagen die Selbstzweifel: „kann doch eigentlich gar nicht sein“. Die Wut wächst: „der oder die glaubt wohl, immer Recht zu haben“. Verunsicherung, ein guter Schuss Selbstgerechtigkeit und Wut steigern sich schließlich zum Zorn: „Das lasse ich mir nicht bieten“.

Wenn Wut und Zorn das Miteinander bestimmen

Und Zorn braucht ein Ventil: Im Straßenverkehr wird dicht aufgefahren oder ganz knapp die Spur geschnitten, im Geschäftsleben gemobbt, in der Familie rutscht jemandem die Hand aus oder in der Gemeinde gibt es offenen Streit. Zorn macht unempfindlich, Hass macht blind und stumme Wut äußert sich in Verletzung – auch in eigener. Bestenfalls macht sich aufgestauter Ärger nur mit lautem Krach und benanntem Konflikt Luft.

Der alte und der neue Mensch im Epheserbrief

Zorn bringt die schlechtesten Seiten im biblischen „alten Menschen“ zum Vorschein. Wutbürger betrüben den Heiligen Geist (Vers 30) und vertragen sich nicht mit dem Evangelium. Der geforderte innerliche Kleiderwechsel zum neuen Menschen ist ein gründlicher Wandel aller Eigenschaften – die Rückkehr zum Menschen, wie Gott ihn geschaffen und gemeint hat: Resilient. Einfacher wird das Leben dabei nicht. Aber der Umgang miteinander wird friedlicher, ehrlicher, würdevoller. Teilweise bleibt er erfüllt von der Sehnsucht nach der vermeintlich „guten alten Zeit“. In der angeblich vieles überschaubarer war und weniger Wahrheiten miteinander konkurrierten.

Mit Freundlichkeit und Vergebung dem Zorn begegnen

Die wirkliche christliche Kunst eines Verhaltenswechsels besteht jedoch darin, Bitterkeit, Grimm, Geschrei und Lästerung zu überwinden. Dem eisigen Wind, der uns immer wieder und manchmal stürmisch im Alltag des Gemeindelebens entgegenweht, mit Freundlichkeit, Geduld, ja mit Glauben, Vertrauen, Hoffnung und Zuversicht auf eine bessere Zeit authentisch zu begegnen. Trotz der Sticheleien, der Versuche, diese Lebenshaltung in Lächerliche zu ziehen. Die Sonne über dem eigenen Zorn und dem der anderen nicht untergehen zu lassen ist dann eine heilsame Beschränkung: Mit dem Gebet am Schluss jedes Zusammenseins und dem dabei ausgesprochenen Wunsch nach gegenseitiger Vergebung.

Karin Bertheau ist Pfarrerin der Kirchengemeinde im Müncheberger Land.

 

 

Schriftzug in Schwarz und Orange
Wer profitiert von geöffneten Geschäften am Sonntag? Die Evangelische Kirche in Deutschland setzte sich mit diesem Plakat und ­Aufkleber vor Jahren für den Erhalt des Sonntags ein. Grafik: Evangelische Kirche in Deutschland (EKD)

Eine gute Zeit mit Gott verbringen

Predigttext zum 18. Oktober 2026
20. Sonntag nach Trinitatis:
Markus 2,23–28

Und er (Jesus) sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.
Markus 2,27+28

Ja, der Sabbat, unser Sonntag: der Streit darüber, was sein darf, was nicht, ist uralt.

Dabei ist die Antwort so einfach, wie Jesu Ansage an die Pharisäer deutlich macht.

Sonntagsöffnung: Wie wichtig ist der gemeinsame Ruhetag?

Und dennoch: In Berlin dürfen Geschäfte an acht Sonn- oder Feiertagen im Jahr von 13 bis 20 Uhr öffnen. Es gibt eine Debatte darüber, die Anzahl der Sonntage zu erhöhen bzw. es den Geschäften generell freizustellen, am Sonntag zu öffnen oder nicht.

Jeden Sonntag die Geschäfte offen!? Nicht nur Kirchenmitglieder sehen dadurch den Zusammenhalt von Familien, Freundschaften, das gesellschaftliche Klima bedroht. Und was ist mit der regelmäßigen freien Zeit zur Regeneration, zur Pflege von besonderen Interessen, zum Genießen von Kultur beispielsweise?! Es gibt gegen alles Argumente. Aber wir sollten uns fragen: Wer profitiert von einer Sonntagsöffnung, ganz gleich, ob nur ein paar Mal im Jahr oder jeden Sonntag?

Jesus und die Pharisäer: Der Sabbat dient dem Menschen

Gegen das Gebot der Sabbatruhe verstoßen in den Augen der Pharisäer die Jünger. Während Jesus mit ihnen durch Kornfelder geht, pflücken sie Ähren und raufen die Körner aus, um sie zu essen. Sie haben Hunger. Jesus lässt sie gewähren und nicht nur das. Kurz und knapp, aber deutlich kommentiert er das Geschehen. Aus dem Kommentar wird eine Grundsatzerklärung: Der Sabbat dient dem Wohl der Menschen. Die Gesetzestreue der Pharisäer hat ein Ende, wo die grundsätzlichen Bedürfnisse von Menschen berührt werden. Als es ein anderes Mal um die Heilung eines Menschen am Sabbat ging, die Pharisäer ebenfalls verärgert reagierten, fragt Jesus sie: „Ist’s erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses, Leben zu erhalten oder zu vernichten?“ Und er heilte den Mann. Aber auch hier war das in den Augen der Pharisäer ein Gesetzesbruch. Uneinsichtig beratschlagten sie, wie sie Jesus und seiner, in ihren Augen völlig falschen Interpretation des Gesetzes Einhalt gebieten können. Ihr religiöser Eifer verstellt ihnen den Blick auf Menschen und ihre Nöte wie Hunger, Krankheit, Einsamkeit, Angst.

Den Sonntag heiligen: Zeit für Gott und Gemeinschaft

Wir Menschen brauchen den Sabbat nicht nur weil es in unseren Zeiten besonders hektisch zugeht. Wir brauchen ihn als Menschen, als Gemeinschaft generell, ob religiös gebunden oder nicht. Den Feiertag zu heiligen, beinhaltet die Für-Sorge um das körperliche und seelische Wohl des Menschen. Schließlich heißt es bereits im 3. Gebot: „Du sollst den Feiertag heiligen.“ Eine besondere, gute Zeit mit Gott zu verbringen, dazu lädt der Sonntag ein, allein oder in der Gemeinschaft im Gottesdienst. Hinhören auf Musik, auf Worte der Bibel, mich von ihnen anfragen, befragen zu lassen, sie zu genießen. Der Sabbat ist ein Geschenk Gottes an uns, von dem jede und jeder einzelne von uns profitiert und damit die Gemeinschaft, wenn wir gestärkt, ermutigt, in unseren Alltag zurückkehren. Und das Wunderbare ist: Es kostet nichts.

Kirchenrätin Susanne Kahl-Passoth war bis zu ihrem Ruhestand Direktorin des Diakonischen Werks in Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (DWBO).

 

 

Eine Hand hält eine kleine grüne Gartenschaufel in dunkler Erde. Rundherum stehen mehrere junge Pflanzen und leere Pflanztöpfe in einem Hochbeet.
Gründet Familien, pflanzt Gärten, tragt zum gelingenden Zusammenleben bei, schreibt ­Jeremia. Foto: Jonathan Kemper/unsplash

­Ihr könnt so viel beitragen

Predigttext am 25. Oktober 2026
21. Sonntag nach Trinitatis:
Jeremia 29,1.4–7(8–9)10–14

Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe ­wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl. Denn ich weiß wohl, was für Gedanken ich über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.
Jeremia 29,7.11

Das Beste, Wohlgehen, Frieden. Drei recht unterschiedliche Worte in der Übersetzung Martin Luthers. Doch im hebräischen Brief, den Jeremia aus Jerusalem an die deportierten Judäer in Babylon schreibt, ist es immer das gleiche Wort: Schalom.

Schalom: Frieden bedeutet mehr als die Abwesenheit von Krieg

Dieses Wort bedeutet so viel mehr als nur die Abwesenheit von Krieg, obgleich schon dies so unendlich kostbar ist. Es beschreibt einen Zustand, in dem das Leben in all seinen Beziehungen gelingt: Im Zwischenmenschlichen durch ein warmes und versöhnliches Zusammenleben. In der Gottesbeziehung, die durch Vertrauen und Liebe bestimmt ist. Im Umgang mit sich selbst, dass wir in uns ruhen, nicht hin- und hergetrieben und innerlich zerrissen sind. Und in der Beziehung zur Schöpfung, dass wir mit der Natur im Einklang leben. Sucht diesen Schalom für die Stadt derer, die euch hierher verschleppt haben.

Jeremias Brief an die Verbannten in Babylon

Es lässt sich erahnen, wie viel Skepsis, gar Entrüstung dieser Brief aus Jerusalem bei den Deportierten in Babylon hervorgerufen hat. Sie haben alles verloren, was ihnen lieb und vertraut war: ihre Stadt, ihr Land, ihr Haus, Teile ihrer Familie, ihren Tempel und damit Kult und Kultur. Wie nahe liegt da die glühende Hoffnung auf baldige Rückkehr und ein Vertrauen auf Worte, die sagen, dass alles bald, sehr bald, ein Ende habe. Glaubt nicht diesen Worten. „Hört nicht auf die Träume, die sie träumen“, sagt Jeremia.

Er stärkt vielmehr den nüchternen Blick – wider die trügerische Hoffnung, alles könne sehr schnell wieder so werden, wie es war. Richtet euch in diesem neuen Leben ein. So schwer es auch sein mag, so sehr ihr um das Verlorene trauert, blickt nach vorn und gestaltet euer Leben unter den Gegebenheiten, in die ihr jetzt hineingestellt seid.

Wie schwer ist es, wenn wir selbst um Verlorenes trauern, den Blick nach vorn zu richten. Trauer um eine verlorene Liebe in einer zerbrochenen Beziehung, Trauer um einen geliebten Wohnort, den wir verlassen mussten, Trauer um einen verstorbenen Menschen, den wir so schmerzlich vermissen.

Trotz Verlust und Trauer das Leben neu gestalten

Baut Häuser, pflanzt Gärten, gründet Familien und tragt zum gelingenden Zusammenleben in dieser fremden Metropole bei, schreibt Jeremia. Bleibt nicht in der Vergangenheit haften, sondern baut euch ein neues Leben auf. So schmerzlich der Blick zurück ist, ihr habt so viel zu geben. Ihr könnt so viel beitragen zum Schalom in dieser Stadt, zum gelingenden Zusammenleben. Gott ist auch hier gegenwärtig. Hier im neuen Leben, das gelebt und gestaltet werden will.

Dr. Cornelia Kulawik ist Pfarrerin in der Kirchengemeinde Berlin-Dahlem.



Eine Hand hält eine kleine grüne Gartenschaufel in dunkler Erde. Rundherum stehen mehrere junge Pflanzen und leere Pflanztöpfe in einem Hochbeet.
Gründet Familien, pflanzt Gärten, tragt zum gelingenden Zusammenleben bei, schreibt ­Jeremia. Foto: Jonathan Kemper/unsplash

­Ihr könnt so viel beitragen

Predigttext am 25. Oktober 2026
21. Sonntag nach Trinitatis:
Jeremia 29,1.4–7(8–9)10–14

Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe ­wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl. Denn ich weiß wohl, was für Gedanken ich über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.
Jeremia 29,7.11

Das Beste, Wohlgehen, Frieden. Drei recht unterschiedliche Worte in der Übersetzung Martin Luthers. Doch im hebräischen Brief, den Jeremia aus Jerusalem an die deportierten Judäer in Babylon schreibt, ist es immer das gleiche Wort: Schalom.

Schalom: Frieden bedeutet mehr als die Abwesenheit von Krieg

Dieses Wort bedeutet so viel mehr als nur die Abwesenheit von Krieg, obgleich schon dies so unendlich kostbar ist. Es beschreibt einen Zustand, in dem das Leben in all seinen Beziehungen gelingt: Im Zwischenmenschlichen durch ein warmes und versöhnliches Zusammenleben. In der Gottesbeziehung, die durch Vertrauen und Liebe bestimmt ist. Im Umgang mit sich selbst, dass wir in uns ruhen, nicht hin- und hergetrieben und innerlich zerrissen sind. Und in der Beziehung zur Schöpfung, dass wir mit der Natur im Einklang leben. Sucht diesen Schalom für die Stadt derer, die euch hierher verschleppt haben.

Jeremias Brief an die Verbannten in Babylon

Es lässt sich erahnen, wie viel Skepsis, gar Entrüstung dieser Brief aus Jerusalem bei den Deportierten in Babylon hervorgerufen hat. Sie haben alles verloren, was ihnen lieb und vertraut war: ihre Stadt, ihr Land, ihr Haus, Teile ihrer Familie, ihren Tempel und damit Kult und Kultur. Wie nahe liegt da die glühende Hoffnung auf baldige Rückkehr und ein Vertrauen auf Worte, die sagen, dass alles bald, sehr bald, ein Ende habe. Glaubt nicht diesen Worten. „Hört nicht auf die Träume, die sie träumen“, sagt Jeremia.

Er stärkt vielmehr den nüchternen Blick – wider die trügerische Hoffnung, alles könne sehr schnell wieder so werden, wie es war. Richtet euch in diesem neuen Leben ein. So schwer es auch sein mag, so sehr ihr um das Verlorene trauert, blickt nach vorn und gestaltet euer Leben unter den Gegebenheiten, in die ihr jetzt hineingestellt seid.

Wie schwer ist es, wenn wir selbst um Verlorenes trauern, den Blick nach vorn zu richten. Trauer um eine verlorene Liebe in einer zerbrochenen Beziehung, Trauer um einen geliebten Wohnort, den wir verlassen mussten, Trauer um einen verstorbenen Menschen, den wir so schmerzlich vermissen.

Trotz Verlust und Trauer das Leben neu gestalten

Baut Häuser, pflanzt Gärten, gründet Familien und tragt zum gelingenden Zusammenleben in dieser fremden Metropole bei, schreibt Jeremia. Bleibt nicht in der Vergangenheit haften, sondern baut euch ein neues Leben auf. So schmerzlich der Blick zurück ist, ihr habt so viel zu geben. Ihr könnt so viel beitragen zum Schalom in dieser Stadt, zum gelingenden Zusammenleben. Gott ist auch hier gegenwärtig. Hier im neuen Leben, das gelebt und gestaltet werden will.

Dr. Cornelia Kulawik ist Pfarrerin in der Kirchengemeinde Berlin-Dahlem.