Predigten des Monats Mai 2026

 

Ein Anker auf einer Wiese mit einem Fischerboot im Hintergrund
Foto: reverent/pixabay

Zum Monatsspruch April 2026

„Die Hoffnung haben wir als einen sicheren und festen Anker unserer Seele.“
Hebräer 6,19 (L)

Hoffnung bezeichnen wir oft als „Anker der Seele“ – ein Bild, was eng mit dem Hebräerbrief (6,19) verbunden ist. Es beschreibt eine Hoffnung, die unverrückbar und unzerbrechlich ist, selbst wenn das Leben durch negative Umstände ins Wanken gerät. Unser Monatsspruch verwendet das Bild.

Den Schiffsanker wirft man dahin, wo er sich festhaken kann. Das geht nicht im eigenen Knopfloch. Wir können unsere Hoffnung nicht bei uns selbst festmachen. Ein Anker, der im Meeresboden verankert ist, hält das Schiff an seiner Position und bewahrt es davor, von Strömungen mitgerissen zu werden in stürmischen und unruhigen Zeiten.

Woran halte ich mich fest?

Gerade dann kann es wichtig sein, innezuhalten und sich zu vergewissern: Wer oder was trägt mich? Woran halte ich mich fest? Worauf setze ich? Unsere christliche Hoffnung gründet nicht auf unseren eigenen Kräften, sondern auf den Verheißungen und der bedingungslosen Liebe Gottes.

Madeleine Delbrel sagt es so: „Hoffen heißt, mit vollem Vertrauen auf etwas zu warten, was man nicht kennt, aber es von jemanden zu erwarten, dessen Liebe man kennt. In dem Maße, in dem man hofft, empfängt man.“

Vertrauen auf Gott als Quell der Hoffnung

Dazu fällt mir das schwungvolle Glaubenslied „Du meine Seele singe“ von Paul Gerhardt ein. So aufmunternd, so auffordernd. Gerade wenn meine Seele mal wieder ganz erschöpft ist. Das Lob dieses Liedes ist Vertrauen auf Gott – trotz dieser Wirklichkeit. Ein Trost für die, die unter Unrecht leiden. Eine Hoffnung für alle, die an die Grenzen ihrer Kraft oder ihres Lebens kommen. Und eine Quelle der Widerstandskraft, die uns hilft, gegen das Unrecht, gegen den Krieg, den Hunger, die Ausbeutung und die Ausgrenzung aufzustehen.

Alexander Reichart, Mitarbeiter im Konsistorium der EKBO, Jüterbog

 

Predigten im Monat Mai 2026

Illustration eines Trompeters mit roter Kleidung
Trompeten erklingen zum Lob Gottes. Illustration: IMAGO / Ikon Images

Unisono – als hörte man eine Stimme loben

Predigttext zum 3. Mai 2026 Kantate:
2. Chronik 5,2–5 (6–11) 12–14

… und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen. Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem HERRN. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den HERRN lobte: „Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig“, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke als das Haus des HERRN, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.

2. Chronik 5,12+13+14
 

Der biblische König David spielte als Junge so ausgezeichnet die Harfe, dass er den sehr jähzornigen König Saul mit seinem Spiel zu besänftigen vermochte. Später als König setzte er sich für die Ausgestaltung der geistlichen Musik ein und ­strukturierte sie nach professionellen Maßstäben. Nach mindestens 5 Jahren Ausbildung durften ­junge Männer aus dem Stamm Levi mit 30 Jahren offiziell in den musikalischen Dienst treten. Das Auswahlverfahren (1. Chronik 6,16) war streng: aus 4000 Sängern, die alle auch Instrumentalisten waren, wurden die besten 288 ausgewählt, und in 24 Gruppen zu je 12 Sängern eingeteilt. Alle ­Sänger, die später im Tempel Dienst taten, hatten täglich zu proben, dafür waren sie von anderen Aufgaben freigestellt.

Überwältigendes Klangerlebnis

Der Vers 13 unseres Predigttextes beschreibt das Ergebnis des harten Übungsprozesses mit höchstem Lob: „Musik wie von einer Stimme“. Ein überwältigendes Klangerlebnis, dem aber harte Arbeit auch in unseren Chören und Orchestern heute vorausgeht. Wenn aus so unterschiedlichen Menschen ein Ensemble werden soll, müssen Geben und Nehmen untereinander in den Gleichklang kommen. Der Einzelne soll sich gehört fühlen, aber seine Stimme auch einordnen. In einem Workshop auf der Chor.com in Hannover erlebte ich die Sänger von Voces8, ein A-cappella–Oktett aus Großbritannien, in perfekter Ausgewogenheit. Scheinbar aus dem Nichts beginnen sie mit dem Singen des Chorwerkes ohne dirigentische Unterstützung – absolut auf den Punkt und zeitgleich. Die Sänger erspüren ihren Atem untereinander in der Stille vor dem Beginn, dann geht ein Impuls vom jeweiligen Stimmführer des Stückes aus und die Musik erklingt glasklar und durchsichtig in überzeugender Harmonie.

Was bedeutet unisono?

Wenn alle Beteiligten eines Klangkörpers gemeinsam dieselbe Melodie spielen und singen, bezeichnet man das mit dem Fachbegriff „unisono“. Wenn das wie im biblischen Text zu einem besonderen Klangerlebnis mit ungeheurer Durchschlagskraft wird, entsteht darüber hinaus die konstruktive Interferenz – die zusätzliche Ver­stärkung des Tones, wenn die Schwingungen auch physikalisch synchron laufen.

Zur langersehnten Einweihung des Tempels tritt das Ensemble professionell vorbereitet und in Bestbesetzung auf. 120 (!) silberne, nach genauen Vorschriften gebaute Trompeten rufen das Volk zusammen. Zimbeln geben den Beginn des Gesanges an, Leiern und Harfen begleitenden den Gesang. Das Lob ­Gottes und der Dank für seine Barmherzigkeit erklingen unisono – und die musikalische Qualität gelangt Gott zu Ohren und überzeugt ihn sichtbar.

Cornelia Ewald ist Kirchenmusikerin und Chorleiterin in Berlin

 

Ein blauer Schuh wird hergestellt
Wie ein Schuster einen Schuh macht, so soll ein Christ beten. Foto: Raoul Ortega/unsplash

Das Handwerk eines Christen 

Predigttext zum 10. Mai 2026
Rogate: Matthäus 6,5–15

Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. 

Matthäus 6,7–10
 

Zum Vaterunser ist schon alles gesagt: Dass es zum wichtigsten Gebet beider Kirchen wurde und dass Jesus selbst seinen Jüngerinnen und Jüngern die sieben Bitten lehrte. Ein heiliges Manifest, das mit der Anrede „Vater unser im Himmel“ – der aramäischen Anrede „abba“ – beginnt und mit dem Verweis auf die Ewigkeit Gottes mit einem Amen endet.

„Denn dein ist das Reich…“

Die mögliche Urfassung aus Lukas 11, 2–4 ­begnügte sich mit fünf Bitten: 1. Heiligung des Gottesnamens, 2. Bitte um das Kommen des ­Gottesreiches, 3. Bitte um das tägliche Brot, also die Notwendigkeiten des Alltags, 4. Befreiung aller Schuld gegenüber Gott und das Vergeben aller ­Verfehlungen anderer. 5. Die Bewahrung vor ­Ver­suchung durch das Böse. In der Fassung nach Matthäus sind zwei Bitten ergänzt: Dein Wille geschehe und die Erlösung von dem Bösen. Eine sogenannte Doxologie, ein Wort der Ehre, ist hier hinzugefügt: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.“ Sie dürfte der frühchristlichen Gebetspraxis entsprechen. Schon der Kirchenlehrer Thomas von ­Aquin (1225–1274) nannte das Gebet einen „Akt der Religion im eigentlichen Sinn“. Er verwies damit auf die Gnade Gottes und die Abhängigkeit des Glaubenden davon.

Als ich vor vielen Jahren in Tübingen in einer Vorlesung des Systematikers Eberhard Jüngel saß, mahnte er uns junge Studierende beim Thema „Was heißt beten?“, den Dank im Gebet nicht zu vergessen. Denn Beten, so habe es Luther geschrieben, sei ein ganz handwerklicher Akt: „Wie ein Schuster einen Schuh machet und ein Schneider einen Rock, also soll ein Christ beten. Eines Christen Handwerks ist beten.“ Jüngel, der bekanntlich Vikar der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg war, schloss: „Auch dieses Handwerk hat goldenen Boden.“

Das Gebet als Sprache des Herzens

Martin Luther bezeichnete das Gebet als eine Sprache des Herzens. Wir sollten Sorge tragen, dass es vom Herzen herrührt, sagt er. Das sollen wir wissen: „Dass all‘ unser Schutz und Schirm allein im Gebet steht. Wesen und Natur des Gebets ist nichts anderes als Erhebung des Gemüts oder Herzens zu Gott.“ Damit zeigt sich Luther als Mahner bis heute: Dass nämlich Lebensglück nicht monopolisiert werden darf: Arbeit und Leistung, Erfolg und Anerkennung, Bildung und Lebens­genuss gehören allen, nicht nur Auserwählten.

Frère Roger, der Gründer von Taizé, machte es sich in diesem Sinn zur steten Aufgabe, jeden Freitagabend vor dem Kreuz in seiner Gemeinschaft ein Gebet zu halten, für alle, die leiden und in existenzieller Not sind: Er war der Über­zeugung, die jungen Leute, die zu ihm kamen, sollten sich nicht in eine Spirale der Verdrossenheit hineinziehen lassen. „Gott hat uns nicht zur Untätigkeit erschaffen. Wir sind nicht einem ­blinden Schicksal unterworfen.“ Der protestantisch getaufte Bruder Frère Roger strahlt damit eine Zuversicht bis in die Gegenwart aus, die in jedem Gebet des Herrn sich wiederholt: Gottesgewiss­heit. In diesen Worten bleibt ­niemand allein.

Dr. Roger Töpelmann ist Pfarrer im Ruhestand und freier Autor in Berlin

 

Zwei Kinder laufen Schulter an Schulter einen Weg entlang
Einen Bund besiegelt. Foto: Juan Pablo Rodriguez/unsplash

Unverbrüchlich verbunden

Predigttext zum 17. Mai 2026
Exaudi: Jeremia 31,31–34

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen (…), sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und ich will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein. 

Jeremia 31,31.32.33
 


Als Kinder schrieben wir in einer Art Geheimsprache etwas auf ein Blatt Papier. Das war unser Bund! Geheimnisvoll saßen wir in unserer Hütte aus Zweigen im Wald und schlossen eine Art Geheimbund. Auf ewig wollten wir mit den anderen Dorfkindern verbunden sein. Und jeder für den anderen einstehen. Wer dazugehörte, war aus­erwählt. Einmal drückten wir uns gegenseitig sogar einen Blutstropfen aus dem Finger, um das zu besiegeln.

Einen Strich unter die Vergangenheit setzen

Ein Kinderspiel. Aber auch Gott will einen Bund „mit dem Haus Israel und mit dem Hause Juda“ schließen. Er möchte auch eine Selbstverpflichtung eingehen und einen Strich unter die Vergangenheit setzen. Klar, das Volk Israel hat auch noch andere Götter angebetet, der Versuchung von Eitelkeiten, Reichtum, Macht und schönen Frauen nicht widerstanden. Aber sie haben gelitten in der Verbannung, in der sie viele Jahre gelebt haben. Damit soll Schluss sein. Der Prophet Jeremia verkündet es im Namen des Herrn. Der sieht nun das in die Fremde verschleppte Volk Israel gnädig an. Er begnadigt es und erlaubt seine Heimkehr in die verlassene Heimat. Aber nicht einfach nur um Rückkehr geht es. Gott lässt Gewesenes hinter sich und dem Volk, er vergibt, wo die Israeliten auf Abwege geraten, ihn vergessen hatten und schenkt einen neuen Anfang. Auch hier geht es um ein Bündnis – zwischen Gott und seinem Volk.

Gott schätzt die Lage realistisch ein

„Wenn man den Himmel oben messen könnte und den Grund der Erde unten erforschen, dann würde ich auch verwerfen alle Nachkommen Israels für all das, was sie getan haben, spricht der HERR“ (Jeremia 31,40). Gott schätzt die Lage realistisch ein. Aber er bleibt nicht dabei. Er schüttet trotz allem seine Barmherzigkeit aus: „Ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“ Und so beendet der Prophet Jeremia das Gotteswort mit einer unverrückbaren Zusage, Grund aller Hoffnung für alle Zeit: „Und die Stadt wird niemals mehr eingerissen und ­abgebrochen werden.“ Denn sie ist heilig, weil Gott mit seinem Volk darin wohnt. Und nicht nur in der Stadt. Der Bund wird in ihren Herzen und ihrem Sinn leben, so dass sie ihn erkennen und immer auf ihn trauen.

Wir wissen, wie schwer das ist. Aber wenn wir es versuchen, können wir Erstaunliches erleben. Im Gebet Gott bitten, jeden Tag diesen Bund zu erneuern, uns unser Herz und den Verstand anzurühren. Dann kann sich im Kleinen wirklich etwas Großes verändern. Schlaflose Nächte, zerwühlt von Wut und Enttäuschung, wandeln sich in nächtlichen Frieden. Neue Lösungen für den Tag werden möglich: Denn „Siehe, ich mache alles neu“, wie es uns als Jahreslosung mitgegeben ist.

Sibylle Sterzik, Pfarrerin im Ehrenamt in Berlin

 

Zwei Tumspiten vor einem blauen Himmel
Gemeinschaft im Geist ­Gottes ­entsteht ­jenseits von gemachten Mauern und Grenzen. Foto: Nipun Chandra Surnilla/unsplash

Der Geist Gottes weht über Mauern

Predigttext zum 24. Mai 2026
Pfingsten: Apostelgeschichte 2,1–21

Sie verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache? ­Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen, Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden.

Apostelgeschichte 2,1–21

Pfingsten 2025 in unserer 165 Jahre alten Kreuzkirche Istanbul, nicht weit entfernt von Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, von Phrygien und Pamphylien. Es sind Schulferien wegen des muslimischen Opferfestes, und die Gottesdienst­gemeinde ist recht ausgedünnt. Da klingelt es, und eine große Pilgergruppe aus der Elfenbeinküste marschiert in den Gottesdienst ein. Sie ­verstehen kein Deutsch, aber das tut der Gemeinschaft keinen Abbruch, weder im Gottesdienst noch beim anschließenden Kirchencafé mit ­Erdbeerkuchen im Garten. Wir feiern zusammen Abendmahl – und da wird es richtig Pfingsten, der Geburtstag der einen Kirche Jesu Christi aus allen Völkern und Sprachen. Der Geist Gottes weht über die von Menschen gemachten Mauern und Grenzen hinweg, begeistert und ermutigt, setzt in Bewegung und führt zu Begegnung. Hier in Konstantinopel, dem neuen Rom, Istanbul, spielt Ökumene für alle ­Kirchen und Gemeinden eine große Rolle. Sicherlich auch ein bisschen gezwungenermaßen, weil wir alle eine extreme Minderheit sind. Aber vor allem deswegen, weil es hier einen Reichtum an Konfessionen und Traditionen gibt wie ansonsten nur in Jerusalem. Hier erlebe ich die eine Kirche Jesu Christi in ihrer wunderbaren Diversität. Das ist manchmal gewöhnungsbedürftig, meistens aber sehr bereichernd und wunderbar.

Appell zu einer generations­übergreifenden Kirche

Der Geist Gottes weht über Mauern und Grenzen hinweg. Das gilt im Kontext von unterschied­lichen Sprachen, Kulturen und Herkünften, Traditionen und Konfessionen und auch Religionen. Aber – und das fällt mir in diesem Jahr beim ­Predigttext aus Apostelgeschichte 2 zum ersten Mal so richtig auf – das gilt auch für die unterschiedlichen Generationen. In seiner Predigt spannt Petrus den Bogen von ganz jungen Menschen zu den alten: Weissagungen, Gesichte und Träume, also über das hinaus schauen, was vor Augen liegt, hin zu dem, was verheißen ist. Ich lese das als einen Appell zu einer generations­übergreifenden Kirche, zu einer, die Kinder und Jugendliche nach ihren Visionen befragt und ­Seniorinnen und Senioren nach ihren Träumen. Die beide ins Gespräch bringt und daraus lernt. Solch eine Kirche möchte ich nicht nur träumen, sondern leben.

Pfingsten eröffnet Begegnungsräume, die im Rest des Jahres mit Leben gefüllt werden können. Vertraute oder andere Orte, an denen wir uns begegnen und bewegen, einander von unseren Visionen und Träumen erzählen und voneinander lernen. Das macht mir Mut: für mein eigenes Leben, für meinen Glauben und für die Menschen, mit denen ich gemeinsam unterwegs und Kirche bin.

Heike Steller-Gül ist Pfarrerin in der Evangelische Gemeinde deutscher Sprache in der Türkei in Istanbul

 

Eine lächelnde Pfarrerin hebt ihre Hände. Im Vordergrund stehen Jungen mit Kerzen
Segen hält die Seele. Foto: IMAGO/epd

Gesegnete Gottes

Predigttext zum 31. Mai 2026
Trinitatis: 4. Mose 6,22–27

Und der HERR redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.
 
4. Mose 6,22–27
 

„Alles ist an Gottes Segen und an seiner Gnad gelegen über alles Geld und Gut. Wer auf Gott sein Hoffnung setzet, der behält ganz unverletzet einen freien Heldenmut!“ (Lied aus dem Evangelischen Gesangbuch 352,1)

Es ist der Segen, der unsere Gottesdienste erst rund und vollständig macht. Der Segen steht zwar am Ende eines Gottesdienstes, von seiner Wichtigkeit aber steht er in der Mitte. Es ist der Segen, der uns bleibt, während manch anderes Wort aus dem Gottesdienst vorüberrauscht oder schnell vergessen ist.

Bei den Trauungen weiß ich, dass es vor allem der Segen Gottes ist, den die Paare erbitten. ­Dieser Segen soll über ihre gemeinsame Zukunft zu stehen kommen. Das öffentlich gesprochene Ja zueinander tritt hinter den zugesprochenen Segen Gottes zurück. Gottes Segen ist größer als jedes Versprechen, das Menschen einander geben ­können. Das ist deutlich zu spüren.

Segen für Sterbende

Wenn ich in Taufelterngesprächen die Eltern nach der Bedeutung der Taufe für ihre Kinder ­frage, kommt immer wieder eine Antwort: Mein Kind soll unter dem Segen Gottes stehen. Darum bringe ich es zur Taufe, dafür ist mir die Taufe ein sichtbares Zeichen. Mit dem Segen Gottes ist etwas auf und in das Kind gelegt, das mehr ist als alle Elternfürsorge geben kann.

Auch Sterbenden spreche ich den Segen zu. In aller Not und Angst, die die Aussicht des nahenden Todes bedeutet, gibt der Zuspruch des Segens Vertrauen und Sicherheit.

„Segnet die, die euch fluchen.“

Die Bibel überliefert uns viele Zeugnisse davon, wie Gott immer wieder durch seinen Segen an Menschen gewirkt hat: Dem Abraham spricht Gott zu: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“ Im Neuen Testament geht die Geschichte des Segens weiter: die Menschen bringen Kinder zu Jesus, damit er sie anrührt und segnet. Jesus ­sendet seine Jünger und segnet sie. Er selbst macht den Segen zum Auftrag: „Segnet die, die euch fluchen.“

Der Segen ist das Größte, was wir von unserem Gott geschenkt bekommen. Aus dem Segen kommt uns Kraft her, im Segen fühlen wir uns geborgen. Der Segen macht uns zuversichtlich. Und es ist gut, dass wir durch immer wieder neu ausgesprochenen Segen daran erinnert werden, Gesegnete Gottes zu sein.

Viele Erklärungsversuche greifen zu kurz

Gottes Segen gibt uns Schutz, er ist unsere Freiheit, er will Frieden geben. Gottes Segen will unser Leben ganz umfassen. Vielleicht greifen alle verstandesmäßigen Erklärungsversuche für den Segen deswegen immer zu kurz. Gottes Segen erreicht mehr als unsere Sinne, nämlich unser Herz. Gottes Segen liegt auf mehr als unserem Leib, er hält unsere Seele.

Das nehmen wir aus jedem Gottesdienst mit nach Hause. Und wir können davon weitergeben. Wer unter dem Segen Gottes steht, ist eingeladen, diesen Segen auch auszuteilen. So wird der Segen mehr und mehr. Durch das Teilen wird der Segen größer. So segne und behüte uns Gott, der allmächtige und barmherzige, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Pfarrer Thilo Haak, Ostergemeinde Berlin-Wedding