Predigten des Monats Juni

Ein helles Licht – der Pfingstgeist, symbolisiert durch eine Taube.
Foto: Gerd-Altmann-pixabay

Gott ist uns näher als wir denken

Predigttext zum 2. Juni 2019 Exaudi: Epheser 3,14–21

… stark zu werden … an dem inwendigen ­Menschen, dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle.
Epheser 3,16.17.19

Über drei Bitten aus unserem biblischen Text möchte ich nachdenken. In der ersten Bitte geht es um ein Erstarken des inwendigen Menschen. In der zweiten Bitte um unsere Verwurzelung in der Liebe und schließlich in der dritten um Teilhabe an der Fülle Gottes.

Inwendig meint, unser christliches Leben möchte nicht äußerlich bleiben und sein. Vor der Wende war es für mich einfacher, dieses wahrzunehmen und zu verstehen. Wer sich damals äußerlich zur Kirche und Gemeinde hielt, bei dem musste der Glaube schon von innen her stark geworden sein.

Heute scheint es mir nicht mehr so einfach zu sein. Alles wird zu Werbung und Reklame. Wenn es äußerlich Eindruck macht, wenn es fetzt und der äußere Schein ohne Tiefgang vorhanden ist, dann scheint für die Öffentlichkeit schon alles gelaufen zu sein. Und die Kirche scheint munter mit dabei zu sein. Aber der inwendige Mensch wächst durch den Geist von innen.

In der zweiten Bitte geht es um die Liebe, in der wir eingewurzelt und gegründet sein möchten. Zwei Bilder verschmelzen miteinander: Erde und Bauwerk. Vor mir steht das Bild eines Baumes, der dem Himmel entgegen wächst. Mit seinen Ästen tastet er den Raum ab, seine Blätter wenden sich zum Licht, mit den Wurzeln reicht er tief in die Erde und findet Wasser zum Leben.

Das andere Bild ist für mich ein Haus zum ­Wohnen. Es steht mit seinem Fundament fest auf der Erde und ruht in ihr. Das Haus hat schon wohnliche Räume. Menschen begegnen sich in ihren je eigenen Hautfarben mit bunten Gedanken und Ideen. Sie lachen und weinen, sie tanzen und singen und stehen füreinander ein. Es gibt kein oben und unten mehr. Was eben noch Fundament schien, reicht ans Firmament. Die Wurzeln trinken Licht aus der Erde. Die Botschaft unseres biblischen Textes macht mich fast trunken in der Wahrnehmung eines Lebens mit Gott.

Die dritte Bitte beschreibt den Weg, auf dem der Glaube sich im Alltag des Lebens befindet. Von der Liebe innerlich und äußerlich erfüllt ist der inwendige Mensch auf einem Weg, an der Fülle Gottes teilzuhaben.

Meine Fantasie reicht nicht aus, mir die ganze Fülle Gottes vorzustellen. Aber ich vermute, dass es etwas sehr Einfaches ist und sein wird, was der inwendige Mensch mit und in dieser Liebe erfährt und immer wieder erfahren wird: Dass Gott uns näher war und ist als wir dachten und immer wieder zu denken wagen, dass seine Liebe wunder­liche Züge trägt, dass seine Wege mit uns jetzt schon – wann denn sonst – erstaunen lässt, mich und dich.

Joachim Koppehl, Superintendent im Ruhestand, Berlin

Echter Tröster

Predigttext zum 9. Juni 2019
Pfingsten: Johannes 14,15–19(20–23a)23b-27

Ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, …: den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, … Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. … Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.
Johannes 14,30+31

Mit dem Kreuzestod und dem Ende der sicht­baren Anwesenheit Jesu war für die Jünger die bisher bergende Nähe des Meisters weggebrochen. Innerer Schmerz, Enttäuschung und Angst bestimmten den Alltag der Zwölf. Was sollten sie nun mit ihrem Leben machen? Hatte es überhaupt noch Sinn, ohne Jesus weiterzuleben?

Wie Mut machend klingt in so einer Lebens-Situation der letzte Satz des biblischen Abschnitts: „Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht!“ Was immer uns in unserem Leben widerfahren ist oder noch widerfahren wird, dies ist ein einprägsamer Satz. Wir sollten ihn nicht vergessen, auch wenn ringsum in der Welt so erschreckend ist, was Menschen anderen Menschen antun! Müssen wir aus Angst voreinander Mauern und Zäune im Kopf und in der Realität aufrichten? Jesus ­verheißt in das erschreckende, vom Tod gezeichnete Leben hinein seinen Jüngern in seiner Abschiedsrede, dass Gott uns den Tröster schicken wird, den Geist der Wahrheit. Der böhmische Theologe Jan Hus hat hierzu geschrieben: „Darum, frommer Christ, suche die Wahrheit, höre die Wahrheit, lerne die Wahrheit, liebe die Wahrheit, sprich die Wahrheit, halte die Wahrheit fest, verteidige die Wahrheit bis zum Tode, denn die Wahrheit befreit dich von der ­Sünde.“

Dieser Geist der lebendigen Wahrheit, der mit dem Pfingstereignis übertragen wurde, ist eng mit dem Leben von uns Menschen verbunden. Wir nehmen ihn mit auf unseren Weg in die Alltagswelt. Die Lebendigkeit der Wahrheit des Trostes bewirkt Neues auf unserem Lebensweg und entwickelt eine erstaunliche Stärke und Dynamik. Diese innere Kraft wirkt ansteckend; sie ist be­geisternd! Schon die Jünger waren davon ergriffen.

Gott ist der echte Tröster, der uns nahe ist: in unserer Einsamkeit und Abschiedstrauer, in unserer Heimatlosigkeit und Suche nach Geborgenheit, in unserem Versagen und unserem Zweifel. Gott ist der verlässlichste Begleiter, der mit seiner tröstenden Nähe unsere Zukunft des Lebens garantiert. Dies macht Mut und schärft unser Gewissen, so dass wir uns nicht von den erschreckenden Ereignissen dieser Welt lähmen lassen. Der Tröster richtet auf, schafft Raum für den Frieden Jesu und macht uns frei von Zwängen und Ängsten. Dieser tröstende Pfingstgeist bewirkt eine Richtungs­änderung in unserem Verhalten: Augen und Ohren öffnen für den Gott, der an unserer Seite mit uns geht und uns bis in die tiefsten Tiefen des Lebens begleitet. Er ist der Wegweiser in dem Verwirrspiel des mensch­lichen Miteinanders. Darum: Euer Herz erschrecke nicht!

Klaus Wollenweber, früherer Bischof der Evangelischen Kirche der Schlesischen Oberlausitz, Bonn. Er feierte am 5. Mai seinen 80. Geburtstag. Dazu gratuliert das Redaktionsteam der Frohen Botschaft nachträglich sehr herzlich und wünscht Gottes Segen auf allen seinen Wegen.

Jede Menge Trost

Predigttext zum 16. Juni 2019, Trinitatis: 2. Korinther 13,11–13

… lasst euch ermahnen und seid eines Sinnes und lebt in Frieden!
 2. Korinther 13,11

Interessanter Predigttext! Oder? Paulus schrieb ihn, wieder einmal irgendwo im Knast. Der 2. Korintherbrief, beginnt und endet, wie heute eine Predigt. Mit „Kanzelgruß“ und mit: „und die ­Liebe Gottes“. Paulus ist sauer, weil die Korinther sich uneinig sind. Es passieren Dinge in Korinth, die nichts mit dem Glauben an Jesus zu tun haben. Und was tat Paulus? Statt den Korinthern, gehörig die Leviten zu lesen, beginnt Paulus in

2. Korinther 1,3–7 mit jeder Menge Trost. Elfmal Trost in einem so kurzen Abschnitt. Trost und Verständnis für die Situation der Korinther.

Und heute? Es gibt viele Menschen, die uns zur Weißglut bringen, die wir nicht verstehen. Wie reagiere ich? Mit Trost? Bestimmt nicht, oder? Den Menschen, der uns verletzt hat, trösten?

Doch, das ist der gottgewollte Ansatz der Vergebung. Trost, jede Menge Trost! Verständnis für den Nächsten, die Gemeinde, den Pastor, wen auch immer. Verständnis und Trost für ihr Fehlverhalten. Ehrlich gemeinter Trost, den Nächsten so anzunehmen, wie Gott es tut. Dann können wir eines Sinnes sein, zur Ordnung zurückkehren. Können ­wieder eine Kirche, Gemeinde, Menschen unseres Gottes der ­Liebe und des Friedens sein. Es wird Zeit. Los, beginnen wir damit.

Titus Schlagowsky, Seelsorger und ­Prädikant, Nochern in der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau

Die letzte Instanz

Predigttext zum 23. Juni 2019
1. Sonntag nach Trinitatis: Johannes 5,39–47

Ihr sucht in den Schriften, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie sind’s, die von mir zeugen; aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet.
Johannes 5,39-40

Ein schwerer Text. Was will er sagen? Jesus ist nicht zwischen den Buchdeckeln der Heiligen Schriften zu finden, sondern der Glaube wächst in der lebendigen Begegnung mit ihm.

Ihr habt mich nicht angenommen, sagt Jesus, sondern ihr sucht mich in den Schriften. Aber mit einem Buchstabenglauben seid ihr auf dem Holzweg, widerspricht Jesus. Wie ist das zu verstehen? Die Bibel lesen, darüber nachsinnen, das ist es doch, was Christinnen und Christen aufgegeben ist. Viele tun das in der Bibelstunde oder morgens beim Lesen der Losungen. Soll das verkehrt sein? Ich denke nicht. Die Schrift bezeugt Jesus. Aber es geht um mehr: Kommt zu mir, damit ihr das Leben habt – da liegt da der springende Punkt. Jesus nachzufolgen besteht nicht nur in der Bibellese und im Studieren der Tradition. Das auch. Viel erfahren wir da über Jesus. Aber Nachfolge ist mehr. Es bedeutet, mich Jesus zu überlassen, mich dahin leiten zu lassen, wozu er mich rufen möchte: zu einem neuen ewigen Leben in seiner Gnade. Von ihm zu zeugen. Vielleicht geht es um die letzte Instanz. Die steckt nicht zwischen Buchstaben. Gott nahe sein, ist das Ziel allen ­Denkens und Trachtens, das Ziel des Lebens überhaupt. Er wird richten, er wird bewahren, an ihm sollen ­Menschen sich ausrichten.

Sibylle Sterzik, Berlin

Ewiger Bund

Predigttext zum 30. Juni 2019
2. Sonntag nach Trinitatis: Jesaja 5,1–5

Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! … Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist … und nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen. 
Jesaja 5,1+2

„Heute gibt es was umsonst!“, hören wir und ­wollen das Schnäppchen ergattern. Sollten der Glaube, die Gnade wohlfeil sein wie ein Sonder­angebot? Dann wäre die Mühe der Frommen vergeblich, die Gottes Regeln und Gebote peinlich genau zu befolgen versuchen.

Gott rechnet anders als wir, lehrt uns Jesaja. Ist das Grund zur Freude – oder wird hier bloß „billige Gnade“ verkündet, die es Menschen allzu leicht macht? Wo bleiben der heilige Ernst, die Strenge und die Ehrfurcht vor Gott?

Ich sehe den Propheten als Marktschreier durch Babylon laufen und seinem Volk Gottes Gnade anpreisen. Nur wenige glaubten ihm. Viele waren von den Erlebnissen der Eroberung Jerusalems 586 und der Deportation durch die syrische Wüste bis an den Euphrat traumatisiert. Anfangs hofften sie zwar auf schnelle Rückkehr nach Jerusalem – Gott konnte sein Volk doch nicht den mächtigen Feinden überlassen und sich deren Göttern geschlagen geben! Inzwischen waren fast 70 Jahre vergangen, die Alten gestorben und die Jungen hatten Familien gegründet. Sollte Gott sein Volk vergessen haben? Nein, prophezeit der Prophet, das hat Gott nicht. Im Gegenteil: Gott will, dass es seinem Volk gut geht und verheißt ihm einen „ewigen Bund“, wenn das Volk auf Gott hört. „Höret, so werdet ihr leben!“

Kann das wahr sein? Dürfen sie, sollen sie dem Propheten vertrauen? Hier, fern ihrer Heimat und umgeben von fremden Göttern? Schmerzlich hatten sie hier lernen müssen, dass andere Götter das Sagen haben als ihr Gott, der Gott Israels. Fast könnten sie sich so gefühlt haben wie manche Christen und Christinnen heute bei uns: Als ­Minderheit, die keine Rolle (mehr) spielt im öffentlichen Leben, kaum Einfluss hat auf Politik und Gesellschaft. Nicht selten wurden sie sogar verlacht oder verachtet für ihre Art zu leben und zu denken. Wie die Israeliten damals, müssen auch wir Christenmenschen heute uns einfinden in ein Umfeld, in dem der christliche Glaube nicht mehr mehrheitsfähig scheint und viele andere ­Götter und Götzen mehr Beachtung finden. Aber ist unser Gott deshalb ohnmächtig? Besiegt und geschlagen?

Der Prophet Jesaja jedenfalls verkündet seinem Volk, dass einst fremde Völker „um des Herrn willen, deines Gottes“ zu ihm kommen werden. Zugegeben, das ist Zukunftsmusik – für die exilierten Juden damals wie für uns heute. Doch darauf hoffen dürfen wir! Und Gott vertrauen: Gott kann und will unseren Durst stillen – ganz ohne Bezahlung. Das dürfen und sollen wir anderen weitersagen.

Sabine Ost, Pfarrerin im Ruhestand, Berlin

Aktuelle Ausgabe Juni

Foto: Nicole Wolf

­­

Sanftes Brausen
Der Pfingstgeist lässt Menschen zusammenstehen, so wie sie sind. Rückblick auf den Kirchentag 2017 und Ausblick auf Dortmund 2019
Von Superintendent Michael Raddatz, Kirchenkreis Berlin Tempelhof-Schöneberg

Erschöpft
Petra hat sich verausgabt und über ihre Kräfte um andere gekümmert. Sie muss wohl oder übel auf ihren Arzt hören und eine längere Kur antreten musstest. Es wird schwer.
Der Krankenbrief von Freundin Beate

Getröstet
Gott ist der echte Tröster, der uns nahe ist: in unserer Einsamkeit und Abschiedstrauer, in unserer Heimatlosigkeit und Suche nach Geborgenheit, in unserem Versagen und unserem Zweifel.
Pfingstpredigt von Bischof i.R. Klaus Wollenweber, Bonn

Kati ist wie eine Schwester
Und trotzdem hatte und hat Kati für jeden ein offenes Ohr. Manchmal will ihr Telefon gar nicht still stehen, denn sie hat die Gabe, geduldig zuhören zu können. Aber Gott hat ihr noch eine weitere, ganz besondere Gabe geschenkt; ihre Gastfreundschaft.
Echte Freundschaft, von Karl-Heinz Eberhardt Schäfer, Lehrer im Ruhestand und Autor, Leipzig

Menschen unseres Gottes sein
Doch, das ist der gottgewollte Ansatz der Vergebung. Trost, jede Menge Trost! Verständnis für den Nächsten, die Gemeinde, den Pastor, wen auch immer. Verständnis und Trost für ihr Fehlverhalten. Dann können wir wieder eine Kirche, Gemeinde, Menschen unseres Gottes der ­Liebe und des Friedens sein. Es wird Zeit. Los, beginnen wir damit.
Predigt zu Trinitatus von Titus Schlagowsky, Seelsorger und ­Prädikant, Nochern in der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau

Gebet des Monats Juni

Unterbrechen – Gebet für Juni

Gott, ich unterbreche meine Gedanken, mein Tun, den Tageslauf. Mitten am Tag wende ich mich zu Dir. Danke, dass Du da bist.

Gott, bist Du da? Ich verweile, schaue, was schon war, verweile beim Fragen nach Dir, höre auf Dich, mitten am Tag mache ich Halt. Bitte, dass Du bleibst.

Gott, komm mit in die zweite Hälfte des Tages, Komm mit in das, was kommt, an Gedanken, an Tun, an Schaffen und Lassen. Gott, kommt mit und erfülle den Tag. Bitte. – Danke. Amen.

Christian Stäblein.
Aus: frei und unverzagt. Gebete der Hoffnung, Hamburg 2017