Vor 25 Jahren öffnete das Jüdische Museum Berlin seine Türen – ein Ort der Erinnerung, der Mahnung und der Hoffnung. Seine außergewöhnliche Architektur erzählt von der Geschichte des jüdischen Volkes, von Verfolgung, Exil und dem Holocaust. Zugleich erinnert sie daran, dass Erinnerung niemals Selbstzweck ist. Kaum jemand hat diese Botschaft eindringlicher verkörpert als Margot Friedländer. Ihr Vermächtnis fasste sie in zwei schlichte Worte: „Seid Menschen!“ Sie sind Aufforderung und Verpflichtung zugleich – damals wie heute.
Von Albrecht Kalusche
Foto: Wikimedia Commons/ gemeinfrei
Lydia und ihr Haus – Die Taufe und ihre Aura
Manchmal beginnt Geschichte ganz unscheinbar: am Ufer eines Flusses, im Gespräch mit einer Handvoll Frauen. Dort begegnet Paulus der Purpurhändlerin Lydia. Sie öffnet ihr Herz für das Evangelium, lässt sich taufen und öffnet zugleich ihr Haus. Aus dieser Begegnung erwächst die erste christliche Gemeinde Europas – ein eindrucksvolles Zeugnis dafür, wie Glaube Gemeinschaft stiftet und bis heute Menschen verbindet.
Von Beate Barwich
Foto: pixabay
Drei Jahre lang – Besuche in der Haft
Was mit der Bitte um einen seelsorgerlichen Besuch in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel begann, wurde für einen Pfarrer im Ruhestand und einen jungen Häftling zu einem gemeinsamen Weg des Glaubens. Eine bewegende Geschichte über Hoffnung hinter Gefängnismauern und die überraschenden Wege, auf denen Gott Menschen begegnet.
Herr, es ist Sommer. Ich danke dir für diese wunderschöne Jahreszeit. Du lässt für uns die Sonne vom blauen Himmel scheinen, die Vögel singen, die Blumen blühen und wir dürfen die langen Tage in deiner Gegenwart genießen. Einige Bundesländer haben schon Ferien und die anderen sind noch voller Vorfreude auf die Auszeit.
Herr, ich möchte dich um deinen Segen bitten für diese Zeit. Sei bei den Menschen, die in Urlaub fahren, dass sie wohlbehütet an ihrem Ferienort ankommen. Schenke du aber auch allen, die zu Hause bleiben, eine erholsame Zeit mit vielen Wohlfühlmomenten. Sei du bei jedem von uns gegenwärtig und schenke uns deinen Frieden.
Lass uns gestärkt für neue Anforderungen in unseren Alltag zurückkehren. Amen
„Die Hoffnung haben wir als einen sicheren und festen Anker unserer Seele.“ Hebräer 6,19 (L)
Hoffnung bezeichnen wir oft als „Anker der Seele“ – ein Bild, was eng mit dem Hebräerbrief (6,19) verbunden ist. Es beschreibt eine Hoffnung, die unverrückbar und unzerbrechlich ist, selbst wenn das Leben durch negative Umstände ins Wanken gerät. Unser Monatsspruch verwendet das Bild.
Den Schiffsanker wirft man dahin, wo er sich festhaken kann. Das geht nicht im eigenen Knopfloch. Wir können unsere Hoffnung nicht bei uns selbst festmachen. Ein Anker, der im Meeresboden verankert ist, hält das Schiff an seiner Position und bewahrt es davor, von Strömungen mitgerissen zu werden in stürmischen und unruhigen Zeiten.
Woran halte ich mich fest?
Gerade dann kann es wichtig sein, innezuhalten und sich zu vergewissern: Wer oder was trägt mich? Woran halte ich mich fest? Worauf setze ich? Unsere christliche Hoffnung gründet nicht auf unseren eigenen Kräften, sondern auf den Verheißungen und der bedingungslosen Liebe Gottes.
Madeleine Delbrel sagt es so: „Hoffen heißt, mit vollem Vertrauen auf etwas zu warten, was man nicht kennt, aber es von jemanden zu erwarten, dessen Liebe man kennt. In dem Maße, in dem man hofft, empfängt man.“
Vertrauen auf Gott als Quell der Hoffnung
Dazu fällt mir das schwungvolle Glaubenslied „Du meine Seele singe“ von Paul Gerhardt ein. So aufmunternd, so auffordernd. Gerade wenn meine Seele mal wieder ganz erschöpft ist. Das Lob dieses Liedes ist Vertrauen auf Gott – trotz dieser Wirklichkeit. Ein Trost für die, die unter Unrecht leiden. Eine Hoffnung für alle, die an die Grenzen ihrer Kraft oder ihres Lebens kommen. Und eine Quelle der Widerstandskraft, die uns hilft, gegen das Unrecht, gegen den Krieg, den Hunger, die Ausbeutung und die Ausgrenzung aufzustehen.
Alexander Reichart, Mitarbeiter im Konsistorium der EKBO, Jüterbog
Predigten im Monat Mai 2026
Trompeten erklingen zum Lob Gottes. Illustration: IMAGO / Ikon Images
Unisono – als hörte man eine Stimme loben
Predigttext zum 3. Mai 2026 Kantate: 2. Chronik 5,2–5 (6–11) 12–14
… und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen. Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem HERRN. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den HERRN lobte: „Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig“, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke als das Haus des HERRN, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.
2. Chronik 5,12+13+14
Der biblische König David spielte als Junge so ausgezeichnet die Harfe, dass er den sehr jähzornigen König Saul mit seinem Spiel zu besänftigen vermochte. Später als König setzte er sich für die Ausgestaltung der geistlichen Musik ein und strukturierte sie nach professionellen Maßstäben. Nach mindestens 5 Jahren Ausbildung durften junge Männer aus dem Stamm Levi mit 30 Jahren offiziell in den musikalischen Dienst treten. Das Auswahlverfahren (1. Chronik 6,16) war streng: aus 4000 Sängern, die alle auch Instrumentalisten waren, wurden die besten 288 ausgewählt, und in 24 Gruppen zu je 12 Sängern eingeteilt. Alle Sänger, die später im Tempel Dienst taten, hatten täglich zu proben, dafür waren sie von anderen Aufgaben freigestellt.
Überwältigendes Klangerlebnis
Der Vers 13 unseres Predigttextes beschreibt das Ergebnis des harten Übungsprozesses mit höchstem Lob: „Musik wie von einer Stimme“. Ein überwältigendes Klangerlebnis, dem aber harte Arbeit auch in unseren Chören und Orchestern heute vorausgeht. Wenn aus so unterschiedlichen Menschen ein Ensemble werden soll, müssen Geben und Nehmen untereinander in den Gleichklang kommen. Der Einzelne soll sich gehört fühlen, aber seine Stimme auch einordnen. In einem Workshop auf der Chor.com in Hannover erlebte ich die Sänger von Voces8, ein A-cappella–Oktett aus Großbritannien, in perfekter Ausgewogenheit. Scheinbar aus dem Nichts beginnen sie mit dem Singen des Chorwerkes ohne dirigentische Unterstützung – absolut auf den Punkt und zeitgleich. Die Sänger erspüren ihren Atem untereinander in der Stille vor dem Beginn, dann geht ein Impuls vom jeweiligen Stimmführer des Stückes aus und die Musik erklingt glasklar und durchsichtig in überzeugender Harmonie.
Was bedeutet unisono?
Wenn alle Beteiligten eines Klangkörpers gemeinsam dieselbe Melodie spielen und singen, bezeichnet man das mit dem Fachbegriff „unisono“. Wenn das wie im biblischen Text zu einem besonderen Klangerlebnis mit ungeheurer Durchschlagskraft wird, entsteht darüber hinaus die konstruktive Interferenz – die zusätzliche Verstärkung des Tones, wenn die Schwingungen auch physikalisch synchron laufen.
Zur langersehnten Einweihung des Tempels tritt das Ensemble professionell vorbereitet und in Bestbesetzung auf. 120 (!) silberne, nach genauen Vorschriften gebaute Trompeten rufen das Volk zusammen. Zimbeln geben den Beginn des Gesanges an, Leiern und Harfen begleitenden den Gesang. Das Lob Gottes und der Dank für seine Barmherzigkeit erklingen unisono – und die musikalische Qualität gelangt Gott zu Ohren und überzeugt ihn sichtbar.
Cornelia Ewald ist Kirchenmusikerin und Chorleiterin in Berlin
Wie ein Schuster einen Schuh macht, so soll ein Christ beten. Foto: Raoul Ortega/unsplash
Das Handwerk eines Christen
Predigttext zum 10. Mai 2026 Rogate: Matthäus 6,5–15
Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Matthäus 6,7–10
Zum Vaterunser ist schon alles gesagt: Dass es zum wichtigsten Gebet beider Kirchen wurde und dass Jesus selbst seinen Jüngerinnen und Jüngern die sieben Bitten lehrte. Ein heiliges Manifest, das mit der Anrede „Vater unser im Himmel“ – der aramäischen Anrede „abba“ – beginnt und mit dem Verweis auf die Ewigkeit Gottes mit einem Amen endet.
„Denn dein ist das Reich…“
Die mögliche Urfassung aus Lukas 11, 2–4 begnügte sich mit fünf Bitten: 1. Heiligung des Gottesnamens, 2. Bitte um das Kommen des Gottesreiches, 3. Bitte um das tägliche Brot, also die Notwendigkeiten des Alltags, 4. Befreiung aller Schuld gegenüber Gott und das Vergeben aller Verfehlungen anderer. 5. Die Bewahrung vor Versuchung durch das Böse. In der Fassung nach Matthäus sind zwei Bitten ergänzt: Dein Wille geschehe und die Erlösung von dem Bösen. Eine sogenannte Doxologie, ein Wort der Ehre, ist hier hinzugefügt: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.“ Sie dürfte der frühchristlichen Gebetspraxis entsprechen. Schon der Kirchenlehrer Thomas von Aquin (1225–1274) nannte das Gebet einen „Akt der Religion im eigentlichen Sinn“. Er verwies damit auf die Gnade Gottes und die Abhängigkeit des Glaubenden davon.
Als ich vor vielen Jahren in Tübingen in einer Vorlesung des Systematikers Eberhard Jüngel saß, mahnte er uns junge Studierende beim Thema „Was heißt beten?“, den Dank im Gebet nicht zu vergessen. Denn Beten, so habe es Luther geschrieben, sei ein ganz handwerklicher Akt: „Wie ein Schuster einen Schuh machet und ein Schneider einen Rock, also soll ein Christ beten. Eines Christen Handwerks ist beten.“ Jüngel, der bekanntlich Vikar der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg war, schloss: „Auch dieses Handwerk hat goldenen Boden.“
Das Gebet als Sprache des Herzens
Martin Luther bezeichnete das Gebet als eine Sprache des Herzens. Wir sollten Sorge tragen, dass es vom Herzen herrührt, sagt er. Das sollen wir wissen: „Dass all‘ unser Schutz und Schirm allein im Gebet steht. Wesen und Natur des Gebets ist nichts anderes als Erhebung des Gemüts oder Herzens zu Gott.“ Damit zeigt sich Luther als Mahner bis heute: Dass nämlich Lebensglück nicht monopolisiert werden darf: Arbeit und Leistung, Erfolg und Anerkennung, Bildung und Lebensgenuss gehören allen, nicht nur Auserwählten.
Frère Roger, der Gründer von Taizé, machte es sich in diesem Sinn zur steten Aufgabe, jeden Freitagabend vor dem Kreuz in seiner Gemeinschaft ein Gebet zu halten, für alle, die leiden und in existenzieller Not sind: Er war der Überzeugung, die jungen Leute, die zu ihm kamen, sollten sich nicht in eine Spirale der Verdrossenheit hineinziehen lassen. „Gott hat uns nicht zur Untätigkeit erschaffen. Wir sind nicht einem blinden Schicksal unterworfen.“ Der protestantisch getaufte Bruder Frère Roger strahlt damit eine Zuversicht bis in die Gegenwart aus, die in jedem Gebet des Herrn sich wiederholt: Gottesgewissheit. In diesen Worten bleibt niemand allein.
Dr. Roger Töpelmann ist Pfarrer im Ruhestand und freier Autor in Berlin
Einen Bund besiegelt. Foto: Juan Pablo Rodriguez/unsplash
Unverbrüchlich verbunden
Predigttext zum 17. Mai 2026 Exaudi: Jeremia 31,31–34
Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen (…), sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und ich will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein.
Jeremia 31,31.32.33
Als Kinder schrieben wir in einer Art Geheimsprache etwas auf ein Blatt Papier. Das war unser Bund! Geheimnisvoll saßen wir in unserer Hütte aus Zweigen im Wald und schlossen eine Art Geheimbund. Auf ewig wollten wir mit den anderen Dorfkindern verbunden sein. Und jeder für den anderen einstehen. Wer dazugehörte, war auserwählt. Einmal drückten wir uns gegenseitig sogar einen Blutstropfen aus dem Finger, um das zu besiegeln.
Einen Strich unter die Vergangenheit setzen
Ein Kinderspiel. Aber auch Gott will einen Bund „mit dem Haus Israel und mit dem Hause Juda“ schließen. Er möchte auch eine Selbstverpflichtung eingehen und einen Strich unter die Vergangenheit setzen. Klar, das Volk Israel hat auch noch andere Götter angebetet, der Versuchung von Eitelkeiten, Reichtum, Macht und schönen Frauen nicht widerstanden. Aber sie haben gelitten in der Verbannung, in der sie viele Jahre gelebt haben. Damit soll Schluss sein. Der Prophet Jeremia verkündet es im Namen des Herrn. Der sieht nun das in die Fremde verschleppte Volk Israel gnädig an. Er begnadigt es und erlaubt seine Heimkehr in die verlassene Heimat. Aber nicht einfach nur um Rückkehr geht es. Gott lässt Gewesenes hinter sich und dem Volk, er vergibt, wo die Israeliten auf Abwege geraten, ihn vergessen hatten und schenkt einen neuen Anfang. Auch hier geht es um ein Bündnis – zwischen Gott und seinem Volk.
Gott schätzt die Lage realistisch ein
„Wenn man den Himmel oben messen könnte und den Grund der Erde unten erforschen, dann würde ich auch verwerfen alle Nachkommen Israels für all das, was sie getan haben, spricht der HERR“ (Jeremia 31,40). Gott schätzt die Lage realistisch ein. Aber er bleibt nicht dabei. Er schüttet trotz allem seine Barmherzigkeit aus: „Ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“ Und so beendet der Prophet Jeremia das Gotteswort mit einer unverrückbaren Zusage, Grund aller Hoffnung für alle Zeit: „Und die Stadt wird niemals mehr eingerissen und abgebrochen werden.“ Denn sie ist heilig, weil Gott mit seinem Volk darin wohnt. Und nicht nur in der Stadt. Der Bund wird in ihren Herzen und ihrem Sinn leben, so dass sie ihn erkennen und immer auf ihn trauen.
Wir wissen, wie schwer das ist. Aber wenn wir es versuchen, können wir Erstaunliches erleben. Im Gebet Gott bitten, jeden Tag diesen Bund zu erneuern, uns unser Herz und den Verstand anzurühren. Dann kann sich im Kleinen wirklich etwas Großes verändern. Schlaflose Nächte, zerwühlt von Wut und Enttäuschung, wandeln sich in nächtlichen Frieden. Neue Lösungen für den Tag werden möglich: Denn „Siehe, ich mache alles neu“, wie es uns als Jahreslosung mitgegeben ist.
Sibylle Sterzik, Pfarrerin im Ehrenamt in Berlin
Gemeinschaft im Geist Gottes entsteht jenseits von gemachten Mauern und Grenzen. Foto: Nipun Chandra Surnilla/unsplash
Der Geist Gottes weht über Mauern
Predigttext zum 24. Mai 2026 Pfingsten: Apostelgeschichte 2,1–21
Sie verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache? Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen, Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden.
Apostelgeschichte 2,1–21
Pfingsten 2025 in unserer 165 Jahre alten Kreuzkirche Istanbul, nicht weit entfernt von Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, von Phrygien und Pamphylien. Es sind Schulferien wegen des muslimischen Opferfestes, und die Gottesdienstgemeinde ist recht ausgedünnt. Da klingelt es, und eine große Pilgergruppe aus der Elfenbeinküste marschiert in den Gottesdienst ein. Sie verstehen kein Deutsch, aber das tut der Gemeinschaft keinen Abbruch, weder im Gottesdienst noch beim anschließenden Kirchencafé mit Erdbeerkuchen im Garten. Wir feiern zusammen Abendmahl – und da wird es richtig Pfingsten, der Geburtstag der einen Kirche Jesu Christi aus allen Völkern und Sprachen. Der Geist Gottes weht über die von Menschen gemachten Mauern und Grenzen hinweg, begeistert und ermutigt, setzt in Bewegung und führt zu Begegnung. Hier in Konstantinopel, dem neuen Rom, Istanbul, spielt Ökumene für alle Kirchen und Gemeinden eine große Rolle. Sicherlich auch ein bisschen gezwungenermaßen, weil wir alle eine extreme Minderheit sind. Aber vor allem deswegen, weil es hier einen Reichtum an Konfessionen und Traditionen gibt wie ansonsten nur in Jerusalem. Hier erlebe ich die eine Kirche Jesu Christi in ihrer wunderbaren Diversität. Das ist manchmal gewöhnungsbedürftig, meistens aber sehr bereichernd und wunderbar.
Appell zu einer generationsübergreifenden Kirche
Der Geist Gottes weht über Mauern und Grenzen hinweg. Das gilt im Kontext von unterschiedlichen Sprachen, Kulturen und Herkünften, Traditionen und Konfessionen und auch Religionen. Aber – und das fällt mir in diesem Jahr beim Predigttext aus Apostelgeschichte 2 zum ersten Mal so richtig auf – das gilt auch für die unterschiedlichen Generationen. In seiner Predigt spannt Petrus den Bogen von ganz jungen Menschen zu den alten: Weissagungen, Gesichte und Träume, also über das hinaus schauen, was vor Augen liegt, hin zu dem, was verheißen ist. Ich lese das als einen Appell zu einer generationsübergreifenden Kirche, zu einer, die Kinder und Jugendliche nach ihren Visionen befragt und Seniorinnen und Senioren nach ihren Träumen. Die beide ins Gespräch bringt und daraus lernt. Solch eine Kirche möchte ich nicht nur träumen, sondern leben.
Pfingsten eröffnet Begegnungsräume, die im Rest des Jahres mit Leben gefüllt werden können. Vertraute oder andere Orte, an denen wir uns begegnen und bewegen, einander von unseren Visionen und Träumen erzählen und voneinander lernen. Das macht mir Mut: für mein eigenes Leben, für meinen Glauben und für die Menschen, mit denen ich gemeinsam unterwegs und Kirche bin.
Heike Steller-Gül ist Pfarrerin in der Evangelische Gemeinde deutscher Sprache in der Türkei in Istanbul
Segen hält die Seele. Foto: IMAGO/epd
Gesegnete Gottes
Predigttext zum 31. Mai 2026 Trinitatis: 4. Mose 6,22–27
Und der HERR redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.
4. Mose 6,22–27
„Alles ist an Gottes Segen und an seiner Gnad gelegen über alles Geld und Gut. Wer auf Gott sein Hoffnung setzet, der behält ganz unverletzet einen freien Heldenmut!“ (Lied aus dem Evangelischen Gesangbuch 352,1)
Es ist der Segen, der unsere Gottesdienste erst rund und vollständig macht. Der Segen steht zwar am Ende eines Gottesdienstes, von seiner Wichtigkeit aber steht er in der Mitte. Es ist der Segen, der uns bleibt, während manch anderes Wort aus dem Gottesdienst vorüberrauscht oder schnell vergessen ist.
Bei den Trauungen weiß ich, dass es vor allem der Segen Gottes ist, den die Paare erbitten. Dieser Segen soll über ihre gemeinsame Zukunft zu stehen kommen. Das öffentlich gesprochene Ja zueinander tritt hinter den zugesprochenen Segen Gottes zurück. Gottes Segen ist größer als jedes Versprechen, das Menschen einander geben können. Das ist deutlich zu spüren.
Segen für Sterbende
Wenn ich in Taufelterngesprächen die Eltern nach der Bedeutung der Taufe für ihre Kinder frage, kommt immer wieder eine Antwort: Mein Kind soll unter dem Segen Gottes stehen. Darum bringe ich es zur Taufe, dafür ist mir die Taufe ein sichtbares Zeichen. Mit dem Segen Gottes ist etwas auf und in das Kind gelegt, das mehr ist als alle Elternfürsorge geben kann.
Auch Sterbenden spreche ich den Segen zu. In aller Not und Angst, die die Aussicht des nahenden Todes bedeutet, gibt der Zuspruch des Segens Vertrauen und Sicherheit.
„Segnet die, die euch fluchen.“
Die Bibel überliefert uns viele Zeugnisse davon, wie Gott immer wieder durch seinen Segen an Menschen gewirkt hat: Dem Abraham spricht Gott zu: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“ Im Neuen Testament geht die Geschichte des Segens weiter: die Menschen bringen Kinder zu Jesus, damit er sie anrührt und segnet. Jesus sendet seine Jünger und segnet sie. Er selbst macht den Segen zum Auftrag: „Segnet die, die euch fluchen.“
Der Segen ist das Größte, was wir von unserem Gott geschenkt bekommen. Aus dem Segen kommt uns Kraft her, im Segen fühlen wir uns geborgen. Der Segen macht uns zuversichtlich. Und es ist gut, dass wir durch immer wieder neu ausgesprochenen Segen daran erinnert werden, Gesegnete Gottes zu sein.
Viele Erklärungsversuche greifen zu kurz
Gottes Segen gibt uns Schutz, er ist unsere Freiheit, er will Frieden geben. Gottes Segen will unser Leben ganz umfassen. Vielleicht greifen alle verstandesmäßigen Erklärungsversuche für den Segen deswegen immer zu kurz. Gottes Segen erreicht mehr als unsere Sinne, nämlich unser Herz. Gottes Segen liegt auf mehr als unserem Leib, er hält unsere Seele.
Das nehmen wir aus jedem Gottesdienst mit nach Hause. Und wir können davon weitergeben. Wer unter dem Segen Gottes steht, ist eingeladen, diesen Segen auch auszuteilen. So wird der Segen mehr und mehr. Durch das Teilen wird der Segen größer. So segne und behüte uns Gott, der allmächtige und barmherzige, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Hoffnungsblüten über Stacheldraht. Foto: CTK Photo/IMAGO
Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen; denkt an die Misshandelten, denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib! Hebräer 13,3 (E)
„Jeder Mensch braucht Erbarmen …“ – so oder ähnlich singen wir es gelegentlich im Gottesdienst. Jeder Mensch braucht Erbarmen – das ist Gottes Sicht auf die Menschheit und deshalb hat er sich ihr zugewandt. Nur durch sein Erbarmen können Verlorene gerettet werden. Das haben viele Menschen bis heute erlebt – aber ist ihnen auch bewusst, dass sie nun ebenfalls Erbarmen üben sollen?
Als würdet ihr es am eigenen Leib erfahren
Erbarmen ist kein mitleidiges Bedauern, sondern mitfühlende Anteilnahme. In diesem Sinne möchte ich den Gedanken des Monatsspruches weiterführen: Denkt an die Gefangenen und Misshandelten so, als würdet ihr selbst betroffen sein. Denkt an Gefangene, Misshandelte, Unterdrückte und Bedürftige, als würdet ihr deren Schmerzen, Härte und Einsamkeit am eigenen Leib erfahren. Denkt an sie und betet für sie, um Kraft, Zuversicht und Ausdauer im Leid.
Erbarmen ohne nachzudenken
Denkt an sie und betet darum, dass Gott in seinem Erbarmen in ihr Leben eingreifen möge. Denkt auch an das, was Christus über die Menschen sagt, die Gefangene besuchen und Bedürftige versorgen: Ohne über persönliche Konsequenzen nachzudenken, üben sie praktisches Erbarmen. Ohne zu zögern, helfen sie den Notleidenden. Ohne es zu ahnen, dienen sie dadurch Christus selbst. Ohne es zu wissen, tun sie genau das, was Gott ihnen aufs Herz legt.
Wenn ihr also an die Gefangenen und Misshandelten denkt –, dann rechnet damit, dass Gott, der jedes gute Werk schon vorbereitet hat, ihnen durch euch wohltun will. Und freut euch, denn auch ihr werdet dadurch reich gesegnet werden.
Ursula Hecht, Berlin
Predigten im Monat Juni 2026
Wie ein Traum in hellen Farben: In den ersten Gemeinden teilen alle alles. Foto: Gustavo Sanchez/unsplash
Wunsch und Wirklichkeit
Predigttext zum 7. Juni 2026 1. Sonntag nach Trinitatis: Apostelgeschichte 4,32–37
Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.
Apostelgeschichte 4,32–35
Es ist das Himmelreich auf Erden. Die ersten Kapitel der Apostelgeschichte erzählen von der Gemeinde der ersten Christinnen und Christen wie vom wirklich gewordenen Reich Gottes: Seit dem Pfingstwunder sind sie eines Geistes, einmütig beieinander beim Brotbrechen, Beten und Singen – ja, „sie waren ein Herz und eine Seele“.
Das wahre Himmelreich auf Erden
Kennzeichen dieser himmlischen Gemeinschaft ist auch das gemeinsame Eigentum: „Es war ihnen alles gemeinsam.“ Was die Apostelgeschichte schon einmal erwähnt hatte (2,44), wird hier nochmals konkret erzählt: Jede und jeder verkauft, was er oder sie hat. Und der Erlös wird „den Aposteln zu Füßen“ gelegt. Niemand leidet Mangel. Wirklich, es ist das wahre Himmelreich auf Erden – echte Gemeinschaft im Herzen und im Teilen. Es ist wie ein Traum in hellen Farben.
In keinem anderen biblischen Buch gehen Wunsch und Wirklichkeit so sehr ineinander über. Gerade in der Apostelgeschichte, die auf historische Fakten ja sonst so viel Wert legt. Gerade deswegen mag ich sie. Denn das Wünschen und der phantasievolle Umgang mit der Wirklichkeit der harten Fakten gehört für mich zum Glauben unbedingt dazu.
Ein Traum, der gefährlich werden könnte?
„Es war ihnen alles gemeinsam“ (V. 32), lateinisch „Omnia sunt communia“, das wurde sogar zum Schlagwort, zum Ideal durch die Zeiten, zum Traum von einer revolutionären, utopischen Gesellschaft. Und es wurde auch bekämpft. Weil es das Innerliche vergisst und die Gemeinschaft allein am Äußeren festmachen will? Ein Traum, der gefährlich werden könnte? Thomas Müntzer jedenfalls soll aufgerufen haben, dafür zu kämpfen, und wurde hingerichtet. „Omnia sunt communia“ ist Traum geblieben und man möchte schon resigniert einstimmen in das Lied des Bettlerkönigs Peachum aus der Dreigroschenoper: „Wir wären gut, anstatt so roh, doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.“
Ein gnadenlose Bruch
Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist ein gnadenloser Bruch. Und er zeigt sich besonders bei der Frage: Wem gehört eigentlich was? Und es ist ja meistens der bequemere Weg, ganz nüchtern bei der Wirklichkeit zu bleiben und sich nicht im Wünschen zu verlieren. Und doch kämen wir ohne das Wünschen, ohne solche Träume, ohne Spuren des Himmelreichs auf Erden nicht aus. Wie sehr wünsche auch ich mir andere Verhältnisse oder zumindest, dass die Ungerechtigkeiten nicht einfach hingenommen werden.
Ich brauche solche Worte und Bilder, wo Wunsch und Wirklichkeit ineinander übergehen, wie sie mir die Apostelgeschichte diese Woche gibt. Mache die Augen auf, sagen sie mir, schicke deinen Glauben auf die Reise und verwebe deine Wirklichkeit mit deinen Träumen.
Lars Städter ist Pfarrer in Weißwasser
Dieses Joch ist ein anderes, nicht aus Holz. Foto: Nikola Tomasic/unsplash
Gott führt uns auf gute Bahnen
Predigttext zum 14. Juni 2026 2. Sonntag nach Trinitatis: Matthäus 11,25–30
Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart. Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.
Matthäus 11,25–30
Wenn es um die Verteilung der Klugheit geht, könne man von Gerechtigkeit sprechen, denn jeder meint, genug zu haben. Dumm seien immer nur die anderen. Das sagte einst der französische Philosoph René Descartes (1596–1650). Ich merke es, wenn Jesus von „Weisen und Klugen“ spricht, denn da fühle ich mich gerne angesprochen. Aber was ist, wenn es nicht die Klugen sind, sondern die „Unmündigen“, mit denen Jesus auch mich meint? Wenn auch ich einen besonderen, einen vereinfachten Weg benötige, um zu verstehen, was um mich herum geschieht und wer da vor mir steht?
Es braucht viel, sich die eigenen Grenzen einzugestehen. Aber vielleicht öffnet gerade das den Zugang zu Jesus. Denn Gott vollkommen zu erkennen, geht nur mit göttlicher Kraft. Den Vater kennt allein der Sohn. Aber der Vater will, dass wir ihn erkennen können, so weit wie es uns möglich ist; das wurde in Jesu Sendung deutlich.
Nicht immer macht der Glaube das Leben leichter
Anders als manch einer meint, vereinfacht der Glaube an Gott aber nicht immer das eigene Leben. Lasten gibt es zu tragen, als Christ wie als Nicht-Christ. Und mitunter bürdet einem Gott noch zusätzliche Last auf. So klingt es auch in Jesu Worten. Aber ein Joch ist in der Regel ein Zweiergespann. Es geht noch jemand neben mir – jemand, der gleiches durchmacht; der mitaushält; der mitträgt, was ich trage. Und wenn ich hinter mich blicke, stelle ich fest, dass es gute Bahnen sind, auf die ich von Gott geführt werde: weil sie klar sind und Orientierung bieten. Weil auf ihnen jene gesehen werden und zu Wort kommen sollen, denen sonst der Mund verboten wird oder denen der Mund aus Kummer verschlossen ist. Und weil diese Bahnen ein Ziel haben: das Aufatmen nach langer Not, das Nachlassen des Schmerzes, das Erkennen von Gottes wohlwollenden Spuren in meinem und unserem Leben, und Frieden.
Ein sanftes Joch
Ja, es ist eine Aufgabe, Gottes Spuren in dieser Welt zu finden und zu helfen sie zu verbreiten – eine Aufgabe, die auch eine Last, ein Joch sein kann. Die Ehren- und Hauptamtlichen unserer Gemeinden wissen das. Und dennoch: Dieses Joch ist ein anderes. Es ist nicht aus Holz, sondern aus einem Material, das sanft ist, angenehm auf der Haut. Es passt sich den Schultern an und sein Gewicht ist gerade so schwer, dass ich es zwar spüre im Alltag, aber gut tragen kann.
Es ist eben kein Joch eines Herrschsüchtigen, sondern das eines liebenden Vaters, der sein Kind genau kennt, und der möchte, dass es ihm gut geht. Er will uns erquicken, unterwegs und am Ziel unseres Weges.
Franziska Roeber ist Pfarrerin im Kirchenkreis Berlin-Süd-Ost.
Vergebung heilt. Foto: Darius Bashar/unsplash
Zwischen Zorn und Gnade
Predigttext zum 21. Juni 2026 3. Sonntag nach Trinitatis: Micha 7,18–20
Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.
Micha 7,18–20
Oma, entschuldige bitte!“ Ich muss wohl sehr verblüfft ausgesehen haben, als sich mein 5-jähriger Enkel nach einem altersgemäßen Wutausbruch und einer kurzen Auszeit zum ersten Mal bei mir entschuldigt hat. Damit hatte ich nicht gerechnet! Die ehrlich gemeinte Entschuldigung hat mein Herz berührt und wir fanden schnell wieder zueinander. Was für eine Erleichterung!
Wo geschieht solche Entlastung bei Schuld, die Menschen einander nicht einfach vergeben können? Wenn Leben gefährdet, bedroht und ausgelöscht wird? Oder wenn Frauen und Männer erniedrigt und ausgegrenzt werden
Schuld macht jeden krank
Unvergebene Schuld macht krank, wie wir heute wissen. Die Schuldigen ebenso wie diejenigen, an denen Schuld begangen wurde. In komplexen Verstrickungen reicht eine einfache Entschuldigung zur Entlastung nicht aus. Vielmehr braucht Vergebung einen entlastenden Prozess: Schuld muss benannt und Wut zugelassen werden. Jemand muss Verantwortung übernehmen. So kann die Kraft für einen Neuanfang wachsen, der Gewesenes nicht leugnet, sondern annimmt und mit dem „Rest“ leben kann.
Die Verse aus dem Michabuch bewegen sich genau in diesem Spannungsfeld zwischen Zorn und Gnade. Der Prophet Micha, dessen Wirkungszeit etwa ins 8. Jahrhundert vor Christus datiert wird, prangert Ungerechtigkeit und Missstände im Land an und ruft zur Umkehr auf. Im letzten Kapitel des Michabuches wird noch einmal Gottes Zorn beschrieben, der Schuld ernst nimmt. Und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb dann am Ende die Frage, die eigentlich schon Antwort ist: „Wo ist so ein Gott …, der die Sünde vergibt? … Er wird sich unser wieder erbarmen … und unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.“
Keine Gegensätze: Zorn und Gnade
Zorn und Gnade gehören zusammen bei Gott, sind keine Gegensätze oder Vorstellungen aus verschiedenen Traditionen. Gottes Zorn richtet sich gegen lebensverachtendes, zerstörerisches Verhalten von Menschen. Gleichzeitig bleibt die Tür zur Vergebung in Gottes Zuwendung offen. Durchgehen müssen wir allerdings selbst. Die freie und unverfügbare Gnade Gottes kann uns neu ausrichten zu verantwortlichem Leben – darauf dürfen wir hoffen. Die Umkehr, die der Prophet Micha immer wieder beschreibt, ist nicht Leistung, sondern Antwort auf Gottes Zuwendung. Sie ist Teil des entlastenden Prozesses zur Entschuldung: Rückkehr in Gottes liebende Arme.
Wo Menschen Barmherzigkeit erfahren und leben, da entsteht eine neue Zukunftsperspektive. Sie führt über das eigene Ich hinaus wieder in die Gemeinschaft, in der die geteilte Freude gefeiert wird. So wie in der Geschichte von der „Barmherzigkeit des Vaters“, wie ich die Geschichte vom „verlorenen Sohn“ gerne betitele, die an diesem Sonntag als Evangelium gelesen wird.
Barbara Deml ist Pfarrerin in der Heilig-Geist-Gemeinde Falkensee im neu gegründeten Kirchenkreis Havelland.
Was gibt uns Orientierung? Foto: Tamas Tuzes Katai/unsplash
Wo der Geist weht
Predigttext zum 28. Juni 2026 4. Sonntag nach Trinitatis: Römer 12,17–21
Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: „Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.“ Vielmehr, „wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln“. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Römer 12,17–21
Ich erinnere mich an den Palmsonntag. Die Zeitumstellung liegt nur wenige Stunden zurück. Ein Blick auf die Uhr: 9.40 Uhr. Bin ich zu spät? Ein kurzer Moment der Unruhe. Dann die Klarheit: Zeitumstellung. Es ist erst 8.40 Uhr. Der Schlaf fühlt sich kürzer an als sonst. Ein tiefer Atemzug. Der Blick auf die alte Dorfkirche lässt den Puls wieder ruhiger werden.
Fünf Minuten vor Beginn. Der Gottesdienst rückt näher. Doch wo ist unser Organist? Das Team ist nicht vollständig. Wieder steigt die Anspannung. Der Ablauf steht plötzlich auf der Kippe. Für einen Moment steht die Frage im Raum: Wie gehen wir jetzt weiter? Auch die eigenen Gefühle sind da – Unsicherheit, ein kurzer Ärger, vielleicht Enttäuschung. Soll ich mich davon bestimmen lassen? Gerade in solchen Momenten zeigt sich, wie verletzlich das Leben in der Gemeinde ist. Es gelingt nicht immer so, wie wir es uns vorstellen. Oft unterscheidet sich der Alltag eines Christen kaum von dem anderer Menschen. Und doch stellt sich die Frage: Was gibt uns Orientierung?
Nächstenliebe ist kein Sonntagsprogramm
Schon zu Zeiten des Paulus war die Gemeinde nicht frei von Spannungen. Sein Rat ist klar: Achtet einander, begegnet euch mit aufmerksamer Fürsorge und lebt in brüderlicher Liebe. Das ist kein Programm nur für den Sonntag, sondern ein Lebensstil – gelebter Dienst an Jesus und am Nächsten. Auch im Umgang mit Unrecht setzt Paulus Maßstäbe. „Vergeltet niemand Böses mit Bösem“, heißt es. Stattdessen soll gelten: Haltet fest am Guten gegenüber jedermann. Und wenn das nicht gelingt? Dann bleibt der schwierige Schritt, Vergeltung loszulassen und Gott zu überlassen. Nicht wir müssen die Rechnung begleichen.
Paulus denkt dabei nicht an die großen Konflikte der Welt, sondern an das konkrete Miteinander in Gemeinde und Nachbarschaft. Seine Worte bringen das zusammen, was die Schrift lehrt und was Liebe praktisch bedeutet. Denn Liebe prägt das Verhalten – im eigenen Leben, in der Gemeinde und gegenüber anderen Menschen. „Den Worten Taten folgen lassen“ – das bleibt herausfordernd. Es gibt Momente der Überforderung, des Zweifelns, des Alleinseins. Doch gerade dort gilt: Gottes Geist ist gegenwärtig. Im Gebet wird aus dem Anspruch ein Weg. Das Evangelium wird im Inneren lebendig. „Eure Liebe soll aufrichtig sein“, so formuliert es die BasisBibel.
Musik aus der „Konserve“
Und „mein“ damaliger Palmsonntag? Viel Zeit bleibt nicht. Der Gottesdienst beginnt gleich. Gemeinsam treffen wir eine Entscheidung: Es gibt Musik aus der „Konserve“. Das Evangelische Gesangbuch – digital, über eine App, mit gesungenen Liedern. Und genau in dieser Einfachheit entsteht etwas Besonderes: Gemeinschaft. Spontan werden andere Lieder gewählt. Die Gemeinde geht mit. Es entsteht ein lebendiger Gottesdienst – nicht bis ins Detail geplant, sondern getragen im Moment. Für mich sind es Gänsehautmomente. Und der Gedanke bleibt: Der Heilige Geist weht nicht nur dort, wo alles vorbereitet ist, sondern oft gerade dort, wo wir loslassen und vertrauen.
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