Predigten des Monats

Christen, die beten,
sind Helfer der Welt

Predigttext zum 7. Oktober 2018
Erntedank: 1. Timotheus 4,4–15

Zu Zeiten der DDR gab es den Slogan: „Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein.“ Wie ist es heute? In diesem Jahr hatten wir einen Super-Sommer – viel Sonnenschein, schön warm. Die Urlauber, die zu Hause geblieben sind, hat es gefreut. Die Landwirte haben gestöhnt: Wann wird es endlich mal wieder regnen. Die Landwirte sollen Ausgleichszahlungen für Ernteverluste bekommen. Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut – stimmt das noch oder gilt heute: Was der Mensch gemacht hat, ist schlecht?
Wir leiden unter den Folgen der Umweltzerstörung und des Klimawandels. Aber Gott, der Schöpfer, lässt sich das Zepter nicht aus der Hand nehmen. Er wird auch das Unheil zum ­Guten wenden – wenn wir ihn darum ­bitten. Früher gab es auch trockene Zeiten, da haben die Menschen Gott um Regen gebeten, wie die folgende kleine Geschichte erzählt.
Es hatte lange nicht geregnet. Die Ernte auf den Feldern drohte zu verdorren. Die Gemeinde wurde zu einem Bittgottesdienst um Regen eingeladen. Die Not trieb viele zum Beten, und die Kirche füllte sich mittags um zwei Uhr in der glühenden Hitze eines Sommersonntags. Auch ein kleiner, fünfjähriger Junge kam und brachte seinen Regenschirm mit. „Was willst du mit dem Schirm?”, fragte ihn streng der Küster an der Tür. „Es ist doch Bittgottesdienst für den Regen”, sagte der Junge, „und wenn es dann auf dem Heimweg regnet, hab ich den Schirm.”
Beten, das sind nicht nur Worte, sondern ist ein Handeln im Glauben. Gebete sind nicht nur Mundwerk, sie sind Handwerk der Christen in dieser Welt. „Christen, die beten, sind lauter Helfer und Heilande der Welt, sie sind Beine, die die Welt tragen. Wie ein Schuster einen Schuh macht und ein Schneider einen Rock, also soll ein Christ beten. Eines Christen Handwerk ist das Beten” (Martin Luther). Und das glaubensvolle Beten ­sollten wir von den Kindern wieder lernen.
Wie viele Bittgottesdienste um Regen und eine gesegnete Ernte haben in diesem Jahr stattgefunden und wo? Haben Sie vielleicht sogar an einem teilgenommen? Beim Erntedankgottesdienst in ihrer Nähe sollten Sie aber auf jeden Fall dabei sein. Denn eins ist sicher: Auch trotz der großen Trockenheit wird Obst, vor allem viele Äpfel, und Gemüse auf den Erntedanktischen in unseren ­Kirchen liegen. Sein Wort gilt auch heute: „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch“ (1. Petrus 5,7). Wir dürfen ihn um das tägliche Brot bitten. Und wir können auch heute singen: „Vergiss nicht zu danken dem ­ewigen Herrn, er hat dir viel Gutes getan“ (Evangelisches Gesangbuch Thüringen 602) – auch in diesem Jahr darum: ein fröhliches Erntedankfest.

Günter Dimmler,
Pfarrer im Ruhestand, Königsee, Thüringen

 

Morgen könnte
alles vorbei sein

Predigttext zum 14. Oktober 2018
20. Sonntag nach Trinitatis:
1. Korinther 7,29–31
Wir haben doch keine Zeit!“ – sagt der Mode­rator in der Abendsendung und weist auf seine ­Armbanduhr. „Die Zeit ist kurz“ – sagt der Apostel und meint das gleiche. Paulus nimmt uns am ­kommenden Sonntag mitten hinein in ein Denken, das jenseits aller Wirklichkeit existiert und uns ermahnen, wachrütteln will. Wir heutigen ­Menschen stehen nicht wirklich mehr unter den Zeichen der Naherwartung. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Zeit einfach so immer weitergeht. Jahr um Jahr schließt sich an das andere. Die Hoffnung auf ein kommendes Reich Gottes ist noch vorhanden, aber schon längst einer allgemein sicheren oder unsicheren Altersvorsorge gewichen. Heute leben wir länger als jede andere Generation vor uns. Die Zeitgenossen des Paulus und auch er selbst haben das noch anders erlebt und noch anders gedacht. Sie haben jederzeit mit dem Ende der Welt-Geschichte und dem Beginn der Gottes-Reich-Geschichte gerechnet. Der Kairos ist nahe! Morgen schon könnte alles vorbei sein – das Wissen um diese Begebenheit ist heute zwar noch vorhanden, aber so wirklich ernst nimmt sie eigentlich keiner mehr.
Paulus ahnt aber schon, dass die Tendenz in unsere heutige Richtung geht. Und mahnt. Hebt den Zeigefinger. „Ihr seid verheiratet? Lebt so,  als ob ihr schon nicht mehr verheiratet wäret. Ihr weint (um eure Toten), tut so, als ob ihr schon nicht mehr weinen müsstet. Ihr freut euch?
Tut so, als ob ihr euch schon nicht mehr freuen würdet. Ihr kauft und hortet? Tut so, als ob ihr es dennoch nicht behalten könnt. Das Wesen, das ­­So-Sein dieser Welt hat ein Ende.“
Stellen Sie sich vor, Ihr Arzt würde Ihnen sagen, dass Sie nur noch kurze Zeit zu leben hätten. Sie würden sicherlich einiges anders machen als bisher. Stellen Sie sich weiter vor, die Pfarrerin Ihrer Gemeinde würde Ihnen von der Kanzel he­runter sagen, dass das Ende der Welt nahe herbeigekommen ist. Viel würde sich nicht ändern.
Deshalb ist die kurze Perikope eine echte Zumutung und eine echte Herausforderung für den Prediger am kommenden Sonntag. Wie schaffe ich es nur, das Wesentliche so an meine Gemeinde zu bringen, dass sie die Kernbotschaft in das eigene Leben überträgt? Und was soll sich eigentlich ändern?
Mir ist es wichtig, dass meine Gemeinde die Vergänglichkeit dieser Welt noch einmal klar erkennt. Dass ich sie mit hineinnehme in das Über-Denken der jeweilig eigenen Situation und mit Freude und Erkennen einstimmt „Alles vergehet, Gott aber stehet …“ Das wäre dann echte Hoffnung auf das Reich Gottes, denn es ist schon jetzt, aber noch nicht ganz.

Björn Ferch ist Pfarrer
in Bad Freienwalde

 

Engagiert Euch

Predigttext zum 21. Oktober 2018
21. Sonntag nach Trinitatis:
Jeremia 29,1.4–7.10–14

Anfangs dachten sie, in spätestens fünf Jahren würden sie wieder zuhause sein; in der Tasche die hart ersparte D-Mark für eine bessere Zukunft. Dafür nahmen sie auch mancherlei Unbequemlichkeiten in Kauf. Alles für die Zukunft, nichts für die Gegenwart. Der beschönigende deutsche ­Ausdruck „Gastarbeiter“ traf zumindest in einem Punkt auf ihre Situation zu: die Koffer standen reisefertig für eine bessere Zeit in der Ecke bereit. Längst ist es anders gekommen.
Auch viele Israeliten saßen damals in Babylon auf gepackten Koffern – „Morgen in Jerusalem“, so ihre Devise. Mitten im bedrückenden Exil träumen sie von einer heilvollen Zukunft. Der Prophet Jeremia widerspricht: Richtet euch in Babylon ein. „Baut ­Häuser und wohnt darin – nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter!“ Das Prophetenwort im Namen Gottes ist seitdem ein viel zitierter Appell: „Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn; denn wenn’s ihr wohlgeht,
so geht’s auch euch wohl.“
Das ist eine bemerkenswerte Aufforderung an die verbannten Israeliten: nicht als Fremde in der Fremde das Fremde zu beklagen, sondern sich zu integrieren und in dem fremden Land einzuleben. „Suchet der Stadt Bestes“ heißt übersetzt: engagiert euch im Hier und Jetzt. Das ist uns ­seitdem selbstverständlich geworden, dass die Christengemeinde sich stets auch zum Wohl der Bürgergemeinde engagiert. Doch das Wort des ­Propheten geht weiter. Am Ende seines Aufrufes „Suchet der Stadt Bestes“ fügt der Prophet Jeremia ein Schlusswort zu, das irgendwie nicht recht zu ­passen scheint:
„So spricht der Herr: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe.“ Was denn nun? Hierbleiben und die Koffer auspacken oder doch die Rückfahrkarte nach Jerusalem heimlich bereit halten?
Diese merkwürdige Spannung, die der Prophet den verbannten Israeliten zumutet, kennzeichnet auch unsere christliche Existenz: Vorläufigkeit und Vollendung, Gegenwart und Zukunft gehören zusammen. Der Sehnsuchtsort Jerusalem, von dem Israel im Exil träumt, ist zum Bild für die vol­lendete Gemeinschaft Gottes mit uns geworden.
Das Unterwegssein dorthin gehört zu unserem Glauben. „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“, heißt es im Hebräerbrief. Doch das Unterwegssein – das zeigt das Wort des Propheten Jeremia – ist keine Fluchttür, sondern Platzan­weisung für unsere Gegenwart.

Stephan Kunkel war Pfarrer
in der Luisen-Kirchengemeinde
in Berlin-Charlottenburg

 

Von Sünde befreit

Predigttext zum 28. Oktober 2018
22. Sonntag nach Trinitatis:
Römer 7,14–25a

­Manchmal, wenn wir nach Antworten suchen, um zu einer Entscheidung zu kommen, dann ­kommen uns Bilder in den Sinn: „Zwei Seelen sind ach in meiner Brust“ oder „Ich höre all die ­Stimmen und ich weiß nicht, welcher ich ­folgen soll.“
Die moderne Kommunikationspsychologie nimmt diese Bilder auf und beschreibt sie als das innere Team. Diese Beschreibung folgt der Entdeckung, dass es ein Miteinander und Gegenein­ander nicht nur zwischen Menschen, sondern auch innerhalb des Menschen gibt, Kommunikation also auch innerhalb meiner selbst stattfindet. Das Ich des Menschen hört eine ganze Zahl von Personen, die allesamt seine Persönlichkeit bilden.
Im kleinen Abschnitt aus dem Römerbrief hören wir Paulus in einem ganz ähnlichen Bild von sich reden: Da ist einer, der weiß nicht, was er tut, da ist ein anderer, der tut, was er nicht will und noch ein weiterer, der hasst, was er tut. Und geworfen sind sie alle unter die Begriffe ­Sünde und Gesetz, gut und böse.
Der Sünde kommt dabei eine zweifache ­Funktion zu. Zum einen lässt sie mich erkennen, dass das Gesetz gut ist, denn es zeigt mir auf, was Sünde überhaupt ist. Zum anderen wird die Sünde zu einer Person, die mich treibt, das Böse zu tun, obwohl ich es doch eigentlich nicht will.
Mit dem Blick des Paulus betrachtet ist die Sünde unter den Personen, die meine Persönlichkeit bestimmen, nicht nur Mitbestimmerin im inneren Team, sondern sie allein ist die Bestimmerin. So übernimmt sie die Macht über mich und macht mit mir, was sie will. Sie ist keine Macht, die von außen auf mich wirkt. Sie hat sich in ­meiner Persönlichkeit ­eingenistet und ich bin ihr ausgeliefert.
So fallen mein Wollen und Tun auseinander. Darüber gerät das Gemüt des Menschen in Verzweiflung. Der Hilfeschrei ist deutlich zu hören: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Leib des Todes?“ Unser ganzes Unglück ist in dieser Frage formuliert: Wie kann ich der Macht der Sünde entrinnen? Wie kann ich dahin kommen, das Gute zu wollen und auch zu tun.
Fast unvermittelt wird mit dem letzten Satz
des Predigttextes der Schrei der Verzweiflung ­aufgehoben durch den Dank an Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn. Christus ist es, der uns von der Macht der Sünde befreit. Er nimmt ihr ihre Rolle als Bestimmerin über mein Leben weg. Indem ich ihm nachfolge, erhält mein inneres Team eine Neuaufstellung, in der die Sünde nicht mehr die größte Macht hat.
Ihre Macht über mich hat sie verloren. Es geschieht ein Herrschaftswechsel in mir. Meine Persönlichkeit wird befähigt, das Gute nicht nur zu wollen, sondern auch zu vollbringen. ­Darüber jubelt und freut sich
der Mensch: „Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!“

Thilo Haak, Pfarrer der Ostergemeinde
in Berlin-Wedding

Aktuelle Ausgabe Oktober 2018

Das lesen Sie in der Oktober-Ausgabe der Frohen Botschaft:

FroheBotschaft_Okt2018-Titel
Foto: pixabay

Vater aller Rettungshäuser.
Johann Daniel Falk war der Erfinder der Jugendsozialarbeit und des Chorals
„O du fröhliche“
Von Dietlind Steinhöfel

Echte Freundschaft (Serie)
Hanna und Ruth besuchten sich, so oft sie konnten und teilten Freud und Leid. Von Leserin Ruth Mantey aus Staßfurt in Sachsen-Anhalt

 

 

Mein Vorbild in der Bibel (Serie)
Jesus
Wie kannst Du überlegen, das kann doch nur er sein
Von der Journalistin Stefanie Krautz

Lebensfragen
Ganz allein mit der Pflege
Propst im Ruhestand Dr. Karl-Heinrich Lütcke beantwortet eine Leserin-Frage

Zwei Uhr nachts
Geschichten, die das Leben schreibt.
Von Pastor Siegfried Dehmel

Der Krankenbrief
Schmerzen im Rücken und dann noch die Arbeit verloren
Elfriede schreibt an Hannelore

Gedanken zum Monatsspruch Oktober und Predigten zu allen vier Sonntagen des Monats

Wecke den Geist der Gerechtigkeit

Ein Gebet für Oktober

Wir bitten Dich, guter und gerechter Gott. Schaffe Recht und Gerechtigkeit in dieser Welt. Lass es nicht zu, dass Menschen, die den Sinn für das Gute verloren haben, über diese Welt herrschen. Du hast Israel immer wieder Menschen gesandt, die Deine Gerechtigkeit im Volk wieder hergestellt haben. Wecke auch heute in denen, die in der Politik oder in der Wirtschaft das Sagen haben, den Geist der Gerechtigkeit, dass sie gerechte Strukturen in unserer Gesellschaft und in der ganzen Welt schaffen. Und sende uns Deinen Geist, da mit wir nach Gerechtigkeit hungern und dürsten. Lass uns erfahren, was Du im Psalm versprochen hast: „Gerechtigkeit und Friede küssen sich“ (Psalm 85,11).
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Anselm Grün. Aus: frei und unverzagt. Gebete der Hoffnung, Hamburg 2017