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Ausgewählte Texte Februar 2012


Die Würde des Menschenist unantastbar

„Frohe Botschaft“ bei der Konferenz in Bad Herrenalb vom 1. bis 3. Februar

Darf ich vorstellen? Manfred M. lebt in einer Großstadt. Er wohnt nicht dort, er lebt dort, auf der Straße, ohne eine Wohnung zu haben. Dort habe ich ihn auch getroffen. Auch Sie können ihn treffen. Wenn Sie einkaufen gehen, treffen Sie ihn vielleicht. Inmitten seiner Tüten sitzt er dann am Straßenrand, in der belebten Einkaufstraße, ein Pappschild daneben: „Ich bin krank, habe kein Geld für die Praxisgebühren ... Bitte!“ Er hebt nur selten den Blick, sieht dann vielleicht die ausweichenden Blicke, die Abweisung oder noch Schlimmeres. Sie können sich das vorstellen!? Und ab und zu gibt es auch Mitleid, ein wenig Geld in den Becher. Irgendwann reicht es auch für die Praxisgebühr, wenn nicht vorher die Polizei kommt und einen Platzverweis ausspricht. Bettelnde „Penner“ sind in vielen Innenstädten nicht gerne gesehen.

Manfred M. weiß, dass es ein Grundgesetz gibt und er weiß auch, dass es dort diesen berühmten Satz gibt, „... die Würde des Menschen ist unantastbar ...“. Er war mal in der Schule und hat auch einen Beruf gelernt. Das ist lange her. Oft denkt er an all die vielen Ereignisse, die dazu geführt haben, dass er heute auf der Straße lebt. Da gibt es einige Situationen, die ihn daran zweifeln lassen, dass dieser Satz mit der Würde auch für ihn Geltung haben soll ... Sollte dieser Satz, dieser Anspruch im Grundgesetz nicht dazu führen, dass genau so etwas eben nicht passiert? Ein Absturz aus dem Berufsleben in die Langzeitarbeitslosigkeit, aus der Familie in die Einsamkeit der Nächte in den Straßen, aus dem Erleben des „ich werde gebraucht“ zum „ich bin überflüssig und störe nur“? „Früher habe ich anderen geholfen, heute ist mir nicht mehr zu helfen. Deshalb trinke ich mehr, als mir gut tut.“

Manfred M. ist in seinem Leben vielen Menschen begegnet. „Auf dem Weg nach unten war ich selten allein, aber sehr einsam!“, sagt er.
Und heute? Die Beschimpfungen treffen ihn schon gar nicht mehr, er hat sie zu oft gehört ... sagt er. Er kann es gut ertragen, weil er ja auf die Mitleidigen warten muss wegen der paar Cent, dem Euro. Die kommen ja auch vorbei. Er bekommt mehr, wenn er sich klein macht, wenn er sich auf den Boden setzt und denen, die ihm Geld geben, nicht in die Augen schaut. Dann fällt es denen leichter. Sagt er. Nur Kinder, die Kleinen, die schauen ihn manchmal an. Und er zurück.

Unter den anderen auf der Straße, die wie er „Platte machen“, hat er ein paar Kumpels. Aber jeder hat so seine eigenen Probleme.
Es gibt auch Hilfen für Menschen, die wie Manfred M. leben. Dem Grundgesetz sei Dank. Es gibt Sozialgesetze in Deutschland. Die Wohnungslosenhilfe im SGB XII. „Harz IV“ gehört auch dazu. Es gibt Anlaufstellen, Übernachtungsmöglichkeiten, Beratungsstellen und vieles mehr und Sozialarbeiter/innen, die sich kümmern. Manfred M. geht da nicht gerne hin, nur wenn es gar nicht anders geht. Er hilft sich lieber selbst, auch wenn es noch so schwer geht. Für ihn sind das Möglichkeiten durchzukommen, keine Hilfen. „Helfen ist doch was ganz anderes, oder?“, fragt er.

Am besten, so versichert mir Manfred M., ging es ihm früher, wenn er von Stadt zu Stadt wanderte. Alleine. Und wenn er unterwegs möglichst keine Menschen sah. „Wenn Du keinen siehst, dann tut Dir auch keiner weh. Damals haben mir die Blicke noch was ausgemacht“, sagt er.

„Würde“, so wird mir beim Zuhören klar, muss mehr sein als ein Rechtsbegriff im Grundgesetz. Herr M. wartet auf etwas, was durch das Grundgesetz nicht abgedeckt ist. Würde ist doch das, was zwischen Menschen geschieht, wenn sie sich begegnen, wenn sie sich ansehen,wenn sie sich lieb haben oder sich beschimpfen, sich weh tun, wenn sie Geld spenden, zum Beispiel an Manfred M.

Wir Christinnen und Christen gehen davon aus, dass allen Menschen die gleiche Würde gegeben ist, zum Beispiel Manfred M., den Menschen, die auf ihn herabschauen, aber auch den Menschen, die ihm etwas geben, den Kindern, sie alle, wir alle sind geschaffen von Gott „nach seinem Bilde“ (1.Mose 1,26 f.). Wir sind Teil seiner Schöpfung und tragen diese Schöpfung in uns. Und wir Menschen sind „das Aushängeschild“ göttlicher Herrschaft und Schöpfung. Das verleiht uns Würde (siehe auch: Psalm 8,6), Von Gott gegebene Würde.

Und auch Manfred M. ist ein Mensch, das gilt natürlich auch für ihn. Niemand, kein Mensch kann uns, kann ihm diese Würde nehmen, auch nicht, wenn er auf der Straße lebt und seine Habe in ein paar Einkaufstüten packt, auch nicht dadurch, dass er beschimpft wird. Wir Menschen können uns gegenseitig nicht die Würde nehmen. Aber wir können uns das Leben schwer machen, vielleicht auch schwerer, als es eigentlich ist. Und dann vergessen wir vielleicht, dass wir Würde haben und müssen uns „würdelos“ behandeln, so lange, wie wir selbst glauben, keine Würde zu haben?

„Ich kann das nicht glauben. Ich kann das kaum glauben, dass das auch für mich gilt, für mich gelten soll. Nein“, murmelt er vor sich hin. Deshalb hat Herr M. eine Aufgabe. Seine Aufgabe ist es, den verlorenen Glauben wiederzufinden, den Glauben an sich selbst, an seine Würde und dann vielleicht auch den Glauben an Gott. Und unsere Aufgabe? Wir können dabei helfen, wenn wir ihn sehen, ihn und die anderen wohnungslosen Frauen und Männer, indem wir ihre Würde anerkennen und achten, indem wir ihnen Respekt entgegenbringen, indem wir mutig einen offenen Blick wagen. Das kann der Anfang sein.

Herr M. ist aufgestanden. Er will sich von mir verabschieden. Ich bedanke mich für seine Aufmerksamkeit, die er mir entgegengebracht hat. Ich wünsche ihm alles Gute, was immer das für ihn sein kann. Er schaut mich an. Er nickt mir zu. „Bis bald. Vielleicht!“

Holger Hoffmann, Karlsruhe



Näher als man denkt ...

Stolpersteine - Zeichen der Erinnerung

Wann sind Sie das letzte Mal bewusst durch ihre Nachbarschaft gelaufen und dabei gestolpert? Nicht wie etwa bei Eis und Schnee ausgerutscht, sondern im übertragenen Sinn. Wenn ich einen bestimmten Weg laufe, um nach Hause zu kommen, „stolpere“ ich immer und zwar über sogenannte „Stolpersteine“. Sie sind eine Initiative des Künstlers Gunter Demnig, die er 1993 ins Leben rief. Vielleicht liegt ja so ein Stolperstein auch direkt vor Ihrer Haustür und Sie müssen gar nicht erst weit laufen, um die unscheinbaren Stolpersteine wahrzunehmen. Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum diese Stolpersteine genau dort liegen? Gegen das Vergessen liegen sie vor den Haustüren oder in der Nähe des letzten Wohnortes, von wo aus ein Mensch Opfer des Nationalsozialismus wurde. Aber es steckt nicht nur das Wort „stolpern“, sondern auch das Wort „Stein“ darin. Ein Stein wiegt oft viel, ist kaum zu bewegen und schwer zu zerstören. Somit haben Stolpersteine allein ihrer Begrifflichkeit wegen erst mal eine schwerwiegende und berührende Aussagekraft. Gunter Demnig sagte dazu: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ Mit der Verlegung von Stolpersteinen soll dieses Vergessen verhindert werden. Auf den pflastersteingroßen dezentralen Mahnmalen stehen neben dem Namen des Opfers auch Informationen zu seinem Schicksal, das Datum seiner Deportation und, sofern es hierzu Fakten gibt, das Datum seines Todes.

Viele verbinden mit dem Begriff „Nationalsozialismus“ Bilder aus dem Geschichts- und Religionsunterricht, kennen demnach Zusammenhänge und das Ausmaß dessen, was während des Zweiten Weltkrieges geschah. Aber es weckt trotzdem ein anderes, stärkeres Gefühl in einem, wenn man mitbekommt, dass die Verbrechen in der eigenen Nachbarschaft passiert sind. So ein Stolperstein regt dazu an, sich mit der Geschichte der nationalsozialistischen Verbrechen auseinanderzusetzen. Wenn man einen Stolperstein vor seiner eigenen Haustür liegen sieht, stellt man sich vielleicht die Frage, was gewesen wäre, wenn man selbst zum Beispiel Jude, Homosexueller, politisch Verfolgter gewesen wäre. Hätte einen dann nicht genau das gleiche Schicksal treffen können? Dies sind Fragen, bei denen es um die eigene Existenz geht, um die eigene Endlichkeit, Fragen, die einen gerade nach den Geschehnissen in den letzten Jahren beschäftigen sollten, da nationalsozialistisches Gedankengut viele Leben zerstört hat.

Auch Jugendliche bewegt das Schicksal der Opfer des Nationalsozialismus. Die Patenschaft für einen Stolperstein zu übernehmen, sich mit dem unbekannten Schicksalsweg dieser Person zu beschäftigen, für die man die Patenschaft übernommen hat, regt auch die jüngere Generation zum Nachdenken an. Das Schicksal des Menschen lässt sie nicht unberührt. Auch wenn sie sich nicht automatisch in diesem Zusammenhang mit der eigenen Endlichkeit auseinandersetzen, so setzen sie sich aber intensiv mit der Geschichte auseinander. Sie beginnen zu hinterfragen, was da passiert ist. Es sind keine abstrakten Zahlen, die sie hören, sondern konkrete Namen. Gerade das ruft bei jungen Menschen ein Gefühl des Aufruhrs und des Verhindernwollens hervor sowie den Wunsch, sich weitere Orte im eigenen Umfeld anzusehen, um zur Erkenntnis zu gelangen: Hier, wo ich mich aufhalte, sind Menschen Schicksale unermesslichen Ausmaßes widerfahren. Dies ruft unter anderem ein Gefühl des Entsetzens, des Nichtverstehens, des Aufruhrs hervor.

Stolpersteine sollen nicht nur gegen das Vergessen dienlich sein. Kaum ein Hinterbliebener hatte die Möglichkeit, sich von seinem Nächsten zu verabschieden. Kaum einer wusste über das weitere Schicksal des von ihm geliebten Menschen zunächst Bescheid. Es gibt meist keinen Ort oder keine Erinnerungstafel für diesen geliebten Menschen. Viele wissen, was es bedeutet, Abschied zu nehmen. Viele schätzen die Möglichkeit des Besuches eines Friedhofs, um sich immer wieder von einem geliebten Menschen zu verabschieden, ihm nahe zu sein, ihrer Trauer einen Ort zu geben. Der Friedhof bietet den Hinterbliebenen einen Raum, wo der Name des geliebten Menschen nicht vergessen ist, sei es in Form einer kleinen Messingplatte oder aber eines Grabsteins, auf dem der Name, das Geburts- und Sterbedatum eingraviert sind. Stolpersteine machen dies auch für die Hinterbliebenen der Opfer des Nationalsozialismus möglich. Durch viele Initiativen vor Ort wird das Schicksal der Verwandten und Freunde recherchiert und somit ein Raum für die Trauer gegeben, ein Ort, zu dem die Hinterbliebenen kommen können, Blumen zu bestimmten Festtagen niederlegen können, ein Ort, an dem der Name der Opfer steht und der, wie Gunter Demnig sagt, nicht vergessen wird. Orte zu haben, an denen wir trauern können, an denen wir noch mal ein Gefühl der Nähe zum Verstorbenen haben können, sind wichtige und hilfreiche Stellen, wo wir das Unfassbare versuchen, fassbar zu machen. Gerade Menschen, die Hinterbliebene von Opfern des Nationalsozialismus sind, können diese Orte auch helfen, das Unfassbare zu verarbeiten. Nicht selten sind es Menschen, die ihre Eltern verloren haben. Es sind Menschen, die fliehen konnten und durch die Stolpersteine nun einen Ort haben, an dem sie ihrer Verstorbenen gedenken können. Somit bieten Stolpersteine die Möglichkeit zu trauern, sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus und deren Folgen auseinanderzusetzen und aus den Folgen des Zweiten Weltkrieges zu lernen.

Kirsten Goltz, Frankfurt/Oder



Christen sprechen über ihren Glauben

Gerade in Zeiten, in denen so viel von einer „Wiederkehr der Götter“ oder der „Religionen“ die Rede ist, fühle ich mich dabei unwohl. Ich bin nicht religiös. Bei den einschlägigen Religionsmonitoren der Bertelsmann-Stiftung würde ich vermutlich als unreligiöses Relikt unten durchfallen. Weshalb schreibe ich dann hier?

Ein Christ ist doch automatisch auch religiös, oder etwa nicht? Manchmal treffe ich Menschen, die mir berichten: „An ein höheres Wesen glaube ich ja auch irgendwie und auch daran, dass mit dem Tod nicht alles zu Ende ist - aber das mit diesem Jesus Christus - ich weiß nicht.“ Hier sind wesentliche Themen der Religion angesprochen und trotzdem ist Distanz zum Christentum da. Bei mir ist es eher umgekehrt. Von mir aus würde ich wohl nicht darauf kommen, an ein „höheres Wesen“ zu glauben, und was nach dem Tod mit mir passiert, war nie mein vordringliches Thema - aber diese Sache mit Jesus Christus, die lässt mich nicht los. Mir geht es nicht darum, ob das Christentum die beste Religion ist, sondern ich glaube dem Entwurf guten Lebens, das Jesus uns vorgelebt hat.

Wer mehr von meiner Art, übers Christsein nachzudenken, erfahren möchte, der kann hier nachlesen: Henning Schluß: Wie Jesus lernte - Theologie und Pädagogik im Gespräch - Predigten. Fromm-Verlag, Saarbrücken 2011

Prof. Dr. Henning Schluß, 43 Jahre, Universitätsprofessor für empirische Bildungsforschung und Bildungstheorie der Universität Wien, verheiratet, drei Kinder



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