Predigten des Monats

Gott mehr gehorchen
als den Menschen

Predigttext zum 4. November 2018
23. Sonntag nach Trinitatis:
Römer 13,1–7

Diese Worte des Apostels Paulus haben in der Geschichte der Kirche viel Gutes bewirkt, aber auch immer wieder zum Widerstand herausge­fordert. Das entsprechende griechische Wort für „Obrigkeit“ kann auch mit „staatlichen Behörden“, „Staatsgewalt“ übersetzt werden. Gleich im ersten Vers stolpere ich über die zwei Worte Obrigkeit und Untertan. Mit diesen Hinweisen des Apostels haben Könige, Kaiser, Diktatoren ihren Anspruch begründet: Ich regiere von Gottes Gnaden und ihr seid die Untertanen, die gehorchen müssen. Sie regierten unberechenbar, tyrannisch und machtversessen.
Paulus meint aber zwei Formen der Staatsgewalt: Die Regierung eines einzelnen, sie kann schlimmstenfalls zur Diktatur führen, und die Regierung, die Ordnung im Staat ermöglicht und das Beste für die Bürger will. Die Regierungsform, die einen einzelnen zum allmächtigen Oberhaupt hat, kennt die Geschichte zur Genüge. Kaiser und Könige, Diktatoren und Tyrannen haben sie zu ihrem Vorteil ausgenutzt. Die Regierungsform, die Paulus anspricht, geht davon aus, dass sie Gutes für alle bewirken will, Ordnung, Frieden und Gerechtigkeit schafft durch Verlässlichkeit und Vertrauen, sie hat sich nach langen Auseinandersetzungen in Europa in eine Form entwickelt, die die Macht verteilt durch das Vertrauen in unabhängige Richter, in ein nur dem Wohl des Volkes verpflichteten Parlament und eine Regierung, die von beiden unabhängigen Institutionen kontrolliert werden kann.
Einer solchen staatlichen Gewalt will ich mich gerne unterordnen, die halte ich für von Gott gegeben und gewollt. Gegenüber der ersten Regierungsform eines einzelnen haben sich zum Beispiel Dietrich Bonhoeffer und die Männer des 20. Juli 1944 zum Widerstand erhoben und ihn dann auch mit ihrem Glauben begründet: Der Nationalsozialismus unter einem Diktator kann nicht von Gottes Gnaden sein. Sie bezahlten es mit ihrem Leben.
Aber die zweite Forderung des Paulus kann ich nur unterstützen: Ich bin froh, dass ich Raum habe, Gutes zu tun und dass es für die, die sich nicht an unsere Gesetze und Werte halten, die Möglichkeit der Strafverfolgung und der Gerichts­entscheidungen gibt.
Einem Staat, der dem Bürger verpflichtetet ist, ordne ich mich gern unter als Gottes gewollte Ordnung, zahle Steuern und erweise ihm Ehre. Alles aber unter der Voraussetzung unseres christlichen Glaubens: Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüte und deinen Nächsten, wie dich selbst. Und um das umgewandelte Sabbatgebot Jesu mit einzubringen: Der Mensch ist nicht um des Staates willen da, sondern der Staat ist um des Menschen willen da.
So halte ich mit festem Glauben ­da­ran: Man muss Gott mehr ­gehorchen als den Menschen!

Paul Geiß, Pfarrer im Ruhestand, Berlin

 

Gott lässt nicht
von Hiob ab

Predigttext zum 11. November 2018
Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr: Hiob 14,1–6

„Du siehst mich.“ Das war die Losung des ­Kirchentages 2017. Ausdruck von Geborgenheit und Dankbarkeit. „Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war“, so betet der Psalmist (Psalm 139,16). Das ist für ihn zwar unbegreiflich, fast erschreckend, im Grunde aber tröstlich und beglückend. Denn wer sich von Gott angesehen weiß, der findet Zuflucht unter seinen Flügeln, jederzeit und überall, auch in der Nacht des Todes. Nur wenn Gott sein Angesicht verbirgt, aus welchem Grund auch immer, erstirbt das Leben und wird wieder Staub (Psalm 104,29). Darum die flehentliche Bitte: „ Verbirg dein Antlitz nicht vor mir, … und tu die Hand nicht von mir ab, du Gott meines Heils! “ (Psalm 27,9).
Das war und ist der Glaube Israels. Dieser Glaube hat auch die Christenheit getragen und sie gelehrt zu sprechen, wo man eigentlich verstummen möchte. Dafür sollten wir dem Glauben Israels und seinen Zeugen in der Bibel ewig dankbar sein.
Aber die Bibel scheut sich nicht, uns auch die Grenzen dieses Glaubens aufzuzeigen, wo das anscheinend unerschütterliche Grundvertrauen in eine tiefe Skepsis umschlägt und der Beter irre wird an Gott, weil dessen Antlitz sich verzerrt zur Fratze eines gleichgültigen und gnadenlosen Schicksals. Diese Erfahrungen mit Gott hat Israel verdichtet in der Gestalt des Hiob. Hiob hat offenbar genug von Gott. Er will nichts lieber, als Gott los zu sein. „Lass mich in Ruhe!“, so hören wir ihn beten. Es gab mal eine Zeit, da konnte er sich seines Gottes dankbar vergewissern und mit einem Psalm der Bibel beten: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“ (Psalm 8). Jetzt aber kann er nur noch resignierend feststellen: „Der Mensch … geht auf wie eine Blume und welkt … Blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut!“ Er kann seines Glaubens nicht mehr froh werden. Er kann auch seines Lebens nicht mehr froh werden.
Und das als Grundlage für eine Predigt? Auch wenn der Bogen von diesem Text zu Jesu Gottverlassenheit am Kreuz geschlagen werden sollte – eine wegweisende Aussage, die trösten und befreien könnte, müsste wohl jenseits dieses Textes gefunden werden. Vielleicht könnte der Prediger bereits mit Blick auf Hiobs Ende fündig werden. Die Rettung Hiobs lag darin begründet, dass Gott nicht aufhörte, mit ihm zu reden. Er wurde, so sehr es auch wollte, Gott nicht los. Die Gemeinde könnte am Ende eingeladen werden, einzustimmen in das Lied: „Von Gott will ich nicht lassen; denn er ­lässt nicht von mir“ (EG 365).

Ulrich Hollop ist Pfarrer
im Ruhestand in Berlin

 

Aus Trauer
wird Trost

Predigttext zum 18. November 2018
Vorletzter Sonntag im ­Kirchenjahr: Offenbarung 2,8–11

Das letzte Buch der Bibel ist für viele Menschen ein „Buch mit sieben Siegeln“. Trotzdem erreichen uns diese Worte und berühren uns über die Zeiten hinweg. Sie wurden geschrieben, um die Gemeinden in Kleinasien, der heutigen Türkei, angesichts der Christenverfolgung im damaligen römischen Reich zu stärken und zu trösten. Sie stehen für die ganze Kirche in einer schwierigen Situation.
An diesem vorletzten Sonntag des Kirchen­jahres, der auch als Volkstrauertag begangen wird, werden wir an die Opfer der Kriege und der Gewaltherrschaft im „Dritten Reich“ erinnert, an die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung, an die Kriege, die in deutschem Namen geführt wurden und deren Folgen uns bis heute belasten. Das Geschehene erinnert uns an unsere eigene Verantwortung. Als Christinnen und Christen wissen wir, dass wir nicht nur vor Menschen oder vor der Geschichte, sondern auch vor Jesus Christus verantwortlich sind. „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi“, so lautet der Wochenspruch aus dem 2. Korintherbrief. Deshalb betrifft uns diese Botschaft von damals: Sei getreu bis zum Letzten. Wir dürfen darauf vertrauen, dass uns Jesus Christus nicht abgeschrieben hat. Unsere Treue gründet sich auf den Glauben an die Gegenwart des gekreuzigten und auferstandenen Herrn, der für uns das gute Ende durch Kreuz und Auferstehung erstritten hat. Doch wir sind noch nicht am Ziel, die Gemeinde ist noch unterwegs. Und die Gemeinde Jesu Christi hat zu allen Zeiten erfahren müssen, dass sie als Kirche des Gekreuzigten von den Leiden nicht verschont bleibt.
Dies gilt nicht nur für die Verfolgungen und die Kriege, sondern auch für das Verwobensein in die Zeit und die Geschichte. Die Kirchengeschichte ist stets Beleg für die „ecclesia triumphans“ wie auch für die „ecclesia pressa“, für die schwache, gedrückte und die immer wieder schuldig werdende Kirche. An diesem Volkstrauertag stellt sich mir die Frage: Brauchen wir in Zukunft eigentlich noch einen solchen Tag der Trauer, an dem ein ganzes Volk in sich geht und trauert? Wir leben in einer multikulturellen Gesellschaft. Bietet der Predigttext einen Zugang zum Dialog mit dem Judentum oder angesichts der Diskussion über den Islam vielleicht auch einen Trialog mit dieser anderen großen Weltreligion? Was müssen wir „überwinden“, um zu einem wirklichen Dialog der Religionen zu gelangen, wo auch Leid, Trauer, Scham und Schmerz offen bekannt und angesprochen werden?
Ich werde, wenn ich diesen Text lese, an eine Kohlezeichnung von Käthe Kollwitz erinnert: „Nie wieder Krieg!“ Diese Zeichnung, 1924 entstanden, konfrontiert mich mit der Frage: Wollen die ­Menschen überhaupt aus ihrer Geschichte lernen? Auch wenn es in unserem Land seit über 70 Jahren keinen Krieg mehr gegeben hat, erleben wir doch, dass deutsche Soldaten, manchmal kaum älter als 20 Jahre, in den Kriegsgebieten dieser Welt, in denen die Bundeswehr im Einsatz ist, ihr Leben lassen müssen. Wir brauchen darum auch in unserer scheinbar friedlichen Gesellschaft in Deutschland Trauer-Orte, die dann am Ende mit der Melodie des Predigttextes Trost-Orte werden können.

Ulrich Hutter-Wolandt, Pfarrer, ­Trinitatisgemeinde, Berlin-Charlottenburg

 

Es gibt ein Morgen

Predigttext zum 25. November 2018
Ewigkeitssonntag:
Jesaja 65,17–19 (20–22) 23–25

Manchmal träume ich davon, dass es in der Trauer aufhört wehzutun. Denn ich spüre die ­hinterbliebene Lücke wie eine große Leere. Am Gedenktag ist es besonders schlimm. Da wird der Verlust erneut aktuell, ebenso wie die offen gebliebenen Fragen und der unerfüllte Wunsch nach einer Fortdauer des Vergangenen. Dabei ist es gut, dass wir gedenken. Gedenk­tage helfen zu bewahren. Und sie öffnen die Chance, Fehler nicht zu wiederholen. Aber der Gedanke an Vergangenes und Verlorenes kann ­mitunter erschreckend beklemmend sein. Da ­träume ich von einem ­herzlichen Erinnern auch ohne Schmerz, von einem Trauern ohne Leere.
In solch einen Traum klingen die Worte des Propheten Jesaja hinein. Er verheißt uns: Ja, es gibt ein Leben auch mit der Trauer. Der Tod gehört unweigerlich zum Leben dazu, aber das Leben, das Gott für uns vor Augen hat, ist nicht vom Tod bestimmt. Es ist vielmehr bestimmt von der Sicherheit, dass es ein Morgen gibt. Unsere Gebete werden erhört, noch ehe wir rufen, unsere Familien bleiben zusammen und unser Tun ist nicht umsonst, sondern wird Frucht tragen.
Es ist eine neue Welt, die der Prophet beschreibt, eine Welt, in der Gott neu erschafft – nicht losgelöst, sondern mitten hinein in die Leere unserer heutigen Trauer. Unsere ­Klagen werden aufgehoben, eingebettet in einen Lobgesang, in dem die Freude den Schlussakkord bildet. Wir bleiben die von Gott Gesegneten, in der Trauer und dann, wenn die Trauer in Freude aufgeht.

Franziska Roeber,
Pfarrerin in Forst/Lausitz